Thomas Gransow
 

Rom und der Vatikan
 

Historisches Zentrum
 

Piazza della Rotonda


Abb. 1: Giovanni Battista Piranesi: Veduta della Piazza della Rotonda.
In: Ders.: The Complete Echings. Köln: Taschen 2000. S. 690.



 
 
 
 
 

Text 1
Kuppeln

Ein Lieblingskind der römischen Baukunst ist die Kuppel; eine römische Barockkirche ohne Kuppel wäre fast undenkbar - und wie viele Barockkirchen gibt es in Rom ...

Doch der Prototyp des römischen Kuppelbaus stammt nicht aus der Zeit des Barock: Das Pantheon, der größte und berühmteste Kuppelbau der Antike, erhebt sich an der Stelle eines von Marcus Agrippa im Jahre 27 vor Christus errichteten Tempels, der den sieben planetarischen Göttern geweiht war. Nach vielfältigen Zerstörungen und Wiederherstellungen des Tempels ließ Kaiser Hadrian in den Jahren 117 bis 138 den heutigen Bau aufführen, der von Papst Bonifaz IV. im Jahre 609 als christliche Kirche "Sancta Maria ad Martyres" geweiht wurde. Der Innenraum des Pantheon bietet eines der eindrucksvollsten Architekturerlebnisse in Rom: Auf den 6,20 Meter starken, aus Ziegelmauerwerk bestehenden Wänden des Rundbaus liegt die Kuppel auf, deren Scheitelhöhe von 21,65 Metern der Höhe der Wände entspricht. Die Gesamthöhe von 43,30 Metern entspricht wiederum dem Durchmesser des Innenraums. Diese Übereinstimmung der Maße bedingt, daß die Kuppel im Innenraum die Form einer Halbkugel aufweist.

Daß die Kuppel außen flacher ist, nämlich die Form einer Kalotte hat, einer Kugelkappe, ist in erster Linie auf statische Gründe zurückzuführen. Jede Kuppel hat zwei Gefahrenzonen nicht weit vom Scheitel und in der Nähe des Widerlagers, also im Falle des Pantheon in der Nähe der Mauern des Rundbaus, die die Kuppel tragen. Die auf das Gewölbe einwirkenden Kräfte, Druck und Zug, ergeben eine Resultierende, die, denkt man sich die Kuppelschale aus drei gleichen, übereinander liegenden Schichten aufgebaut, in der mittleren dieser Schichten verlaufen muß, soll die Festigkeit der Kuppel gewährleistet sein.

In der Nähe des Widerlagers aber nähert sich nun die resultierende Kraft aus. Zug und Druck der äußeren der drei gedachten Schichten, dort also muß die Kuppelschale verdickt werden, um die Auflagefläche zu vergrößern beziehungsweise die äußere der drei gedachten Schichten zu stärken -wie es die Baumeister des Pantheon auch vorsorglich ausgeführt haben.

Die zweite Gefahrenzone befindet sich in, der Nähe des Kuppelscheitels: Besteht die Kuppel aus einem Monolith wie beim Theoderichgrab in Ravenna, so taucht das Problem der Scheiteldurchlastung gar nicht erst auf. Beim Pantheon aber, dessen Kuppel unter der inneren Kassettierung zwar ganz aus Gußwerk, einem Gemisch aus Mörtel und Steinbrocken, besteht, ist die Scheitelzone sicherlich nicht nur zum Zweck der Belichtung des Innenraumes offengelassen, als Okulus von 9 Metern Durchmesser, sondern auch aus Rücksicht auf die statischen Verhältnisse der monumentalen Wölbung.

In seiner Schrift "De architectura" beschreibt der zur Zeit des Kaisers Augustus lebende Ingenieur und Architekt Vitruvius Pollio ähnliche Scheitelöffnungen, allerdings für andere Räume, für Heißluftbäder zumeist, wo sie als Temperaturregulatoren mit heb- und senkbarer Verschlußscheibe dienten. Auch dort aber wird man diese Öffnungen aus statischen Überlegungen in den Scheitel der Wölbungen verlegt haben. "Im Schlußstein, so sagt man, beruht die Harmonie der Kuppeln." So drückte sich der weitgereiste und hochgebildete griechische Schriftsteller Pausanias aus, der im zweiten nachchristlichen Jahrhundert in Rom lebte. Das heißt aber auch, daß die Hauptgefahr des monumentalen Kuppelbaus im Scheitel liegt. Schon in den mykenischen Kuppelgräbern, deren "unechte" Wölbungen aus nach oben immer enger werdenden, vorkragend übereinandergeschichteten Steinringen gefügt wurden, mußte mit besonderer Behutsamkeit der Schlußstein in den sehr sorgfältig vorbereiteten letzten Steinring eingepaßt werden, um nicht den Bau zu schlechter Letzt noch zum Einsturz zu bringen.

