Thomas Gransow
Wolf-Ullrich Malm
 

Neapel und die Halbinsel von Sorrent
 

Neapel

Gründungsmythos


 


Text 1
Odysseus und die Sirenen

Freunde, nicht einem allein noch zweenen gebührt es zu wissen, 
Welche Dinge mir Kirke, die hohe Göttin, geweissagt. 
Drum verkünd ich sie euch, daß jeder sie wisse, wir mögen 
Sterben oder entfliehen dem schrecklichen Todesverhängnis. 
Erst befiehlt uns die Göttin, der zauberischcn Sirenen 
Süße Stimmen zu meiden und ihre blumige Wiese. 
Mir erlaubt sie allein, den Gesang zu hören; doch bindet 
Ihr mich fest, damit ich kein Glied zu regen vermöge, 
Aufrecht stehend am Maste, mit festumschlungenen Seilen. 
Fleh ich aber euch an und befehle die Seile zu lösen: 
Eilend fesselt mich dann mit mehreren Banden noch stärker!

Also verkündet' ich jetzo den Freunden unser Verhängnis. 
Und wie geflügelt entschwebte, vom freundlichen Winde getrieben, 
Unser gerüstetes Schiff zu der Insel der beiden Sirenen. 
Plötzlich ruhte der Wind; von heiterer Bläue des Himmels 
Glänzte die stille See; ein Himmlischer senkte die Wasser. 
Meine Gefährten gingen und falteten eilig die Segel, 
Legten sie nieder im Schiff und setzten sich hin an die Ruder; 
Schäumend enthüpfte die Woge den schöngeglätteten Tannen. 
Aber ich schnitt mit dem Schwert aus der großen Scheibe des Wachses 
Kleine Kugeln, knetete sie mit nervichten Händen, 
Und bald weichte das Wachs, vom starken Drucke bezwungen 
Und dem Strahle des hochhinwandelnden Sonnenbeherrschers. 
Hierauf ging ich umher und verklebte die Ohren der Freunde. 
Jene banden mich jetzo an Händen und Füßen im Schiffe, 
Aufrecht stehend am Maste, mit festumschlungenen Seilen, 
Setzten sich dann und schlugen die graue Woge mit Rudern. 
Als wir jetzo so weit, wie die Stimme des Rufenden schallet, 
Kamen im eilenden Lauf, da erblickten jene das nahe 
Meerdurchgleitende Schiff und huben den hellen Gesang an:

Komm, besungner Odysseus, du großer Ruhm der Achaier! 
Lenke dein Schiff ans Land und horche unserer Stimme, 
Denn hier steurte noch keiner im schwarzen Schiffe vorüber, 
Eh' er dem süßen Gesang aus unserem Munde gelauschet; 
Und dann ging er von hinnen, vergnügt und weiser wie vormals.
Uns ist alles bekannt, was ihr Argeier und Troer
Durch der Götter Verhängnis in Trojas Fluren geduldet,
Alles, was irgend geschieht auf der lebenschenkenden Erde!

Also sangen jene voll Anmut. Heißes Verlangen
Fühlt'  ich, weiter zu hören, und winkte den Freunden Befehle,
Meine Bande zu lösen; doch hurtiger ruderten diese.
Und es erhuben sich schnell Eurylochos und Perimedes,
Legten noch mehrere Fesseln mir an und banden mich stärker.
Also steuerten wir den Sirenen vorüber; und leiser,
Immer leiser verhallte der Singenden Lied und Stimme.
Eilend nahmen sich nun die teuren Genossen des Schiffes
Von den Ohren das Wachs und lösten mich wieder vom Mastbaum.

(Homer: Odyssee, XII. Gesang, Vers 154 - 200.)
 
