Thomas Gransow
Wolf-Ullrich Malm
 

Neapel und die Halbinsel von Sorrent
 

 Neapel

Duomo San Gennaro
 

Abb. 1
Grundriss


 
Text 1
Der Dombezirk

Wo sich heute Neapels Dom erhebt, befand sich in griechisch-römischer Zeit ein östlich der Agora gelegener Tempelbezirk, der seit frühchristlicher Zeit zunehmend von Gebäuden des neuen Kultes okkupiert wurde. Der Dombezirk stellt Neapels bedeutendstes kunst- und kulturgeschichtliches Denkmal dar, ist aber für den Neapelbesucher gleich-zeitig das größte Ärgernis. Der Bezirk umfaßt: 

·  den Dom selbst, als eines der bedeutendsten Bauwerke der Sakralkunst in früh-angiovinischer Zeit; 

·  S. Restituta, Neapels älteste Kirche; 

·  das Baptisterium S. Giovanni in Fonte mit den schönsten Mosaiken aus frühchristlicher Zeit

·  die Reste der sog. Stefania, zweite Bischofskirche unter Stephan I., um 500 erbaut;

·  Cappella Minutolo mit den ältesten Grabmälern und Fresken unter florentinischem Einfluß; 

·  Succorpo (Krypta), ein Hauptwerk der Renaissance Süditaliens; 

·  die Cappella del Tesoro di S. Gennaro, Hauptwerk des neapolitanischen Frühbarock und der Malerei in Neapel; 

· den Bischofspalast aus verschiedenen Epochen und 

· die Guglia S. Gennaro, die älteste barocke Guglia Neapels, von Fanzago entworfen.

Zählt man noch die Ausgrabungen von römisch?griechischen Mauern und Mosaikböden unter dem nördlichen Teil des Kathedralbezirks und die neogotische Fassade vom Ende des 19. Jahrhunderts hinzu, bietet der Dombezirk eine Bebauungsgeschichte, die identisch ist mit derjenigen der ganzen Stadt seit ihrem Bestehen.
 

Text 2
San Gennaro und Maradonna

Einzig und allein der wahre König von Neapel, der alle Dynastien und Zeiterscheinungen überstanden hatte, regiert noch unwidersprochen: San Gennaro. Er hat nicht nur den Vesuv gebändigt, er hat auch seine Neapolitaner im Griff. Ein Beispiel mag dies vor Augen führen:

Zweite Maiwoche 1988. Es war die Woche, in der sich gewohnterweise das in zwei Ampullen aufbewahrte Blut des hl. Januarius verflüssigt. Doch die Neapolitaner hatten ihren Patron vergessen. Alle hatten nur den neuen Heros und Abgott Maradona im Kopf. Mit dem argentinischen Wuschelkopf war im Vorjahr der FC Neapel italienischer Meister geworden. Wie gesagt, niemand dachte an S. Gennaro oder an die Madonna. Maradona hieß der aktuelle Liebling der Stadt. Ob sich Gennaro das wohl gefallen lassen würde? Natürlich nicht. Das Wochenende, an dem sich das Blut verflüssigen sollte, war gleichzeitig der viertletzte Spieltag der laufenden Meisterschaftsserie, der FC Neapel führte mit zwei Punkten die Tabelle an und hatte als Gast im eigenen Stadion den gefährlichsten Konkurrenten, den AC Milano. Ein Heimsieg und die zweite Meisterschaft wäre perfekt gewesen. Doch Gennaro spielte nicht mit. Sein Blut hatte sich nicht planmäßig verflüssigt an diesem Wochenende, und das ist immer ein böses Omen. Der FC Neapel verlor sein wichtigstes Heimspiel und damit die Meisterschaft. Volkstrauer in der Sirenenstadt. Der Sonntag war vorbei, auch der Montag war verstrichen, am Dienstag Nachmittag, der Dom hatte gerade geöffnet, ging ein Tuscheln durch die Via Duomo, die Frauen eilten scharenweise in den Dom: Das Blut hatte sich verflüssigt, S. Gennaro hatte seinen Neapolitanern verziehen, er war wieder Herr im eigenen Hause, und die Welt war wieder in Ordnung. Vergessen war die Niederlage im Fußball, wer ist schließlich Maradona gegen S. Gennaro?

