Thomas Gransow
Wolf-Ulrich Malm
 

Neapel und die Halbinsel von Sorrent
 
 

Der Vesuv in Reiseberichten und
literarischen Texten
 

Abb. 1
Vesuvausbruch 1794

 

Alessandro D'Anna: L'eruzione del Vesuvio del 1794 (1794)
In: Nicola Spinosa: Vedute napoletane dal Quattrocento all' Ottocento.
Napoli: Electa 1996. S. 109.

 
 

Text 1

Johann Wolfgang Goethe (1787)

Seit November 1775 lebte Johann Wolfgang Goethe (1749 - 1832) in Weimar. Im Juni 1776 war er als Geheimer Legationsrat in den weimarischen Staatsdienst getreten, im September 1779 wurde er Geheimer Rat, im April 1782 erhielt er das Adelsprädikat. Maßgeblich an der Leitung des Staatswesens von Sachsen-Weimar-Eisenach beteiligt, besaß er noch keine freie Hand für Entscheidungen, die die wirtschaftliche und politische Entwicklung des Landes vorangebracht hätten. Zu diesem Konflikt trat die tiefe Krise im Verhältnis zu Charlotte von Stein und schließlich das völlige Ungenügen des Dichters an sich selbst, da er seit dem Eintritt in den weimarischen Staatsdienst keine bedeutende Dichtung mehr zum völligen Abschluß gebracht hatte. Am 24. Juli 1786 reiste er nach Karlsbad, in der Nacht vom 3. zum 4. September brach er von dort heimlich nach Italien auf. Über Bozen, Trient, Verona, Vicenza und Padua gehend, traf er am 28. September in Venedig ein, wo er bis zum 14. Oktober blieb. Über Ferrara, Bologna, Florenz und Perugia reisend, kam er am 29. Oktober 1786 nach Rom und wohnte bei dem Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein. Am 25. Februar 1787 traf er mit Tischbein in Neapel ein, bestieg den Vesuv und besuchte Pompeji, Herkulaneum und Paestum. Am 29. März fuhr er nach Sizilien und kehrte am 14. Mai nach Neapel zurück, wo er bis zum 5. Juni blieb. Vorn 7. Juni 1787 bis zum 22. April 1788 war er wieder in Rom, das er am 23. April verließ und über Florenz, Mailand, Como, Chiavenna nach Deutschland zurückreiste, wo er am 18. Juni 1788 wieder in Weimar eintraf.
Unter Anleitung seiner Malerfreunde bildete sich Goethe in Italien unermüdlich in den bildenden Künsten, vor allem in der Zeichenkunst aus, studierte die antike Plastik, trieb botanische Studien, fand die Grundvorstellung von der Metamorphose der Pflanzen und führte Gespräche über Musik. Es gelangen ihm die Umarbeitungen der "Iphigenie auf Tauris", die Vollendung des "Egmont", die Weiterführung des "Tasso" und Szenen aus dem "Faust". Über die Reise von Karlsbad bis nach Rom führte Goethe ein Tagebuch, das erhalten ist ("Tagebuch der Italienischen Reise für das Fräulein von Stein"). Ihren literarischen Niederschlag fand die Reise in der "Italiänischen Reise" (1816/17 und 1829). 
 
 

Text 1 a
Eilige Anmerckungen über den Vesuv
d. 19. März 1787.

Alte Lava. Am Fuße. Weiter hinauf hin und her zerstreut. davon konnte ich keinen Deutlichen Begriff faßen.

Lava von 71. Vegetation derselben. Leichtgefloßne Oberfläche einer ältern Lava den großen Aschenberg herunter. wie gestandne Butter mit Schörl. 

Der große Aschenberg schon gegen die Spitze warm und mit Schwefeltheilen fließend.

Das stehende Stück alten Craters, dampfend, beynahe heiß. Fließende Lava, die sich einen langen Hügel hinunter macht auf dem sie in einem Canal wegfließt.

Langsamkeit. wie sie tiefer kommt Wände.

Sie macht sich ein Dach wo sie herausbricht. und arbeitet unter der Kruste. Macht sich Oeßen in wunderlicher Kegelgestalt. Die Kruste sieht wie ein Fladen aus, mit gezackten Riefen. Sehr schön sieht es so frisch aus, weil bald alles mit Asche bedeckt ist und man nachher keine Idee davon hat.
Der glühende Fluß Lava war oben ohngefähr 6 Palmen breit und ging in ein schroffes Thal hinab. Aus den Oessen über der Mündung pfiff anhaltend Luft und schien wie ein Kochen.

Wir waren auf dem Aschen Berge und dem mittlern Schlunde, starcker Rauch quoll aus der tiefe. Wir waren kaum hinab als er zu tönen und Asche und Steine zu werfen anfing. Die Steine fielen auf dem Kegel nieder und rollten herab. Die Asche regnete lange nachher erst auf uns.
Die Oeßen die ich schon beschrieben besucht ich wieder. Meine Bemerckung ist richtig daß sich die Zapfen durch Sublimation machen.

Schade daß diese Zapfen an der Luft zerfallen, und daß man von den andern schönen Sublimationen, des Sal Ammoniacks, des Schwefels pp. nichts mitnehmen kann. Es verändert sich gleich.

Der Schwefeldampf ist oft sehr beschwerlich, ja unleidlich.

Mancherley Arten Laven hab ich auf ihrer Entstehungsweise ertappt.

Diese eilige Anmerckungen schicke ich mit, hebe sie auf es dient zur Eri[nnerung.]
 
 

Text 1 b
Erläuterungen zu den „Eilige[n] Anmerckungen“

Die Notizen in hastiger Schrift auf Konzeptpapier (WA 111, 1, 332). Goethe hat seine Vesuvbesteigungen in der „Italienischen Reise“ (vgl. Text 1 c - e) geschildert; eine abenteuerliche Exkursion mit Tischbein am 6. März wird von zwei geologischen Streifzügen am 2. und 20. März (richtig ist aber das Datum in den Notizen, der 19.) flankiert. Goethe hat die vulkanischen Phänomene des damals heftig tätigen Vesuv (s. auch die Beschreibung des Ausbruchs am 2. Juni 1787), in Zeichnungen und Aquarellen festgehalten.

Worterklärungen:
Schörl: (lat. scorlus) Steinart von glänzendem, blättrigem Gefüge mit geringem metallischem Gehalt, basaltische Hornblende. 
Oeßen: die damals übliche Form; „Italienische Reise“: Essen.
Palmen: (von lat. palma: die flache Hand) 1 Palm = 4 Zoll. 
Sublimation: Niederschlags? und Verdunstungsprodukte. „Italienische Reise“: Dunst-produkte ... vulkanischer Ruß, abgesetzt aus den heißen Schwaden 
Sal Ammoniack = Salmiak, u. a. Mineralien

(Text 1a - b: Johann Wolfgang Goethe: Tagebuch der italienischen Reise 1786. Frank-furt a. M.: Insel 1976. S. 182f. U. 328.)
 
 

Text 1 c
2. März 1787

Den 2. März 
bestieg ich den Vesuv, obgleich bei trübem Wetter und umwölktem Gipfel. Fahrend gelangt ich nach Resina, sodann auf einem Maultiere den Berg zwischen Weingärten hinauf; nun zu Fuß über die Lava vom Jahre einundsiebenzig, die schon feines, aber festes Moos auf sich erzeugt hatte; dann an der Seite der Lava her. Die Hütte des Einsiedlers blieb mir links auf der Höhe. Ferner den Aschenberg hinauf, welches eine saure Arbeit ist. Zwei Dritteile dieses Gipfels waren mit Wolken bedeckt. Endlich erreichten wir den alten, nun ausgefüllten Krater, fanden die neuen Laven von zwei Monaten vierzehn Tagen, ja eine schwache von fünf Tagen schon erkaltet. Wir stiegen über sie an einem erst aufgeworfenen vulkanischen Hügel hinauf, er dampfte aus allen Enden. Der Rauch zog von uns weg, und ich wollte nach dem Krater gehn. Wir waren ungefähr funfzig Schritte in den Dampf hinein, als er so stark wurde, daß ich kaum meine Schuhe sehen konnte. Das Schnupftuch vorgehalten half nichts, der Führer war mir auch verschwunden, die Tritte auf den ausgeworfenen Lavabröckchen unsicher, ich fand für gut, umzukehren und mir den gewünschten Anblick auf einen heitern Tag und verminderten Rauch zu sparen. Indes weiß ich doch auch, wie schlecht es sich in solcher Atmosphäre Atem holt.

Übrigens war der Berg ganz still. Weder Flamme noch Brausen noch Steinwurf, wie er doch die ganze Zeit her trieb. Ich habe ihn nun rekognosziert, um ihn förmlich, sobald das Wetter gut werden will, zu belagern ... Von der Lage der Stadt und ihren Herrlichkeiten, die so oft beschrieben und belobt sind, kein Wort. Vedi Napoli e poi muori! sagen sie hier. Siehe Neapel und stirb!
 
 

Text 1 d
6. März 1787

Neapel, den 6. März 1787. 
Obgleich ungern, doch aus treuer Geselligkeit, begleitete Tischbein mich heute auf den Vesuv. Ihm, dem bildenden Künstler, der sich nur immer mit den schönsten Menschen- und Tierformen beschäftigt, ja das Ungeformte selbst, Felsen und Landschaften, durch Sinn und Geschmack vermenschlicht, ihm wird eine solche furchtbare ungestalte Aufhäufung, die sich immer wieder selbst verzehrt und allem Schönheitsgefühl den Krieg ankündigt, ganz abscheulich vorkommen.

Wir fuhren auf zwei Kalessen, weil wir uns als Selbstführer durch das Gewühl der Stadt nicht durchzuwinden getrauten. Der Fahrende schreit unaufhörlich: Platz, Platz! damit Esel, holz- oder kehrichttragende, entgegenrollende Kalessen, lastschleppende oder frei wandelnde Menschen, Kinder und Greise sich vorsehen, ausweichen, ungehindert aber der scharfe Trab fortgesetzt werde. Der Weg durch die äußersten Vorstädte und Gärten sollte schon auf etwas Plutonisches hindeuten. Denn da es lange nicht geregnet, waren von dickem aschgrauem Staube die voll Natur immergrünen Blätter überdeckt, alle Dächer, Gurtgesimse und was nur irgend eine Fläche bot, gleichfalls übergraut, so daß nur der herrliche blaue Himmel und die hereinscheinende mächtige Sonne ein Zeugnis gab, daß man unter den Lebendigen wandle. Am Fuße des stellen Hanges empfingen uns zwei Führer, ein älterer und ein Jüngerer, beides tüchtige Leute. Der erste schleppte mich, der zweite Tischbein den Berg hinauf. Sie schleppten, sage ich: denn ein solcher Führer umgürtet sich mit einem ledernen Riemen, in welchen der Reisende greift und, hinaufwärts gezogen, ich an einem Stabe, auf seinen eigenen Füßen, desto leichter emporhilft.

So erlangten wir die Fläche, über welcher sich der Kegelberg erhebt, gegen Norden die Trümmer der Somma. 

Ein Blick westwärts über die Gegend nahm wie ein heilsames Bad alle Schmerzen der Anstrengung und alle Müdigkeit hinweg, und wir umkreisten nunmehr den immer qualmenden, Stein und Asche auswerfenden Kegelberg. Solange der Raum gestattete, in gehöriger Entfernung zu bleiben, war es ein großes geisterhebendes Schauspiel. Erst ein gewaltsamer Donner, der aus dem tiefsten Schlunde hervortönte, sodann Steine, größere und kleinere, zu Tausenden in die Luft geschleudert, von Aschenwolken eingehüllt. Der größte Teil fiel in den Schlund zurück. Die andern, nach der Seite zu getriebenen Brocken, auf die Außenseite des Kegels niederfauchend, machten ein wunderbares Geräusch: erst pumpten die schwereren und hupften mit dumpfem Getön an die Kegelseite hinab, die geringeren klapperten hinterdrein, und zuletzt rieselte die Asche nieder. Dieses alles geschah in regelmäßigen Pausen, die wir durch ein ruhiges Zählen sehr wohl abmessen konnten.

Zwischen der Somma und dem Kegelberge ward aber der Raum enge genug, schon fielen mehrere Steine um uns her und machten den Umgang unerfreulich. Tischbein fühlte sich nunmehr auf dem Berge noch verdrießlicher, da dieses Ungetüm, nicht zufrieden häßlich zu sein, auch noch gefährlich werden wollte.

