Thomas Gransow
Wolf-Ullrich Malm
 

Neapel und die Halbinsel von Sorrent
 

 Neapel

Topographie und Geschichte der Stadt

 
Text 1

Neapel als geistige Landschaft

Für mich ist das geistige Bild, das ich von Neapel habe, nicht allein das Bild der Stadt, sondern, untrennbar damit verbunden, auch das ihres landschaftlichen Rahmens. In keiner Stadt der Welt, außer vielleicht in Rio de Janeiro, gibt es mehr Natur als in Neapel. Daher sind auch seine Straßen, schwarz von Menschen, und das verworrene Knäuel der Altstadtgassen in meiner Vorstellung immer mit dem Meer-Neapel verbunden gewesen, mit der Sirene Parthenope, die sich zwischen den blauen Inseln und Halbinseln am Golf zu Füßen des Vesuvs hinstreckt. Unter seinem lieblichen äußeren Anschein ist Neapel für mich immer unbezähmbare Urnatur gewesen, im Widerspruch  zu einer jahrhundertealten, unerlösten Geschichte. Und dieser Widerspruch ist mir zum Symbol geworden, zu einem Interpretationsschlüssel, um die Stadt und mein Verhältnis zu ihr besser zu verstehen.

Ich bin am Posillipo geboren und habe während meiner Jugend auch dort gewohnt. Schon im Namen Pausilypón (der auf griechisch »eine Pause dem Schmerz« bedeutet) liegt etwas, das an Vergil erinnert. Und tatsächlich ist der gesamte Golf vergilisch, auch im Sinne des Zauberers Vergil, wie ihn die populäre Tradition kennt: Die ganze Partie des Golfs vom Posillipo bis Capo Miseno, mit dem Averner See, der Solfatara, der Höhle der Sibylle von Cuma und den Inseln Procida, Vivara und Ischia. Diese vergilische Seite des Golfs erkennt man vor allem an der gelben Farbe des Tuffsteins. Aus Tuff sind die Ufer und die Felsen, auch die unter Wasser liegenden; aus Tuff ist der Palazzo Donn'Anna aus dem siebzehnten Jahrhundert, wo ich gewohnt habe, und der aus dem Wasser emporsteigt wie ein venezianischer Palazzo am Canal Grande; aus Tuff ist das Haus der Geister, der verfallene antike Palazzo degli Spiriti in Marechiaro; aus Tuff sind die Bucht von Trentaremi und die kleine Insel der Gaiòla, wo eine römische Villa stand; aus Tuff sind die Insel Nisida und die anderen schon genannten (Procida, Vivara, Ischia). Bearbeitet, glattgeschliffen, zernagt, gestaltet vom Meer und vom Wind, gibt der Tuff dem sanften, heiteren, von einer beinahe ländlichen Melancholie übergossenen Ufer die Farbe des Honigs. Denn die Campagna ist überall gegenwärtig, ja, sie erstreckt sich bis dorthin, wo sie von den Wellen umspült wird und ihr Grün sich mit dem Grün der Algen verbindet: wie vergilisch ist das alles! Wie oft habe ich, wenn ich in der Ferne an diese Ufer dachte, den wunderschönen Vers von Nerval wie einen Hymnus in mir wiederklingen hören: »Rends-moi le Pausilippe et la mer d'Italie!«, vor allem heute, wo »le Pausilippe et la mer d'Italie« durch Bauspekulation und die Invasion des Massentourismus zerstört worden sind.

Dann gibt es aber noch einen anderen Teil des Golfs von Neapel, den man durchaus als homerisch bezeichnen könnte. Dieser Teil umfaßt das zerklüftete Capri und seine unzugänglichen Felsen; auch den äußersten Punkt der Halbinsel von Sorrent, wo sich einmal ein der Minerva geweihter Tempel erhob, und die gesamte amalfitanische Steilküste, die den Golf von außen wie eine mächtige Festung schützt. Die Beschreibungen der Odyssee passen sehr gut zu dieser zerklüfteten prometheischen Küste, zu den Sirenusischen Inseln, die im hellen Morgendunst vor Positano hin und her wogen; zum Felsen des Tiberius mit den Überresten der Villa, die wie ein Adlerhorst von oben her die Meerenge beherrscht; zu den Faraglioni-Felsen, die wie von einem wutschäumenden Zyklopen oder mit der Ge- walt einer vorweltlichen Gottheit ins Meer geschleuderte Blöcke wirken. Den homerischen Teil des Golfs erkennt man an der völligen und unvermittelt auftretenden geologischen und morphologischen Andersartigkeit, die sofort ins Auge fällt.