 

Text 2
Der Parthenope-Mythos

Der Mythos der homerischen Sirene Parthenope markiert den Beginn der Stadtgeschichte Neapels. Nach der von Homer geschilderten glücklichen Durchfahrt des Odysseus durch die gefahrvollen Wasser vor der campanischen Küste sollen sich die ungeachtet ihres becircenden Gesangs glücklosen Sirenen [...] ins Wasser und damit zu Tode gestürzt haben. Der Leichnam Parthenopes, einer der drei Sirenen, sei dann in der Bucht am Fuße des Vesuvs angeschwemmt worden. Zur besonderen Kultstätte des toten Mischwesens geriet jener Ort, an dem ihm am Eingang zum Hafen ein monumentales Grabmal errichtet worden zu sein scheint. Um dieses Grab herum bildete sich rasch eine neue Stadt - wahrscheinlich die im 7. Jahrhundert v. Chr. von Cumae aus gegründete Palaeopolis, die, stetig wachsend, im 5. Jahrhundert v. Chr. östlich um die Neustadt, „Nea Polis“ (= Neapel) erweitert wurde.

„Parthenope“ war demnach der antike Name der Stadt Neapel. Mit ihm verband sich zudem die Legende, Athen sei an der Gründung der Stadt beteiligt gewesen. Ein Kult um die Sirene ist allerdings erst für das Jahr 433 oder 432 v. Chr. nachweisbar: Der attische Flottenführer Diotimos soll mit seinen Schiffen bei Neapel gelandet sein und Parthenope, wohl in deren Funktion als Stadtgöttin, geopfert sowie, mit der Ausrichtung eines Fackellaufs zu ihren Ehren, eine in der Folge jährlich wiederholte Tradition begründet haben. Dieser früheste dokumentierbare Kontakt fiel damit in die Ära des Perikles und unterstrich so, aus neuzeitlicher Perspektive, die Rolle Neapels als Partner des mutterländisch?griechischen Zentrums. Bereits im Laufe des 4. Jahrhunderts v. Chr. setzt auch die Umwidmung Parthenopes von der unheilvollen Sirene in die fruchtbare, wohltätige Nymphe ein ? ein Vorgang, der in Übereinstimmung mit den geistigen Tendenzen des politisch erstarkten Athen zu stehen scheint Die homerische Grundlage der antiken Herleitungsgeschichte weicht nun der Behauptung, die drei Sirenen seien Töchter des Flußgottes Acheloos, entsprungen aus seiner Liebe zu einer der drei Musen (Terpsichore, Melpomene oder Calliope), und erklärt sie somit zu milden und wohl-tätigen Wesen: Nymphen.

Gerade in römischer Zeit sollte Parthenope zunehmend an Bedeutung gewinnen - Ovid besingt sie, Vergil erklärt sie zu seiner Muse. [...] Die legendäre Grabinschrift des Vergil, die von dem Sterbenden selbst diktiert worden sein soll, lautete: „MANTUA ME GENUIT, CALABRI RAPUERE TENET NUNC. PARTHENOPE, CECINI PASCUA, RURA, DUCES.“ Und Plinius bekräftigt Namen und Herleitung der Stadt: „[...] litore autem Nea-polis Chalcidensium et ipsa, Parthenope a tumulo sirenis appellata [...].“
In nachantiker Zeit scheint das Wissen um die Herkunft der legendären Stadtgründerin zunehmend verlorengegangen zu sein. Der Kult wurde offenbar unterdrückt zugunsten der Suche nach einer neuen Genealogie der „Stadtpatronin“. Daß das Wissen um die homerische, mythische Herleitung Parthenopes und nicht zuletzt auch ihr Griechentum im Neapel der Anjou nicht mehr gängig war, erhellen die „Croniche de la inclita Cità de Napole“, die als „Cronaca di Partenope“ berühmt gewordene Schilderung der Golfstadt und ihrer Geschichte aus dem 14. Jahrhundert. Darin wird Parthenope als „junges Mädchen, unverheiratet und jungfräulich“ bezeichnet, als „Tochter des Königs von Sizilien, die, mit einer Vielzahl von Schiffen nach Baiae gekommen, zufällig an diesem Ort erkrankte und verstarb.“ [...] Diese Umdeutung der mythischen Stadtgründerin Neapels zu einer sikulischen Prinzessin - und das in einer Quelle, die als verläßliches Zeugnis dessen gilt, was im Neapel der Anjou vor allem hinsichtlich der antiken Gründungslegenden der Stadt geglaubt wurde - könnte durchaus auch im Zusammenhang stehen mit der durch das Haus Anjou verfolgten Abgrenzung gegen die griechische Ableitungstradition Neapels, die sich nicht zuletzt in der angiovinischen Berufung des eigenen Hauses auf einen trojanischen Ursprung artikuliert.

