Thomas Gransow
Wolf-Ullrich Malm
 

Neapel und die Halbinsel von Sorrent
 

Der Ausbruch des Vesuvs im Jahre 79 n. Chr.

 
Text 1
Der Ausbruch vom 24. August 79 n. Chr.

Das erste Vorzeichen der Tragödie von Pompeji ist das Erdbeben von 62 n. Chr. Die Stadt erlitt wie viele andere in der Campania schwere Schäden. Als die Gefahr einer Wiederholung der Erderschütterungen vorbei war, begann man mit lebhaften Bau- und Wiederherstellungsarbeiten an den Tempeln, öffentlichen und privaten Gebäuden. Die Stadt wurde durch neue herrschaftliche Wohnhäuser, durch Werkstätten und Botteghen bereichert und trug dadurch zur wirtschaftlichen, kommerziellen und industriellen Entwicklung bei. Siebzehn Jahre später jedoch, am 24. August 79 n. Chr. kurz nach 12 Uhr mittags, brach das ungeheuerliche Unglück herein: Der Vesuv begrub wörtlich gesprochen die Stadt (zusammen mit Stabiae und Herculaneum) unter einer Schicht von Asche, Lava und anderem eruptivem Gestein mit einer Schicht von sechs bis sieben Meter Höhe. Fast niemand konnte sich retten. Ein großer Teil der Einwohner, heute auf ungefähr zwanzigtausend Seelen geschätzt, erstickte auf den Straßen, in den Häusern oder Kellern, wohin sich manch einer geflüchtet hatte, in der Hoffnung, dadurch den giftigen Gasen der zerstörenden Gewalt entgehen zu können. Von diesem schauerlichen Kampf sind uns bis heute Zeugnisse in Form von Gipsabdrücken verblieben. Man hat die Hohlräume, die die Körper im Stein hinterlassen haben, ausgegossen. Von dem Stützpunkt Miseno eilte Plinius der Ältere mit einer Flotte den Pompejanern zu Hilfe, der sich außer seiner hervorragenden Fähigkeitt als Admiral außerdem rühmen konnte, ein ausgezeichneter Wissenschaftler der Naturphänomene zu sein. Aber auch er konnte nicht mehr machen als diesen rühmlichen menschlichen und wissenschaftlichen Versuch, er fand nur noch den Tod. Das, was wir von dem Ausbruch wissen, wurde uns durch seinen Enkel Plinius den jüngeren in zwei dramatischen Briefen an Tacitus überliefert.

(Eugenio Pucci: Pompeji - Praktischer Führer für die Besichtigung der Ausgrabungen. Florenz: Bonechi-Edizioni 1970. S. 65 f.)

 


 
Abb. 1: Der Vesuv (Somma) vor dem Ausbruch 79 n. Chr.

 
 
Text 2
Plinius der Jüngere: Der erste Brief

Du wünschst von mir einen Bericht über das Ende meines Onkels, damit Du der Nachwelt möglichst wahr berichten kannst. Ich danke Dir dafür, denn ich weiß, daß seinem Tod ewiger Nachruhm beschieden ist, wenn er von Dir dar- gestellt wird. Obwohl er bei der Verwüstung der schönsten Gegenden und bei dem denkwürdigen Untergang der Bevölkerung und der Stadt verstorben ist - Umstände, die ihm ohnehin eine Art Unsterblichkeit sichern -, obwohl er selbst zahlreiche Werke, die bleiben werden, geschrieben hat, wird der dauernde Ruhm Deiner Werke seinem Nachleben viel hinzufügen. Ich persönlich halte diejenigen für glückselig, die entweder Werke tun, die niederzuschreiben es lohnt, oder die Lesenswertes schreiben; die Glückseligsten sind meiner Meinung nach aber diejenigen, denen die Götter beides verliehen haben. Zu ihrer Zahl wird mein Onkel gehören, sowohl aufgrund seiner eigenen Werke als auch der Deinen. Um so lieber erfülle ich Deine Bitte, ja ich verlange sogar, daß Du sie an mich richtest.