Das Gestein wird plötzlich zu etwas Kompaktem, Eisernem, und der Dolomitfels stürzt jäh ins Meer ab, das in den Grotten widerhallt. In dieser Landschaft gewahrt man so etwas wie eine Entfesselung tellurischer Kräfte und die ständige Bedrohung, die ungeheure Gewalttätigkeit der Vulkane. Die Farbe des Wassers ist keramikblau oder türkis, und zu bestimmten Stunden wird sie indigo- oder metallblau, denn das Meer nimmt die Färbungen und Reflexe der Felsen auf, von Chromgelb bis Rostviolett. Weiß sind die Strände mit ihren runden Steinen, glattgeschliffen wie Eier, und alles gewinnt im unerträglichen Licht des Mittags ein leuchtendes, ein funkelndes, ein »heroisches« Aussehen.

Auf diese Weise teilen sich der göttliche Homer und der menschliche Vergil, der Anfang des Mythos und sein tragisches Ende, der epische, sonnenbeschienene Mittag und der romantisch ermattende Tag diese mediterrane Landschaft und feiern deren poetischen Zauber. Auch wenn der Niedergang unter seinen Verkrustungen alles weniger deutlich, alles weniger erkennbar werden läßt (wie es bei einer Amphore vorkommt, wenn sie nach Jahrhunderten vom Grund des Meeres heraufgeholt wird), entspringt mein geistiges Bild von Neapel dieser poetischen Ambivalenz seines Golfs - und sie behauptet sich auch heute noch, trotz allem, was geschehen ist.

(Raffaele La Capria: Neapel als geistige Landschaft. In: Dieter Richter (Hrsg.): Neapel. Eine literarische Einladung. Berlin: Wagenbach 1998. S. 7 - 9.)
 


 

Text 2

Die von Festungen eingeschlossene Stadt

Abb. 1: Stadtplan von Neapel von 1621

 
Auf der hier abgebildeten Vedute erkennen wir neben der basisbildenden Topographie bereits alle, sowohl das antike als auch das neuzeitliche Neapel, bestimmenden städtebaulichen Elemente: im Osten ein großer dicht bebauter Komplex, der von fünf Hauptstraßen parallel in Ost-West-Richtung durchzogen wird; am Südwestende dieser antiken Neapolis ein kleiner Naturhafen und im Anschluß daran, weiter nach Westen, schon ganz außerhalb des griechischen Siedlungskernes, eine tief ins Meer vorstoßende künstliche Mole; weiter nach Westen, ebenfalls am Meer gelegen, eine städtebauliche Einheit aus Castel Nuovo (Maschio Angioino), Leuchtturm, Arsenal und königlicher Residenz (Reggia). Von der Reggia nach Westen weitergehend folgt die auffälligste Formation des Küstenverlaufes mit der weit ins Meer kragenden Klippe (gr. Megaris), auf der sich Castel dell‘Ovo auftürmt, dem landeinwärts anschließenden steilen Hügel von Pizzofalcone und weiter landeinwärts dem ganz Neapel dominierenden Vomero-Berg mit der Kartause S. Martino und dem Castel S. Elmo. Schließlich, ganz im Westen, bereits außerhalb des neuzeitlichen Mauerringes, an einer sanft geschwungenen Bucht eine lockere Bebauung mit vielen Grünanlagen, offensichtlich ein Villen- und Residenzviertel, die heutige Riviera di Chiaia mit Villa Communale.