Eine andere Scheitellösung als die des offengelassenen Oberlichtes ist die der aufgesetzten Laterne, wie sie auch Michelangelos Kuppel von Sankt Peter zeigt. Die Kuppel des Petersdomes gilt als Hauptwerk der Spätrenaissance; offensichtlich hat sich Michelangelo an Brunelleschis weithin gefeiertem Meisterwerk, der Kuppel des Florentiner Doms, orientiert.

Im abendländischen Mittelalter, dessen Vorzug der Basilika galt und nicht dem Zentralbau, hatte man kaum Kuppeln errichtet. [...] Seit den Kuppelbauten von Brunelleschi und Michelangelo aber trat diese Form der monumentalen Wölbung ihren Siegeszug durch das Abendland an. Die Spannweiten steigerten sich - jedoch waren die überwältigenden Maße der Pantheonkuppel nicht einmal von St. Peter überschritten worden. Die Weite seiner Kuppel beträgt 42 Meter.

Die Kuppel als Sinnbild des Himmels hat eine lange Tradition - so war einst die Kassettierung der Pantheonkuppel blau bemalt und mit vergoldeten Sternen besetzt. Bezeichnend ist auch, daß die Italiener das lateinische Wort "coelum" mit dem Doppelsinn von "Decke" und "Himmel" übernahmen.

Eine der wichtigsten künstlerischen Ausdrucksformen christlichen Gedankengutes ist die Vision des Himmels am anschaulichsten ist sie dargestellt in den rauschend ausgemalten Kuppeln der zahllosen Barockkirchen Roms, der Ewigen Stadt.

(Merian ?)
 
 

Text 2
Konstruktion und Raumwirkung des Pantheons

Die Idee des zentrierten Raumes ist im Pantheon vollkommen verwirklicht. Der um 118 n. Chr. begonnene Bau Kaiser Hadrians ersetzt den 27 bis 25 v. Chr. von Agrippa erbauten Tempel. [...] Seine besondere Funktion ergibt sich aus einem politischen Programm: der Eingliederung des Augustus und seiner Familie in den Kreis der römischen Staatsgötter und Heroen. Hadrians Neubau dient darüber hinaus dem Gesamtkult des sich ständig erweiternden Götterhimmels [...]. Die Kuppelform entspricht mit ihrer komplexen Symbolik der für das römische Denken typischen Verbindung von Kult- und Staatsfunktion. [...] Gegenüber dem Eingangstor ragt die Vorhalle auf. Ein Zwischenbau vermittelt den Obergang zur Rotunde. [...] Rotunde und Kuppel werden nur im Ansatz sichtbar. Erst am Ende der kolossalen Vorhalle öffnet sich der riesige Kuppelsaal. Kugel und Zylinder als geometrische Elementarfiguren, beide aus dem gleichen Grundkreis von 43,30 m Durchmesser hervorgehend, bestimmen in der Idealproportion von 1 : 1 den Raumeindruck. In den Zylinder ist diese Kugel so einbeschrieben, daß ihre obere Hälfte als Kreiskuppel den Zylinder überwölbt, ihre untere als unsichtbare Sphäre den Grundkreis genau im Mittelpunkt berührt [...].