Wie aber durchaus eine gegenwärtige Gefahr etwas Reizendes hat und den Widerspruchsgeist im Menschen auffordert, ihr zu trotzen, so bedachte ich, daß es möglich sein müsse, in der Zwischenzeit von zwei Eruptionen, den Kegelberg hinauf an den Schlund zu gelangen und auch in diesem Zeitraum den Rückweg zu gewinnen. Ich ratschlagte hierüber mit den Führern, unter einem überhängenden Felsen der Somma, wo wir, in Sicherheit gelagert, uns an den mitgebrachten Vorräten erquickten. Der jüngere getraute sich das Wagestück mit mir zu bestehen, unsere Hutköpfe fütterten wir mit leinenen und seidenen Tüchern, wir stellten uns bereit, die Stäbe in der Hand, ich seinen Gürtel fassend.
Noch klapperten die kleinen Steine um uns herum, noch rieselte die Asche, als der rüstige Jüngling mich schon über das glühende Gerölle hinaufriß. Hier standen wir an dem ungeheuren Radien, dessen Rauch eine leise Luft von uns ablenkte, aber zugleich das Innere des Schlundes verhüllte, der ringsum aus tausend Ritzen dampfte. Durch einen Zwischenraum des Qualmes erblickte man hie und da geborstene Felsenwände. Der Anblick war weder unterrichtend noch erfreulich, aber eben deswegen weil man nichts sah, verweilte man, um etwas herauszusehen. Das ruhige Zählen war versäumt, wir standen auf einem scharfen Rande vor dem ungeheuern Abgrund. Auf einmal erscholl der Donner, die furchtbare Ladung flog an uns vorbei, wir duckten uns unwillkürlich, als wenn uns das vor den niederstürzenden Massen gerettet hätte; die kleineren Steine klapperten schon, und wir, ohne zu bedenken, daß wir abermals eine Pause vor uns hatten, froh, die Gefahr überstanden zu haben, kamen mit der nodi rieselnden Asche am Fuße des Kegels an, Hüte und Schultern genugsam eingeäschert ...
 
 

Text 1 e
20. März 1787

Neapel, Dienstag den 20. März 1787. 
Die Kunde einer soeben ausbrechenden Lava, die für Neapel unsichtbar nach Ottaviano hinunterfließt, reizte mich, zum dritten Male den Vesuv zu besuchen. Kaum war ich am Fuße desselben aus meinem zweirädrigen einpferdigen Fuhrwerk gesprungen, so zeigen sich schon jene beiden Führer, die uns früher hinaufbegleitet hatten. Ich wollte keinen missen und nahm den einen aus Gewohnheit und Dankbarkeit, den andern aus Vertrauen, beide der mehreren Bequemlichkeit wegen mit mir.

Auf die Höhe gelangt, blieb der eine bei den Mänteln und Viktualien, der jüngere folgte mir, und wir gingen mutig auf einen ungeheuren Dampf los, der unterhalb des Kegelschlundes aus dem Berge brach; sodann schritten wir an dessen Seite her gelind hinabwärts, bis wir endlich unter klarem Himmel aus dem wilden Dampfgewölke die Lava hervorquellen sahen.

Man habe auch tausendmal von einem Gegenstande gehört, das Eigentümliche desselben spricht nur zu uns aus dem unmittelbaren Anschauen. Die Lava war schmal, vielleicht nicht breiter als zehn Fuß, allein die Art, wie sie eine sanfte, ziemlich ebene Fläche hinabfloß, war auffallend genug: denn indem sie während des Fortfließens an den Seiten und an der Oberfläche verkühlt, so bildet sich ein Kanal, der sich immer erhöht, weil das geschmolzene Material auch unterhalb des Feuerstroms erstarrt, welcher die auf der Oberfläche schwimmenden Schlacken rechts und links gleichförmig hinunterwirft, wodurch sich denn nach und nach ein Damm erhöht, auf welchem der Glutstrom ruhig fortfließt wie ein Mühlbach. Wir gingen neben dem ansehnlich erhöhten Damme her, die Schlacken rollten regelmäßig an den Seiten herunter bis zu unsern Füßen. Durch einige Lücken des Kanals konnten wir den Glutstrom von unten sehen und, wie er weiter hinabfloß, ihn von oben beobachten.

Durch die hellste Sonne erschien die Glut verdüstert, nur ein mäßiger Rauch stieg in die reine Luft. Ich hatte Verlangen, mich dem Punkte zu nähern, wo sie aus dem Berge bricht; dort sollte sie, wie mein Führer versicherte, sogleich Gewölb und Dach über sich her bilden, auf welchem er öfters gestanden habe. Auch dieses zu sehen und zu erfahren, stiegen wir den Berg wieder hinauf, um jenem Punkte von hinten her beizukom-men. Glücklicherweise fanden wir die Stelle durch einen lebhaften Windzug entblößt, freilich nicht ganz, denn ringsum qualmte der Dampf aus tausend Ritzen, und nun stan-den wir wirklich auf der breiartig gewundenen, erstarrten Decke, die sich aber so weit vorwärts erstreckte, daß wir die Lava nicht konnten herausquellen sehen.

Wir versuchten noch ein paar Dutzend Schritte, aber der Boden ward immer glühender; sonneverfinsternd und erstickend wirbelte ein unüberwindlicher Qualm. Der vorausgegangene Führer kehrte bald um, ergriff Mich, und wir entwanden uns diesem Höllenbrudel.

Nachdem wir die Augen an der Aussicht, Gaumen und Brust aber am Weine gelabt, gingen wir umher, noch andere Zufälligkeiten dieses mitten im Paradies aufgetürmten Höllengipfels zu beobachten. Einige Schlünde, die als vulkanische Essen keinen Rauch, aber eine glühende Luft fortwährend gewaltsam ausstoßen, betrachtete ich wieder mit Auf-merksamkeit. Ich sah sie durchaus mit einem tropfsteinartigen Material tapeziert, welches zitzen- und zapfenartig die Schlünde bis oben bekleidete. Bei der Ungleichheit der Essen fanden sich mehrere dieser herabhängenden Dunstprodukte ziemlich zur Hand, so daß wir sie mit unsern Stäben und einigen hakenartigen Vorrichtungen gar wohl gewin-nen konnten. Bei dem Lavahändler hatte ich schon dergleichen Exemplare unter der Rubrik der wirklichen Laven gefunden, und ich freute mich entdeckt zu haben, daß es vulkanischer Ruß sei, abgesetzt aus den heißen Schwaden, die darin enthaltenen verflüchtigten mineralischen Teile offenbarend.

Der herrlichste Sonnenuntergang, ein himmlischer Abend erquickten mich auf meiner Rückkehr; doch konnte ich empfinden, wie sinneverwirrend ein ungeheurer Gegensatz sich erweise. Das Schreckliche zum Schönen, das Schöne zum Schrecklichen, beides hebt einander auf und bringt eine gleichgültige Empfindung hervor. Gewiß wäre der Neapolitaner ein anderer Mensch, wenn er sich nicht zwischen Gott und Satan eingeklemmt fühlte.

(Text 1 c - 1 e: Johann Wolfgang Goethe: Italienische Reise. In: Ders.: Werke. Bd. 6. Hrsgg. v. Emil Staiger. Frankfurt a. M.: Insel 1966. S. 91f., 92 – 94, 101f.)

 

Text 2
Karl Philipp Moritz (1787)

Der Psychologe, Grammatiker und Ästhetiker Karl Philipp (1756 - 1793) ist vor allem als Autor des autobiographischen Romans "Anton Reiser" (1785 - 1790), der seine schwere Kindheit und Jugend widerspiegelt, bekannt geworden. Seit 1780 war er Konrektor am Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin, seit 1784 Gymnasialprofessor und Redakteur der "Vossischen Zeitung". Unter den engen Berliner Lebensverhältnissen leidend, nahm er im September 1786 seinen Abschied und reiste nach Italien. Schon am 26. September traf er in Rom ein, wo er vornehmlich mit den deutschen Künstlern und bald auch mit Goethe, der am 29. Oktober nach Rom kam, zusammen lebte. Als er sich Anfang Dezember den Arm brach, betreute Goethe den Kranken über fünf Wochen lang und wurde ihm zum innigsten Freund. Im April und der ersten Maihälfte 1787 war Moritz in Neapel und besuchte die gleichen Stätten wie Goethe zwei Monate früher. Am 20. Oktober brach er von Rom, zur Rückreise über Florenz, Bologna und Venedig auf und traf am 4. Dezember bei Goethe in Weimar ein. Durch die Vermittlung Carl Augusts erhielt er 1789 eine Professur für Theorie der schönen Künste und Altertumskunde an der Berliner Akademie der bildenden Künste. Dem Aufenthalt in Italien verdanken wir Moritz' Schrift "Über die bildende Nachahmung des Schönen" (1788), die in den römischen Gesprächen mit Goethe entstand, und die "Reisen eines Deutschen in Italien in den Jahren 1786 – 1788" (1792/93).

[Neapel,] den 5ten Mai [1787] 