Die Vedute von 1621 zeigt aber über die unbestreitbaren Fakten der Topographie und der städtischen Bebauung hin- aus Strukturen, die anderen Städten wie Genua und Venedig fast gänzlich fehlen. Der kundige Kartenleser erkennt unschwer eine Reihe von Kastellen und Befestigungsanlagen. Deren Lage ist bezeichnend. Es fällt auf, daß im gesamten Altstadtbereich, also dem Siedlungsraum direkt auf der antiken Neapolis, solche Wehranlagen fehlen. Die Stadt selbst besitzt zu ihrem eigenen Schutz lediglich ihren mehrfach erweiterten Mauerring. Ganz im Osten, am Ende des ursprünglichen decumanus maximus, wo in der Antike die Porta Capuana die Mauer unterbrach, steht seit dem 12. Jahrhundert das Castel Capuano. Auf der anderen Seite der Altstadt, in respektierlicher Distanz, die drei das Stadtbild bestimmenden Burganlagen Castel Nuovo, Castel dell‘Ovo und Castel S. Elmo. Natürlich sollten diese Kastelle sowohl die jeweils Herrschenden als auch die Bevölkerung schützen. Aber aus der topographischen Anordnung dieser Wehranlagen läßt sich leicht der Verdacht ableiten, daß die Erbauer dieser Kastelle sich nicht nur gegen Angriffe von außen, vom Meer her, zu schützen hatten, sondern durchaus auch gegen die eigenen Untertanen, das Volk von Neapel. Und dazu war nur allzu oft Anlaß gegeben. Das Stadtbild zeigt somit etwas auch vom Verhältnis ihrer Einwohner zueinander, schreibt etwas von der Dichotomie der neapolitanischen Geschichte seit dem hohen Mittelalter, genauer seit 1139. Es ist dies die allseits zitierte Fremdherrschaft in abwechselnd langer Folge: Norman- nen, Staufer, Anjous, Aragonesen, spanische Habsburger, österreichische Habsburger und Bourbonen.

Neapel ist, wer möchte dies der Stadt abstreiten, einzigartig, nicht nur im Guten, in jeder Hinsicht. Mehr als jede andere Stadt ist Neapel eine Stadt der Gegensätze. Neapelkenner behaupten, man könne die Stadt nur hassen oder lieben. Dies mag zutreffen für den, der gezwungen ist, dort zu wohnen. Für den eher flüchtigen Reisenden stellt sich das Problem weniger existentiell. Dem, der Neapel haßt, ist die Stadt die chaotischste, lärmendste, schmutzigste und stinkendste der Welt, bewohnt von Teufeln, Müßiggängern, Faulenzern, Dieben und Verbrechern; dem, der Neapel liebt, ist sie die schönste, reichste, lebendigste, demokratischste, bewohnt von quirligen, erfinderischen, studierten und liebenswürdigen Menschen. De Crescenzo: "Wenn in der UNO nur Neapolitaner säßen, da würde es bestimmt nirgends mehr einen Krieg geben, und die Waffenfabriken müßten sich damit begnügen Knallfrösche und Stinkbomben für Silvester herzustellen." Wehe dem, der sich da spontan und einseitig entscheiden wollte! [...]

Neapel ist eine apokalyptische Stadt, die mehr als jede andere von Krieg, Pestilenz, Tod und Hunger heimgesucht wird. Paradies und Hölle werden in Neapel gleichzeitig manifest. Nur um einige jüngere Daten ins Gedächtnis zu rufen: Krieg und Pest im Januar 1528 und nur zehn Jahre später der Ausbruch des Monte Nuovo. Dem Erdbeben und Vesuvausbruch des Jahres 1631 folgte 1654 die schrecklichste Pest, die jemals ein Gemeinwesen heimgesucht hat. Von ca. 450.000 Einwohnern erlagen der Seuche über zwei Drittel der Bevölkerung, das sind geschätzte 350.000 Menschen. [...] Krieg und Pest gingen auch Hand in Hand gegen Ende des letzten Weltkriegs. Kaum hatten sich die Neapolitaner aus völlig eigener Kraft der Nazibesatzung entledigt (le quattro giornate), als am 1. Oktober, gleichzeitig mit dem Einzug der Alliierten, die Pest ausbrach. Knapp ein halbes Jahr später meldete sich zu allem Unglück auch noch der Vesuv. Die letzte Choleraepidemie (1974) liegt gerade anderthalb Jahrzehnte zurück, und sie wurde gefolgt von dem schrecklichen Erdbeben am 23. November 1980, dessen Spuren noch heute das Stadtbild zeichnen.

