Thomas Gransow
Wolf-Ullrich Malm
 

Neapel und die Halbinsel von Sorrent
 

 Neapel

Castel Nuovo: Triumphzug


 


Text 1
„... dass Augeneindrücke sich dem Gemütshaushalt
stärker einprägen als Wortnachrichten ...“

„Bei dem einfachen Volk dringen die Dinge wirksamer über die Augen als über die Ohren ein, denn das Volk verinnerlicht besser das, was es sieht, als das, was es hört.“

Diese Feststellung hat ein politisch erfahrener Mann, ein Ratgeber, dem englischen König Heinrich VIII. im Jahre 1533 mitgeteilt, als es darum ging, dem Volk den Abfall von der römisch?katholischen Kirche plausibel zu machen. Der König, so empfiehlt der Ratgeber weiter, möge einen großen Umzug veranstalten, auf dem der Papst verspottet werden solle und der König mit Bildern die Gründe für sein Vorgehen veranschaulichen solle.

Die Auffassung des königlichen Ratgebers, daß die Rede, das diskursive Argument, beim einfachen Volke weniger ausrichtet und weniger Eindruck macht als die visuelle Darbietung; daß Augeneindrücke sich dem Gemütshaushalt stärker einprägen als Wortnachrichten, entsprach einer jahrhundertelangen kirchlichen Erfahrung. Der Bischof von Vitry hatte im 13. Jahrhundert eine alte kirchliche Maxime zusammengefaßt, als er sagte: „Den Laien muß man alles sinnlich und anschaulich vor Augen führen.“
Ob man diese Meinung für richtig hält oder nicht: die meisten politischen Instanzen haben sich daran gehalten. Giulio Romano hat als Organisator aller visuellen Staatsakte der Gonzaga-Dynastie in Mantua auf diese Wirkkraft der Bilder hinweisen wollen, als er über dem Kamin in seinem Prachthaus eine Szene zeigte, in der eine Volksmenge mit allen Zeichen der Hingabe und Verehrung vor der Statue eines Imperators niederkniet.

Im Jahre 1719 hat ein Spezialist der Zeremonialwissenschaft, Johann Christian Lünig, erklärt: „Die meisten Menschen, vornehmlich aber der Pöbel, sind von solcher Beschaffenheit, daß bei ihnen die sinnliche Empfindung mehr als Witz und Verstand vermögen; deshalb werden sie durch Dinge, welche die Sinne kitzeln und in die Augen fallen, mehr als durch die bündigsten und deutlichsten Motiven commovieret. Wenn man dem gemeinen Volk hundert und aber hundert mal mit auserlesensten Worten und Gründen vorstellte, daß es seinem Regenten gehorchen sollte, weil es dem göttlichen Befehl und der gesunden Vernunft gemäß wäre, dieser König sich aber in Kleidung und sonst in allem so schlicht wie ein gemeiner Bürger aufführte, so würde man wenig ausrichten. Allein man stelle demselben gemeinen Volk einen Fürsten vor, der prächtig gekleidet, mit vielen Hofleuten umgeben, von verschiedenen auswärtigen Prinzen und Gesandtschaften verehrt und von einer ansehnlichen Garde bedeckt ist, so wird das Volk anfangen, sich über dessen Hoheit zu verwundern, diese Verwunderung aber bringet Hochachtung und Ehrfurcht zuwege, von welchen Untertänigkeit und Gehorsam herkommen.“

Mitten im Zeitalter der Aufklärung wird darauf hingewiesen, daß die „sinnliche Empfindung und Einbildung mehr als Witz und Verstand vermögen“, daß vornehme Kleidung, glanzvolle Begleitschaft, eine ansehnliche Garde, prächtige Zeremonien und Feiern, also eine eindrucksvolle visuelle Inszenierung, Verwunderung und Erstaunen wecken, aus denen Ehrfurcht und Gehorsam erwachsen. Wenn ein Herrscher in schlichten Kleidern eines Bürgers daherkäme, könnte er „hundert und aber hundert mal“ die vernünftigsten Gründe vortragen, und doch würde er nicht die geringste Chance haben, Aufmerksamkeit und Gehorsam zu finden. „Und aus diesem Grunde“, so schließt Lünig, „haben sich die frömmsten Könige unter dem Volk Gottes nicht enthalten, ihren Hofhaltungen durch angeordnete Ceremonien und prächtige Feiern Ansehen zu geben.“

