Thomas Gransow
Wolf-Ullrich Malm
 

Neapel und die Halbinsel von Sorrent
 

 Neapel

Piazza del Plebiscito
 

Abb. 1
Piazza del Plebiscito -
Blick auf S. Francesco di Paolo


 
Rolf Legler: Der Golf von Neapel. Köln: DuMont 1990. S. 195.
 

Text 1
Baugeschichte

Neapels monumentalster und zentraler Platz vor dem Palazzo Reale bietet gleichzeitig ein Stück typischer Lokalgeschichte. Die Idee Alfons' von Aragon, seinen Einzug in die neue Residenzstadt gebührend feierlich mit einem pompösen Triumphzug zu gestalten, war in Neapel auf fruchtbaren Boden gefallen. Das ursprüngliche Triumphtor, durch das Alfons im Februar 1443 in Neapel einzog, war gewiß ein Monument aus ephemerem Material, zur einmaligen Verwendung gedacht. Erst später ist die Idee der Verewigung dieses Monuments in kostbarem Marmor entstanden. Im 17. und 18. Jahrhundert hat die Errichtung solcher Wegwerfarchitektur, die ausschließlich zur festlichen Dekoration eines einmaligen Festes oder Staatsaktes diente, eine große Tradition in der Sirenenstadt entwickelt. Bedeutende Künstler, wie z. B. Fanzago oder Sanfelice, waren mit dem Entwurf solcher Architekturdekorationen beschäftigt. Gegen Ende des Ancien Regimes war diese Tradition barocker Theatralik noch durchaus lebendig, z. B. 1799 bei der ersten Rückkehr Ferdinands IV. aus Sizilien, dann 1806 und 1808 jeweils beim Einzug von Joseph Bonaparte bzw. Joachim Murat.

Letzterer hatte daran so großen Gefallen, daß er beschloß, das Gelände vor dem Palazzo Reale in ein festliches Kleid zu hüllen, und zwar diesmal in einem dauerhaften Material. Ein eigens dafür ausgeschriebener Wettbewerb wurde von den Architekten Laperuta und de Sumone gewonnen. Das neue Foro Murat sollte die Gestalt eines großen halbkreis-förmigen Platzes erhalten, der von einer durchgehenden Kolonnade, einer großen Gedächtniskirche und zwei seitlichen Palazzi gerahmt würde. Die Vorbilder für Kolonnade (Petersplatz) und Gedächtniskirche (Pantheon) standen natürlich in Rom. Mit Dekret vom 28. Februar 1809 verfügte Murat die Enteignung der anrainenden Bewohner inklusive des Klosters S. Francesco di Paola, und 1810 begann die Demolierung der im Wege stehenden Bauten. Nach der Vertreibung von Murat blieben die begonnenen Bauarbeiten (Teile der Kolonnade) zunächst liegen, doch der als Ferdinand 1., König beider Sizilien, zurückgekehrte Ferdinand IV. fand an der Idee seines Vorgängers Gefallen und ließ das Projekt als Foro Ferdinandeo weiterführen. Mit geringfügig geänderten Plänen des Architekten P. Bianchi wurde die Kirche S. Francesco di Paola schließlich 1846 fertiggestellt, bis heute Neapels wichtigster Beitrag zur klassizistischen Architektur.

(Rolf Legler: Der Golf von Neapel. Köln: DuMont 1990. S. 194f.)
 
 

Text 2
San Francesco di Paola

1815 bestieg wieder Bourbonenkönig Ferdinand den Thron. Er hatte seinen Schwur wahrgemacht, das Königreich Neapel zurückzuerobern und vollendete Murats Projekt. Der Architekt Pietro Bianchi wurde mit dem Bau der königlichen Basilika beauftragt, die San Francesco di Paola geweiht wurde. Nach dem Vorbild des Pantheons in Rom hat die Kirche einen Kreis als Grundriß, an den sich Kappellen anschließen, sowie eine große, 53 Meter hohe Kuppel von 34 Metern Durchmesser und Rosetten. Die Skulpturen und Gemälde im Inneren sind fast durchweg neoklassizistisch, nur der Hochaltar wurde 1835 erneuert. Für den neuen Altar verwendete man Halbedelsteine, farbigen Marmor und Lapislazuli von einem älteren Altar aus dem 17. Jahrhundert aus der Kirche Santi Apostoli. 

