Thomas Gransow
Wolf-Ullrich Malm
 

Neapel und die Halbinsel von Sorrent
 

 Neapel

Stadio San Paolo
 

Text 1
Zorro

   »Caramanna Antonio, zu Diensten. Freikarten gibt es keine mehr, der Präsident ist fort, keiner weiß, wann er zurückkommt.«

   »Danke«, sage ich, »aber ich wollte gar keine Freikarte. Ich bin hergekommen, um Informationen über die neapolitanischen Fußballfans zu sammeln, und da mir gesagt wurde, daß Sie diesbezüglich eine lange Erfahrung haben, möchte ich Sie bitten, falls Sie ein halbes Stündchen erübrigen können, mir etwas über den Fußballclub Napoli zu erzählen.«

   »Lange Erfahrung, sagen Sie? Mein lieber Herr, der Unterzeichnete hat die Ehre, dem neapolitanischen Fußball seit den Zeiten der Arenaccia zu Diensten zu sein: Sentimenti, Pretto und Berra, Milano, Fabbro und Gramaglia, Busani, Cappellini, Barrera, Quario und Rosellini. Dann, nach dem Krieg sind wir umgezogen zum Vomero, ins Stadio della Liberazione, das heute Stadio Collana heißt, und schließlich, wie Sie sehen, ins San Paolo, wo ich die Funktionen des Verantwortlichen für den Ordnungsdienst gegen Schwarzbesucher, Gauner und Halbstarke ausübe.«

   »Gibt es viele Schwarzbesucher?«

   »Bei den wirklich wichtigen Spielen kommen wir auf bis zu elftausend Zuschauer, die nicht bezahlen. Selbstverständlich zähle ich bei dieser Rechnung sowohl die echten Schwarzbesucher mit, also die, die eine illegale Möglichkeit finden, sich einzuschmuggeln, als auch die Inhaber von Ausweisen oder Freikarten. Wie auch immer, wenn es Sie interessiert: Sie müssen davon ausgehen, daß es bei jedem Fußballspiel viertausend Zuschauer mit Freikarten und verschiedenen Ausweisen gibt, dreitausend mit gefälschten Eintrittskarten und viertausend, die über die Zäune klettern.«

   »Aber warum gebt ihr so viele Freikarten aus?«

   »Weil in Neapel die Freikarte eine Auszeichnung ist, ein Zeichen, daß man einer höheren Rasse angehört. Wenn ein Neapolitaner zu Ihnen sagt: ‚Ich habe beim Fußballspiel noch nie Eintritt gezahlt’, dann ist es, als würde er sagen, was weiß ich: ‚Meine Vorfahren waren bei den Kreuzzügen dabei’. Also, anders gesagt, wenn in Neapel einer gezwungen ist, die Eintrittskarte zu kaufen, bedeutet das, daß er gescheitert ist, daß er wirklich keine Beziehungen hat und überhaupt nicht zählt.«

   »Und die echten Schwarzbesucher?«

   »Na ja, die müssen wir in zwei Kategorien aufteilen: es gibt die, die sich mit Gewalt Zutritt verschaffen, und die, die es mit Geschick versuchen. Die ersteren sind eigentlich die, die uns am wenigsten Sorgen machen: man braucht bloß die Ordnungskräfte gut zu verteilen. Die mit Geschick eindringen, die sind dagegen die gefährlichsten; einen Trick wenden sie an und hundert andere haben sie schon im Hinterkopf. Wenn Sie nächsten Sonntag zum Fußballspiel kommen, stelle ich Ihnen einen vor, der hundert aufwiegt: Zorro.«

   »Zorro?«

   »Jawohl, mein Herr, so heißt er, weil es ihm immer gelingt, umsonst reinzukommen, und wenn das Spiel dann zuende geht, kommt er zu mir, und mit geballter Faust und der anderen Hand auf dem Unterarm macht er mir, vornehm ausgedrückt, das Zeichen des Zorro.«

   »Und wie kommt er rein?« frage ich lachend.

   »Immer anders, Herr Doktor. Meiner Meinung nach verbringt Zorro die ganze Woche damit, auszutüfteln, wie er es anstellen muß, um sonntags umsonst reinzukommen. Er sagt, wenn Papillon der König der Ausbrecher sei, dann er der König der Einbrecher.«