Er befand sich gerade in Misenum, wo er persönlich das Kommando über die Flotte führte. Am 24. August, ungefähr um ein Uhr mittags, berichtete ihm meine Mutter, es zeige sich eine Wolke von ungewöhnlicher Größe und Gestalt. Er hatte in der Sonne gelegen und anschließend ein kaltes Bad genommen, hatte sich ausgestreckt, etwas gegessen und widmete sich nun seiner Arbeit. Er ließ sich seine Sandalen bringen und stieg auf eine Anhöhe, von wo aus man die wunderbare Erscheinung am besten betrachten konnte. Die Wolke stieg auf - für Zuschauer aus der Ferne war es nicht zu unterscheiden, von weichem Berg; daß es der Vesuv war, erfuhr man erst später -, sie sah ihrer ganzen Gestalt nach nicht anders aus als ein Baum, und zwar wie eine Pinie. Sie hob sich nämlich wie auf einem sehr hohen Stamm empor und teilte sich dann in mehrere Äste. Sie zerfloß wohl deshalb in die Breite, weil sie durch den frischen Luftstoß zunächst zwar in die Höhe getrieben, dann aber, als dieser nachließ, durch ihr eigenes Gewicht wieder herabgedrückt wurde. Zuweilen erschien sie glänzend weiß, dann wieder schmutzig und fleckig, je nachdem sie Erde oder Asche mit sich führte.

Einem so bedeutenden Naturforscher wie meinem Onkel schien das Ereignis wichtig und einer näheren Betrachtung wert. [...] Er ließ einen Vierruderer ausfahren und begab sich selbst an Bord. Schon fiel Asche auf die Schiffe, und je näher sie kamen, um so wärmer wurde sie und fiel dichter, es flogen auch Bimssteine und schwarzes, ausgebranntes und infolge der Hitze zerbröckeltes Gestein herab. Schon entstand eine Untiefe, und der Schutt, der sich vom Berge her angesammelt hatte, machte das Gestade unzugänglich. Mein Onkel zögerte eine Weile, ob er nicht doch umkehren solle; bald sagte er aber dem Steuermann, der ihm dazu riet: "Das Glück ist mit dem Mutigen! Vorwärts zu Pomponianus!" Dieser war in Stabiae, auf der entgegengesetzten Seite der Meeresbucht, wo das Meer allmählich in die sanfte Schwingung und Krümmung der Küste vorstößt. Obgleich hier noch keine unmittelbare Gefahr bestand, spürte man sie doch schon, und wenn sie zunahm, war sie auch hier ganz nah. Pomponianus hatte seine Habseligkeiten bereits auf ein Schiff bringen lassen, fest entschlossen zu fliehen, sobald der widrige Wind sich gelegt hätte. Mein Onkel fuhr mit dem gleichen Wind, der für ihn sehr günstig war, dem Pomponianus entgegen, umarmte den Zitternden, tröstete und beruhigte ihn und ließ sich selbst ins Bad bringen, um die Angst des Freundes durch seine eigene Ruhe zu vertreiben. Nach dem Bade legte er sich zu Tisch, aß heiter oder, was ebenso großartig ist, scheinbar heiter. Indessen leuchteten vom Vesuv her an mehreren Stellen weite Flammenflächen und mächtige Feuersäulen, deren strahlender Glanz im Dunkel der Nacht noch heller wirkte. [...]

Schon war anderswo Tag, dort aber Nacht, dichter und schwärzer als alle Nächte bisher. Doch erhellten diese Nacht vielerlei Fackeln und allerhand Lichterscheinungen. Man entschloß sich, zum Gestade zu gehen, um aus der Nähe zu sehen, ob man sich schon auf das Meer hinauswagen könne; es blieb aber immer noch wild und ungestüm. Hier legte sich mein Onkel auf ein hingebreitetes Tuch, verlangte wiederholt frisches Wasser und trank. Nun trieben die Flammen und der Vorbote des Feuers, der Schwefelgeruch, die anderen in die Flucht und veranlaßten ihn aufzustehen. Gestützt auf zwei Sklaven erhob er sich, brach aber sofort wieder zusammen. Ich vermute, der dichte Qualm hat seinen Atem gehemmt und ihm die Kehle zugeschnürt, die bei ihm ohnehin schwach und eng und häufig entzündet war. Als es wieder Tag wurde - es war der dritte Tag seit seinem Hingang -, fand man seinen Körper unversehrt, ohne Verletzung und in derselben Kleidung, die er zuletzt getragen hatte. Er glich mehr einem Schlafenden als einem Toten.

