Thomas Gransow
Wolf-Ullrich Malm
 

Neapel und die Halbinsel von Sorrent
 

Der Vesuv
 

Text 1
Der Jahrtausendknall

Ein 41-jähriger Bauer und seine 20 Jahre jüngere Frau hatten die rettende Landstraße noch erreicht. Dann aber bogen sie falsch ab: Sie rannten direkt in den schwarzen Hagel des Vesuv, der sie nach wenigen Kilometern niederstreckte und begrub.

Das ist 3800 Jahre her. Der Untergang Pompejis 79 nach Christus lag noch weit in der Zukunft. Aber am Fuß von Europas gefährlichstem Vulkan ereignete sich eine frühe Version jener Katastrophe, die sich zwei Millennien später wiederholen sollte. Unter die Asche des explodierenden Vesuv gerieten damals nicht reiche Patrizier, protzige Residenzen und bodenbeheizte Badehäuser wie in Pompeji - sondern das schriftlose Agrarvölkchen von Nola. Damals lernte die Menschheit gerade, Kupfer mit Zinn zu Bronze zu verschmelzen. Bisher erzählten nur dunkle Legenden von den Städten, die vor den römischen casae im Vulkanschutt versanken. Jetzt kommen sie selbst wieder ans Licht - und mit ihnen die Vorgeschichte des schillernden Pompeji.

Die Knochen des verunglückten Bauernpaares, schon zu Lebzeiten zerschunden von Feldarbeit und strapaziert von schweren Geburten, fanden Archäologen vor sieben Jahren beim Städtchen Nola nordöstlich des Vesuv. Die Hände lagen noch schützend vor den Gesichtern. Der Zufall brachte nun auch die Behausung der beiden an den Tag: Ein Bagger stieß beim Ausheben einer Baugrube auf die eingeäscherten Mauern dreier Lehmhütten. Der Vesuv hatte das Dorf bei seinem Ausbruch um 1800 vor Christus verschüttet. Nun freut sich Giuseppe Vecchio von der Archäologiebehörde Neapel über "eine der besterhaltenen Siedlungen aus der Bronzezeit überhaupt".

Die Erde Kampaniens strotzt vor bronzezeitlichen Fundstätten - doch meist bestehen sie nur aus ein paar Tonscherben und kaum erkennbaren Erdmulden, in denen einst Hütten standen. Dagegen hat der Vesuv vor Nola einen detaillierten Schnappschuss des Alltagslebens festgehalten wie in Pompeji, aber doppelt so alt. Nach vier Jahrtausenden trägt der Boden noch Fußabdrücke seiner Bewohner. Mandeln, Pilze, Feigen und ausgespuckte Olivenkerne liegen herum. An einem Steinstößel klebt Gerstenmehl. In allen Einzelheiten hat sich die Konstruktion der Strohdächer im Vulkanschlamm abgezeichnet, samt Stricken und Balken. Zum Essen setzte man sich vor 4000 Jahren in Nola noch nicht an einen Tisch, sondern kauerte vor einem grob verzierten Tonfuß, der den Teller hielt.

Der Kopfschmuck einer Frau kündet von einer bislang unbekannten Mode: flache Stücke, geschnitzt aus den Hauern wilder Eber, waren zusammengefügt zu einer Haube, die den Kopf bis zum Nacken umschloss. Für Aufregung sorgte besonders der Fund einer zwölf Zentimeter großen tönernen Frauenfigur - der lang ersehnte Hinweis auf die Glaubensvorstellungen jener Zeit. Einst war der Fetisch im Feld vergraben, um den Ernteertrag zu steigern. Und auch die eigene Frucht hielten die Menschen auf spezielle Art in Ehren: Die Skelette zweier Föten, zu früh geboren nach fünf und sechs Monaten, waren in zwei großen Tongefäßen vor einer der Hütten begraben.