   »Erzählen Sie mir doch ein paar Episoden.«

   »Es liegt Zorro im Blut. Der Vater machte das neapolitanische Publikum in aufsehenerregender Weise auf sich aufmerksam, anläßlich eines dramatischen Spiels: Napoli ? Bologna, drei zu drei, im Stadio della Liberazione. Der Platz wird gestürmt, das Spiel am grünen Tisch als zwei zu null verloren gegeben. Napoli hatte alles beherrscht, nur den Schiedsrichter nicht, der war aus Mailand geschickt mit dem eindeutigen Ziel, Napoli verlieren zu lassen, denn Sie müssen wissen, daß ich wirklich objektiv bin, aber alle italienischen Schiedsrichter haben der Mannschaft Napolis immer geschadet, und darum hat Napoli nie die Meisterschaft gewonnen, hoffen wir auf nächstes Jahr, also, wo war ich stehengeblieben, der Schiedsrichter verhängt plötzlich am Schluß einen Elfmeter gegen Napoli. Montevergine verwandelt ihn. Der Platz wird gestürmt, eine Riesenschlägerei, das Spielfeld fast völlig verwüstet. Der Schiedsrichter und die beiden Linienrichter ergriffen eilends die Flucht und schlossen sich in den Umkleideräumen ein, wacker verteidigt von der Polizei und dem Ordnungsdienst. Die Menge der Fans wurde immer bedrohlicher und rottete sich vor den Umkleideräumen zusammen, schreiend und dem Schiedsrichtertrio den Tod wünschend. In diesem Moment taucht Zorros Vater auf: er mischt sich unter die Ordnungskräfte, wehrt einige Angriffe wildgewordener Fans ab, besänftigt die erregtesten Gemüter mit edlen Worten und wiederholten Aufforderungen zur Ruhe, gewinnt das Vertrauen des Ordnungsdienstes, betritt die Umkleideräume und - ohrfeigt den Schiedsrichter. Für drei Spieltage verloren wir das Heimrecht und mußten fünfhunderttausend Lire Strafe zahlen.«

   »Und Zorro, was macht denn Zorro?«

   »Was soll ich Ihnen sagen, wertester Doktor. Zorro ist das Kreuz meiner Tage. Vor dem Spiel gehe ich immer alle Durchlässe ab, um die Eingänge zu kontrollieren und denke dabei: wer weiß, wo der gerissene Hund wieder steckt! Einmal machte er ein Loch in die Umgrenzungsmauer, indem er einige Tuffsteine herausnahm, und ließ das Publikum Eintritt zahlen: fünfhundert Lire die Erwachsenen und hundert Lire die Kinder, am Schluß tat er dann die Steine wieder an ihren Platz, um das Unternehmen bei den nächsten Spielen wiederholen zu können. Wenn er zum Fußballspiel kommt, sehen er und seine Bande wie eine mittelalterliche Streitmacht aus: Leitern, Seile, Haken und verschiedenes Werkzeug, um Eisenstangen auseinander zu biegen und Stacheldraht durchzuschneiden.«

   »Und was für Kniffe hat er sich noch ausgedacht?«

   »Alle, Herr Doktor, alle. Einmal zum Beispiel, als wir Gelähmten freien Eintritt gewährten, kam er im Rollstuhl herein, geschickt verkleidet mit Bart und Schnurrbart, und bei jener Gelegenheit vermietete er auch noch für tausend Lire pro Stück etwa zwanzig Rollstühle an Scheingelähmte. Ein anderes Mal holte er den Schiedsrichter vom Bahnhof ab und betrat das Stadion als offizieller Begleiter des Schiedsrichtertrios, und er wurde auch noch wütend, weil man ihn nicht auf die Ehrentribüne lassen wollte. Kurz, Herr Doktor, was soll ich Ihnen sagen? Sie sehen einen Krankenwagen, der mit heulenden Sirenen ins Stadion rein- und wieder rausfährt? Sie denken, es handle sich um irgendeinen Verletzten? Nein, mein Herr, es ist Zorro, der seine Familie ins Stadion bringt.«

   »Wenn ich recht verstanden habe, wackrer Mann, geben Sie sich also geschlagen.«

   »Das niemals, Herr Doktor! Jetzt zum Beispiel ist mir zu Ohren gekommen, daß zwölf Polizeiuniformen gestohlen wurden. Sie können sicher sein, daß Zorro da seine Hand im Spiel hat. Aber ich warte hier auf ihn. Caramanna Antonio gibt nicht auf. Kommen Sie am Sonntag zum Spiel, und vielleicht werde ich Ihnen diese Genugtuung verschaff en können. A propos, Doktor, da fällt mir gerade ein, ich habe noch eine Freikarte, nehmen Sie sie, denn das Spiel am Sonntag ist sehr wichtig. Fiorentina kommt, aber wir sind ganz ruhig, denn der Cheftrainer hat uns gesagt: ‚Dieses Jahr spielt Napoli den besten Fußball von ganz Italien.’ Forza Napoli, Herr Doktor!«

(Luciano de Crescenzo: Così parlò Bellavista. Milano: Mondadori 1977. S. 44 - 48. (Übersetzung von Maja Pflug.)


 
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