Ich schreibe Ihnen dies in einem Wirtshause in Portici am Fuße des Vesuv, auf dessen höchsten Gipfel ich mich noch vor ungefähr zwei Stunden befand. Diese schreckliche Naturerscheinung habe ich also nun auch in der Nähe betrachtet. Heute früh, weil es ein heitrer Tag war, entschloß ich mich, mit einer Gesellschaft von noch drei Personen, worunter sich auch ein Landschaftsmaler aus Berlin befand, hinaufzusteigen. Am Fuße des Berges liegt ein Dorf, aus welchem die Bauern die Fremden hinaufführen. Hier nimmt man also Wegweiser und Maulesel, mit denen man zwar eine ziemliche Strecke den Berg hinanreitet, aber noch eine weit größere Strecke durch Lava und Asche zu steigen hat, ehe man den Gipfel erreicht. Der untere Teil des Berges ist rund umher mit den schönsten Weingärten umpflanzt, worin der vortrefflichste Wein wächst. Gegen diesen untern Teil macht der obere Teil des Berges, welcher aus lauter Asche und Lava besteht und schwarz aussieht, einen sonderbaren Kontrast, so wie auch der breite schwarze Strom von Lava, der sich das letztemal bis ans Meer hinunter ergoß und dessen Gang man noch sehr deutlich wahrnimmt. Mitten durch diesen ehemaligen Lavastrom führte uns zum Teil unser Weg wie auf lauter Eisenschlacken, und selbst aus dieser Lava sahe man doch schon hin und wieder grüne Sprossen hervorkeimen. Nun kamen wir aber erst an den eigentlichen Fuß des schwarzen Aschenberges, wo, so weit man siehet, auch nicht ein Grashälmchen wächst, und wo man gar keinen Weg mehr sieht, sondern bis an die Knie durch Asche und Lava steil in die Höhe steigen muß. Unsre Maulesel wurden hier an große Steine fest gebunden, und unsre Führer banden sich einen Gurt um den Leib, woran man sich halten muß, um von ihnen gleichsam heraufgezogen zu werden, weil sie in der Asche und Lava einen festen Tritt haben. Ob man nun gleich auf diese Weise gezogen wird, so ist doch das Hinansteigen das allerermüdendste, was man sich nur denken kann; denn bei jeden drei Schritten, die man vorwärts tut, fährt man wenigstens einen Schritt selbst mit dem Wegweiser wieder in der Asche zurück. Und weil es so erstaunlich steil hinangeht, muß man sich alle hundert Schritte wenigstens einmal ausruhen. Aber zur Belohnung für diese Ermüdung sieht man auch jedesmal, wo man ausruht, die Aussicht auf eine wunderbare Art um sich her erweitert. Von dem schwarzen Aschenberge übersieht man die reizenden grünen Ufer des ganzen Meerbusens von Neapel, welche einem immerwährenden Lustgarten gleichen. Man sieht endlich weit über dem Meerbusen von Neapel zur Rechten den Meerbusen von Gäta und zur Linken den von Salerno und auf dem Meere die Inseln Ischia, Capri, Procida usw. wie auf einer Landkarte vor sich liegen; auf der Landseite die ganze fruchtbare Ebene, welche sich bis weit über Capua hin erstreckt. Wenn Sie diese Örter auf der Landkarte nachsehen, so werden Sie sich von dieser Aussicht ungefähr eine Vorstellung machen können. Am schönsten ist der Anblick der nahen Inseln, die man mit ihren Städten, Bergen, Tälern und Flüssen mitten im Meere liegen sieht. Wenn man endlich auf die Spitze des Berges gekommen ist, so ist auf dieser Spitze noch eine andere, welche den eigentlichen Krater ausmacht, der beständig Rauch und Flammen und Steine auswirft, und auch auf diesen Krater steigt man herauf, bis an den Rand des Abgrundes, aus welchem die Flamme hervorbricht; hierbei nimmt man immer eine solche Stellung, daß der Wind den Rauch, die Flamme und den Steinregen von einem wegtreibt, wo man alsdann gerade in den Krater hineinsehen kann, und wo die Wegweiser einen hinführen, da steht man auch immer völlig sicher. Der oberste Krater, so wie der ganze oberste Gipfel des Berges, ist weiter nichts als eine dünne Kruste, unter welcher sich unmittelbar das Feuer befindet, und der Boden ist an manchen Orten so heiß, daß man kaum darauf stehen kann. Hier und da sind dünne Spalten, über welche man hinwegschreitet und die beständig rauchen; die Wegweiser steckten einen von ihren Stäben mit der Spitze in eine solche Spalte hinein, und er fing sogleich an zu brennen. Nun war es ein Unglück für uns, daß sich plötzlich der Wind änderte und wir nicht von der rechten Seite auf den Krater steigen konnten, wo man gemeiniglich hinaufzusteigen pflegt: denn hier trieb uns der Wind den Rauch und Steinregen gerade entgegen, so daß noch halb glühende Schlacken dicht vor unsern Füßen niederfielen, wovon ein jeder, nachdem sie kalt geworden waren, ein Stück in die Tasche steckte. Um nun auf die andere Seite, wo der Wind nicht herkam, zu kommen, mußten wir die Zeit abwarten, wo der Steinregen eine Weile aufhörte, und so geschwind wir konnten über die ausgeworfenen Schlacken hinklettern, ehe wieder ein neuer Steinregen erfolgte. Vor jedem Steinauswurf geht in dem Berge im- mer ein kurzes Gebrüll vorher, wodurch er sich ankündigt. Als wir nun auf die andere Seite gekommen waren, so rauchte der Berg fast auf allen Ecken, und nun stiegen wir denn den Krater selbst herauf, welches eine der schrecklichsten Ermüdungen war, die ich in meinem Leben gehabt habe: denn die Außenseite des Kraters besteht aus nichts als losen Steinen und Schlacken, die bei dem geringsten Anstoß herunterrollen. Zwischen diesen Steinen nun, die über und unter einem wegrollen, muß man sich auf Händen und Füßen hinaufarbeiten; mein Wegweiser kroch auf die Weise hinan und ich ihm nach, und da wir schon beinahe in der Mitte waren, rutschten wir beide wieder beinahe den ganzen Krater hinunter, und so mußten wir zwei- bis dreimal ansetzen, ehe es uns endlich gelang, den Gipfel zu ersteigen; der Rauch, welcher hiebei allenthalben aus den Ritzen hervordrang, die Schlacken, welche um uns her rollten, und der Berg, welcher unter uns brüllte, machten diesen Aufmarsch sehr ernsthaft und feierlich. So wie wir an den obersten Rand des Kraters kamen, war es mir vor Ermüdung kaum mehr möglich Atem zu schöpfen; ich warf mich auf den Boden nieder und wäre hier gern eingeschlafen, wenn es Zeit dazu gewesen wäre; allein ehe wir es uns versahen, stieg ein neuer Steinregen mit einer Rauch- und Feuersäule so nahe vor uns auf, daß wir sie mit der Hand hätten erreichen können; sie wurde bald vom Winde auf die andere Seite von uns abgetrieben. Hier sahe ich also nun dieses fürchterliche Schauspiel, das schon in der Ferne einen so schaudervollen Anblick gibt, so nahe, als man es nur sehen kann, und nun ging es ebenso schnell den Krater und den Berg wieder herunter, als es langsam heraufgegangen war; denn man geht nicht, sondern glitscht nur durch die Asche und Steine wieder hinunter, wodurch denn freilich die Schuhe in Stücken zerrissen werden. Am Fuße des Berges warteten unsere Maultiere, und als wir in dem Dorfe wieder anlangten, von welchem wir ausgezogen waren, tranken wir echte Tränen Christi, einen Wein, der am Vesuv wächst, und erinnerten uns der gehabten Beschwerlichkeiten mit Vergnügen.

(Karl Philipp Moritz: Briefe. Zit. n.: Eberhard Haufe: Deutsche Briefe aus Italien. 3. erw. Aufl. Leipzig: Koehler & Amelang 1987. S. 67 – 69.)

 

Text 3
Johann Gottfried Seume (1802)

Nach sechs schweren Jugendjahren als Zwangssoldat in Kanada in englischen und später in preußischen Diensten hatte Johann Gottfried Seume (1763 - 1810) von 1787 bis 1792 als Hofmeister und Studierender in Leipzig, danach bis 1796 als russischer Leutnant und Geheimsekretär vorwiegend in Warschau gelebt. Im Oktober 1797 ging er als Korrektor seines Freundes, des Verlagsbuchhändlers Göschen, nach Grimma. Am 7. Dezember 1801 brach er von Grimma zu seiner Fußreise nach Italien auf. Über Prag, Wien und Triest kam er am 3. Februar 1802 nach Venedig, wo er neun Tage blieb, und traf über Bologna am 2. März in Rom ein, wanderte drei Tage später nach Neapel weiter, setzte nach Sizilien über, besuchte Palermo und Agrigent und erreichte Syrakus, das Ziel seiner Reise, am 1. April; über Catania und Messina ging er wieder nach Palermo. Auf der Rückreise war er vom 6. bis 20. Mai erneut in Rom und wanderte über Florenz, Bologna nach Mailand, das er am 14. Juni verließ. Die weitere Reise führte über Zürich, Paris und Frankfurt a. M. Im Oktober IS02 war Seume wieder in Leipzig, wo er fortan dürftig als Sprachlehrer und freier Schriftsteller lebte. 1805 unternahm er eine ähnliche Fußreise über Rußland nach Skandinavien. Seumes "Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802" (1803) wurde in seiner volkstümlich-realistischen Darstellung der unmittelbaren Erlebnisse und in seiner Absage an jede Form des fürstlichen und kirchlichen Despotismus eines der beliebtesten deutschen Italienbücher.

Von Salerne aus war ich mit einer Dame aus Caserta und ihrem Vetter zurückgefahren. Als diese hörten, daß ich von Portici noch auf den Berg wollte, thaten sie den Vorschlag Parthie zu machen. Ich hatte nichts dagegen; wir mietheten Esel und ritten. Was vorherzusehen war, geschah; die Dame konnte, als wir absteigen mußten, zu Fuße nicht weit fort und blieb zurück; und ich war so ungalant, mich nicht darum zu bekümmern. Der Herr Vetter strengte sich an, und arbeitete mir nach. Als wir an die Öffnung gekommen waren, aus welcher der letzte Strom über Torre del Greco hinunter gebrochen war, wollte der Führer nicht weiter und sagte, weiter ginge sein Akkord nicht. Ich wollte mich weiter nicht über die Unverschämtheit des Betrügers ärgern und erklärte ihm ganz kurz und laut, er möchte machen was er wollte; ich würde hinaufsteigen. "Doch nicht allein?" meinte er. Ganz allein, sagte ich, wenn niemand mit mir geht; und ich stapelte immer rasch den Sandberg hinauf. Er besann sich doch und folgte. Es ist eine Arbeit, die schwerer ist als auf den Ätna zu gehen; wenigstens über den Schnee, wie ich es fand. Der Sand und die Asche machen das Steigen entsetzlich beschwerlich: man sinkt fast so viel rückwärts, als man vorwärts geht. Es war übrigens Gewitterluft und drückend heiß. Endlich kam ich oben an dem Rande an. Der Krater ist jetzt, wie Du schon weißt, eingestürzt, der Berg dadurch beträchtlich niedriger, und es ist gar keine eigentliche größere Öffnung mehr da. Nur an einigen Stellen dringt etwas Rauch durch die felsigen Lavaritzen hervor. Man kann also hinuntergehen. Die Franzosen, welche es zuerst thaten, wenigstens so viel man weiß, haben viele Rotomontade von der Unternehmung gemacht: jetzt ist es von der Seite von Pompeji ziemlich leicht. Fast jeder, der heraufsteigt, steigt hinab in den Schlund; und es sind von meinen Bekannten viele unten gewesen. Ich selbst hatte den rechten Weg nicht gefaßt, weil ich eine andere kleinere Öffnung untersuchen wollte, aus welcher noch etwas Dampf kam und zuweilen auch Flamme kommen soll. Die Zeit war mir nun zu kurz; sonst wäre ich von der andern Seite noch ganz hinuntergestiegen. Gefahr kann weiter nicht dabei seyn, als die gewöhnliche. Während mein Führer und der Casertaner ruhten und schwatzten, sah ich mich um. Die Aussicht ist fast die nehmliche, wie bey den Kamaldulensern: ich würde aber jene noch vorziehen, obgleich diese größer ist. Nur die Stadt und die ganze Parthie von Posilippo diesseits der Grotte hat man hier besser. Nie hatte ich noch so furchtbare Hitze ausgestanden als im Heraufsteigen. Jetzt schwebten über Surrent einige Wölkchen und über dem Avernus ein Donnerwetter: es ward Abend und ich eilte hinab. Hinunter geht es sehr schnell. Ich hatte schon Durst, als die Reise aufwärts ging; und nun suchte ich lechzend überall Wasser. Ein artiges liebliches Mädchen brachte uns endlich aus einem der obersten Weinberge ein großes, volles Gefäß. So durstig ich auch war, war mir doch das Mädchen fast willkommener als das Wasser: und wenn ich länger hier bliebe, ich glaube fast, ich würde den Vulkan gerade auf diesem Wege vielleicht ohne Führer noch oft besuchen. In einem großen Sommerhause, nicht weit von der heiligen Maria, erwartete uns die Dame und hatte unterdessen Thränen Christi bringen lassen. Aber das Wasser war mir oben lieber als hier die köstlichen Thränen, und die Hebe des ersten wohl auch etwas lieber als die Hebe der zweyten.

Es war schon ziemlich dunkel, als wir in Portici ankamen, und wir rollten noch in der letzten Abenddämmerung nach Neapel. Mit dein Museum in Portici war ich ziemlich unglücklich. Jetzt war es zu spät, es zu sehen. Das erste Mahl war es nicht offen und ich sah bloß das Schloß und die Zimmer, die, wenn man die Arbeit aus Pompeji, einige schöne Lavatische und die Statuen zu Pferde aus dem Herkulanum wegnimmt, nichts merkwürdiges enthalten. In dem Hofe des Museums liegen noch einige bronzene Pferdeköpfe aus dem Theater von Herkulanum: die Statuen selbst sind in der Lava zusammengeschmolzen. So viel ich von den Köpfen urtheilen kann, möchte ich wohl diese Pferde haben, und ich gäbe die Pariser von Venedig sogleich dafür hin. In dein Theater von Herkulanum bin ich eine ganze Stunde herumgewandelt, und habe den Ort gesehen, wo die Marmorpferde gestanden hatten, und den Ort, wo die bronzenen geschmolzen waren. Bekanntlich ist es hier viel schwerer zu graben als in Pompeji: denn diese Lava ist Stein, jene nur Aschenregen. Dort sind nur Weinberge und Feigengärten auf der Oberfläche; hier steht die Stadt darauf: denn Portici steht gerade über dem alten Herkulanum; und fast gerade über dem Theater steht jetzt oben eine Kirche. Die Dame von Caserta gab mir beym Abschied am Toledo ihre Adresse: ich hatte aber nicht Zeit mich weiter um sie zu bekümmern.

Obgleich der Vesuv gegen den Ätna nur ein Maulwurfshügel ist, so hat er doch durch seine klassische Nachbar- schaft vielleicht ein größeres Interesse, als irgend ein anderer Vulkan der Erde. Ich war den ganzen Abend noch voll von der Aussicht oben, die ich noch nicht so ganz nach meinem Genius hatte genießen können. Ich setzte mich im Geist wieder hinauf und überschaute rund herum das schöne blühende magische Land. Die wichtigsten Scenen der Einbildungskraft der Alten lagen im Kreise da; unvermerkt gerieth ich ins Aufnehmen der Gegenstände um den Vulkan.