Wenn die politischen Machthaber nur halbwegs nach diesen Einsichten auch gehandelt haben, dann hat sich ein Hauptgewicht ihres politischen Wirkens in der Vergangenheit nicht in schriftlichen Akten, nicht in Verträgen, Abkündigungen, Dekreten und „Zeytungen“, nicht in Büchern, Kompendien, Staatslehren und Pamphleten niedergeschlagen, sondern in Zeremonien, in Schaustellungen, Schaumünzen, Festivitäten, Theatern, Aufzügen, Paraden, Gebäuden, Gärten, Bildern, Denkmälern, Medaillen, Transparenten, Baletten, Wasserspielen und Feuerwerken, also im Gegenstandsfeld der politischen lkonographie. [...]

[Auf diese Weise] deutlich zum Ausdruck, daß die politische Bildproduktion der Neuzeit eine Öffentlichkeit hatte, mit der gerechnet werden mußte, ob sie nun pauschal als Volk bezeichnet war oder ob sie auf Militärs, auf Stände, städtische Honoratioren, Zünfte, hohe Gäste und Gesandte oder aber auf höfische Klientel, auf höfische Cliquen, hohe Prälaten oder schreibmächtige Humanisten und Juristen eingegrenzt war. Ein nicht geringer Bildbestand ist von diesen Adressaten herrscherlicher Bildpolitik an die Herrschenden selbst zurückadressiert, etwa wenn bei Festen, Gottesdiensten, Prozessionen, Einzügen, Huldigungen oder Audienzen sich Gelegenheit ergab, der Obrigkeit mithilfe von Bildern Wünsche und Hoffnungen, Forderungen und Urteile mitzuteilen.

Aus dem Stellenwert, den Bilder im politischen Leben gewinnen konnten, ergeben sich für die ikonographische Forschung besondere Probleme und Aufgaben. In dem üblichen ikonographischen Deutungsverfahren sind die politischen Botschaften künstlerischer Produkte Willensleistungen einer einzigen maßgeblichen Machtquelle. Diese kann ein frommer Stifter, ein wohlhabender Kaufmann, ein machthungriger Condottiere, ein mächtiger König oder ein städtischer Rat sein. Diese Besteller werden als allmächtige Instanzen vorgestellt, die den Künstlern ihre Absichten und Ansichten eingeben und diktieren.

Eine politische Ikonographie, welche den Bildern eine aktive Rolle im politischen Raum zutraut, berücksichtigt jedoch, daß auch bei Bildern ein Sender, der einem Empfänger etwas mitteilen will, die sprachlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten, die mentalen Dispositionen, die Bedürfnisse und Erwartungen, Normen und Wertvorstellungen dieser Empfänger kennen und aufnehmen muß, wenn seine Botschaft die Chance einer Wirkung haben soll. Diese einfachste Voraussetzung zwischenmenschlicher Mitteilung bedeutet für die herrschaftliche Bildproduktion, daß diese von »oben«, vom Besteller zwar veranlaßt, deshalb aber von diesem noch nicht besetzt und determiniert sein muß; daß in dem nach »unten« gerichteten Bild auch die Wünsche, Erwartungen, Bedürfnisse von „unten“ enthalten sein müssen; daß diese zumindest einen Anteil an der Bildwirklichkeit haben müssen, und sei es nur, daß sie über den formenden Künstler Eingang in die Bilder gefunden haben. [...]

Offensichtlich genügt es also nicht, daß ein zur Aufstellung auf dem Platz bestimmtes Werk dem Herrscher allein gefalle; es muß darin auch das „Volk“, der Angesprochene sich wiedererkennen, darin einen Anklang eigener Vorstellungen finden, wenn es wirksam werden soll.