Währenddessen waren wir, meine Mutter und ich, in Misenum. Aber das hat mit den Ereignissen nichts zu tun; und Du hast nur vom Tode meines Onkels hören wollen. Ich schließe also. Ich möchte nur noch hinzufügen, daß ich berichtet habe, was ich selbst erlebte und was mir unmittelbar nach den Ereignissen, in dem Augenblick also, in dem die Berichte am genauesten sind, erzählt wurde.

(Robert Etienne: Pompeji - Das Leben in einer antiken Stadt. Stuttgart: Reclam 1974. S. 20 24.)

 

Text 3
Plinius der Jüngere: Der zweite Brief

Du sagst, daß der Brief, den ich Dir auf Deine Bitten hin über den Tod meines Onkels geschrieben habe, in Dir den Wunsch geweckt hat zu erfahren, weiche Ängste und auch weiche Gefahren ich, der ich in Misenum zurückgeblieben war, durchgestanden habe. An diesem Punkt hatte ich meinen Bericht ja abgebrochen. "Mag auch der Geist vor der Erinnerung zurückschrecken, so will ich doch beginnen." [...]

Es war bereits gegen sieben Uhr morgens, und doch war das Licht noch matt und unbestimmt. Die Gebäude ringsum hatten durch die Erdstöße schon derart gelitten, daß in diesem zwar offenen, aber doch engen Hof der drohende Einsturz der Mauern eine große Gefahr darstellte. Da entschlossen wir uns endlich, die Stadt zu verlassen. Eine fassungslose Menge schloß sich uns an, jenem Instinkt der Furcht gehorchend, der es für klüger hält, fremder Einsicht zu folgen als der eigenen; und nun drängten und stießen uns die Flüchtenden in endlosem Zuge vorwärts. Sobald wir die Häuser hinter uns hatten, machten wir halt. Ein neues Schauspiel erwartete uns da mit seinen Schrecken. Die Wagen, die wir mitgenommen hatten, schwankten nach allen Richtungen, obwohl sie sich auf ganz ebenem Gelände befanden, und selbst wenn man Steine vor die Räder schob, blieben sie nicht auf der Stelle. Das Meer schien sich selbst aufsaugen zu wollen und wurde durch das Erdbeben gleichsam zurückgedrängt. jedenfalls hatte sich der Strand verbreitert und viel Seegetier bedeckte den trockengelegten Sand. Auf der anderen Seite öffnete sich eine schreckliche schwarze Wolke, zerrissen durch plötzliche Feuerausbrüche, die kreuz und quer hervorschossen. Sie loderten in länglichen Feuergarben auf, Blitzen gleich, doch größer.