Vom Schedel des Verderbers sieht
Mein Auge weit hinab durch Flächen,
Auf welchen er in Feuerbächen
Verwüstend sich durch das Gebiet
Der reich geschmückten Schöpfung zieht.
Wo steht der Nachbar ohne Grausen,
Wenn zur Zerstörung angefacht
Aus seinem Schlund der Mitternacht
Ihm hoch die Eingeweide brausen?
Wenn donnernd er die Felsen schmelzt,
Und sie im Streit der Elemente,
Als ob des Erdballs Achse brennte,
Hinab ins Meer hoch über Städte wälzt?
Der Riese macht mit seinem Hauche
Die schönste Hesperidenflur
Zur dürrsten Wüste der Natur,
Wenn er aus seinem Flammenbauche
Mit rother Gluth und schwarzem Rauche
Die Brandung durch die Wolken hebt,
Und meilenweit was Leben trinket,
Wo die Zerstörung niedersinket,
In eine Lavanacht begräbt.
Parthenope und Pausilype bebt,
Wenn tief in des Verwüsters Adern
Die Feuerfluthen furchtbar hadern;
Und was im Meer und an der Sonne lebt
Eilt weit hinweg mit blassem Schrecken,
Sich vor dem Zorn des Tödtenden zu decken.
Es kocht am Meere links und rechts,
Bis nach Surrent und bis zu Baja's Tannen, 
Wo er die Bäder des Tyrannen 
Aus der Verwandtschaft des Geschlechts, 
Indem er weit umher verheeret, 
Mit seinem tiefsten Feuer nähret. 
Er macht die Berge schnell zu Seen, 
Die Thäler schnell zu Felsenhöhen, 
Und rauschend zeigen seine Bahn, 
So weit die schärfsten Augen gehen, 
Die Inseln in dem Ozean. 
Wer bürget uns, wenn ihn der Sturm zerrüttet, 
Daß er nicht einst in allgemeiner Wuth 
Noch fürchterlich mit seiner Fluth 
Den ganzen Golf zusammen schüttet? 
Nicht alles noch, wo jetzt sein Feuer quillt, 
Aus seiner Werkstatt tiefstem Grunde, 
Von Stabia bis zu dem Schwefelschlunde, 
Mit seinen Lavaschichten füllt? 
Hier brach schon oft aus seinem Heerde 
Herauf hinab des Todes Flammenmeer, 
Und machte siedend rund umher 
Das Land zum größten Grab der Erde.

Unter diesen Phantasien schlief ich ruhig ein. Ob ich gleich gern das furchtbare Schauspiel eines solchen Vulkans in seiner ganzen entsetzlichen Kraft sehen möchte, so bin ich doch nicht hart genug es zu wünschen. Ich will mich mit dem begnügen, was mir der Ätna gegeben hat. Der Vesuv kräuselt bloß zuweilen einige Rauchwölkchen; aber ich fürchte, sein Schlaf und sein Verschütten sind von schlimmer Vorbedeutung. Der Ätna war auch verschüttet, ehe er Catanien überströmte, und in dem Krater des Vesuvs waren zuweilen große Bäume gewachsen. Bey seinem künftigen Ausbruche dürfte die Gegend vor Portici, eben da, wo oben der heilige Januarius steht, um den Feind abzuhalten, am meisten der Gefahr ausgesetzt seyn; denn dort ist nach dem äußern Anschein jetzt die Erdschale am dünnsten. Man scheint so etwas gefühlt zu haben, als man den heiligen Flammenbändiger eben hierher setzte.

(Johann Gottfried Seume: Ein Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. 3. Aufl. Leipzig: Hartknoch 1811. Neudruck Nördlingen: Greno 1985. S. 287 – 290.)

 

Text 4
Anne Louise Germaine de Staël (1805)

Anne Louise Germaine de Staël (1766 - 1817), Tochter des französischen Finanzministers unter Ludwig XVI., Jacques Necker, muß, nachdem sie bereits 1792 trotz ihrer liberalen Ideen wegen angeblicher Unterstützung des Königs und 1796 wegen einer vorgeblichen Verschwörung exiliert worden ist, 1803 erneut Paris verlassen, weil Napoleon ihren Roman "Delphine", in dem sich die Heldin gegen die herkömmlichen Verhaltensweisen der Gesellschaft stellt, als "antisozial", "gefährlich" und "unmoralisch" kritisiert. Madame de Staël reist zunächst nach Weimar, wo sie mit Goethe und Schiller zusammentrifft, und im Frühjahr 1804 nach Berlin, wo sie August Wilhelm Schlegel als Hauslehrer für ihre Kinder gewinnt. Im Dezember 1804 reist sie mit Schlegel über Mailand und Rom nach Neapel, wo sie bis Mitte März drei Wochen verbringt. Die Rückreise, die durch einen zweimonatigen Aufenthalt in Rom unterbrochen wird, führt sie über Florenz und Venedig erneut nach Mailand. 1806 erscheint ihr Roman "Corinna oder Italien", in dem sie ihre Italienreise verarbeitet hat. Nach erneuten Repressalien durch die französische Polizei flieht sie 1812 über Wien Moskau, St. Petersburg und Stockholm nach London. Ende 1814 kehrt sie nach Paris zurück. 

Lange blieb Lord Nelvil wie vernichtet von der schrecklichen Erzählung, die seine ganze Seele erschütterte. Corinna suchte sanft ihn wieder zu sich selbst zu bringen; der Feuerstrom, der sichtbarer in der Nacht vom Vesuv niederströmte, erregte Oswalds zerrüttete Phantasie. Corinna benutzte diesen Eindruck, um ihn den schmerzlichen Erinnerungen zu entreißen, und eilte, ihn mit sich fortzuziehen an das Aschenufer der glühenden Lava.

Der Boden, über den sie gehen mußten, um dahin zu gelangen, rollte unter ihren Füßen fort und schien sie zurückzustoßen aus diesem lebensfeindlichen Aufenthalt. Hier steht die Natur nicht mehr in Verbindung mit dem Menschen; hier kann er sie nicht mehr beherrschen; sie entgeht ihrem Tyrannen durch den Tod. Die Farbe des Feuerstroms ist düster; wenn er Bäume oder Weinreben verzehrt, so sieht man eine hellglänzende Flamme aus ihm herausleuchten, aber die Lava selber ist dunkel, wie man sich einen Höllenfluß vorstellt; sie rollt langsam, am Tage wie ein schwarzer und in der Nacht wie ein roter Sand. Man hört, wenn sie naht, ein kleines Geräusch wie von Funken, das um so mehr Furcht erregt, weil es nur leicht ist; List scheint sich noch der Stärke verbunden zu haben; so naht der königliche Tiger, heimlich und mit gemessenen Schritten. Diese Lava naht, naht, ohne je zu eilen und ohne einen Augenblick zu verlieren; begegnet sie einer hohen Mauer, irgendeinem Gebäude, das sich ihrem Gange widersetzt, so hält sie an und häuft vor dem Hindernis ihre schwarzen harzigen Ströme, bis sie es unter den glühenden Wogen begräbt. Ihr Gang ist nicht so schnell, daß die Menschen ihr nicht entfliehen könnten; sie erreicht aber wie die Zeit die Unvorsichtigen und die Greise, die sich einbilden, es sei leicht, ihr zu entgehen, da sie so schwerfällig und stillschweigend an kommt. Sie verbreitet eine solche Glut, daß die Erde sich im Himmel abspiegelt und ihm den Anschein eines dauernden Blitzes gibt; und der Himmel wiederholt sich wiederum im Meer; die ganze Natur ist entzündet von diesem dreifachen Feuerbilde.

Aus dem Schlunde, aus dem die Lava sich ergießt, hört man den Wind kommen und sieht ihn an den wirbelnden Flammen. Man erschrickt vor dem, was im Innern der Erde vorgeht, und man fühlt, welch eine seltsame Wut sie unter unseren Schritten erbeben macht. Die Felsen, welche die Quelle der Lava umgeben, sind mit Schwefel und Harz bedeckt, deren Farben etwas Höllisches haben. Bleiches Grün, Braungelb und Dunkelrot bilden eine Dissonanz für die Augen und ängstigen beim Anblick, wie das Gehör von den kreischenden Tönen zerrissen werden würde, wel- che die Zauberinnen hören ließen, wenn sie in der Nacht den Mond zur Erde riefen.

Alles, was den Vulkan umgibt, erinnert an die Hölle, und ohne Zweifel sind die Beschreibungen der Dichter daher genommen. Dort begreift man, wie die Menschen an einen bösartigen Geist glauben konnten, der den Absichten der Vorsehung entgegenwirke. Beim Anschauen dieses Aufenthaltes mußte man sich fragen, ob die Güte allein den Erscheinungen der Schöpfung vorstehe oder ob nicht irgendein verborgenes Prinzip die Natur wie den Menschen zur rohen Wildheit zwinge. »Corinna«, rief Lord Nelvil, »steigen aus diesen Höllenufern die Leiden? Nimmt der Engel des Todes seinen Flug von diesem Gipfel? Hier würde ich, sähe ich nicht deinen himmlischen Blick, hier würde ich alles verlieren, sogar das Andenken der göttlichen Werke, welche die Welt schmücken; doch sogar dieser Anblick der Hölle, so entsetzlich er ist, gleicht nicht der Qual der Gewissensbisse in meinem Herzen. jeder Gefahr kann man trotzen, wie kann aber der Gegenstand, der nicht mehr ist, uns von dem Leiden befreien, das wir uns vorwerfen, ihm zugefügt zu haben? Niemals! Niemals! 0 Corinna, welch ein Flammen-, welch ein Eisenwort! jene Strafen, die von den Träumen des Leidens erfunden wurden, das Rad, das ewig sich dreht, das Wasser, welches dem entflieht, der sich ihm naht, die Steine, die zurückfallen, sowie man sie in die Höhe brachte, sind nur ein schwaches Bild, um den entsetzlichen Gedanken auszudrücken, das Unmögliche und Unersetzliche!«

Ein tiefes Schweigen herrschte um Oswald und Corinna; selbst ihre Führer hatten sich in die Ferne zurückgezogen, und da am Krater weder Tiere noch Insekten noch Pflanzen sind, hörte man nichts als das Pfeifen der bewegten Flamme. Dennoch drang ein Geräusch aus der Stadt bis an den Ort; es war das Glockengeläute, das sich durch die Lüfte hören ließ. Vielleicht feierten sie den Tod, oder sie verkündeten eine Geburt; gleichviel, sie verursachten den Reisenden eine sanfte Rührung. »Geliebter Oswald«, sagte Corinna, »kommen Sie fort aus dieser Wüste, lassen Sie uns wieder zu den Lebendigen; hier fühlt sich meine Seele nicht wohl. Alle andren Berge scheinen uns über das irdische Leben zu erheben, indem sie uns dem Himmel näherbringen; aber hier fühle ich nichts als Schreck und Angst; es ist mir, als sähe ich die Natur wie einen Verbrecher behandelt und als ein verderbtes Wesen dazu verdammt, nicht mehr den wohltuenden Hauch ihres Schöpfers zu empfinden. Hier ist sicher nicht der Aufenthalt der Guten. Kommen Sie.«

Ein starker Regen fiel, während Corinna und Lord Nelvil wieder hinabstiegen. Ihre Fackeln waren alle Augenblicke in Gefahr zu verlöschen. 

(Madame de Staël: Corinna oder Italien. München: dtv 1985. S. 289 – 291.)

 

Text 5
Alexander von Humboldt (1827)

Nach seinen naturwissenschaftlichen und Bergbaustudien und einer kurzen Tätigkeit als Bergassessor im preußischen Stattsdienst unternimmt Alexander von Humboldt (1769 - 1859) 1799 bis 1804 eine Expedition nach Mittel- und Südamerika, auf der er erstmals mit Hilfe vieler exakter Messinstrumente Ortsbestimmungen und Höhenmessungen durchführt und die Temperatur der nach ihm benannten Meeresströmung misst. In Paris wertet er mit Wissenschaftlern aus aller Welt seine Expedition im größten privaten Reisewerk der Geschichte ("Voyage aux régions équinoxiales du nouveau continent") aus; dabei verknüpft er seine pflanzengeographischen, klimatologischen, geophysikalischen, geologischen, meereskundlichen und anderen geowissenschaftlichen Beobachtungen mit ökologischen Zusammen- hängen. 1827 hält er seine berühmten Vorlesungen über die physische Weltbeschreibung. Nach einer Expedition in das asiatische Russland (1829) kehrt er nach Berlin zurück und beginnt mit der Darstellung des gesamten Wissens über die Erde ("Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung").