Ein großer Teil fiktiver Aufladung vergangener Bilder rücken in eine neue Perspektive, wenn man sie als Ausgleichserzeugnisse zwischen den Wirkungs- und Lebensinteressen von Auftraggeber und den Adressaten angesiedelt sieht. Wenn immer wieder Ratsherren ihr Regiment als ein salomonisches, als ein ideales gutes Regiment preisen; wenn Könige ihre Kriegszüge als Georgs-, Michaels- oder Herkuleskämpfe verklären; wenn Fürsten heute als Felsen im Sturm, morgen als Sonne, sodann als gute Hirten, als seetüchtige Steuermänner; wenn ein Potentat als neuer Augustus, Alexander oder Caesar, als David, Jupiter oder Jacobus vorgestellt wird: dann heißt das nicht, die betreffenden Herrscher hätten sich entsprechend gefühlt und die Untertanen hätten sie gehorsamst entsprechend eingeschätzt. Allein die Tatsache, daß solche Verkleidungen der Herrscher mit Vorliebe auf Triumphbögen bei Einzügen in Städte angeboten wurden, daß also diese Bögen oft von den Bürgern, vor allem den Zünften bei der Ankunft des Herrschers errichtet wurden, muß den Verdacht nähren, daß vielleicht jener Fiktionsapparat nicht naiv, sondern postulativ vorgetragen wurde: die Fürstlichkeiten sollten sich gemäß jenem fiktiven Rollenspektrum, in dem sich ja Erwartungen und Handlungsnormen ausdrückten, verhalten.

In dem profanen, ganz innerweltlich konzipierten Fiktionsapparat, der über Jahrhunderte immer wieder vorgetragen wurde, stellt sich so etwas wie ein politischer Werte- oder Wunschraum her. Man kann es so sehen, daß dieser fiktive Wertekatalog mit und nach der Französischen Revolution in die Verfassungen und in die Programme der Parteien einging, also greifbar oder wählbar gemacht worden ist. Damit war er als Gegenstand der Kunst hinfällig geworden.

Die neuen visuellen Massenmedien, welche die Aufgaben der handwerklichen Bildproduktion in den modernen Demokratien übernehmen, arbeiten mit zahlreichen Motiven, Rezepten und Techniken, mit denen schon die alten Künste erfolgreich gewesen waren. Im Sinne einer rigorosen Aufklärung mag man bedauern, daß die politische Meinungsbildung noch immer weniger mit Hilfe diskursiver Argumente als mit Hilfe visueller Inszenierungen oder optischer Reizwerte ausgebildet wird, so daß von dem gegenwärtigen System als einer „Telekratie“ gesprochen wurde. Vielleicht aber ist man den Bedürfnissen der Menschen näher, wenn man vorurteilsfrei untersucht, warum sie sich sinnlich vor Augen führenden Argumentationen zugänglicher zeigen als rational ausgeklügelten Sätzen.

(Manfred Warnke: Politische Ikonographie. In: Andreas Beyer (Hrsg.): Die Lesbarkeit der Kunst. Berlin: Wagenbach 1992. S. 23 - 28.)
 
 

Text 2
»Alphonsus triumphans«

In [...] aufwendiger Weise [...]und zudem an exponierter Stelle hat Alfonso den Rekurs auf den antiken Gründungsmythos Neapels ins Bildwerk setzen lassen: Im Fries des Triumphbogens am Castel Nuovo, dem unumstrittenen künstlerischen Hauptwerk der alfonsinischen Ära, hat er die Erinnerung an die mythische Sirene/Nymphe monumental festgehalten. Bevor diese Beschwörung der urbanen Herleitungsformel zum steinernen Wandbild werden konnte, mußte Alfonso sich der Übereinkunft mit seinen neuen Untertanen versichern.

Zu den ersten öffentlichen programmatischen Bekundungen seiner Regentschaft zählt der Triumphzug, mit dem Alfonso die Stadt wenige Monate nach ihrer Eroberung (am 2. Juni 1442) und nach Einnahme der nördlichen Regionen am 26. Februar 1443 spektakulär in Besitz nahm. Dieser trionfo zählt zu den frühesten Zeugnissen dieser Gattung im Zeitalter der Renaissance und hat schon allein aus diesem Grunde immer wieder die besondere Aufmerksamkeit der Forschung gefunden. [...] 
Als geschickt inszeniertes Zeremoniell darf dieser Triumph zu den prominenten Beispielen der politischen lkonographie zählen. Es gibt kein vergleichbares Ereignis, das auf solch drastische Weise die Besonderheit Neapels, seiner Stadtgeschichte und seines Erscheinungsbildes deutlich macht. [...]