Da drängte der Freund, der aus Spanien gekommen war, energischer: "Wenn dein Bruder, wenn dein Onkel lebt, so will er, daß ihr euch rettet; wenn er tot ist, so hat er gewünscht, daß ihr überlebt. Warum zögert ihr zu fliehen?" Wir antworteten ihm, daß wir uns nicht um unsere eigene Rettung sorgen könnten, solange wir nichts über sein Schicksal wüßten. Da hielt es ihn nicht länger, er stürzte hinweg und rettete sich in einem wilden Lauf aus der Gefahrenzone. Wenig später senkte sich die Wolke herab auf die Erde und bedeckte das Meer, sie umgab Capri, entzog die Insel unseren Blicken und verbarg das Vorgebirge von Misenum. Da flehte, mahnte und befahl meine Mutter mir, auf jeden Fall, ganz gleich wie, zu fliehen. Ich könnte es, weil ich jung sei; sie, beschwert von den Jahren und ihrer Korpulenz, werde zufrieden sterben, wenn sie nicht Ursache meines Todes wäre. Ich antwortete meinerseits, daß ich mich nur mit ihr zusammen in Sicherheit bringen wolle. Ich faßte sie darauf bei der Hand und zwang sie, schneller zu gehen. Wider Willen gehorchte sie mir und machte sich den Vorwurf, mich aufzuhalten. Da regnete es Asche, wenn auch noch nicht sehr viel. Ich wandte mich um. Eine dicke Qualmwolke, die wie ein reißender Strom über die Erde dahinschoß, folgte uns drohend. "Wir wollen ausbiegen", rief ich, "solange wir noch etwas sehen, damit wir nicht auf der Straße in der Finsternis von der Menschenmasse ringsum zertrampelt werden." Wir hatten uns kaum niedergesetzt, da umhüllte uns bereits die Nacht, nicht eine mondlose oder von Wolken verdunkelte Nacht, sondern die Finsternis eines geschlossenen, lichtlosen Raumes. Man hörte das Heulen der Frauen, das Gewimmer der Kinder, die Schreie der Männer. Die einen riefen nach ihren Eltern, die anderen nach ihren Kindern, wieder andere nach ihren Frauen; man erkannte einander nur noch an den Stimmen. Die einen jammerten über sich selbst, die anderen über das Unglück der Ihren. Aus Angst vor dem Tod riefen manche nach dem Tod. Viele hoben die Hände zu den Göttern; groß war die Zahl derer, die glaubten, es gebe keine Götter mehr und über die Welt sei die letzte, die ewige Nacht hereingebrochen. Es fehlte nicht an Leuten, die durch falsche oder erlogene Schauergeschichten die wirkliche Gefahr noch vergrößerten. In Misenum, so erzählten sie, sei dieses Gebäude eingestürzt und jenes stehe in Flammen. Es stimmte nicht, doch man glaubte es. Es wurde ein wenig heller; aber es schien uns nicht das Tageslicht zu sein, sondern das Zeichen, daß das Feuer näher kam; das Feuer blieb aber in größerer Entfernung stehen; wieder brach Finsternis herein, wieder fiel reichlich und schwer die Asche herab. Von Zeit zu Zeit mußten wir aufspringen und sie abschütteln, sonst hätte sie uns völlig bedeckt und durch ihr Gewicht erdrückt. Ich könnte mich rühmen, daß mir in einer so großen Gefahr keine Klage, kein Wort, weiches ein Zeichen der Schwäche gewesen wäre, über die Lippen kam, wenn ich nicht der Oberzeugung gewesen wäre, ich ginge mit allem und alles mit mir zugrunde; ein trauriger, jedoch großer Trost angesichts des Todes.

Endlich lichtete sich die Finsternis, der Qualm löste sich in eine Art Rauch oder Nebel auf. Bald wurde es wirklich Tag; die Sonne schien sogar, aber fahl wie bei einer Sonnenfinsternis. Unseren Blicken, in denen noch der Schrecken lag, erschien alles verändert und - wie mit einer Schneedecke - mit einer dicken Schicht Asche überzogen.

(Robert Etienne: Pompeji - Das Leben in einer antiken Stadt. Stuttgart: Reclam 1974. S. 24 - 27.)

 

Text 4
Robert Etienne: Die begrenzte Bedeutung der Briefe

Die Texte, die lange Zeit als grundlegend galten, reichen nicht aus, uns die Ereignisse von Pompeji zu erhellen.
Weder Plinius der Jüngere noch Plinius der Ältere sind in Pompeji gewesen; sie haben auch keine Informationen aus erster Hand über den Todeskampf der Stadt erhalten. Die Fahrt des älteren Plinius läßt sich leicht verfolgen: von Misenum aus ist er mit der Flotte der großen Schiffe in Richtung Herculaneum aufgebrochen; aber gegen 16 Uhr verhindern der schlammige Lavastrom und die verwüstete Küste jede Landung; um 18 Uhr gelangt er nach Stabiae, und am frühen Morgen des 25. August stirbt er den Erstickungstod am Strand von Stabiae. Plinius der Jüngere verbringt den ganzen Tag des 24. August in Misenum; am Morgen des 25. August verläßt er die Stadt und zieht mit der verängstigten Menge aufs Land hinaus. Am Abend desselben Tages kehrt er nach Misenum zurück. Weder Zeit noch Standort erlauben es, die Vorgänge des Vulkanausbruchs und die Auswirkungen auf Pompeji zu verfolgen. Zwar kündigen bereits vor dem 24. August Erdstöße, die in Kampanien so alltäglich sind, daß sie nicht besonders beachtet werden, den nahen Ausbruch an; aber die um 13 Uhr von Plinius dem Älteren beobachtete pinienförmige Wolke gehört zur dritten Phase des Ausbruchs, der zu diesem Zeitpunkt bereits in vollem Gange ist, nicht zu seinen Anfängen. Die pinienförmige Wolke und der periodisch wechselnde Auswurf von Asche und Schlacke, dies alles bezeichnet im Bericht des jüngeren Plinius den Augenblick, wo sich das hochexplosive Magma noch ziemlich tief unten im Kratersystem befindet, während das darüberliegende obere Magma bereits ausgestoßen ist. Außerdem erhält Plinius der Ältere gegen 14 Uhr das Briefchen von Rectina: der Bote hat bestimmt zwei bis drei Stunden für die Strecke von 38 km zwischen der Gegend von Herculaneum und Misenum gebraucht. Der Ausbruch dürfte also zwischen 10 und 11 Uhr begonnen haben. Weder die erste noch die zweite Phase hatten von Plinius dem Jüngeren beobachtet werden können. Als sich Plinius der Ältere gegen 16 Uhr der Küste am Fuß des Vesuv nähert, ist Pompeji bereits seit Stunden unter pisolithischer Asche begraben. Herculaneum, so berichtet der Text, wird von einem schlammigen Lavastrom, der durch Aschenschichten mehrfach unterteilt ist, verschlungen. Nach den Beobachtungen, die uns Plinius der Jüngere überliefert hat, erreicht der Ausbruch in den Morgenstunden des 25. August seinen Höhepunkt, als Erdstöße die Villa des Pomponianus in Stabiae zum Einsturz bringen und als Plinius der Ältere unter einem starken Aschen- und Lapilliregen erstickt. Der Aschenregen dauert den 25. und 26. August über an, erst am 27. zeigt sich wieder die Sonne.