Diese für viele Nordländer unverständliche, fast götzendienerische Heiligenverehrung ist nur die Spitze des Eisberges, dahinter steckt eine ganz besondere Grundeinstellung zur Religion, zu den Heiligen. Wohl noch im ersten Jahrhundert war das Christentum über Pozzuoli in Neapel eingezogen. Der am 19.9.305 an der Solfatara enthauptete Bischof von Benevent, Januarius (Gennaro), ist einer der bekanntesten Blutzeugen des frühen Christentums in Kampanien. Die Verwurzelung des neuen Glaubens erfolgte also sehr früh und war total.

Neapelverehrer wie Malaparte verstiegen sich sogar zu der Behauptung, Christus sei ein Neapolitaner gewesen. Andere dagegen behaupten genau das Gegenteil, die Christianisierung sei in Neapel nie völlig vollzogen worden, und beide haben recht. Die Neapolitaner haben wohl in ihrer starken Wesensart das Christentum, ebenso wie alle anderen Fremdeinflüsse durch die verschiedensten Dynastien, ganz einfach neapolitanisiert.

Das Verhältnis der Italiener im allgemeinen und das der Neapolitaner ganz besonders zur Religion ist kein theoretisches oder dogmatisches, es ist ein pragmatisches, alltägliches. Die Religion und ihre Heiligen leben nicht neben oder über dem Volk, sondern mittendrin. So wenig die Neapolitaner eine Klassengesellschaft entwickelt haben, Reich und Arm wohnen zusammen, ebenso wenig hat die Kirche hier ihre andernorts so hierarchische Struktur entwickeln können. Bis 1497 war der hl. Januarius nur einer der zwölf Schutzheiligen der Stadt gewesen. Mit der Rückkehr der Gebeine des Heiligen von Montevergine in den Dom von Neapel hatte der Kopatron der Stadt seinen Siegeszug über die anderen Ortsheiligen angetreten. Bereits bei der Pest von 1526 - 1528 galt der nach Neapel zurückgekehrte Patron als der alleinige Verantwortliche für das Ende der Seuche. Damals hatte man dem neuen Stadtgott einen eigenen Tempel, die Cappella del Tesoro, versprochen. Als im nachfolgenden Jahrhundert, 1631, ein schwerer Ausbruch des Vesuv die Bürger erschreckte, war es die feierliche Prozession mit den Januariusreliquien zum Ponte Maddalena, der Stadtgrenze, die die Lavaströme des tobenden Berges zum Stillstand brachte. Die Bauarbeiten an der Cappella del Tesoro wurden vorübergehend eingestellt, und dem hl. Januarius, dem „Retter“ der Stadt, wurde südlich des Doms die erste Guglia dieser Art errichtet.

In den Revolutionskriegen hatte der aufgeklärte französische General Championnet die Bedeutung des Heiligen und der Blutverflüssigung erkannt. Da die Einnahme der Stadt just in der Woche stattfand, als sich wieder einmal das Blut zu verflüssigen gehabt hätte, aber das Phänomen ausgeblieben war, drohte der zuständige Offizier dem Vorsteher der Deputazione mit der Enthauptung, falls sich nicht binnen einer vorgegebenen Frist das wohlwollende Himmelszeichen einstellen sollte. Verspätet, aber noch rechtzeitig für das bedrohte Haupt des Priesters, erscholl der Ruf: Es fließt, es fließt! Natürlich hat da niemand manipuliert, S. Gennaro hatte in seiner unendlichen Güte nur Mitleid mit dem Priester und deshalb die Verflüssigung bewirkt!