Die Kuppel besteht aus einer inneren und einer äußeren Schale aus Gußbeton. Wechselnde Materialzuschläge (Bims, gemahlener Ziegel, Tuffstein) tragen den verschiedenen Graden von Leichtigkeit und Festigkeit Rechnung. Die Aufnahme der Druckkräfte übernimmt ein System von Ziegelrippen. Radial zum Scheitelpunkt aufsteigende Längsrippen werden von horizontalen Querrippen versteift. Die Lichtöffnung wirkt als oberer Druckring. Die untere Kuppelzone geht in das Wandsystem über. Ihr nach außen wirkender Druck wird durch die senkrechte Last der Stufenringe auf der Kuppelschale kompensiert. Die Rotunde ist ein doppelschaliger Zylinder aus Ziegelmauerwerk mit Verstärkungen aus druckfesten Natursteinen.

Wer nie das Glück hatte, diesen Raum zu betreten, macht sich schwer eine Vorstellung von dem, was ein Raum sein kann. [...] Man begreift den Raum sofort, weil er sich einem gleich als Ganzes erschließt. Sein unmittelbar wirkender Wohllaut liegt dann, daß seine Höhe gleich seinem Durchmesser ist. Und da die Kuppel eine genaue Halbkugel ist, so liegt ihr Ansatz in der halben Höhe des Raumes. Unwillkürlich zieht es einen in die Mitte des Raumes,der einzig durch eine große runde Öffnung im Scheitel der Kuppel erhellt wird. Man muß sich einmal in der Mitte dieses Raumes mit verschlossenen Augen auf den Boden legen, das Gesicht nach oben gewandt, und dann die Augen gegen dieses Auge des Raumes öffnen, um das Schweben dieser unsichtbaren Kugel nicht wieder zu vergessen [...]. Denn die Kuppel mit den Verkürzungen der fünf Ringe ihrer Kassetten und den Abstimmungen in ihren Größen ist auf diesen Punkt im Raum bezogen. Sie hebt einen mit der Harmonie der Kugel aufwärts gegen dieses weite Auge, durch welches das Licht in den Raum dringt. Es gibt Augenblicke, wo sich bei leichtem Sonnenregen die Atmosphäre in dem Raum zu etwas Greifbarem verdichten kann. Hier an diesem Punkt erfährt man auch, daß dieser Raum nicht bloßer Hohlraum ist, sondern daß er in seiner Gestaltung als Raum wirken soll. Das offenbart sich in der Art und Weise, wie die Kassetten der Kuppel gebildet sind. Der geometrische Mittelpunkt der großen Halbkugel liegt in der Höhe des den Zylinder der senkrechten Wandung abschließenden Gebälks. Doch nicht auf diesen idealen Punkt, sondern auf den unten im Zentrum des Saales stehenden Menschen, auf ihn als die Mitte des Raumes, ist die vierfach abgetreppte Rahmung der hundertvierzig Tafeln abgestimmt. [...] Zugleich aber ist das Besondere dieses Raumes, wie die Masse, die ihn umschließt, einem bewußt wird, aber doch auch wieder in ihrer Schwere überwunden ist. Sie ist einerseits ganz wirksam und gibt diesem Raum seine vollkommene

Geschlossenheit, sie gibt dem, der in ihm steht, das Gefühl einer monumentalenSicherheit und Solidität. Andererseits wird diese Masse in einer Weise bewältigt, daß sie der den Raum überdeckenden Kuppel eine fast schwebende Leichtigkeit, ja geradezu eine Steigkraft verleiht.

(G. Kälberer, D. Schappacher: Architektur. Arbeitsheft. Stuttgart: Klett 1983. S. 13 - 15.)
 
 

Text 3
Geschichte des Pantheon

[Viele katholischen Kirchen stehen] auf oder an der Stelle der alten Tempel; es hängt dies, religionssoziologisch betrachtet, natürlich nicht nur mit dem neuen Glauben, sondern auch mit den neuen Machthabern zusammen. Nachdem das Christentum im Römischen Reich Fuß gefasst hatte, setzten seine maßgebenden Vertreter alles daran, die alten Götter durch den Christengott zu ersetzen; weil ihnen dabei oft jedes Mittel recht war, wurden die ehemals Verfolgten ihrerseits zu Verfolgern. Was auch nur entfernt nach Heidentum aussah, wurde zerstört, beseitigt, getilgt. Systematisch durchgeführt wurden solche Aktionen unter anderem von Gregor I. (dem Großen; 590 - 604), der einen erbitterten Kampf gegen die "heidnischen Götzenbilder" führte, um zu verhindern, dass das Volk angesichts der Großartigkeit dieser Monumente vom wahren Glauben abgelenkt werde. [...]

