Thomas Gransow
Wolf-Ullrich Malm
 

Neapel und die Halbinsel von Sorrent
 

 Neapel

Funiculare
 

Text 1
Funiculì - funiculà


 
Der Ansturm von Vesuvbesuchern brachte 1870 den Bankier E. E. Oblight auf die Idee einer mechanischen Bergbahn. Nach zahlreichen Geländestudien erlangte die von Oblight gegründete „Societé Anonyme de Fer Funiculaire Vesuve“ am 21. Dezember 1878 die für den Bau notwendige Bodenkonzession. Der mit der Ausführung betraute Mailänder Ingenieur Olivieri wählte das sog. Prismatische System, d. h. zwei parallel geführte Gleise mit jeweils einem Wagon, von denen der zeitgleich abwärtsfahrende den aufwärtsfahrenden unter stützt. So genügten für den Wagenschub in der Talstation zwei Dampfmaschinen von jeweils nur 45 PS, um die fünf Tonnen schweren Waggons zu bewegen. Die beiden Wagen „Vesuv“ und „Ätna“ konnten jeder max. 20 Personen pro Fahrt befördern. Schon während der Bauzeit hatte die englische Firma Cook (Waggon Lits) das gesamte Aktienpaket der Betreiberfirma aufgekauft.

Als die Funiculare am 6. Juni 1880 eingeweiht wurde, war das Echo enttäuschend. In der lokalen Presse wurde über diese „Entweihung des Berges“ geschimpft, weil sie dem Vesuv seinen Zauber nehme. Um nicht in die Pleite zu fahren, mußte etwas für die Popularität der neuen Bergbahn getan werden.

Wie konnte man besser für die Funiculare beim neapolitanischen Volk Werbung machen als mit einem Lied. Die Bergbahnkompanie reagierte schnell und zielstrebig. Per Zufall befanden sich der in Rom arbeitende neapolitanische Journalist Peppino Turco und der aus Stabia gebürtige, nach London emigrierte Musiker und Komponist Luigi Denza zu diesem Zeitpunkt zu Kur- bzw. Urlaubszwecken im Nobelhotel Quisisana bei Castellamare di Stabia. Die Direktion der Bergbahn beauftragte die beiden mit der Schöpfung eines werbeträchtigen Songs für das bevorstehende Piedigrotta-Fest. Die beiden setzten sich ans Klavier der Hotelhalle bzw. an einen der Tische derselben und aus der Feder Peppino Turcos flossen die Verse:

Aissera, Nanninè, me ne sagliette tu saie addò?
Tu saie addò?
Addò stu core ‘ngrato cchiù dispiette farne non pò.
Farne non pò.
Addò llo fuoco coce, ma si fuje te lassa stà
Te lassa stà
E non te corre appriesso, non te struje sulo a guardà.
Solo a guardà.

Jammo, jammo
‘ncoppa, jammo jà.
Jammo, jammo
‘ncoppa, jammo jà.
Funiculì funiculà
Funiculì funiculà
‘ncoppa, jammo jà,
Funiculì funicula.

Né ... jammo da la terra a la montagna no passo nc‘ è.
No passo nc‘ è.
Se vede Francia, Proceta, la Spagna e io veco te.
E io veco te.
Tirate con lli fune nnitto, ‘nfatto ncielo se va.
Ncielo se va.
Se va comm’a llo viento, a l’intrasatto. Guè saglie, sà.
Guè saglie sà.

Jammo, jammo
‘ncoppa, jammo jà.
Jammo, jammo
‘ncoppa, jammo jà.
Funiculì funiculà
Funiculì funiculà
‘ncoppa, jammo jà,
Funiculì funicula.

Die zündende Musik und die volkstümlichen Verse waren der Hit des Piedigrotta-Festes von 1880. Es wurde ein Welterfolg. Ein neues Musikgenre, der „Canzone napoletano“, war geboren. Die Bevölkerung hatte die Funiculare akzeptiert, und die Bergbahn fuhr in die gewünschten schwarzen Zahlen. Indirekt hatte der böse Bube Vesuv den Neapolitanern ein wunderbares Geschenk bereitet.

(Rolf Legler: Der Golf von Neapel. Köln: DuMont 1990. S. 373f.)


 
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