Thomas Gransow
Wolf-Ullrich Malm
 

Neapel und die Halbinsel von Sorrent
 

 Neapel

Galleria Umberto I.
 

Abb. 1
Galleria Umberto I. - Innenansicht (ca. 1890)


 
Piero Ciara (Hrsg.): Napoli e il suo Golfo. Vicenza: Alinari 1984. S. 15 (Nr. 4).
 
 

Text 1
Die Zukunft der Passagen und Galerien

Es ist gleichgültig, welchem Namen man wo auch immer den Vorzug gibt, ob Galerie oder Galleria Bazar, Durchgang oder Durchhaus, ob Stoa, Colonnade, Corridor oder Arcade - geliebt wird die Passage so und so, wenn sie nur richtig in der Stadt plaziert ist und mit Lust passiert wird, wenn sie also einen von guten Läden gesäumten, architektonisch gewitzten, nach Kräften interessanten, abkürzenden, anziehenden, also einen attraktiven Verbindungsweg darstellt. Ob man sie durcheilt oder darin verweilt, es muß Vergnügen machen.

Und eben dies ist es, was vielen unserer Städte nach dem Zweiten Weltkrieg ausgetrieben worden war: Sie funktionierten, sie waren mit üppigen Straßen dem Autoverkehr erschlossen, aber sie lebten nicht mehr, und nicht nur deswegen, weil niemand mehr darin wohnte. »Die Gehäuse des Einzelhandels und der Kaufhäuser«, kritisierte der (Passagen-)Architekt Volkwin Marg in der „Bauwelt“, „degenerierten zu Stätten funktionaler Notdurft. Die ‚Markt-Wirtschaft’ (in ihrer Blöße bedeckt mit dem Feigenblättchen ‚sozial’) war nicht nur wirtschaftspolitisches Credo der Wiederaufbau?Regierungen, sondern wurde zum entrückten Mythos eines Händlerbewußtseins, das die verdrängten psychischen Bedürfnisse der Kunden als nicht marktgerecht einfach leugnete.“

So degenerierten, wie Marg schreibt, „Kaufhäuser zu übereinandergestapelten Lager-Paletten, durch deren künstlichschlechte Luft und hühnerfarmartige Beleuchtung die konsumwütigen Massen mittels Elevatoren von Geschoß zu Geschoß gebaggert werden.“ Am Stadtrand breiteten sich zugleich Supermärkte aus, riesenhafte, kastenförmige Behälter mit Parkplätzen von zerfließender Weite, „architektonische Gemeinheiten aus Waschbeton, Asphalt, ordinärem Kunststoff-Environrnent“, lauter „Zerrspiegel einer Konsumgesellschaft, die das Genießen verlernt hat“. Die erste Reaktion darauf waren neue Fassaden, die der kümmerlichen Warenhaus-Architektur geschneidert wurden, und Versuche, „den Wolf vorsorglich im Schafspelz zu verstecken“, ihm also ein etwas anderes, vortäuschendes Aussehen zu geben. Die zweite Reaktion jedoch sind die Passagen.

Schwierig, alle die Städte - und beileibe nicht nur die ganz großen - zu zählen, denen allein in den letzten Jahren neue Passagen gebaut worden sind. Jahrzehntelang war davon nur eine Erinnerung vorhanden, die ihre Zusammenfassung in der Galleria Vittorio Emanuele II in Mailand, diesem „Pantheon der bürgerlichen Gesellschaft“ zwischen Gotteshaus und Opernhaus, zwischen Dom und Scala, erfuhr: Wer kennt sie nicht? Sie ist der „Star“ unter den Passagen; wer das Wort Passage hört, denkt sogleich an sie. [...]

„Vielleicht“, hatte der Architektur-Professor Johann Friedrich Geist in seinem großartigen Buch über die Passagen angedeutet, „vielleicht vermag diese Arbeit diejenigen zu erreichen, die noch etwas retten können.“ Denn die Passage, im 19. Jahrhundert erfun-den und vollendet „als ein System störungsfreier Kommunikation, könnte, befreit vom Makel privater Spekulation, wieder Element der Stadtorganisation werden.“

(Manfred Sack: Gläserne Gassen. In: Wolfgang Lauter: Passagen. Neuausgabe. Dort-mund: Harenberg 1996. S. 132f.)
 