Das Bild von Neapel und den Neapolitanern wird im allgemeinen geprägt von Vorurteilen und Gemeinplätzen, die schier unaustilgbar sind. So erscheint es als höchst widersprüchlich, daß ausgerechnet die chaotischen und unregierbaren Neapolitaner von einem tiefen Gefühl für Ordnung und Gerechtigkeit gelenkt werden. Von Anfang an lebte die Stadt im Bewußtsein der Gemeinschaft, und die Kraft der "iura civitatis" blieb ungebrochen auch in Perioden der sog. Fremdherrschaft. Die Rechtsschule Neapels hatte schon lange vor der Einrichtung der ersten Staatsuniversität Europas durch Friedrich II. von Hohenstaufen (1224) einen guten Namen. Die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz und die Bewahrung der antiken republikanischen Einrichtungen waren ein ungebrochenes Grundanliegen der Stadt seit Anbeginn ihres Bestehens. "Neapel erzeugt aus sich selbst Gesetze wie Zuchtaustern Perlen", bestätigt der gut instruierte Franzose Daudy. Italiens Bürokratie ist eine Erfindung der Neapolitaner. Noch heute beherbergt Neapel die größte Anzahl von Rechtsanwälten und Notaren in seinen Mauern. Die Geschichte Neapels ist genau besehen der unerschütterliche, Jahrtausende alte Kampf um und für die Bürgerrechte, mochte der Gegner S. P. Q. R.(Rom), Hl. Stuhl, Haus Hauteville oder Bourbon heißen. Benedetto Croce (1866 - 1952), der große neapolitanische Historiker und Philosoph, hat gerade diese Tugend als die herausragende und bestimmende seines Volkes hervorgehoben.

Ein zweites Klischee, die Neapolitaner betreffend, ist die immer wieder unterstellte Gräzität. Neapel sei die griechischste aller Griechenstädte der Magna Graecia. Worin diese allerdings bestehen soll, wird nirgendwo präzisiert. Man fragt sich schon, warum ausgerechnet das moderne Parthenope griechischer als beispielsweise Syrakus oder Tarent sein soll. Das Etikett wird sogar noch problematischer aus ethnisch-völkischer Sicht, ja geradezu absurd. Den Neapolitanern ausgesprochene Gräzität zu unterstellen, heißt doch, ihnen ihr Ureigenstes, nämlich ihre völlig einzigartige Identität als Neapolitaner, rauben. 

Schließlich geistert noch ein drittes Firmenschild durch die Literatur, nämlich das der politischen Uneigenständigkeit, das der jahrhundertelangen Unterdrückung durch Fremdherrschaften. Doch wie bei der unterstellten Gräzität muß auch in dieser Frage die Spreu vom Weizen getrennt, differenziert und ausgesondert werden. Mag oberes Etikett im gewissen Umfange für die Zeit von 1139 bis 1860 zutreffen, so wird dennoch bei genauerer Betrachtung die Einschätzung der Unterdrückung recht fragil.

(Rolf Legler: Der Golf von Neapel. Köln: DuMont 1990. S. 68 – 71.)
 

Text 3

Die sich im Kern stets erneuernde Stadt


Abb. 2: Die Altstadt von Neapel. Aus:J. B. Ward-Perkins: Cities of Ancient Greece and Italy. New York: Braziller 1974. S. 118.

Kein anderes Stadtbild Italiens präsentiert in solcher Vitalität und Gleichzeitigkeit Tradition und Neuerungsdrang wie das Panorama von Neapel. Sein vulkanischer Boden scheint nichts auf Dauer beherbergen zu wollen - die Stadt am Golf ist seit jeher in ständiger Umwälzung. Dabei ist aber das Raster, auf dem sich die urbanen Entwicklungen labyrinthisch verzweigen, kurzfristig behaupten und dann fast gänzlich wieder verschwinden, so alt wie die älteste Gründung der Stadt am legendären Grab der Sirene Parthenope.

Bis heute ist der Nukleus von Neapels Altstadt griechisch, hat sich der "Neapolis-Plan" aus dem Ende des 5. Jahrhunderts in seinen grundlegenden Zügen erhalten. Auf einem leicht erhöhten, seitlich gut befestigten Plateau, dessen Oberfläche leicht geneigt ist, daß das reinigende Regenwasser abfließen kann, orientiert sich das Straßennetz so, daß es geringfügig von der Nordrichtung abweicht, um die Stadt auf diese Weise wirkungsvoll vor den heftigsten Winden zu schützen.

Der Grundriß folgt mit seinem System von drei ost-westlich verlaufenden Straßen und zwanzig in nord-südlicher Richtung angelegten Gassen jenen Gesetzen der Stadtbaukunst, die Hippodamos von Milet der organisch-funktionalen Ordnung von Verkehrswegen und Grundstücken beim Wiederaufbau von Milet (von 479 v. Chr. an) zugrundelegte. Diese urbanistischen Neuerungen des klassischen Griechenland fanden auf italischem Boden in Neapel ihre prominenteste Umsetzung. Die decumani wurden dabei nicht breiter als sechs Meter angelegt und auf drei beschränkt, um die schlechte Luft (mal aria) aus der Stadt fernzuhalten. Rechtwinklig werden sie geschnitten von circa zwanzig cardines, die ihrerseits vier Meter nicht überschreiten.