Die Lava konserviert ein Bild des Lebens, das sie auslöscht - und dazu passen die beiden Wissen- schaften, die im Schatten des Vesuv entstanden: Archäologie und Vulkanologie. Erstere begann im frühen 18. Jahrhundert, als die von der Antike begeisterten Habsburger und Bourbonenkönige die reichen römischen Provinzstädte Herculaneum und Pompeji freilegen ließen. 1860 sorgte die Zentralregierung des frisch geeinten Italien dafür, dass die anfängliche Raubgräberei wissenschaft- licher Besonnenheit wich. Kurz davor entstand auf halber Höhe des Vesuv das weltweit erste geophysikalische Institut, wo ab 1857 ein Seismograf in den Berg horchte. Bis heute wird kein anderer Vulkan so argwöhnisch belauscht wie der Vesuv: Das Osservatorio Vesuviano verfolgt ständig Temperatur und chemische Zusammensetzung der Bodengase und beobachtet mit präzisen Längenmessungen, wie sich die Flanken des Bergs unter dem Druck des unterirdischen Magmas wölben. Den Instrumenten soll kein Mucks des schlafenden Feuerspeiers entgehen, der den nächsten lauten Rülpser ankündigen könnte.

Aus den alten Schichten lesen die Vulkanologen, dass die Eruptionen, die Nola und Pompeji verschütteten, sich in Stärke und Ablauf glichen: Beide Male sprengte das über die Jahrhunderte aufgestaute Magma mit einem gewaltigen Knall den Lavapfropfen aus dem Schlot des Vulkans. Eine Rauchsäule wuchs rasch auf 30 Kilometer Höhe. Schneller als der Schall toste heißes Gas durch die Krateröffnung und riss metergroße Steinblöcke bis in die Stratosphäre. Wo der Auswurf wieder herunterkam, entschied der Wind: Bei dem Ausbruch 1800 vor Christus wehte er aus Südwesten, die Eruptionswolke trieb auf die heutige Stadt Avellino zu. (Daher erhielt der Ausbruch den Namen "Pomici di Avellino"). Zweitausend Jahre später, beim Untergang Pompejis am 24. August 79, blies der Nordwestwind den Vulkanstaub bis nach Syrien. Deshalb hatte Plinius der Jüngere in Misenum, auf einer Halbinsel vor Neapel, den Wind im Rücken und konnte die Eruption in aller Ruhe beobachten und uns den ersten detaillierten Bericht eines Vulkanausbruchs hinterlassen. Er musste sich nur etwas Staub aus der Toga klopfen.

Ein sanftes Rieseln weißer Asche setzte zunächst auch in den Katastrophengebieten ein. Dann ging der Niederschlag über in ein etwa achtstündiges Bombardement durch immer größere Bimsbrocken. Die Binsendächer der Bronzezeit dürften kaum Schutz gegen die Lavabomben geboten haben. Dagegen hielten manche der soliden Gemäuer in Pompeji stand. So überlebte eine Pompejanerin das erste Bombardement in ihrem Haus und versuchte in der ruhigen Phase am Morgen des 25. August 79 nach Christus mit einem ihrer Sklaven zu fliehen. Ihre Skelette, inklusive der eisernen Fußfessel des Sklaven, hoben vor vier Monaten japanische Ausgräber ans Licht. Herrin und Sklave waren noch weniger weit gekommen als das Bauernpaar von Nola zwei Jahrtausende zuvor. Schon an der nördlichen Stadtmauer Pompejis liefen die beiden in die nächste Attacke des Vulkans: Die kollabierende Eruptionssäule drückte pyroklastische Ströme die Hänge des Vesuv hinab - glutheiße Gasschwaden, gemischt mit zersprühter Lava, deren Wucht ganze Mauern um Meter versetzte.

Durch den Urlaubsort Herculaneum an der Küste waren die pyroklastischen Ströme bereits tags zuvor gefegt, während die Pompejaner noch mit Kissen als Kopfschutz durch eine 50 Zentimeter tiefe Geröllschicht stapften. Lange Zeit gingen Forscher davon aus, dass die Herculaneer sich allesamt retten konnten. Die Stadt schien entvölkert. Doch dann, zwischen 1985 und 1995, exhumierten Ausgräber knapp 300 Skelette von Menschen, die damals in zwölf Bootshäuser geflüchtet waren. Die Fliehenden saßen in der Falle zwischen dem tobenden Vulkan im Osten und der aufgewühlten See im Westen. Eine 500 Grad heiße Glutlawine stürzte über die Klippen auf sie herab, verkohlte augen- blicklich ihre Kleidung und verdampfte das meiste weiche Gewebe. Bevor sie ersticken konnten, starben sie an einem "fulminanten Schock: Ihre inneren Organe versagten, bevor sie irgendeine Schutzreaktion zeigen konnten. Der Zahnschmelz barst, und der Druck der gegarten Hirne sprengte die Schädel. Dann umfing Asche die gekrümmten Leichen.