Das nüchterne, formelle Innere wirkt auf Besucher oft recht kalt. Kunstwissenschaftler Renato De Fusco beschreibt es so: „Der große Innenraum mit viel Marmor, Stuck und Girlanden wirkt nicht neoklassizistischstreng, sondern in der Beziehung zwischen Mensch und Umgebung disharmonisch, grabeskalt im Vergleich zur Außenwelt.“ Die ernüchternde Wirkung der Kirche läßt nach, sobald man auf die offene Fläche der Piazza del Plebiscito tritt, die zur Fußgängerzone umgestaltet wurde. Die Reiterstandbilder von Karl III. und Ferdinand I. sind das Werk von Antonio Canova und Antonio Calì.

(Emilia Marchi u. a.: Neapel. Mit Pompeji und der Amalfi-Küste. München: Falk 1999. S. 52.)
 

Abb. 2
Palazzo Reale

Palazzo Reale: ursprüngliche Fassade.
In: Rolf Legler: Der Golf von Neapel. Köln: DuMont 1990. S. 191.
 
 

Text 3
Palazzo Reale

Im Antrittsjahr des neuen Vizekönigs de Castro, Graf von Lemos, hatte König Philipp III. von Spanien einen Staatsbesuch seiner italienischen Besitzungen angekündigt. Dies gab dem Grafen von Lemos den willkommenen Vorwand für den Bau einer großzügigen und moderneren Residenz, wie sie der in Renaissancetradition im letzten Regierungsjahr von Don Pedro de Toledo (1553) von Ferdinand Manilo errichtete Palazzo Vecchio darstellte. Den Auftrag für den Neubau erhielt der seit 1595 als oberster Baumeister des Vizekönigreiches bestätigte Domenico Fontana. Dieser durchdachte das Problem einer großzü-gigen und repräsentativen Königsresidenz völlig neu und schuf mit dem Nuovo Palazzo Reale die erste fürstliche Residenz des Absolutismus. Baubeginn war bereits im Jahre 1600.

Hinter einer breitausschwingenden dreigeschossigen Fassade mit 21 Fensterachsen verbergen sich verschiedene Raumkomplexe, die sich um drei ungleich große rechteckig Höfe gruppieren. Das Sockelgeschoß war vollständig von einem Arkadenportikus, gerahmt von einer strengen dorischen Pilasterordnung, durchbrochen. Lediglich die beiden Achsen an den Ecken waren geschlossen. Als gewichtigster Teil ergab sich im Inneren der nördlich gelegene 5 x 5?achsige Ehrenhof, vollständig umgeben von einem zweigeschossigen Portikus. Die königliche Hauskapelle lag in der Achse des Eingangs.

Natürlich zog sich die vollständige Fertigstellung des gesamten Bauvorhabens bis zum Ende der Bourbonenherrschaft hin. Doch konnte der Vizekönig bereits 1602 wesentliche Teile des Piano Reale beziehen. Zwischen 1611 und 1613 waren Giovan Battista Caracciolo („il Battistello“), Giovanni Balducci und Belisario Corenzio mit der Ausmalung einiger Säle beschäftigt (Säle IV, VII und IX noch erhalten). Gegen Ende der zwanziger Jahre waren die Flügel um den Ehrenhof voll benutzbar und die Fassade praktisch abgeschlossen.

Zwischen 1637 und 1644 errichtete F. A. Picchiatti den Ostflügel und die Hofkapelle, für deren malerische Ausstattung Charles Mellin, Giovanni Lanfranco und Jusepe Ribera Fresken bzw. Bilder beisteuerten. Unter Vizekönig de Guevara, Graf von Onate wurde nach Zeichnungen von B. A. Gisolfi das enge Treppenhaus des Fontana in ein wahrhaft fürstliches Treppenhaus umgestaltet; laut Montesquieu »die schönste Treppe Europas«. Cosimo Fanzago schuf für den Hauptaltar der Schloßkapelle seine berühmte Statue der „Immacolata“ (heute im Museo Nazionale di Capodimonte). An der Südecke, zum Largo di Palazzo (heute Piazza del Plebiscito) gerichtet, kam die gigantische Zeusbüste aus Cumae zur Aufstellung, weswegen die damalige Via Guzman im Volksmund den Namen „Calata del Gigante“ annahm. Drei Brunnen, darunter die Fontana Medina, schmückten die Umgebung des Palastes, der zum neuen herrscherlichen Zentrum der Stadt wurde. Der Platz davor geriet zur Bühne für Staatszeremonien, Militärparaden, Turnierspiele und wichtige politische Ereignisse. Eine neue Phase, verbunden mit neuen Funktionen (Galleria der Farnesesammlung, Bibliothek, Sitz der Akademie der Wissenschaften usw.) erlebte die Reggia unter den Bourbonen. Die bekanntesten Maler des Settecento wie Solimena, De Mura, Rossi und D. A. Vaccaro wurden mit der Verschönerung und Modernisierung beauftragt. Im ersten Regierungsjahr von Karl von Bourbon mußte Sanfelice einen neuen Trakt in Richtung Castel Nuovo für den Majordomus des Palastes errichten. Die neu gegründete Porzellanfabrik mußte bis zu ihrem Umzug nach Capodimonte im Palazzo Reale untergebracht werden. Die königliche Hofdruckerei mit der revolutionären Druckerpresse von Raimondo di Sangro fand ihren Platz, und Luigi Vanvitelli, der neue Hofarchitekt, mußte aus statischen Gründen die Hälfte der Portikusöffnungen der Fassade schließen. 1769 verwandelte Fuga die große Palastaula in ein Hoftheater.