An diesem Grundriß läßt sich freilich eine der ältesten Eigentümlichkeiten Neapels kaum ablesen. Das historische Zentrum war nämlich in fünf große seggi oder sedili gegliedert, die nicht mit den äußeren Begrenzungslinien einzelner Quartiere übereinstimmten. Diese seggi stellten Standesvertretungen nach dem demokratischen Vorbild der griechischen Bruderschaften dar und waren bis zu ihrer Auflösung 1799 als kommunale Selbstverwaltungsorgane der Bürgerschaft in Funktion. Keine der zahllosen Fremdherrschaften über die Golfstadt hat je diese für Italien ganz singuläre Form der Stadtverwaltung brechen können; sie erklärt auch, weshalb es über die Jahrhunderte keinem der Könige von Neapel gelungen ist, den historischen Kern der Stadt zu "besetzen". Er besitzt keinen großen Platz, der das geschäftige Treiben seiner Bürger gebündelt hätte, und das religiöse Zentrum der Stadt lag, zusammen mit den gesamtstädtischen Verwaltungsorganen, städtebaulich kaum her ausgehoben, an der Stelle der einstigen Agora, dann des römischen Forums, wo sich heute die mittelalterliche Basilika von San Lorenzo erhebt.

Zu den frühesten Konservatoren dieses antiken Straßennetzes zählt Friedrich II. Er ließ den wiederholt geschleiften Mauerring erneuern, innerhalb dessen dann die auf die Staufer folgenden Anjou (von 1266 an) den Stadtraum mit bedeutenden Sakralbauten überzogen, die bis heute die Silhouette Neapels mitbestimmen: namentlich San Domenico, San Lorenzo und das gotische "Pantheon" der süditalienischen Franzosen, Santa Chiara. Ihren Herrschersitz freilich nahmen die Besatzer außerhalb der Mauern. Von 1279 an entstand am Hafen der "Maschio Angioino" (später: Castel Nuovo), seither - geschleift, neu errichtet und baulich fortwährend verändert - der Stützpunkt sämtlicher Herrscher über Neapel. In seiner unmittelbaren Nachbarschaft entfaltete sich unter den Anjou kurzfristig ein prachtvolles höfisches Leben, strikt abgegrenzt von der Altstadt und seiner selbstbewußten Bürgerschaft. Hoch über der Stadt errichtete Robert der Weise um 1329 das Castel S. Elmo, wie die auf dem südlichen Ausläufer des Pizzofalcone erbaute normannische Felsenburg Castel dell'Ovo ein weiteres eindrucksvolles Zeugnis der Unverletzlichkeit von Neapels antikem Stadtgefüge, das die Trutzburgen seiner fremden Herrscher geradezu scheu umstehen.

Erst unter den spanischen Vizekönigen veränderte sich das Stadtbild grundlegend. Die von 1504 an herrschenden Spanier siedelten ihre mitgebrachten Landsleute auf den bis dahin unberührten Hängen westlich der Stadt unterhalb des Vomero-Gipfels in jenen quartieri spagnoli an, die Neapel, wenn auch nicht sprengten, so doch fortan in alle Himmelsrichtungen expandieren ließen. Der folgenreichste Stadtplaner unter ihnen, Vizekönig Don Pedro Alvarez de Toledo, verlieh der neuen Stadtstruktur durch den Mitte des 16. Jahrhunderts angelegten, nach ihm benannten Straßenzug der Via Toledo (heute allgemein: Via Roma) eine neue Ausrichtung, die vom Hafen und damit vom Schloß aus den Norden erschloß und dabei die Altstadt nur streifte. Zugleich schuf er die Voraussetzungen dafür, daß sich die zweite Bucht Neapels, die Chiaia und andere umliegende Gegenden, zu rasch prosperierenden Stadtteilen und Vororten entwickelten.