"Umgeschaffen" wurde [auch] das Pantheon, und zwar mehrmals. Wie bereits erwähnt, war dieser Tempel ursprünglich allen Göttern geweiht. Gebaut wurde er in der Zeit zwischen 27. und 25 v. Chr. von Marcus Agrippa, dem Schwiegersohn des Augustus. Sein Name ziert noch immer die Frontseite des Gebäudes, das von einem Brand hundert Jahre nach seiner Fertigstellung zerstört wurde. Kaiser Hadrian ließ den Tempel 118 n. Chr. wieder aufbauen, vermutlich nach eigenen Entwürfen. Die Bronzeinschrift, welche Agrippa als Architekten nennt, blieb wohl deshalb erhalten, weil der Schwiegersohn des Augustus in jener Zeit noch immer in großem Ansehen stand. Seit jeher galt das Pantheon als eine der vollkommensten architektonischen Leistungen der römischen Antike. Der Bau war noch nicht dreihundert Jahre alt, als er, nachdem Theodosius das Christentum zur Staatsreligion erklärt hatte, zusammen mit den übrigen Tempeln für den heidnischen Kult geschlossen wurde. Dies hatte zur Folge, dass die gesamte Innenausstattung - Altäre, Statuen, Kultgegenstände - abhanden kam. Das Bauwerk selber blieb letztendlich deshalb erhalten, weil die Kirche viel mehr Heilige verehrt, als das Jahr Tage zählt. Dieser chronische Platzmangel im Kalender führte zwangsläufig dazu, dass selbst heroische Jesusstreiter und beherzte Christusnachfolgerinnen im Lauf der Zeit zu liturgischen Trittbrettfahrern degradiert wurden. Um diesen zumeist unbeachteten Vorbildern gegenüber etwas mehr Gerechtigkeit walten zu lassen, verfiel man im 6. Jahrhundert auf den Gedanken, den ersten Sonntag nach Pfingsten als Dominica in natali Sanctorum zu feiern. Dieser Gedächtnistag der himmlischen Mauerblümchen war der Vorläufer des Allerheiligenfestes. Einen weiteren Meilenstein in dieser Entwicklung setzte Bonifaz IV. [der Nachfolger Gregor des Großen], als er am 13. Mai 610 das Pantheon in eine christliche Kirche umwandelte und diese der Jungfrau Maria und allen Märtyrern weihte. Gut hundertfünfzig Jahre später gedachte man an diesem Tag nicht mehr bloß der christlichen Märtyrer, sondern aller Heiligen. Gegen Ende des 9. Jahrhunderts setzte sich in der westlichen Kirche der Brauch durch, das Allerheiligenfest am 1. November zu feiern.

(Josef Imbach: Kirchenfürsten, Künstler, Kurtisanen. Rom - Geschichten aus einer Stadt. Düsseldorf: Patmos 2003. S. 288 u. 290.)
 
 

Text 4
Albergo del Sole al Pantheon

Das älteste Hotel in Rom, das „Del Sole al Pantheon“, 1467 als „Locanda del Motone“ entstanden, ist in den letzten Jahren sorgfältig restauriert und modernisiert worden und erstrahlt nun in altem Glanz. Im Laufe seiner Geschichte hat das Hotel illustre Gäste beherbergt. Ludovico Ariosto (1474 - 1533) verbrachte 1513 zwei Monate in der „Locanda del Montone“: „Indi col seno e con la falda piena di speme, ma di pioggia molle e brutto, la notte andai sin al Montone a cena.“ Hier wohnte auch während seiner zahlreichen Aufenthalte in Rom der italienische Alchimist und Abenteurer Alessandro Graf von Cagliostro (1743 - 1795), der eigentlich Giuseppe Balsamo hieß und in Palermo geboren wurde. Der italienische Komponist Pietro Mascagni (1863 - 1945) feierte 1890 die Premiere seiner Oper „Cavalleria Rusticana“ im „Del Sole“. In den fünfziger und sechziger Jahren waren Simone de Beauvoir (1908 - 1986) und Jean-Paul Sartre (1905 - 1980) häufig Gäste des Hotels.

(Thomas Gransow)
 


 
 
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