Doch die Knochen verraten nicht nur die Todesart der Menschen, sondern auch einiges über deren Leben. Der Paläopathologe Luigi Capasso fand heraus, dass ein Sechstel der Erwachsenen, besonders junge Männer, an chronischem Malta-Fieber litten, das sich in Schüttelfrost und brüchigen Gelenken äußert. Die Volkskrankheit war Folge exzessiver Schlemmerei, glaubt Capasso, denn der Erreger des Malta-Fiebers, der Brucella-Keim, springt meist durch rohe Milch auf den Menschen üben Antike Schriften berichten von großen Mengen Schafs- und Ziegenmilch, die damals vertilgt wurden, gern auch als Jogurt und Käse. Tatsächlich entdeckte Capasso die üblen Bazillen, als er einen verkohlten Rundlaib Schafskäse aus Herculaneum unter sein Elektronenmikroskop legte.

Die pyroklastischen Ströme waren indes nur Zwischenspiele der Großausbrüche. Wieder bewegte sich die kampanische Erdkruste in heftigem Beben, als das Magma auf unterirdische Wasseradern traf. Wieder prasselte der Bimsstein, und wieder rollten glühende Lawinen heran, deren Schlacke Herculaneum 20 Meter tief begrub. Erst gegen Abend des 25. August 79 nach Christus senkte sich nach der Asche die Ruhe auf Pompeji.

So deutlich das Ende Pompejis dokumentiert ist, so rätselhaft war lange seine Entstehung. Doch seit kurzem glauben sich Archäologen auf der Spur der Urpompejaner: Arbeiter stießen beim Bau eines Klärbeckens bei Poggiomarino im Tal des Sarno, etwa zehn Kilometer flußaufwärts der Stadt, auf Stümpfe morscher Eichenstämme. Nach und nach kam eine ganze Siedlung zutage: ein Venedig der Bronzezeit. Damals waren die Auen des Sarno lieblich, der Fluss selbst schiffbar. Die Siedler hatten Eichenpfähle in den Sumpf gerammt, mit Steinen, Holz und Erde verfüllt und darauf Hütten er richtet - die ersten bekannten Pfahlbauten Süditaliens. Acht der künstlich aufgeschütteten Inseln, je zwischen 100 und 200 Quadratmeter groß, sind bisher freigelegt, und ein Ende ist nicht abzusehen. Zwischen den Inseln liefen Entwässerungskanäle, über die sich schmale Brücken spannten. Auf den Kanälen fuhren Kanus. Fast in jeder Hütte stand

ein Ofen zur Bronzeverhüttung, die Forscher sprechen deshalb von einem "bronzezeitlichen Industriezentrum". Über 2000 Menschen sollen in der Siedlung gelebt haben, schätzt die Ausgrabungsleiterin Claude Albore Livadie - für die damalige Zeit geradezu eine Metropole. Vom 17. bis zum 7. Jahrhundert vor Christus war die Siedlung offenbar ständig bewohnt, dann brannte sie ab und versank im Schlamm des Sarno.

Die Ausgräber fanden Hunderttausende Keramikscherben, Blei-, Bronze- und Eisenwerkzeuge, Horn- und Bernsteinschnitzereien sowie Knochen diverser Wildtiere. Manche der Ornamente sind erkennbar "orientalisierend": Sie spiegeln den prägenden Einfluss des Nahen Ostens auf die griechische Kultur, die im 8. vorchristlichen Jahrhundert speziell in Süditalien eine Renaissance erlebte. Der Technologie- transfer aus dem Orient zeigt sich auch in der Bauweise, die Archäologen aus Mesopotamien kennen - die Madan in den Marschen am Zusammenfluss von Euphrat und Tigris, nördlich vom irakischen Basra, bauen noch heute so. "In Europa habe ich solch massive künstliche Inseln noch nie gesehen", sagt Helmut Schlichtherle, Pfahlbau-Experte vom Landesdenkmalamt Baden-Württemberg. Anderswo setzte man seine Hütten auf freie Stelzen oder direkt auf holzverstärkten Feuchtboden.