Das antike Straßengeflecht wurde dabei über die alte Begrenzung hinaus fortgeführt: der decumanus inferior (heute: Via San Biagio dei Librai) wurde in die neuen Stadtviertel hinein verlängert, so daß der treffend auch "Spaccanapoli" (von spaccare, spalten) genannte Straßenzug in einer Länge von nahezu zwei Kilometern das Neapel der Griechen mit dem der spanischen Habsburger verband und so erstmals und folgenreich die historisch gewachsenen Grenzen überwand. Das Machtzentrum am Hafen, Castel Nuovo, vergrößerten die Vizekönige in unmittelbarer Nachbarschaft um den weitläufigen Palazzo Reale; im Norden entstand mit dem Palazzo degli Studi, dem heutigen Archäologischen Nationalmuseum, ein weiteres imposantes Baudenkmal der spanischen Herrschaft. Die von 1734 an in Neapel bestimmenden Bourbonen bereicherten die Stadt erstmals um öffentliche Bauten; dem Königlichen Palast wurde das Real Teatro San Carlo angegliedert, und, vorn historischen Zentrum noch weiter entfernt, entstand auf den Höhen von Miradois das Jagdschloß von Capodimonte, in dem bald schon die spektakulären Funde der vesuvianischen Grabungen gesammelt wurden, die, später in den ehemaligen Palazzo degli Studi verbracht, den Grundstock des heutigen Nationalmuseums bilden. Die Via Toledo unterbrachen die aufgeklärten Monarchen mit zwei monumentalen Platzanlagen: in Höhe des antiken Zentrums mit dein Foro Carolino (heute: Piazza Dante) und an ihrem Ausgangspunkt, vordem Schloß, mit dem Foro Ferdinandeo (heute: Piazza del Plebiscito). Entlang der Uferstraße des Chiaia-Viertels entwickelte sich die prachtvolle Villa Reale (heute: Villa Comunale), mit jenem 1787 von Goethe bewunderten Spaziergang, der seither zum legendären Posilipp führt.

Nach der 1860 erfolgten Vereinigung Neapels, mit dem italienischen Königreich bestimmten zunehmend Verkehr und Industrie die Stadtentwicklung; breite Corsi umgehen seither das in seiner Substanz intakt gebliebene Zentrum, in dein sich freilich die Strukturen Lind der Bauschmuck der Häuser dem wechselnden, meist fremdbestimmten Kunstgeschmack anpaßten. Doch erst die erheblichen Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und jüngste Erdbebenschädcn, die durch die örtlichen Denkmalbehörden nicht immer behoben werden konnten, haben zu ungehemmter Bau- und Bodenspekulation, zum Verlust traditionsreicher und vertrauter Panoramen Lind schließlich zur Verelendung der historischen Bausubstanz Neapels geführt. Sein buchstäblich über Jahrtausende gewachsener, immer wie- der verjüngter Kern scheint, manche lobenswerte Restaurierung ausgenommen, dem gänzlichen Verfall und also dem Wegfall aus der Geschichte anheimgegeben

Neapolitanischer Bautradition freilich entspricht es, daß sich am Fuße des Vesuv immer neue städtische Dimensionen erschließen lassen. Derzeit entsteht, unmittelbar an den Hauptbahnhof angrenzend eines der aufwendigsten Neubauprojekte, das in solchem Ausmaß und in solcher Nähe zum historischen Kern der Stadt, wohl in keiner anderen italienischen Metropole vorstellbar wäre. Unter Beteiligung namhafter Architekten, so des Japaners Kenzo Tange, wird dort ein neues centro direzionale gebaut, das städtische und regionale Ämter aufnehmen wird. Abermals verlagert sich die administrative Baukultur Neapels, nun von Westen nach Osten, vom Castel Nuovo in Richtung Vesuv.

Der Kern von "Nea polis", der "neuen Stadt", wird auch hieraus innovative Impulse beziehen. Für einige Zeit wird der High-Tech-Glanz der kühnen neuen Fassaden auch die schattigen decumani und cardines bescheinen, und wieder werden wir, um es mit dem besten Kenner und größten Liebhaber von Neapels vitaler Baugeschichte, Christof Thoenes, zu sagen, "den Neapolitaner durch die Jahrhunderte damit beschäftigt (sehen), sein Stadtbild umzudekorieren: eine ungeheure Freilichtbühne, auf der das Alte obsolet, das Neue provisorisch wirkt und nur der alles überstrahlenden Natur des Golfes Dauer zukommt." 

(Andreas Beyer: Die Stadt, der Golf und der Berg. In: Merian 46. Jg. (1993) Heft 9, S. 118f.)
 


 
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