 

Text 2
Galleria Umberto I.

Die Galleria Umberto I. wurde von 1887 bis 1891 von den Architekten Rocco, Curri und Di Mauro erbaut; die Glasverkuppelung konstruierte Boubée. In Typus und Anlage folgte diese Galleria der 1865 bis 1867 entstandenen Mailänder Galleria Vittorio Emanuele II: zwei sich rechtwinklig schneidende mit Glastonnen überwölbte Gänge mit zentraler Glaskuppel über der Kreuzung. Die Ecken der Vierung sind in Breite der Gänge abgeschrägt, so daß ein gleichseitiges Oktogon als zentraler Platz entsteht. Die zeitgenössische Kritik hat an der späten neapolitanischen Lösung viel herumgemäkelt, doch eines wird aus heutiger Sicht klarer erkennbar: Gegen die Jahrhundertmitte wird die ursprüngliche Idee einer überdachten Ladenstraße zugunsten repräsentativer Architekturen verdrängt. Schon die Namensgebung verrät Trend und neuen Stilwillen: Galerie de la Reine in Brüssel (1847), Kaisergalerie in Berlin, Victoria Arcade in Manchester und Galleria Vittorio Emanuele II. in Mailand. Die gläserne Eindachung galt ursprünglich nicht als Teil der Architektur. Noch bei der Kuppel in Mailand ist der Versuch zu erkennen, durch möglichst große Glasflächen die Konstruktion selbst nicht dominant werden zu lassen. Gerade die enger gesetzten und zahlreicheren Querringe der Kuppel von Neapel hatte die Bauästhetik der Zeitgenossen verletzt. Doch daß diese Lösung nicht aus technischer Unreife resultierte, geht aus zwei wesentlichen Abweichungen vom Mailänder Vorbild hervor. Die Abmessungen der Galerien, 195 x 105 m in Mailand und 147 x 122 m in Neapel, zeigen im letzteren Falle eine stärkere Angleichung der Ganglängen. Bei etwa gleicher Gangbreite der Galerie erhält das Neapler Oktogon eine zentralere Rolle. Schließlich ruht die Kuppel (57 m Scheitelhöhe!) über den Gebäudetrakten auf durchglasten Schildbögen, was ihr einerseits eine größere Schwerelosigkeit verleiht und andererseits die Kuppel als solche, und zwar als bewußt gewähltes Architekturmotiv, stärker akzentuiert. Hier ist wirklich, was in früheren Galeriebauten nicht angestrebt war, ein von einem Glasdach überwölbter Zentralraum bewußt gestaltet worden, ganz in der Tradition der neapolitanischen Tendenz im Kirchenbau. In der Galleria Umberto ist tatsächlich mit den Baumaterialien des 19. Jahrhunderts (Glas und Eisen) eine „Kathedrale des Kommerzes“ (Marx) errichtet worden, zum ersten und zum letzten Male. Gleichzeitig ist die Galleria Umberto die letzte monumentale Verwirklichung der überdeckten Ladenstraße. Das Zeitalter der Flaneurs ist vorbei. Schon parallel zum Bau dieser Galerie setzt sich andernorts der natürliche Nachfahr dieser Ladenstraßen als Bauform durch, das große Warenhaus.

(Rolf Legler: Der Golf von Neapel. Köln: DuMont 1990. S. 152f.)
 
 