Zu einer nicht zuletzt auch an weitgehender antiquarischer Verläßlichkeit orientierten Wiederbelebung der parthenopaeischen Herleitung der Stadt und des Reiches sollte es so erst unter den Aragonesen kommen, und zwar unmittelbar nach der Eroberung der Stadt zu Beginn der vierziger Jahre des 15. Jahrhunderts. Die Regentin Neapels am Anfang dieses Jahrhunderts, Johanna II., Erbin des Hauses Anjou-Durazzo, hatte Alfonso V. von Aragon 1420 in ihrem Machtkampf gegen den von Rom, also von Papst Martin V., unterstützten Ludwig III. von Anjou um Hilfe gerufen und ihn als Dank zum Erben des neapolitanischen Throns bestimmt. Dieses Legat blieb freilich nicht unangefochten. 1421 eroberte der Spanier Neapel erstmals vorübergehend, er sollte die Stadt aber erst nach rund zwei Jahrzehnten eines erbitterten Erbfolgekrieges endgültig einnehmen und ihr König werden. 

Alfonso, der den Kult um Parthenope um die Mitte des 15. Jahrhunderts in seinem Königreich wieder aufleben ließ, wird gemeinhin als eigentlicher Protagonist der „Humani-sierung“ Neapels gewürdigt. [...] Die Wiederbelebung des antiken Gründungsmythos von Neapel sollte ihm dazu dienen, eine „kulturelle Genealogie“ zu rekonstruieren, als deren Bewahrer und legitimer Erbe sich Alfonso dem Volk und der lokalen Aristokratie des eroberten Königtums empfahl. Tatsächlich verbarg sich hinter der Aufgabe der ara-gonesischen Erblande und der Etablierung eines neuen eigenen Königreiches im süd-lichen Italien Alfonsos ambitionierte dynastische Strategie. Um seinem einzigen, aber illegitimen Sohn, Ferrante, die Thronfolge zu sichern, war er gezwungen, die spanischen Erblande seinem Bruder, dem späteren Juan II., zu überlassen. Dagegen konnte er in Neapel, das er im Jahre 1442 aus eigener Kraft René d'Anjou entrissen und erobert hatte, die Thronfolge ohne Rücksicht auf weitere familiäre Ansprüche regeln. [...]

Indem Alfonso den Neapolitanern ihre eigene Geschichte restituieren sollte, reklamierte er für sich selbst gleichwohl keine eigene genealogische Traditionslinie, in die er etwa auch seinen Sohn und ersehnten Thronerben in der Folge einzugliedern beabsichtigte, sondern empfahl sich vielmehr als Erneuerer und Bewahrer einer städtischen Identität, die anzuerkennen er ohnehin gezwungen war. Dieses politisch motivierte Projekt, das sich die griechische Vergangenheit und philhellenische Tradition Neapels zunutze machen sollte, zielte daher auf einen humanistisch inspirierten Erneuerungsgedanken, der eine Sozialdisziplinierung verfolgte und die usurpierte Macht durch lokale Identifikationsangebote sichern helfen sollte. Zugleich erlaubte der Rekurs auf Parthenope dem neuen Herrscherhaus, mit den geistigen und künstlerischen Tendenzen der anderen Höfe und Stadtstaaten der Apenninhalbinsel kongenial zu korrespondieren und zu konkurrieren. Es war allerdings ein Unternehmen, das durchaus auch die Gefahr der Verselbständigung in sich barg. Wenn die Aragonesen am Ende des Jahrhunderts von anderen Fremdherrschern verdrängt wurden, dann erweist sich diese Strategie zuletzt als gescheitert. Das städtische Selbstbewußtsein Neapels aber wird in der Folge nicht unerheblich von dem während der Herrschaft der Aragonesen wiederbelebten und beförderten Kult um Parthenope und sein Griechentum insgesamt bestimmt bleiben.

(Andreas Beyer: Parthenope. Neapel und der Süden der Renaissance. Berlin: Deutscher Kunstverlag 2000. S. 17 - 20.)


 
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