Saussure hatte den Vesuv im Jahr 1773 zu einer Zeit gemessen, wo beide Ränder des Kraters, der nordwestliche und südöstliche, ihm gleich hoch schienen. Er fand ihre Höhe über der Meeresfläche 609 Toisen oder 3654 Pariser Fuß. Die Eruption von 1794 verursachte einen Absturz gegen Süden, die Ungleichheit der Kraterränder, welche das ungeübteste Auge selbst in großer Entfernung unterscheidet. Wir maßen, Leopold von Buch, Gay-Lussac und ich, im Jahr 1805 den Vesuv dreimal, und fanden den nördlichen Rand, der der Somma gegenüber steht, la Rocca del Palo, genau wie Saussure, den südlichen Rand aber 75 Toisen (450 F.) niedriger als 1773. Die ganze Höhe des Vulkans hatte damals gegen Torre del Greco hin (nach einer Seite, gegen welche seit 30 Jahren das Feuer gleichsam vorzugsweise hinwirkt) um 1/8  abgenommen. Der Aschenkegel verhält sich zur ganzen Höhe des Berges am Vesuv wie 1 zu 3, am Pichincha wie 1 zu 10, am Pic von Teneriffa wie 1 zu 22. Der Vesuv hat also von diesen drei Feuerbergen verhältnismäßig den höchsten Aschenkegel; wahrscheinlich schon darum, weil er, als ein niedriger Vulkan, am meisten durch seinen Gipfel gewirkt hat. 

Vor wenigen Monaten (des Jahres 1822) ist es mir geglückt, nicht bloß meine früheren Barometer- messungen am Vesuv zu wiederholen, sondern auch, bei dreimaliger Besteigung des Berges, eine vollständigere Bestimmung aller Kraterränder zu unternehmen. Diese Arbeit verdient vielleicht darum einiges Interesse, weil sie die lange Epoche großer Eruptionen zwischen 1805 und 1822 umfaßt und vielleicht die einzige in allen ihren Teilen vergleichbare Messung ist, welche man bisher von irgendeinem Vulkan bekanntgemacht hat. Sie beweist, daß die Ränder der Krater, nicht bloß da, wo sie (wie am Pic von Teneriffa und an allen Vulkanen der Andeskette) sichtbar aus Trachyt bestehen, sondern überall ein weit beständigeres Phänomen sind, als man bisher nach flüchtig angestellten Beobachtungen geglaubt hat. Nach meinen letzten Bestimmungen hat sich der nordwestliche Rand des Vesuvs seit Saussure, also seit 49 Jahren, vielleicht gar nicht, der südöstliche Rand, gegen Bosche Tre Case hin, welcher 1794 um 400 Fuß niedriger ward, kaum um 10 Toisen (60 F.) verändert. 

Wenn man in öffentlichen Blättern, bei der Beschreibung großer Auswürfe, so oft der gänzlich veränderten Gestalt des Vesuvs erwähnt findet; wenn man diese Behauptungen durch die pittoresken Ansichten bewährt glaubt, welche in Neapel von dem Berge entworfen werden: so liegt die Ursache des Irrtums darin, daß man die Umrisse der Kraterränder mit den Umrissen der Auswurfskegel verwechselt, welche zufällig in der Mitte des Kraters auf dem, durch Dämpfe gehobenen Boden des Feuerschlundes sich bilden. Ein solcher Auswurfskegel, von Rapilli und Schlacken locker aufgetürmt, war in den Jahren 1816 und 1818 allmählich über dem südöstlichen Kraterrand sichtbar geworden. Die Eruption vom Monat Februar 1822 hatte ihn dergestalt vergrößert, daß er selbst 100 bis 110 Fuß höher als der nordwestliche Kraterrand (die Rocca del Palo) geworden war. Dieser merkwürdige Kegel nun, den man sich in Neapel als den eigentlichen Gipfel des Vesuvs zu betrachten gewöhnt hatte, ist bei dem letzten Auswurf, in der Nacht vom 22. Oktober, mit furchtbarem Krachen eingestürzt: so daß der Boden des Kraters, der seit 1811 ununterbrochen zugänglich war, gegenwärtig 750 Fuß tiefer liegt als der nördliche, 200 Fuß tiefer als der südliche Rand des Vulkans. Die veränderliche Gestalt und relative Lage der Auswurfskegel, deren Öffnungen man ja nicht, wie so oft geschieht, mit dem Krater des Vulkans verwechseln muß, gibt dem Vesuv zu verschiedenen Epochen eine eigentümliche Physiognomie; und der Historiograph des Vulkans könnte aus dem Umriß des Berggipfels, nach dem bloßen Anblicke der Hackertschen Landschaften im Palaste von Portici, je nachdem die nördliche oder südliche Seite des Berges höher angedeutet ist, das Jahr erraten, in welchem der Künstler die Skizze zu seinem Gemälde entworfen hat. 

Einen Tag nach dem Einsturz des 400 Fuß hohen Schlackenkegels, als bereits die kleinen, aber zahlreichen Lavaströme abgeflossen waren, in der Nacht vom 23. zum 24. Oktober, begann der feurige Ausbruch der Asche und der Rapilli. Er dauerte ununterbrochen 12 Tage fort, doch war er in den ersten 4 Tagen am größten. Während dieser Zeit wurden die Detonationen im Innern des Vulkanes so stark, daß die bloße Erschütterung der Luft (von Erdstößen hat man durchaus nichts gespürt) die Decken der Zimmer im Palaste von Portici sprengte. In den nahegelegenen Dörfern Resina, Torre del Greco, Torre dell'Annunziata und Bosche Tre Case zeigte sich eine merkwürdige Erscheinung. Die Atmosphäre war dermaßen mit Asche erfüllt, daß die ganze Gegend, in der Mitte des Tages, mehrere Stunden lang in das tiefste Dunkel gehüllt blieb. Man ging mit Laternen in den Straßen, wie es so oft in Quito, bei den Ausbrüchen des Pichincha, geschieht. Nie war die Flucht der Einwohner allgemeiner gewesen. Man fürchtet Lavaströme weniger als einen Aschenauswurf: ein Phänomen, das in solcher Stärke hier unbekannt ist und durch die dunkle Sage von der Zerstörungsweise von Herculanum, Pompeji und Stabiä die Einbildungskraft der Menschen mit Schreckbildern erfüllt. 

Der heiße Wasserdampf, welcher während der Eruption aus dem Krater aufstieg und sich in die Atmosphäre ergoß, bildete beim Erkalten ein dickes Gewölk um die neuntausend Fuß hohe Aschen- und Feuersäule. Eine so plötzliche Kondensation der Dämpfe und, wie Gay-Lussac gezeigt hat, die Bildung des Gewölkes selbst vermehrten die elektrische Spannung. Blitze fuhren schlängelnd nach allen Richtungen aus der Aschensäule umher, und man unterschied deutlich den rollenden Donner von dem inneren Krachen des Vulkans. Bei keinem andern Ausbruche war das Spiel der elektrischen Schläge so auffallend gewesen. 

Am Morgen des 26. Oktobers verbreitete sich die sonderbare Nachricht: ein Strom siedenden Wassers ergieße sich aus dem Krater und stürze am Aschenkegel herab. Monticelli, der eifrige und gelehrte Beobachter des Vulkans, erkannte bald, daß eine optische Täuschung dies irrige Gerücht veranlaßt habe. Der vorgebliche Strom war eine große Menge trockener Asche, die aus einer Kluft in dem obersten Rande des Kraters, wie Triebsand, hervorschoß. Nachdem eine die Felder verödende Dürre dem Ausbruch des Vesuvs vorangegangen war, erregte, gegen das Ende desselben, das eben beschriebene vulkanische Gewitter einen wolkenbruchartigen, aber lange anhaltenden Regen. Solch eine Erscheinung charakterisiert, unter allen Zonen, das Ende einer Eruption. Da während derselben gewöhnlich der Aschenkegel in Wolken gehüllt ist und da in seiner Nähe die Regengüsse am stärksten sind, so sieht man Schlammströme von allen Seiten herabfliegen. Der erschrockene Landmann hält dieselben für Wasser, die aus dem Innern des Vulkans aufsteigen und sich durch den Krater ergießen; der getäuschte Geognost glaubt in ihnen Meerwasser zu erkennen oder kotartige Erzeugnisse des Vulkans, sogenannte Éruptions boueuses, oder, nach der Sprache alter französischer Systematiker, Produkte einer feurig-wässrigen Liquefaction. [...]

Ich gedenke dieser Tatsachen, weil sie über den Unterschied zwischen dem Auswurf trockener Asche und schlammartiger, Holz, Kohle und Muscheln umwickelnder Anschwemmungen von Tuff und Traß einiges Licht verbreiten. Die Aschenmenge, welche der Vesuv neuerlichst ausgeworfen, ist, wie alles, was mit den Vulkanen und anderen großen, schreckenerregenden Naturerscheinungen zusammen hängt, in öffentlichen Blättern übermäßig vergrößert worden; ja zwei neapolitanische Chemiker, Vicenzo Pepe und Giuseppe di Nobili, schrieben sogar, trotz der Widersprüche von Monticelli und Covelli, der Asche Silber- und Goldgehalt zu. Nach meinen Untersuchungen hat die in 12 Tagen gefallene Aschenschicht gegen Bosche Tre Case hin, am Abhange des Konus, da wo Rapilli beigemengt waren, nur drei Fuß, in der Ebene höchstens 15 bis 18 Zoll Dicke erreicht. Messungen dieser Art müssen nicht an solchen Stellen geschehen, wo die Asche, wie Schnee oder Sand, vom Winde zusammengeweht oder durch Wasser breiartig angeschwemmt ist. Die Zeiten sind vorüber, wo man, ganz nach Art der Alten, in den vulkanischen Erscheinungen nur das Wunderbare suchte, wo man, wie Ktesias, die Asche des Ätna bis nach der indischen Halbinsel fliegen ließ. Ein Teil der mexikanischen Gold- und Silbergänge findet sich freilich in trachytartigem Porphyr; aber in der Vesuvasche, die ich mitgebracht und die ein vortrefflicher Chemiker, Heinrich Rose, auf meine Bitte untersucht hat, ist keine Spur von Gold oder Silber zu erkennen. 

So entfernt auch die Resultate, welche ich hier entwickle und welche Monticellis genauern Beobachtungen entsprechen, von denen sind, die man in den letzten Monaten verbreitet hat, so bleibt doch der Aschenauswurf des Vesuvs vom 24. zum 28. Oktober der denkwürdigste, von dem man, seit des älteren Plinius Tode, eine sichere Nachricht hat. Die Menge ist vielleicht dreimal größer gewesen als alle Asche, welche man hat fallen sehen, solange vulkanische Erscheinungen mit Aufmerksamkeit in Italien beobachtet werden. Eine Schicht von 15 bis 18 Zoll scheint, auf den ersten Anblick, unwichtig gegen die Masse, mit der wir Pompeji bedeckt finden. Aber ohne auch der Regengüsse und Anschwemmungen zu gedenken, die allerdings diese Masse, seit Jahrhunderten, vermehrt haben mögen, ohne den lebhaften Streit wieder aufzuregen, welcher, jenseits der Alpen, über die Zerstörungsursachen der kampanischen Städte mit vielem Skeptizismus geführt worden ist: darf man wohl hier in Erinnerung bringen, daß die Ausbrüche eines Vulkans, in weit voneinander entfernten Zeitepochen, ihrer Intensität nach, keinesweges miteinander zu vergleichen sind. Alle auf Analogien gestützte Schlüsse sind unzureichend, wenn sie sich auf quantitative Verhältnisse, auf Menge der Lava und Asche, auf Höhe der Rauchsäulen, auf Stärke der Detonationen beziehen. 