Die Neapolitaner von heute leben wie die Parthenopäer von einst mit ihren Göttern, sprich Heiligen, zusammen wie mit alltäglichen Nachbarn. Wenn die erbetenen Wünsche, Forderungen oder Ansinnen in Erfüllung gehen, werden die Heiligen verehrt, abgeküßt, gefeiert. Tritt das Gewünschte aber nicht ein, dann kann es passieren, daß die Statue verhöhnt, beschimpft, bespuckt oder beschmiert wird. Das Verhältnis der Neapolitaner zu ihren Heiligen ist genau genommen antik, also heidnisch. Daran hat selbst das benachbarte mächtige Rom nichts ändern können.

(Rolf Legler: Der Golf von Neapel. Köln: DuMont 1990. S. 384f.)
 
 

Text 3
Das Geheimnis des San Gennaro

Friedrich Wilhelm I. von Preußen wollte es nicht glauben. Als ihm die Kunde von der alljährlichen, in Neapel als Wunder gefeierten Verflüssigung von Januarius' Blut zu Gehör kam, soll sich die „protestantische Erbsünde“ in ihm geregt haben. Er ließ umgehend seinen Chemiker und Apotheker herbeirufen und von ihm dieselbe Prozedur in Anwesenheit hoher Herren nachmachen. Das Experiment wurde einer der vielen Versuche, die seit 1389 - dem Jahr der ersten nachgewiesenen Verflüssigung - die Januarius-Frage mit profanen Argumenten zu beantworten trachten: Was für eine Substanz wohl tatsächlich in der kleinen Ampulle enthalten sei, die im Dom als kostbare Blutreliquie aufbewahrt wird. Erbracht haben die mehr oder weniger wissenschaftlichen Anstrengungen bisher immerhin zweiundzwanzig verschiedene Erklärungen. Das Prüfen, ob das Wunder eingetreten ist, wird in dem Gottesdienst durch wiederholtes Umkehren der Theka bewerkstelligt. Dies brachte im Jahr 1991 eine Troika norditalienischer Wissenschaftler auf die vorerst letzte - die dreiundzwanzigste - Hypothese: Der Ampulleninhalt könne eine thixotropische Substanz sein, das heißt: ein Gel, das sich verflüssigt, wenn es gerührt oder geschüttelt wird. Das Rezept, mit Originalzutaten aus dem Mittelalter, ist einfach und kann von jedermann am Küchentisch überprüft werden. Man nehme 25 g FeCl3 (Eisenchlorid, auf vulkanischem Boden in Natur vorhanden) und löse es in 100 ml H20 (Wasser), bis man eine rötlich?orangefarbene Flüssigkeit erhält. Man menge unter ständigem Rühren 10 g CaC03 (Calciumkarbonat) langsam dazu; man beseitige durch Dialyse (zum Beispiel unter Verwendung eines Lammdarms) die unerwünschten Reagenzprodukte, gieße das erhaltene Präparat in eine kleine Ampulle und gebe eine Prise NaCl bei (Natriumchlorid, also Kochsalz. Achtung: Die Menge des Salzes bestimmt den Festigkeitsgrad des Gels). Danach kräftig schütteln und dann ein paar Stunden an kühlem Ort ruhen lassen. Das Resultat - eine Wassersuspension von kolloidalem Eisenhydroxyd mit Natriumchlorid - kann sich sehen lassen: eine rotbräunliche, feste, der Blutreliquie ähnlich sehende Substanz, die durch kleine Stöße und Umkehrungen des Behälters gemäß der thixotropisehen Eigenschaft langsam flüssig und nach einiger Zeit des Rubens wieder fest wird. Von Wunder (und Heiligenblut) dabei keine Spur, das Phänomen ist ja aus dem sehr profanen Umgang mit der Ketchup-Soße zu Genüge bekannt.
Ist San Gennaros Geheimnis damit gelüftet? Die Neapolitaner bleiben von solch nüchternen Argumenten unberührt. Sie vertrauen nach wie vor darauf, daß ihr Heiliger sein Wunder für alt diejenigen weiter vollbringen wird, die an ihn glauben. Und das nimmt nun, bei all dem, was ihr Schutzpatron für die Stadt bisher geleistet hat, wirklich nicht wunder. 

(Pietro Scanzano: Was Wunder? In: Merian 46. Jg. (1993) H. 9. S. 12f.)
 


 
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