Antike Regeln befolgend, hatte Alfonso sich einige Tage vor dem Triumphzug außerhalb der Mauern aufgehalten und die Stadt nicht betreten. Im Kloster S. Antonio hatte er sich auf den triumphalen Einzug vorbereitet. [...] Der Einzug erfolgte in der Nähe der Porta Carmelitana. In die Stadtmauer hatte man eine Bresche schlagen lassen. Auch diese „martialische“ Zugangsform zur Stadt im Rahmen eines Triumphes wurde von den Zeitgenossen mit antiken Beispielen begründet; [...] Nero [...] war nach seiner Rückkehr aus Griechenland feierlich in Neapel eingezogen und betrat die Stadt auf einem von Schim-meln gezogenen Wagen durch ein niedergelegtes Mauerstück. [...]

Der Festzug, der sich bei der Chiesa del Carmine versammelt hatte, zog dann zur Piazza del Mercato. Den Platz schmückte ein ephemerer Triumphbogen aus vergoldetem Holz, der die aragonesischen Impresen und panegyrische Inschriften trug. Ihn bekrönten Trompetenbläser, wohl als Fama-Allegorien, und sechs jugendliche Sänger, die als geflügelte Nymphen verkleidet waren. [...] Daß Alfonso den Zug zu einem ersten zeremoniellen Akt gerade auf diesem Platz anhalten ließ, findet nicht zuletzt darin eine Erklärung, daß ebendort 1268 der letzte Staufer, Konradin, enthauptet worden war und Alfonso ja wiederholt und demonstrativ an das staufische Erbe anzuknüpfen versuchte. Obgleich Alfonso vornehmlich darum rang, offiziell als legitimer Erbe des Hauses Anjou?Durazzo anerkannt zu werden, muß ein solcher Verweis auf die durch die Anjou um ihre süditalienische Herrschaft gebrachten Staufer dem nicht zwangsläufig widersprechen. Alfonso nämlich reklamierte damit gewissermaßen sämtliche herrschaftlichen Traditionslinien Neapels für sich. Dafür spricht etwa auch, daß die Lehne seines Thrones während des Triumphs von 1443 ein Mantel schmückte, der einst René von Anjou gehört hatte. Und immerhin hatte der Triumphzug selbst in den feierlichen Einzügen Friedrichs II. in Jerusalem (1229) und in Rom (im Anschluß an den Sieg von Cortenuova im Jahre 1237) seine unmittelbaren prominenten Vorgänger.


 
Abb. 1: Triumphwagen Alfonsos nach Giovanni Antonio Summonte (Holschnitt, 1675)