Aus der geographischen Beschreibung des Strabo und einem Urteil des Vitruvius über den vulkanischen Ursprung des Bimssteins ersieht man, daß bis zu Vespasians Todesjahre, d. h. bis zum Ausbruch, der Pompeji bedeckte, der Vesuv mehr einem ausgebrannten Vulkan als einer Solfatara ähnlich sah. Wenn plötzlich nach langer Ruhe die unterirdischen Kräfte sich neue Wege eröffneten, wenn sie Schichten von uranfänglichem Gestein und Trachyt wiederum durchbrachen, so mußten Wirkungen sich äußern, für welche die später erfolgten kein Maß abgeben können. Aus dem bekannten Briefe, in welchem der jüngere Plinius den Tod seines Oheims dem Tacitus berichtet, ersieht man deutlich, daß die Erneuerung der Ausbrüche, man könnte sagen die Wiederbelebung des schlummernden Vulkans, mit Eruption der Asche anfing. Eben dies wurde bei Xorullo bemerkt, als der neue Vulkan im September 1759, Syenit- und Trachytschichten durchbrechend, sich plötzlich in der Ebene erhob. Die Landleute flohen, weil sie auf ihren Hüten Asche fanden, welche aus der überall geborstenen Erde hervorgeschleudert ward. Bei den gewöhnlichen periodischen Wirkungen der Vulkane endigt dagegen der Aschenregen jede partielle Eruption. Überdies enthält der Brief des jüngeren Plinius eine Stelle, welche deutlich anzeigt, daß gleich anfangs, ohne Einfluß von Anschwemmungen, die aus der Luft gefallene trockene Asche eine Höhe von 4 bis 5 Fuß erreichte. »Der Hof«, heißt es im Verfolg der Erzählung, »durch den man in das Zimmer trat, in welchem Plinius Mittagsruhe hielt, war so mit Asche und Bimsstein angefüllt, daß, wenn der Schlafende länger gezögert hätte, er den Ausgang würde versperrt gefunden haben.« In dem geschlossenen Raume eines Hofes kann die Wirkung Asche zusammen- wehender Winde wohl eben nicht beträchtlich gewesen sein. [...]

Es ist oft die Frage aufgeworfen worden: was in den Vulkanen brenne, was die Wärme errege, bei welcher Erde und Metalle schmelzend sich mischen. Die neuere Chemie hat zu antworten versucht: was da brennt, sind die Erden, sind die Metalle, sind die Alkalien selbst; es sind die Metalloide dieser Stoffe. Die feste, bereits oxydierte Erdrinde scheidet das umgebende sauerstoffhaltige Luftmeer von den brennbaren unoxydierten Stoffen im Innern unseres Planeten. Bei dem Kontakt jener Metalloide mit zudringendem Sauerstoff entsteht die Wärmeentbindung. Der berühmte, geistreiche Chemiker, der diese Erklärung vulkanischer Erscheinungen vortrug, hat sie bald selbst wiederum aufgegeben. Die Erfahrungen, welche man unter allen Zonen in Bergwerken und Höhlen gemacht und welche ich mit Arago in einer eigenen Abhandlung zusammengestellt, beweisen, daß schon in geringer Tiefe die Wärme des Erdkörpers um vieles höher als an demselben Orte die mittlere Temperatur des Luftkreises ist. Eine so merkwürdige und allgemein bewährte Tatsache steht in Verbindung mit dem, was die vulkanischen Erscheinungen uns lehren. Es ist die Tiefe berechnet worden, in welcher man den Erdkörper als eine geschmolzene Masse betrachten könne. Die primitive Ursach dieser unterirdischen Wärme ist, wie an allen Planeten, der Bildungsprozeß selbst, das Abscheiden der sich ballenden Masse aus einer kosmischen dunstförmigen Flüssigkeit, die Abkühlung der Erdschichten verschiedener Tiefen durch Ausstrahlung. Alle vulkanischen Erscheinungen sind wahrscheinlich das Resultat einer steten oder vorübergehenden Verbindung zwischen dem Innern und Äußern unseres Planeten. Elastische Dämpfe drücken die geschmolzenen, sich oxydierenden Stoffe durch tiefe Spalten aufwärts. Die Vulkane sind demnach intermittierende Erdquellen; die flüssigen Gemenge von Metallen, Alkalien und Erden, welche zu Lavaströmen erstarren, fließen sanft und stille, wenn sie, gehoben, irgendwo einen Ausgang finden. Auf ähnliche Weise stellten sich die Alten (nach Platons Phädon) alle vulkanischen Feuerströme als Ausflüsse des Pyriphlegethon vor. 

(Alexander von Humboldt: Über das Universum. Die Kosmosvorträge 1827/28 in der Berliner Singakademie. In: http://www.gutenberg.aol.de/index.htm)

Text 6
Ferdinand Gregorovius (1853)

Nachdem sich Ferdinand Gregorovius (1821 - 1891) in Königsberg schon mannigfach als demokratisch gesinn-ter Dichter, Publizist und Historiker betätigt hatte, brach er ohne alle Mittel am 2. April 1852 nach Italien auf. Am 19. April traf er in Venedig ein, Anfang Juli ging er nach Livorno und besuchte vom 14. Juli bis zum 5. September die Insel Korsika. Die Schilderungen der Insel für die "Allgemeine Zeitung" sicherten ihm zunächst den weiteren Aufenthalt in Italien. Auch. später lebte er ausschließlich von seinen schriftstellerischen Arbeiten. Am 2. Oktober 1852 traf er in Rom ein, das auf 22 Jahre sein ständiger Wohnsitz wurde. 1854 faßte er den Entschluß, die Geschichte Roms im Mittelalter zu schreiben. Die dazu nötigen Archivarbeiten führten ihn in die meisten größeren Städte des Landes. Im Juni/Juli 1853 besuchte er Neapel und seine Umgebung und bereiste im ganzen September Sizilien. Die oberitalienischen Städte, Florenz, Perugia, Assisi, Tarent, Bari und viele weitere Städte folgten. Deutschland besuchte er erstmals im Juli bis September 1860 wieder. Eine Professur an der Universität München schlug er 1862 und 1863 aus. Am 6. Februar 1874 wurde seine achtbändige "Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter. Vom 5. Bis zum 16. Jahrhundert" (1859 – 1872) auf den päpstlichen Index gesetzt. Am 15. Juli verließ er Rom und siedelte zu seinen Geschwistern nach München über, besuchte aber bis 1890 alljährlich einmal Rom. 1876 wurde er für sein Geschichtswerk als erster Deutscher und als erster Protestant zum Ehrenbürger der Stadt Rom ernannt.

Man wird schwerlich Neapel verlassen, ohne den Vesuv bestiegen zu haben; aber nicht viele mag es geben, die auch seinen Zwillingsbruder, den Berg Somma besuchten. Alles Interesse nimmt der rauchende Vulkan in Beschlag, so daß seine zweite ausgebrannte Spitze unbeachtet bleibt; und doch gar so schön gipfelt sich die Somma mit ihren steilen schwarzen Lavawänden neben dein Vesuv empor und senkt ihre grünbewaldete Seite in die Ebene Kampaniens allmählich nieder.

Ich beschloß eine Fahrt auf den Berg, denn schon ein Blick von seinem Gipfel auf den Aschenkegel des Vesuv dürfte belohnend sein, da dieser, so von oben herab und in unmittelbarer Nähe angeschaut, sich in einer neuen Form darstellen muß. Wir waren eine heitere Gesellschaft von sieben Männern, darunter auch zwei Naturforscher, ein franzö- sischer Zoologe und ein Arzt aus Tambow in Rußland. Um sechs Uhr morgens fuhren wir von der Stadt aus, und nachdem wir San Giovanni verlassen hatten, wendeten wir uns links durch blühendes Gartenland nach Santa Anastasia unter der Somma. Wir nahmen uns hier Führer, die des Wegs durch die Bergwaldung kundig waren. Ein kräf- tiges Weib trug unsern Speisekorb, und zwei malerisch aussehende Männer, von denen der eine im Gürtel einen langen Dolch und auf der Schulter eine Flinte mit sich führte, schritten uns vorauf. So setzte sich die kleine Karawane in der fröhlichsten Laune in Bewegung, entzückt durch den strahlenden Himmel des Julimorgens und durch die schon jetzt wundersame Fernsicht in das Paradies Kampaniens, welches dem Berge zu Füßen ausgebreitet liegt.

Wir stiegen zuerst durch Gärten aufwärts, in denen der edle Wein von Somma wächst, dann kamen wir in Kastanienwälder, bis das Aufsteigen beschwerlicher und die Bergsenkung immer steiler wurden. Durchweg und bis gegen die Kante des Gipfels ist die Somma mit Kastanienwuchs bedeckt und mit einer üppigen Flora geziert. Feuerlilien, Nelken, Trifolium, purpurnes Antirrhinum, die köstliche Valeriana lockten den Botaniker, während der Zoologe auf die bunten Schmetterlinge eifrig Jagd machte.

Je weiter wir hinaufstiegen, desto wegeloser wurde der Berg; nicht einmal Hirten haben ihre Straße hier ausgetreten; oft verschwinden die schmalen Pfade und verlieren sich in Gebüschen oder in Abgründen und Schluchten. Wir fanden tiefe, steile Rinnen, nun trockengelegte Betten der Regenflut, deren Wände in vulkanischer Aufschichtung bald Asche, bald Lapilli und feste Lava bildeten.

Drei von unserer Gesellschaft stiegen in eine solche vulkanische Schlucht nieder, mit Hammer und Schaufel ausgerüstet, um den Kristallisationen nachzuspüren. Wir fanden ihrer genug in den Grotten, welche hier von der basaltischen Lava und den verhärteten Aschenschichten gebildet sind. Vielfache Eisenkristalle und das herrlichste vulkanische Gestein liegt teils auf dem Boden, teils läßt es sich hervorschlagen; die mineralogische Ausbeute könnte hier groß sein, wenn man sich die Mühe nicht verdrießen läßt und die Gefahr nicht scheut, von den lockern Wänden der Schluchten verschüttet zu werden.

Mit Gestein beschwert gesellten wir uns wieder zu den andern, die unterdes im Schatten des Baumwuchses auf uns gewartet hatten. Wir stiegen rüstig weiter, bis wir, von der Anstrengung des Kletterns und der Sonnenglut erschöpft, ungefähr auf dem zweiten Drittel des Bergs an einer Quelle niedersanken. Die Quellen sind auf der Somma sparsam; unsere Führer nannten diese, deren Wasser nicht reichlich, aber erquickend frisch war, Fontana di Mennone. Wie beschlossen, sie in der Tat Quelle des Memnon zu taufen, den Kastanienhügel aber, auf dem sie fließt, den Berg des Memnon zu nennen. Auch ist alles Gestein ringsum tönend, weil es gebrannt ist; schlägt man mit einem Eisen oder Stock an diese graublauen Tuffe, so klingen sie mit fast metallischem Ton, nicht anders als die Säulen auf dem Forum in Pompeji, wenn man an sie schlägt.

Höher hinauf wurde der Berg immer wüster, mehr und mehr häufte sich die Asche und das Lapilligebröckel; das Aufsteigen ward beschwerlicher, aber auch immer lohnender die Aussicht. Vom Vesuv sahen wir noch nichts, weil der steile Kamm der Somma ihn verdeckte; dagegen erweiterte sich landhinein der Horizont fast mit jedem Schritt und umfaßte eine der erhabensten Ansichten von der Bai Bajäs und den Gipfeln Ischias über Neapel und den Golf hinweg, über die Ebene von Caserta und das ganze große Gartenland Mittelcampaniens bis gegen Sarno hin. Vom Golf, an dem sich das unermeßliche Neapel die Hügel hinaufzieht, bis soweit das Auge zu den Apenninen, den Bergen von Mattese und Santa Vergine reicht, dehnt sich diese Ebene aus; sie gleicht einem ungeheuren Park, von weißen Wegen durchschnitten und bedeckt mit Schlössern, Villen, Kirchen und Klöstern, und mit Städten, die im Grünen inselgleich hervorschimmern. Auf dem letzten Vorhügel unter dem Kamm der Somma standen wir von Entzücken hingerissen, denn wir konnten nun Neapel und das Meer auf der einen, die Ebene Kampaniens auf der andern Seite wie mit einem Blick übersehen.

Wir zählten folgende Städte: Santa Anastasia und Somma, weiterhin Pomigliano d'Arco, Acerra, Afragola, Santa Maria unterhalb Capua, rechts von hier Caserta und sein Schloß, Maddaloni zu Füßen blauer Berge, gerade vor uns, über Somma hinaus, Marigliano, und weiterhin Nola, dann Ottajano, Palma und Sarno, wo die Berge zur äußersten Rechten bei Nocera die Ebene schließen. Es war heute das Fest der Mutter der Gnaden. Aus den Städten unten drang wie dumpfes Pelotonfeuer der Schall von Kanonenschlägen aufwärts, und wie wir hoch auf dem ausgebrannten Krater der Somma standen, glichen die rollenden Schüsse vulkanischen Feuern, die im Innern des Berges verknatterten.