Misenum wird, als der Wind seine Richtung geändert hat und die Aschenwolken über den Golf treibt, von weißer Asche überzogen, die charakteristisch ist für die tieferen Schichten des Magma, das gegen Ende der dritten Phase austritt. Diese Asche findet sich in Pompeji nicht, wohl aber im letzten Lavastrom, der Herculaneum erreicht hat.

So dramatisch die Erlebnisse von Onkel und Neffe auch erscheinen, so reich an Details sie uns auch überkommen sein mögen, sie sind doch durch Ort und Zeit so eng begrenzt, daß sie unsere Neugier kaum befriedigen.

(Robert Etienne: Pompeji - Das Leben in einer antiken Stadt. Stuttgart: Reclam 1974. S. 27 29.)
 


 
Abb. 2: Der Vesuv (Somma) nach dem Ausbruch 79 n. Chr.

 
Text 5
Robert Etienne: Geologische Beschaffenheit des Vesuvs
Zunächst findet sich als unterste Schicht eine 2,60 m dicke Bimssteindecke, die sich in sehr kurzer Zeit angesammelt hat, deren Aufbau man aber analysieren kann: zunächst 5 cm sehr poröser Bimsstein und zahlreiche Lapilli, d. h. winzige Teile des Lavapfropfens, der vor dem Ausbruch den Schlot verschlossen hielt, und andere Lavateile, die aus den Wänden des Schlotes stammen; dann weißlicher Bimsstein, schließlich grauer und schwererer Bimsstein.

In einer Höhe von 2,50 m über dem Boden ist der Bimsstein graugrün. Die so verschiedenartige Beschaffenheit des Bimssteins beweist, daß das Magma vor dem Ausbruch im Schlot stark differenziert war. Aus den Steinen, die aus den Wänden des Schlotes und aus tieferen Bereichen stammen, kann man schließen, daß die in 1,20 m Höhe abgelagerten Teilchen aus einer Tiefe von 1 km, das Material in 2,50 m Höhe aus einer Tiefe von 5 bis 6 km stammen. In 2,60 m Höhe trifft man auf eine 5 cm dicke erhärtete Schicht vulkanischen Sandes, dann auf 3 cm Lapilli, auf 64 cm Asche, die mit ausgeglühtem Holz vermischt ist, auf zwei weitere Lapillischichten, die eine Aschenschicht umschließen, und auf 30 cm pisolithische Asche.

(Robert Etienne: Pompeji Das Leben in einer antiken Stadt. Stuttgart: Reclam 1874. S. 30 32.)
 