Die Wassersiedler von Poggiomarino zogen just zu jener Zeit aus, als nebenan Pompeji entstand. Das Gebiet der alten Sumpfstadt wurde in eine Obst- und Olivenplantage umfunktioniert. Und schon spekulieren die Archäologen: Kamen die Urpompejaner vom Sarno-Ufer, vertrieben von Überschwemmungen oder menschlichen Feinden? Die Lavazunge, auf der Pompeji 40 Meter über dem Meer stand, lockte mit der Aussicht auf dauerhaft trockene Füße - und war fest genug für eine Schutzmauer.

Hat der Umzug wirklich stattgefunden, dann war er mit einem gründlichen Bewusstseinswandel verbunden: Die friedlichen Sumpfleute wurden wehrhaft. In den Fundstätten von Nola und Poggiomarino sind bisher keinerlei Waffen oder Verteidigungsanlagen aufgetaucht. Dagegen legten die Pompejaner bald nach Gründung ihrer Stadt einen Schutzwall an, dessen Verlauf auch die wuchtigen Mauern späterer Jahrhunderte folgten. Die reichen Städter hatten durchaus Anlass, sich vor Plünderungen und Belagerungen zu verschanzen: Ständig gerieten sie zwischen die Fronten der Griechen, Etrusker, Römer und der aus den Bergen heranstürmenden italischen Völker.

Der Verdacht, dass es einen Zusammenhang zwischen den Pfahlbauten von Poggiormarino und der Gründung Pompejis gibt, wird bislang genährt von der räumlichen und zeitlichen Nähe der beiden Siedlungen. Die neuen Grabungen sind längst nicht alle ausgewertet, eine wissenschaftliche Publikation steht noch aus. Gerade erst sind die Forscher dabei, das Holz zu datieren. Ein Wassertank mit 122 Proben wird derzeit von Dendrochronologen der Cornell University (USA) untersucht. Weil die Siedlung ständig repariert und erweitert wurde, ist das Holz ein Archiv ihrer Geschichte. "Über 611 Jahre haben wir eine lückenlose Chronologie", sagt Chef-Dendrochronologe Peter lan Kuniholm. Die Datierung mancher Stücke gibt ihm allerdings Rätsel auf. "Die Siedlung ist womöglich noch viel älter, als wir bisher glaubten."

Acht der ungezählten Vesuv-Ausbrüche in den letzten 25 000 Jahren, verteilt mit Abständen von anderthalb bis fünf Jahrtausenden, waren "plinianisch": Sie hatten die Wucht der Katastrophen von Avellino und Pompeji. Das nächste Inferno kommt bestimmt über Kampanien, da sind sich die Vulkanologen einig. Aber wann? Italienische Forscher schließen aus der Verzögerung von Schallwellen unter dem Vesuv, dass dessen Magmakammern inzwischen wieder gut gefällt sind. Mindestens 200 Kubikkilometer Schmelze haben sich dort angesammelt, schätzt Paolo Gasparini von der Universität Neapel - anno 79 nach Christus spie der Berg höchstens fünf Kubikkilometer. Zwar registrieren die Sensoren am Vesuv derzeit keine Anzeichen von Unruhe. Irgendwann jedoch wird der wachsende Druck des Magmas, das durch Dehnungsfugen der Erdkruste emporquillt, den Berg wieder sprengen. "Der Vesuv ist eine Zeitbombe, deren Uhrwerk wir nicht kennen", sagt der Vulkanologe Haraldur Sigurdsson von der University of Rhode Island (USA). "Die Katastrophe kann in ein paar Jahrhunderten kommen - oder in ein paar Monaten."

Eines lehrt die Erfahrung schon jetzt: Noch vor der Lava wird im Vesuv-Gebiet, besonders in der Metropole Neapel, das Chaos kommen. Als in den 1990er Jahren Unbekannte das Gerücht eines bevorstehenden Vesuv-Ausbruchs streuten, ging nichts mehr auf den Straßen. Die Autos verkeilten sich bis zum totalen Stillstand ineinander. Zigtausend Neapolitaner mussten in ihren Autos übernachten. Wenn der Vesuv tatsächlich wieder seinen Feuersturm entfacht, dann wird die Panik kaum kleiner sein. Schwerlich würden die über 1,8 Millionen Menschen aus dem Siedlungsbrei rund um den Vulkan auf ihre Evakuierung warten. Und so müssten sie auf die gleiche Art fliehen wie ihre Leidensgenossen in der Bronze- und Römerzeit: zu Fuß.

(Tobias Hürter: Der Jahrtausendknall. In: Die Zeit vom 10. April 2003, S. 41f.)
 


 
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