Wenn man dies Meer und Land erblickt, so begreift man, daß wer einst hier Herrscher war, eher sterben als den Verlust verschmerzen mochte; so die Schwaben, so Aragon und Joachim Murat. Auf einem solchen Standpunkt mochte einst der Kaiser Friedrich II. ausgerufen haben: «Jehova würde seinem Moses das gelobte Land weniger angepriesen haben, hätte er Neapel gesehen.» Und nun wartete ein größeres Schauspiel auf uns. Noch sahen wir den Vesuv nicht; wir näherten uns dem Gipfel der Somma, welchen ein hölzernes Kreuz bezeichnet, und noch ein paar Schritte auf dem scharfen Grat vorwärts, so wuchs plötzlich aus dem Boden empor, so stand vor uns die unbeschreibliche Gestalt des Aschenkegels, nah und nächst uns gegenüber. In grellstem Kontrast wurden wir von den lachenden Gefilden Kampaniens in die graue, leichenstarre Todeswüste versetzt, wo die freudenlose Natur in Asche trauert. Die Gewalt dieses Gegensatzes kann ich nicht schildern, noch den Eindruck bezeichnen, den der plötzliche Anblick des dampfenden Aschenberges machte; schien er doch mit einemmal in dämonischer Furchtbarkeit aus dem finsteren Höllenschlund schwefelflammend emporzusteigen.

Von keinem Punkt aus kann der Vesuv ein gleiches Bild gewähren wie von der Spitze der Somma, die ihn an Höhe beinahe erreicht. Wenn man auf dem Wege von Resina zu ihm emporklimmt, sieht man ihn nur von unten auf, hier von oben nach unten; man schaut fast in seinen Rachen hinein und sieht ihn in seiner vollen Gestalt auf dem herrlichsten Hintergrunde von Landschaft und Meer; außerdem hat man das Theater des Sommakraters vor sich mit allen seinen abgestürzten Lavawänden. Wer nun endlich vom Fuß des Vesuvs sich zum Aschenkegel emporwindet, sieht überhaupt nicht mehr die Gestalt desselben, sondern nur seine Asche und Lavafelder.

Drei von uns wagten sich auf dem schmalen Grat des Berges bis an die äußerste Spitze vorwärts, und hier war die Szene diese: dreifach zerschmettert und zerrissen gipfelt sich die Somma dreimal, nach dein Vesuv senkrecht hingestürzt. Zur Rechten und zur Linken starrt der alte zerschellte Krater, ein schwarzer, zerbrochener Trichter, rötliche und graue Felsenzinken, massige, scharfe Lavasplitter werden von zusammengeballtem vulkanischen Geschiebe unterbrochen. Wenn der Beschauer auf dem mittelsten Auslauf des Sommarandes steht, sieht er diesen Rand in pyramidischen Bildungen halbkreisförmig um den Vesuv gebogen, von dem er durch den schwarzen Abgrund getrennt wird. Nah vor den Augen steht der Kegel, überwältigend erhaben, vom Scheitel bis zum Fuß in Asche gehüllt, graugelb von Farbe, nur an den Seiten, wo ihn die Lava überfloß, tiefschwarz gestreift; der Kraterrand hochgelb und weiß umfaßt, einen leichten Dampf ausatmend.

Mit der Bewunderung des Erhabenen verbindet sich das Entzücken über die sanften Formen und Linien dieses schönen Kegels, wie über die nicht zu beschreibende Zartheit seiner Farben. Ich kenne keine Ansicht der Natur, in welcher sich eine so vollkommene Verbindung des Furchtbaren mit dem Reizenden zeigte wie in dem Aschenkegel des Vesuvs; und nun, da ich auch den Krater des Ätna bestiegen habe darf ich sagen, jene Verbindung ist das Charakteristische, welches dem Vesuv eigen ist. Es ist schwermütige Majestät; die Farbe der Asche, mit deren Anblick sich zugleich die Vorstellung des Sanften und Weichen verbindet, ihr bräunlicher oder bläulich milder Ton, endlich die schönen Linien des Kegels kommen hinzu, um ein wunderbares Gemälde hervorzubringen. Wenn die glänzende blaue Meeresfläche, das violette Gebirge und die duftige Landschaft den Aschenkegel als Hintergrund umgeben, und so diese lebhafteren Lichter gleichsam hervorquellen, wird hier eine bezaubernde Farbenstimmung hervorgebracht.

Wir lagerten auf der steilen Wand der Somma, alle Seligkeit der Welt in Himmel, Erde und Meer über, um und unter uns verbreitet. Ruhig ließ uns der Vesuv gewähren; nur aus dem hochgelben Schwefelrande dampfte er, um uns zu sagen, daß mitten in das Paradies aller Wonnen der Dämon der Zerstörung hingestellt sei. jene beiden Lavastreifen, welche den Aschenkegel schwarz einfassen, sind die erstarrten Ströme zweier jüngerer Eruptionen. Der auf der linken Seite stammt vom Jahre 1850 her. Damals hatten sich, gegen den Fuß des Aschenkegels hin, fünf kleine Krater gebildet; wir sahen diese sonderbaren schwarzen Kegel. Herr Berncastel zeigte mir auch die Stelle, wo beim Ausbruch von 1847 ein Amerikaner und ein Deutscher ums Leben kamen. Tollkühn sich vorwagend wurden beide von glühenden Steinen niedergeschlagen.

Ein wunderbares Schicksal traf im Jahre 1822 einen Schuster aus Sorrent. Er war auf den Vesuv gegangen, ohne einen Führer mitzunehmen. Der Krater, ausgeleert durch den Ausbruch vom Jahre 1820, lag frei; der verwegene Mensch stieg hinein, und es wandelte ihn die Lust an, dem Höllengeist nicht allein in den glühenden Rachen zu schauen, sondern ihm als ein obszöner Titane noch ein Schimpflicheres anzutun. Bei dieser Verunglimpfung überfiel ihn ein Schwinde]; der Mann stürzte in den Krater hinab. Erstarrte Lava hielt ihn auf, Mit einem zerschmetterten Bein und Arm blieb er zwei Tage lang am innern Kraterrande schweben, bis einige Vesuvfahrer sein Wimmern hörten. An Seilen zog man den Unglücklichen in die Höhe; der Schuster aber schien die unzerstörliche Natur Ahasvers zu haben, denn er kam aus dem Spital lebend und gesund in seine Heimat zurück. Diese schrecklich heitere Geschichte erzählte uns Don Michele, Pfarrer der Einsiedelei auf dem Vesuv, zu dem wir hinabgestiegen waren. Denn nach einer Stunde Aufenthalts hatten wir den Gipfel der Somma verlassen, um rechts fort zur Einsiedelei zu gelangen.

Die Szene wechselte hier. Ein Nebel kam über den Vesuv gezogen, und ein heftiger Wind jagte sein Gewölk durch Schluchten und Felswände über den Aschenkegel fort - ein prachtvoller Luftkampf, der dem wüsten Schauplatz neues Leben und neuen Reiz verlieh, wenn durch die flatternden Gespinste dunkle Felszacken, Lavablöcke und Krater hervorgrauten. Der Nebel teilte sich bald, und vor unseren Füßen lagen wieder Neapel, der Golf, Capri, Ischia, Misen, und rechts hin die campanische Ebene.

«Voilà la Cléopâtre!» Dieser seltsame Ruf weckte mich aus allen Betrachtungen. Es war der 67jährige französische Naturforscher, der ihn wiederholt ausstieß und fortsprang, die Kleopatra zu fangen, der neue und doch so alte Antonius. Die Neigungen der Menschen sind seltsam. Der liebenswürdige Greis, vorn heitersten Temperament und von unermüdlicher Kraft, würdigte weder den Vesuv noch die Landschaft eines Blicks: er hatte nur Augen für die kleinen Schmetterlinge.

Wir waren auf dem steilen Rande der Somma nicht ohne Gefahr hinuntergestiegen, und nach einem mühsamen Weg über Asche und Lavageschiebe aus dem Jahre i85o, die nun in ihrer Erstarrung einem schwarzen Sturzacker gleichsehen, gelangten wie sehr ermüdet zu dem Eremiten. Die kleine Einsiedelei liegt nahe am Observatorium, einem zierlichen Gebäude von weithin herrschender Lage. Zweihundertjährige Linden umgeben sie, und ihre vom Vulkan unversehrte Kraft belehrte uns, daß dieser Punkt besonders geschützt sei. Es fällt nämlich der Aschen- und Steinregen in einer Parabole über die Einsiedelei hinweg, und der Hügel, auf welchem das Kirchlein steht, wird von dem Vesuv durch eine tiefe Austalung geschieden, also vor jedem Lavastrom geschützt. Außerdem zeigte uns ein schwarzes Schild mit gelben Buchstaben, daß das Ganze in die Magdeburger Feuerversicherungs- gesellschaft eingekauft sei. Am Herde des Vulkans und in unmittelbarer Nähe seiner furchtbaren Verwüstungen ein Magdeburger Feuerversicherungspatent - das ist gewiß im höchsten Maße ergötzlich.

In früheren Jahren wohnte ein wirklicher Eremit an dem Kirchlein San Salvadore; der Pfarrer von Resina hat ihn aus der einträglichen Stelle verjagt und kommt nun selber von Zeit zu Zeit hinauf, dort Messe zu lesen und die Gäste mit Lacrimae Christi zu bewirten. Die kleine Gemeinde besteht aus einigen Kolonen, die am Fuße des Vesuvs sich angesiedelt haben, ferner aus der Bewohnerschaft des Observatoriums und der Gendarmenwache. Zur Pfingstzeit wird hier ein Fest gefeiert; dann kommen von den umliegenden Städten wohl 12000 Menschen herauf und ziehen in Prozession von San Salvadore bis zum Kreuz am Fuße des Vesuvs, um mit Gebeten den Feuerdämon zu beschwichtigen. Nun ruht der Berg seit 1850, und auch damals war seine Verheerung nicht groß, der Lavastrom flog gegen Ottajano in ziemlicher Breite, verwüstete die Gärten des Fürsten dieses Namens und zerstörte das Kloster der heiligen Teresa wie einige Wohnungen.

Nach einem trefflichen Mahl beim Pfarrer Don Michele, der uns obenein die liberalste Rechnung machte, weil er unsern Freund B. persönlich kannte, stiegen wir über die Lavaströme nach Resina hinunter. Dieses schwarze, endlose Lavafeld gewährt einen trostlosen Anblick. Aber auch hier ist der Mensch in seiner alles bewältigenden Industrie bewundernswert; denn kaum ist der Lavastrom erkaltet, so macht er sich daran, ihn zu benutzen. Selbst im Obser- vatorium fand ich die bizarrsten Grotten und Gartenumzäunungen von Lava, und in der Einsiedelei hatten wir unseren Kaffee auf einem zierlich gearbeiteten Tische von Lava getrunken. Man meißelt selbst Büsten aus diesem Material; wie gut es nach Politur sich ausnimmt, sollte ich erst in Catania erfahren, wo die Mannigfaltigkeit der Ätnalaven und ihre schöne Färbung mich in Erstaunen setzte.

Wir stiegen nach Resina nieder. Scharf grenzt hier die Lavawüste an die üppigste Rebenvegetation, und unmittelbar in der Asche selbst entwickelt der Granatbaum seine Blüten, welche so brennend rot sind, als wären sie Blumen gediegenen Feuers. 

Die Fahrt war so heiter und lohnend gewesen, daß wir beschlossen, bald eine ähnliche zu unter- nehmen, und so rollte mit uns wenige Tage darauf der Wagen von neuem über die Magdalenenbrücke nach dem Vesuv hinaus. Diesmal wollten wir seine Ansicht von der entgegengesetzten Seite genießen. Wir fuhren also nach den Lavaströmen von 1850, die sich über Bosco Trecase und Bosco Reale hinaus erstrecken. Zum erstenmal sah ich hier diese merkwürdigen Dörfer, die auf der gefährlichsten Stelle am Vesuv selber sich angesiedelt haben. Ihre Lage mitten unter dem schönsten Grün, welches die vulkanischen Mächte nähren, ist so idyllisch wie die der Ätnadörfer; aber noch mehr als diese haben sie ein so ganz orientalisches Ansehen. Klein und gewölbt wie die Häuser auf Capri, sind ihre Wohnungen aus der schwarzen Lava gebaut, und selbst die Türme der Kirche bestehen aus diesem düstern Material. Das Volk sieht wild, scheu und ärmlich aus - nirgends ein schönes Antlitz. Wir waren in einer Schenke in Bosco Reale abgestiegen, um von dort aus unsere Wanderung nach dem Lavafelde fortzusetzen. Vergebens fragten wir nach Früchten; unsere Begierde nach ihnen wurde durch die Unmöglichkeit sie aufzutreiben gesteigert. Da bemerkten wir plötzlich, daß ein Pferd neben unserm Tisch aus einem Eimer mit größter Seelenruhe Johannisbrotfrüchte fraß. Es gab nun eine wunderliche Szene, da wir alle über den Eimer herfielen und das schmackhafte Pferdefutter mit verzehren halfen. Hier erfuhr ich's handgreiflich, daß man in Neapel die Pferde mit Johannisbrot füttert.