Text 6
Robert Etienne: Der wirkliche Verlauf des Ausbruchs

Nun lassen sich die Phasen des Ausbruchs leicht rekonstruieren und die Vorgänge, die sich am 24. August 79 in Pompeji abgespielt haben, beschreiben. Der Vesuv ist urplötzlich erwacht; es gab keine Warnzeichen, die die Pompejaner in den Tagen vor dem Ausbruch auf die sich steigernde Aktivität des Vulkans hingewiesen hätten. Wäre man gewarnt gewesen, hätten sich Todesopfer vermeiden lassen. Die Erdstöße ließen die Bewohner schlimmstenfalls ein Erdbeben befürchten. Der Ausbruch begann mit einem furchtbaren Knall: der Lavapfropfen sprang heraus, die schwersten Bruchstücke fielen in der Nähe des Kraters nieder. Kaum war der Schlot offen, da ließ er auch schon unter einer heftigen Explosion mit hohem Druck stark mit Gasen angereichertes Magma entweichen; so wurden Lavateilchen mehrere tausend Meter in die Luft geschleudert; das Gas strömte aus und zurück blieb der sehr poröse Bimsstein. Mit der Höhe nahm die Geschwindigkeit ab, gleichzeitig blähten sich die Lavateilchen auf und gaben dabei eine große Menge heißer Gase ab. Der gashaltige Auswurf, der zunächst die Form einer Säule hatte, strebte in der Höhe infolge der expansiven Kräfte der Gase schnell auseinander. Als die Gewalt des Auftriebs nachließ, fiel Bimsstein in großen Mengen rund um das Bergmassiv, besonders aber in den südlichen und östlichen Gebieten. Sie begruben Pompeji unter sich, zumal auch der Wind die Asche nach Südosten trieb. Nach dieser Phase, die durch den Auswurf des Bimssteins charakterisiert ist und den Schlot freigemacht hatte, rissen die Gase nur noch kleine Mengen Magma mit, die mit Teilchen aus den Wänden des Schlots vermischt waren, und riefen von Zeit zu Zeit einen sandigen Aschenregen hervor. In dem Augenblick, da das Ausströmen der Gase nachließ, stürzte der obere Teil des Schlotes in sich zusammen und verhinderte eine Zeitlang den Austritt des Gases. Schließlich riß der steigende Druck den Schutt auseinander und schleuderte ihn in die Luft, wodurch es zeitweilig zu Lapilliregen kam; dann verstärkte sich der Aschenregen wieder. Außerdem hatte das Freiwerden des Schlots dazu geführt, daß sich der hydrostatische Druck über dem Magmaherd senkte. Das Magma in der Tiefe, das mit Gasen übersättigt war, begann zu brodeln, stieg in den Schlot und befreite sich unter gewaltigen Explosionen von den überschüssigen Gasen. Dadurch kam es zu erneuten Ausbrüchen pulvriger Asche, die sich hauptsächlich aus den glasartigen Produkten des Magma zusammensetzte: dies ist die Hauptphase des Ausbruchs; ein großer Teil Kampaniens war mit dichten Staubwolken bedeckt, die Gase mit sich führten, hauptsächlich Wasserdampf und Chlorwasserstoffsäure. Wegen der zähen Beschaffenheit des Magma verlaufen die Explosionen nicht gleichförmig, sondern in stärkeren und schwächeren Wellen. Erdstöße und Spaltenbildung begleiten die Explosionen. Außerdem kondensieren die gleichzeitig mit der Asche ausgeschleuderten großen Mengen Wasserdampf, die Asche verklumpt durch den Kontakt mit den Wassertropfen und bildet in der Luft pisolithisches Material, das wir in der obersten Aschenschicht von Pompeji vorfinden. Nach und nach läßt die Gewalt der Explosionen nach, und zwar in dem Maße, in dem das Magma an Gas verliert; mit dem einfachen Ausstoß von Wasserdampf, den keine Asche mehr begleitet, tritt der Ausbruch in die Endphase ein. Das Gestein des Berges, das nun seine Stütze verloren hat, gibt infolge seines Gewichtes nach, und die Spalten lassen das Magma austreten; Lavaströme fließen über Gebiete hin, die vom Vulkan ziemlich weit entfernt sind, z. B. über Castello di Cisterna; aber zu diesem Zeitpunkt - am 26. August und in der darauffolgenden Nacht - gab es keine Pompejaner mehr, die davon hätten Notiz nehmen können.

(Robert Etienne: Pompeji Das Leben in einer antiken Stadt. Stuttgart: Reclam 1974. S. 32 35.)
 


 
Abb. 3: Pompeji und der Vesuv

 
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