Alfonso fuhr auf einem vergoldeten Triumphwagen und saß, in ein rotes Gewand gehüllt, auf einem goldenen, mit Purpur geschmückten Thron. Zu seinen Füßen, ihm gegenüber, erhob sich der siti perillos (auch: sedia periculosa), die Devise Alfonsos. Die Spitze des Zuges, die maßgeblich von Florentiner Kaufleuten gestaltet und finanziert worden war, setzte sich aus Priestern, Musikern (Tubabläsern) und jungen bewaffneten Reitern zusammen. »[...] Ihnen folgte«, so berichtet Il Panormita, »die Herrin der Dinge, Fortuna, auf einem bemalten und mit Teppichen bedeckten Gerüst, und sie wurde wie auf einem hohen Wagen gezogen, die Locken fielen ihr lang ins Gesicht, das Hinterhaupt wiederum war kahl, unter ihren Füssen war eine ungeheuer grosse goldene Kugel, und diese hielt ein Kind mit engelgleichem Aussehen mit ausgestrecktem Arm empor, aber der Engel stand mit seinen Füssen im Wasser. Der Fortuna folgten in mäßigem Abstand sechs jun-ge Frauen auf schönen gesattelten Pferden, das ganze Äussere war überaus ehrwürdig und nach der Antike. Damit die anderen sie erkennen könnten, trugen sie ihre Insignien zur Schau. Zuerst vor allen die gekrönte Spes, die nächste Fides mit dem Kelch, hierauf Charitas, die ein nacktes Kind zeigte. Als vierte in der Reihe schritt Fortitudo einher, eine Marmorsäule mit der Hand emporhaltend. Die fünfte war Temperantia, Trinkschalen in den Händen, um Wein mit Wasser zu mischen. Die letzte war Prudentia, die dem Volk in der rechten Hand einen Spiegel, in der linken eine Schlange zeigte. Justitia blieb noch übrig, welche gleichwie eine Königin vor den anderen mit einem Pferd nicht zufrieden, auf einem reich geschmückten glänzenden Gerüst geführt wurde, wobei sie hoch aufragte und durch Schmuck und Pflege auffiel, in der rechten Hand ein nacktes Schwert, in der linken eine Waage tragend, als wolle sie ihrem Gefolge und den Einwohnern ihre Macht zeigen. Hinter ihr war an höherer Stelle ein Thron aufgestellt und dieser war mit Gold und Purpur geschmückt. Über dem schienen drei Engel gleichsam vom Himmel herabzusteigen, und sie versprachen dem eine Krone, der einen solchen Thron wegen seiner Gerechtigkeit verdienen würde. Diesem wunderschönen Sitz folgte eine große Menge von Reitern, nach Kleidung und Aussehen Fürsten und Vornehme verschiedener Völker. So wie diese nun dem Sitz folgten, so gingen dem Wagen die Masken des Kaisers voran. Es kam nämlich Caesar auf einem sehr hoch aufragenden und reich verzierten Gerüst gefahren, zu welchem man auf mit Teppichen bedeckten Stufen hinaufstieg. Es stand wirklich Caesar da, das Haupt mit Lorbeer umkränzt, in Waffen, den Feldherrnmantel umgelegt, in der rechten Hand das Zepter vor sich haltend, in der linken die goldene Kugel Unter seinen Füßen bewegte sich ständig die Welt in Form einer Sphäre. Und er stellte sich vor Alphonso und hielt eine Rede in volkstümlichem Versmass. [...]. Als er gesprochen hatte, mischte sich Caesar unter das Heer, und es folgten in zwei Reihen Florentiner, ungefähr vierzig an der Zahl, sämtlich mit purpurfarbenen und scharlachroten Tuniken. Danach kamen die Spanier, die die Lateiner Keltiberer nennen, im Volksmund aber Katalanen, und sie führten unter großem Zulauf der Leute große Spiele für ein Schauspiel durch, [...]. 

Danach wurde ein hölzerner, in wunderbarer Weise geschmückter Turm gebracht, dessen Eingang ein Engel mit einem gezogenen Schwert bewachte. Denn darüber wurde dieser von vier Tugenden regiert: Magnanimitas, Constantia, Clementia, Liberalitas. Diese trugen vor sich den gefährlichen Thron, jenes königliche Insignum, wobei jede ihr Lied in Versen sang. Als erster von allen sprach der Engel den König mit ungefähr diesen Versen an: „Alfonso, König des Friedens, ich biete Dir hier diese Festung an und übergebe Dir die daraufstehenden vier Tugenden, die Du immer verehren und hochhalten sollst, die nun Dich, den Triumphator, begleiten wollen.“ 

Als nächstes ermahnte die Magnanimitas den König zu einem hervorragenden Mut, daraufhin zeigte sie ihm jene von den Spaniern besiegten und in die Schlucht geschlagenen Barbaren, damit der König einsähe, daß die Spanier, wenn sie einmal Krieg beginnen sollten, gegen die Ungläubigen und gegen jene, die vom Namen Christi abfallen, sofort bei der Hand sein würden und ohne Zweifel als Sieger aus der Schlacht zurückkehren würden. 

Die dritte war das Würzkraut aller Tugenden, Constantia, und sie ermahnte den König, daß er die menschlichen Unglücksfälle, wann immer sie eintreten, bewehrt und mit festem Mute ertrage, und daß er sich von seinem ehrenvollen und glorreichen Vorsatz durch kein Unglück abbringen lassen sollte, weil nämlich jedes Schicksal (Fortuna) durch Ertragen besiegt werde. 

Die Clementia mit einem Gesicht heiterer als das der anderen, betrachtete sich im König wie in einem Spiegel. „Die übrigen Schwestern, oh König“, sagte sie, „machen Dich unter den Sterblichen ganz hervorragend. Ich aber mache Dich nicht den Menschen, sondern den unsterblichen Göttern gleich. Jene haben Dich siegen gelehrt, ich die Besiegten zu verschonen und sie Dir zu versöhnen.“ Dies kurz gesagt, schwieg sie. 