Wir besuchten die Lavaströme. Scharf haben sie in die Weingärten hineingeschnitten, so daß unmittelbar an der Lava vieljährige Ulmenbäume stehen, um welche die Rebe ihre Girlanden schlingt. Um so grauenhafter erscheint durch den Kontrast des heitersten Lebens der Natur die schreckliche Verwüstung. Ich sah auch die Trümmer vom Palast des Duca di Miranda in der Lava und Spuren anderer verheerter Wohnungen. Immer gleich prächtig zeigte sich auch von dieser Seite der Aschenkegel.

So war ich denn genugsam in die Mysterien des Vulkans eingeweiht, um nun endlich auch seinen Krater zu ersteigen. Ich hatte mir oft erzählen lassen, daß dieses Anklimmen auf den Aschenkegel ermüdender sei als die Besteigung des Ätna. Nachdem ich beide Mühsale genossen habe, darf ich sagen, daß mir das Erklettern des Vesuvs wie ein Spaziergang vorkommt gegen die ungeheure Anstrengung, welche der Ätnakegel kostet, zumal in so verdünnter Luft und bei so starken Gasausströmungen des heißen und schwankenden Bodens. Ja, wenn man durch jene Phlegräischen Wüsten des Ätna, die nimmer zu enden scheinen, und über jene gigantischen Lavafelder stundenlang geritten ist, will dieser städte- und volkverschlingende Vesuv sich zu einem artigen Feuerspielzeug für die Neapolitaner verkleinern. Indes gewährt sein Krater doch ein gedrängteres und lebhafteres, farbenglühenderes Gemälde der Hölle, als ich auf dem Ätna sah.

(Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien. 3. Aufl. München: Beck 1978. S. 519 – 525.)

 

Text 7
Ernst Haeckel (1859)

Nach dem Studium der Medizin und Naturwissenschaften war Ernst Haeckel (1834 - 1919) 1856 Assistent von Rudolf Virchow geworden. Am 28. Januar 1859 brach er zu seiner ersten Forschungsreise nach Italien auf, um die Mikrofauna des Mittelmeeres zu studieren. Über Genua, Florenz und Pisa kam er am 21. Februar nach Rom, wo er bis zum 25. März blieb. Am 28. März war er in Neapel. Nach dem Besuch der Umgebung - auf Ischia lernte er den norddeutschen Dichter Hermann Allmers kennen - arbeitete er in Neapel, war vom 6. August bis 2. September mit Allmers auf Capri und brach am 9. September nach Sizilien auf. Nachdem er fünf Wochen lang die Insel bereist hatte, setzte er seine Forschungen in Messina vom 16. Oktober bis zum 1. April 186o fort. Am 6. April traf er auf der Rückreise in Paris ein. - Von 1865 bis 1908 war Haeckel Professor der Zoologie in Jena. Auf der Forschungsreise nach Sizilien wurde Haeckel erst zum selbständigen Naturforscher. Ihr Ergebnis war die "Monographie der Radiolaren" (1861), die ihn in die vorderste Reihe der zeitgenössischen Zoologen rückte. Auch seine späteren Forschungen galten besonders den niederen Meerestieren.

Neapel, 20. 5. 1859. Freitag 

Ich ging diesmal ganz allein, fuhr um 5 Uhr auf der Eisenbahn nach Portici und stieg dann über Resina zwischen den Mauern der Fruchtfelder und Orangengärten empor. Die Lava war seit meinem ersten Besuch (vor 4 Wochen) etwa eine Viertelstunde weiter heruntergerückt und hatte die in Schlangen- windungen aufsteigende schöne neue Straße an vier Stellen überflossen und unterbrochen. Die Villa Fiorillo, bei der damals der Lavastrom zum erstenmal die Chaussee kreuzte, lag schon tief darin begraben, die damals blühenden Obstgärten und Weinberge waren mit der undurchdringlich festen schwarzen Decke verhüllt. Zufällig traf ich ein paar Träger, die zum Kegel herauf stiegen und deren Schritten folgend ich glücklich über das unterste Ende des Lavastroms hinwegstieg, aus dem überall klei- ne glühende Bäche hervorquollen und die vorliegende Pflanzung anzündeten, Die Stücke, auf denen ich den Übergang suchen mußte, waren noch ganz heiß, dampften mächtig, und 1/2 Fuß darunter, oft auch rings von allen Seiten, schoben sich die glühendflüssigen Massen über- und durcheinander hervor. Auf der Höhe der Bank stand ein mächtiger ausgehöhlter Lavablock, aus dessen Innern kaskadengleich ein Feuerstrom hervorkam und sich über eine steile Böschung etwa 30 Fuß hoch herabwälzte, Die eigentümliche Bewegung der dickflüssigen, breiartigen Kieselverbindungen ließ sich hier schön in der nächsten Nähe beobachten. Da die Reibung an den unebenen, einschließenden Wänden sehr stark ist, so fließen die beiden Seitenteile des Stroms viel langsamer als die Mitte, und so entstehen die strickförmigen, nach innen konvex vorgewölbten Linien auf der Oberfläche, die rasch erstarrt, während die Masse zunächst darunter noch lange flüssig bleibt. Diese konzentrischen Liniensysteme erinnern ganz an die sogenannten Gufferlinien der Gletscher, ebenfalls nach vorn vorgewölbte, erhabene Krümmungen der Gletscheroberfläche, die auch der gleichen Ursache, dem rascheren Fluß der Mitte, ihre Entstehung verdanken. Überhaupt fiel mir heute wieder mehrfach die Analogie zwischen manchen charakteristischen Bildungen der Lavaströme und der Gletscher auf. Nur ist natürlich die Schnelligkeit der Bewegung bei ersteren viel, viel bedeutender, da die Masse viel dünnflüssiger ist als das Gletschereis, dessen Körner viel inniger zusammenhängen und sich schwerer verschieben. Die Fortbe- wegung in dem selbstgegrabenen Bett hat aber viel Ähn-liches. Besonders muß dies bei einem großen, breiten Lava- strom der Fall sein, der, wie es bei den meisten Eruptionen der Fall ist, gleich nach dem Ausfließen erstarrt. Der Lava- strom, dessen Fluß noch gegenwärtig fortdauert, unterscheidet sich aber darin merkwürdig von allen andern, frühe- ren, daß er gleichsam chronisch ist, während jene alle mehr oder weniger akut waren. Elf Monate fließt nun bereits ununterbrochen die Lava aus und hat bereits eine ungeheure Schlucht an der Westseite völlig ausgefüllt. Während die feuerflüssigen Silikate sonst aus einer einzigen großen Auswurfs-öffnung in dickem Strom hervorquellen, findet hier umgekehrt der Ausfluß aus vielen tausend kleinen Öffnungen statt, deren Lage man unter den hoch darüber aufgetürmten, schon erstarrten Massen nicht mehr angeben kann. Der ganze Boden darunter muß trichterförmig durchlöchert und die ganze Masse von einem glühendflüssigen Adernetz durchzogen sein. Oben, unten, an den Seiten, überall, wo sie sich zufällig Bahn brechen, dringen Hunderte von kleinen Feuerquellen hervor und verändern die Bodenformation wesentlich auch noch da, wo man sie schon längst fixiert glaubt. Ich sah heute den Ausfluß aus mehreren kleinen Mündungen ebenso reichlich und lebhaft an einer schon eine halbe Stunde höher gelegenen, größ- tenteils schon ganz erstarrten Decke wie an dem jüngsten untersten Teile, der sich noch mit relativer Schnelligkeit verschob. Über einen stark geneigten kleinen Abhang des letzteren floß die Lava am Abend, wo ich über 2 Stunden dabei stand, gegen 4 Fuß weit vor. Meist geht es aber viel langsamer.

Nachdem ich die erste, unterste Lavamasse passiert hatte, mußte ich noch über drei andere wegklettern, die die Stra- ße neuerdings wieder überschritten hatten, ehe ich auf die alten Laven kam, auf denen man zum Osservatorio empor- steigt. Da die Morgennebel sich noch nicht ganz niedergeschlagen hatten, blieb ich hier bei dem etwas oberhalb gele- genen Kreuz sitzen und machte eine Aquarellskizze von dem prächtigen Bild, in dem der Golf von Neapel hier in prächtiger Rundung vorlag. Um Mittag wollte ich endlich zum Kegel selbst aufsteigen; da sich jedoch eine dichte Wolke unbeweglich um sein Haupt gelagert hatte und auch weiterhin die Berge von Sorrent und die Inseln im Nebel noch verhüllt waren, so wäre die Aussicht heut nicht lohnend gewesen, weshalb ich nur bis in den Sattel zwischen Somma und eigentlichem Vesuv hineinstieg und am Fuß des eigentlichen Aschenkegels, im Atrio dei Cavalli sitzend, eine Skizze von den außerordentlich wilden, zerrissenen, nackten Felsenformen entwarf, in denen der Kamm der Somma fast in Form eines Amphitheaters sich um das Atrio ringsumher zieht. Gegen Abend kletterte ich noch auf den alten, vielfach durcheinander gemengten Laven umher, welche den Boden dieses Sattels erfüllen und die größte Fülle von abenteuerlich und phantastisch geformten Schlackenlaven darbieten. [...]

Der Abend auf dem Vesuv war sehr schön. Die Inseln und der Posilip erschienen gegen Sonnenuntergang im herrlichsten Blaulicht. Ich eilte rasch vom Observatorium über die Lavafelder hinunter, um noch vor Dunkelwerden wieder auf festem Boden, d. h. jenseits der letzten, noch feuerflüssigen Strecke zu sein, kam aber kaum noch vor Toresschluß hinüber. Ich mußte lange probieren, ehe ich für die letzte Strecke zwischen den hervorquellenden Feuerbächen hindurch einen sicheren Pfad gefunden hatte, und hätte mir doch beinah zuguterletzt noch die Sohlen verbrannt. Meine schweren, dicksohligen und eisenbeschlagenen Alpenschuhe leisteten mir dabei wieder die trefflichsten Dienste. Das herrlichste Schauspiel wartete aber meiner noch, als es ganz dunkel wurde; ich glaubte mich wirklich in ein orientalisches Märchen versetzt. Die roten Feuerströme, die zu Hunderten aus den Flanken des Berges hervorquollen, erschienen in der schwarzen, mondlosen Nacht überaus herrlich und lieferten ein Schauspiel, das seinesgleichen suchte und das sich die lebhafteste Phantasie kaum prächtiger vorstellen kann. Besonders herrlich erschienen die kleinen Feuerquellen in unserer nächsten Nähe, an die ich bis auf 2 Fuß Entfernung herankletterte, um so die interessanten Bewegungserscheinungen in nächster Nähe zu beobachten. Sehr interessant war das Fortwälzen des äußersten Vorderteils des Stroms, der, wenn er an einem kleinen Absturz oder einer Lavaklippe angelangt war, abbrach und wie ein roter Goldklumpen halb fließend, halb rollend ein paar Schritt weiter hinunterfiel. Das Schauspiel war so überaus herrlich, so reich an immer neuen und wechselnden, prachtvollen Szenen, daß ich über 2 Stunden dort verweilte. Erst um 9 1/2 Uhr schickte ich mich an, noch die 2 Stunden nach Neapel zu Fuß zu laufen.

(Ernst Haeckel: Briefe an die Braut 1859/60. Zit. n.: Eberhard Haufe (Hrsg.): Deutsche Briefe aus Italien. 3., erw. Aufl. Leipzig: Koehler 6 Amelang 1987. S. 402 – 405.)
 

Abb. 3: Carl Ludwig Frommel: Neapel (1840)
 

 
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