Im Franzosenjahrzehnt, unter König Murat, wurde die Gestaltung des großen Platzes vor dem Schloß in Angriff genommen. Der bekannte klassizistische Bildhauer Canova erhielt den Auftrag für ein Reiterstandbild Napoleons.

Wegen eines Brandes von 1837 erfuhr der Palast eine letzte bedeutende Umwandlung: Umbau der Kapelle, neuer Festsaal, südlicher Flügel mit hängenden Gärten und Belvedere im zweiten Obergeschoß. Nebenbei wurde bei dieser Gelegenheit der bis dahin noch stehende Palazzo Vecchio abgerissen und statt dessen der Flügel, der heute den Palast mit dem Teatro San Carlo verbindet, errichtet. Der wichtigste Beitrag des für diese Arbeiten zuständigen Architekten Genovese bestand in der Neugestaltung des großen Treppenhauses. Nach der Vertreibung der Bourbonen verlor der Palast seine Funktion als königliche Residenz. 

(Rolf Legler: Der Golf von Neapel. Köln: DuMont 1990. S. 190 - 194.)
 
 

Text 4
Zwei Reiterstandbilder

Mit Karl von Bourbon (1734 - 1759) zog wieder einmal ein begabter wie besonnener Monarch in Neapel ein. Im zweiten Regierungsjahr vereinigte er Sizilien mit dem neapolitanischen Königreich, ganz Unteritalien war erstmals wieder seit den Staufern ein ein-ziges Königreich. Der aufgeklärte Fürst tat viel für seine Untertanen. Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft und Politik versprachen ein neues goldenes Zeitalter, und die Neapolitaner liebten und verehrten ihren neuen König. Doch der Traum währte kurz.
Nach 25jähriger wohltuender Regierungszeit wurde der Erfolgreiche auf den Thron von Spanien berufen. Sein Sohn Ferdinand IV. hatte nicht das Format des Vaters. Zwar baute er die begonnenen Vorhaben (z. B. Caserta) weiter, zwar realisierte er, von den Gedanken der Aufklärung beeinflußt, seine Utopie en miniature (S. Leucio), zwar liebte er sein Volk, doch dies reichte nicht, um ein guter Monarch zu sein. Sein schäbiges Verhalten im Rahmen der Revolutionskriege brachte der Beliebtheit des neuen Hauses erste Einbußen. Beim ersten Herannahen des republikanischen Heeres floh Ferdinand mit Familie am 20.12.1798 an Bord des englischen Admiralschiffs von Lord Acton nach Palermo. Drei Tage wehrte sich das Volk gegen die Truppen von General Championnet, vergebens. Doch wenige Monate später vertrieb in erneutem Aufstand das Volk von Neapel die Republikaner. Die Rückkehr des unfähigen Königs währte nur kurz. Nach dem Sieg von Austerlitz erklärte Napoleon Ferdinand IV. kurzerhand für abgesetzt. Vor den Truppen von Joseph Bonaparte und Massena floh Ferdinand erneut im Schutz der englischen Flotte nach Palerrno. Im Wiener Kongreß wurde ihm dann der Titel Ferdinand I., König beider Sizilien, zugesprochen. Aller Anbiederung beim Volk zum Trotz konnte „Re Nasone“, wie er spöttisch genannt wurde, das Ansehen der Dynastie nicht mehr retten, und auch nicht seine kurzzeitigen Nachfolger.

(Rolf Legler: Der Golf von Neapel. Köln: DuMont 1990. S. 90.)


 
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