Die Liberalitas zuletzt verschwendete Geld an die Volksmenge, womit sie zeigte, daß der König mit dem Ruhm seiner Taten zufrieden sei und alles übrige dem Volke schenke [...].« Anschließend bewegte sich der Zug durch die innere Stadt, suchte die einzelnen, festlich geschmückten Seggi auf, zog am Dom vorbei und endete schließlich am Castel Capuano, wo der Festtag mit einer Theateraufführung beschlossen wurde.

(Andreas Beyer: Parthenope. Neapel und der Süden der Renaissance. Berlin: Deutscher Kunstverlag 2000. S. 30 - 36.)
 
 

Text 3
Vorbild: Römischer Triumphzug

Da ist die Halle der Oktavia. Verfallen und verbaut ragen ihr, großen Bogen und Pfeiler hart neben dem Ghetto auf. Hier war es, wo einst Vespasian und Titus den Siegeszug über Israel mit festlichem Schaugepränge einleiteten. Damals stand dort zuschauend ein Jude, Begleiter und Schmeichler des Titus, Flavius Josephus, der bekannte Geschichtsschreiber. Er schämte sich nicht, dem Triumph über sein eignes Volk beizuwohnen, an dem Glanz des Aufzugs sich zu weiden und ihn schmeichlerisch zu beschreiben. Dem niedrigen Judenhöfling verdanken wir die Schilderung jenes Triumphes. „Nachdem,“ so erzählt er, „das ganze Heer in Reih und Glied unter seinen Führern bei Nacht herangezogen und vor den Toren, nicht des oberen Palastes. sondern des Isistempels aufgestellt war (dort brachten die Imperatoren die Nacht zu), traten mit Tagesanbruch Vespasian und Titus mit Lorbeerkränzen und im Purpurgewand hervor und schritten nach der Halle der Oktavia. Dort warteten ihrer Ankunft der Senat und die höchsten Beamten sowie die Ritter vom höchsten Rang. Vor den Hallen war eine Bühne angebracht, worauf elfenbeinerne Stühle standen; diese bestiegen die beiden Kaiser und setzten sich, sogleich erhob das Heer ein Jubelgeschrei und pries ihre Taten. Auch die Soldaten waren unbewaffnet, in seidenen Gewändern und mit Lorbeer bekränzt. Nachdem Vespasian ihren Zuruf empfangen hatte, unterbrach er ihren Jubel und gab das Zeichen zum Schweigen. Sogleich entstand tiefe Stille. Vespasian erhob sich, verhüllte sein Haupt mit dem Gewande und sprach ein Dankgebet. Das gleiche tat Titus. Nach dem Gebet richtete Vespasian in die ganze Versammlung einige Worte und entließ dann die Soldaten zu dem nach herkömmlicher Sitte von den Imperatoren bereiteten Mahl. Er selbst ging nach dem Tor zurück, das den Namen Triumphtor führt, weil es immer bei diesen Gelegenheiten durchzogen ward. Dort genossen sie etwas Speise, zogen die Triumphkleider an, opferten in dem an das Triumphtor angebauten Tempel, und nun begann der Umzug, und zwar mitten durch das Theater, damit das Volk alles desto leichter sehen könnte.