Text 3
Die Passage

Eine durchaus profane und keineswegs nobilitierte Bauaufgabe waren im 19. Jahrhundert die Handelsbauten. Damit sind nicht jene gemeint, in denen sich das Handelskapital repräsentierte wie in Börsen oder Handelskammern, sondern die, in denen die Warenzirkulation tatsächlich erfolgte. Man könnte in diesem Zusammenhang die Geschichte der Einzelhandelsläden oder etwa die des Schaufensters erörtern, wichtiger ist für Paris jedoch die Herausbildung von zwei neuartigen Bautypen, die sich über ganz Europa verbreiten sollten: die Passage und das moderne Warenhaus.
Während das schon seit vielen Jahren angekündigte Passagenfragment von Walter Benjamin immer noch nicht erschienen ist, liegt das von Johann Friedrich Geist verfaßte Passagenbuch nun schon in einer dritten erweiterten Auflage vor. In diesem Werk wird der Gegenstand definiert, typologisch geordnet und in seinen baugeschichtlichen und allgemein kulturhistorischen Aspekten gründlich abgehandelt. Geist hat mehrere Faktoren benannt, die zur Entstehung und friihen Verbreitung des Bautyps gerade in Paris geführt haben. Die Straßen in ihrem veralteten Zustand und mit ihrem regen Verkehr machten es für den Fußgänger immer gefährlicher, in ihnen zu verkehren, da sie bis auf wenige Ausnahmen keine Trottoirs hatten, ein Zustand, der seit Jahrhunderten beklagt worden ist. Mit der [...] in Frankreich ruckartigen Herausbildung der neuen demokratischen Öffentlichkeit in den letzten Jahren des Ancien Régime entstand zugleich ein Bedarf an öffentlichem, störungsfreiem Raum. Gleichzeitig bedurfte die durch die liberalistische Gesetzgebung geförderte Luxusindustrie eines Ortes, wo ihre Waren angeboten werden konnten - und die Straßen boten sich wegen der genannten Verkehrsverhältnisse dazu kaum an. Es kam hinzu, daß durch die Enteignung des innerstädtischen Besitzes von Adel und Klerus gerade im Inneren der neuen Blockbebauung Möglichkeiten für derart lukrative Nutzungen gegeben waren. 

Den Prototyp der Passagen stellen die von 1786 bis 1788 erbauten Galeries de Bois im Palais Royal dar, die 1828 abgerissen und durch die Kolonnade ersetzt wurden, die bis heute besteht. In einem für Fußgänger reservierten Bereich lagen sie im Zentrum des damaligen öffentlichen Lebens. In den vom Duc d'Orléans vermieteten Räumlichkeiten, in den angrenzenden Läden, Spielsalons, Lokalen für politische Geheimclubs und Bordellen trafen sich Angehörige aller Schichten, und man hat hier zu Recht das Zentrum der französischen Revolution gesehen. Die durch Oberlicht erhellte Passage bot also einen Raum zum ungestörten Beschreiten, wobei man die Auslagen der in den „Seitenschiffen“ untergebrachten Geschäfte begutachten konnte. Mochte es im Palais Royal noch recht ungestüm zugegangen sein, so wird mit der geradezu inflationären Entwicklung des Bautyps die Passage zum bevorzugten Aufenthaltsort des Flaneurs, der, von dem „ennui“ als dem „mal du siècle“ geplagt, hier seine ungefährdete Zerstreuung sucht, wobei er - und diesen Typ gab es nach Benjamin - als Ausdruck seines Widerstandes gegen die Hektik der Stadt eine Schildkröte spazieren führt. [...]

Der Typus der Prachtpassage, wie er uns heute noch in der Galleria Vittorio Emanuele in Mailand oder der römischen Galleria Colonna entgegentritt, die aus der zweiten Jahrhunderthälfte stammen, war in Gestalt der Galerie d'Orléans, die anstelle der Galeries de Bois noch unter der Restauration in den Jahren 1828 bis 1830 entstand und die erst 1935 abgerissen wurde, ebenfalls vorgegeben. Schon hier war die Passage zu einem Ort des exklusiven „window-shopping“ für die gehobenen Schichten geworden [...]. Urbane Kommunikation findet nicht mehr statt: der Freiraum bleibt leer, und die vereinzelten zahlungskräftigen Konsumenten beschränken sich auf das Studium der Auslagen. Die Passage als Handelsort verkümmerte, indem sie obsolet oder exklusiv wurde, und erst in den letzten Jahren hat sie als Umschlagplatz wieder an Bedeutung gewonnen, weil sie den sich individualisierenden Bedürfnissen der Konsumenten so wie ein Flohmarkt entgegenkommt. Es wäre zu fragen, wie dieser Bautyp für zukünftige kommunikativ-urbane Planungskonzepte revitalisiert werden kann.

(Dieter Kimpel: Paris. Führer durch die Stadtbaugeschichte. München: Hirmer 1982. S. 346 - 349.)
 


 
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