Es ist unmöglich“, so fährt Josephus fort, „die Mannigfaltigkeit dieses Schauspiels und die Pracht in jeder Hinsicht, sei es in bezug auf die Kunst der Werke oder auf Reichtum und Seltenheiten, zu beschreiben. Alles, was je Menschen einzeln besaßen, und was nur selten und kostbar ist, schien an jenem Tage vereinigt, um die Größe des römischen Reichs zu zeigen. Schmuck von Gold, Silber und Elfenbein sah man hier in allen Gestalten, nicht bloß etwa als einzelne Prunkstücke des Festzuges, sondern wie in einem Strom daherfliegend. Gewänder, teils mit dem feinsten Purpur getränkt, teils mit babylonischer Kunst aufs sorgfältigste ausgestickt, schimmernde Edelsteine in goldene Kronen gefügt oder in anderen Fassungen, daß man es für Irrtum ansah, solche Dinge noch für selten zu halten. Es folgten Götterbilder, an Größe außerordentlich und an Kunst unnachahmlich - alles aus den kostbarsten Stoffen. Auch Tiere verschiedener Art und in den seltensten Verzierungen wurden vorbeigeführt. Sämtliche Träger dieser Kostbarkeiten erschienen in purpurner und vergoldeter Kleidung. Besonders herrlich waren die Soldaten geschmückt, die an der Ehre des Triumphes teilnehmen durften. Selbst die Schar der Gefangenen zog die Aufmerksamkeit auf sich. Ihre bunte Kleidung entzog den Augen der Zuschauer den widerlichen Ausdruck dieser ausgemergelten Gestalten. Das größte Erstaunen erregten die prachtvollen Baldachine. Man mußte unwillkürlich für die Kräfte der Träger fürchten. Einige hatten drei und vier Wölbungen übereinander, und die Kunst der Ausführung war ebenso erstaunlich als angenehm. Viele waren noch mit goldgestickten Teppichen über-hangen, an allen funkelten kunstreiche Arbeiten aus Gold und Elfenbein. In allen möglichen Formen und Wendungen stellte sich der Krieg dar. Da sah man eine verheerte Gegend, ganze Reihen gefallener Feinde, fliehende, Gefangene, unermeßlich hohe Mauern unter dem Stoß der Maschinen stürzen, feste Burgen zertrümmert, die Mauern volkreicher Städte erstiegen, ein in das Innere hereinstürmendes Heer, Blutbad, Hilfeflehende, Wehrlose, brennende Tempel, Häuser, die über ihren Bewohnern zusammenstürzen, endlich nach einer weiten wilden Verheerung hereinströmende Flüsse, nicht um Felder zu wässern oder Menschen und Herden zu trinken, sondern um den allgemeinen Brand zu löschen. Dies alles, erzählten die Juden, hätten sie im Krieg erduldet. Die prächtige Ausführung stellte selbst dem Unkundigen alles gegenwärtig dar. Bei jedem der Baldachine standen die feindlichen Befehlshaber in der Haltung, wie sie gefangen wurden. Nun folgte eine Menge Schiffe. Andere Kriegsbeute ward haufenweise getragen, doch alles mußte erbleichen vor den Tempelgefäßen von Jerusalem: ein goldener Tisch von mehreren Talenten an Gewicht, ein Kronleuchter, ebenfalls aus Gold, aber in der Form von dem zum Alltagsgebrauch dienenden verschieden; der Schaft in der Mitte war an dem Fuß befestigt, und dünne Äste erstreckten sich auswärts, nach Art eines Dreizacks; oben an jedem befand sich eine eherne Lampe. Deren waren es sieben, ein Symbol der Heiligkeit des siebenten Tages bei den Juden. Hinter diesem wurde das Gesetz Gottes als Schluß der Beute hergetragen. Hierauf kamen Männer, welche Bildsäulen der Viktoria trugen, sämtlich aus Gold und Elfenbein. Zunächst an ihnen ritt Vespasian; ihm folgte Titus; Domitian ritt neben ihm in prachtvollem Gewande auf herrlichem Roß Das Ziel des Triumphzuges war der Tempel des Jupiter Capitolinus; vor diesem angekommen, machten sie halt. Denn es ist eine alte Sitte, dort zu warten, bis der Herold den Tod des feindlichen Heerführers verkündigt. Simon Bar Giora war es, der auch im Triumphzug mit aufgeführt wurde. Mit einem Strick um den Hals wurde er auf den Felsenrand gegen das Forum gezogen und von seinen Führern mit Ruten gestrichen. Dort werden nach römischem Gesetz verurteilte Verbrecher hingerichtet. Als verkündet war, daß er dahin sei, erscholl allgemeiner Jubelruf, und nun begann das Opfer. Nach den Gebeten und den Spenden kehrten die Kaiser zum Palast zurück. Viele zogen sie selbst zur Tafel, für andere waren zu Hause reiche Mahle bereitet. Die ganze Stadt Rom feierte diesen Tag als Dankfest für den glücklich beendeten Feldzug, für das Ende der Bürgerkriege und für die schönsten Hoffnungen auf künftiges Glück.“ 

(H. V. Morton: Rom. München: Knaur 1981.)


 
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