Thomas Gransow
Wolf-Ullrich Malm
 

Neapel und die Halbinsel von Sorrent
 

 Neapel

Castel Nuovo (Maschio Angioino)


 
 

 
Text 1
Baugeschichte

Bis in die ersten Jahre der Anjouherrschaft geht die Entscheidung zum Neubau einer königlichen Unterkunft zurück, die gleichwohl Festung und Residenz sein sollte. Diese Doppelfunktion bestimmte wohl von Anfang an Aufbau und Gestalt dieses bis heute wichtigsten Profanbaus der Stadt und inzwischen deren Wahrzeichen. Bereits 1277 wird der erste Stein gesetzt, fünf Jahre später wird das Castrum Novum bereits bezogen, und 1284 gelten die Bauarbeiten als abgeschlossen. In den Urkunden wird der Priester Pierre de Chaule als Architekt genannt. Unter den Nachfolgern Karl II. von Anjou und Robert dem Weisen finden weitere Arbeiten statt. Die wichtigsten davon sind wohl in der Errichtung der Hofkapelle und des Giardino Beverello - eine Art hängender Garten über dem Meer - zu sehen. Attanasio Primario und Tino da Carnaino sind als Baumeister bekannt. Nach Fertigstellung der Kapelle ruft Robert der Weise 1328 den bedeutendsten Maler seiner Zeit, Giotto di Bondone, an seinen Hof, wo dieser in fünfjähriger Tätigkeit die Palastkapelle mit Zyklen zum Alten und Neuen Testament, die Privatkapelle und einen der Rittersäle mit berühmten Helden und Königen der Antike ausmalt. Petrarca hat diese Fresken seines Landsmannes sehr bewundert.

Die Dekadenz des Königshauses und die nachfolgenden Erbfolgekriege zwischen Durazzo und Anjou brachten dem anglovinischen Kastell den baulichen Ruin. Nach dem siegreichen Einzug Alfonsos von Aragon 1442 in Neapel ließ dieser umgehend mit dem Neu-bau des Kastells beginnen, noch auf den Grundmauern des angiovinischen Vorgängerbaues. Auch das neue, nun aragonesische Kastell hatte die Doppelfunktion von Festung und königlicher Residenz zu erfüllen, Doch mußte es dringendst den neuen waffentechnischen Erfordernissen angepaßt werden. Der wichtigste Baumeister, seit 1448 Proto-magister, wird der aus der katalanischen Heimat geholte Wilhelm Sagrera. Bereits 1450 muß der Bau so weit gediehen sein, daß sich Alfons mit der Gestaltung des Triumphbogens beschäftigen kann. Nach dem Tode des älteren Sagrera (1454) setzen dessen Vetter und Sohn die Arbeiten fort. Die 1464 entstandene „Tavola Strozzi“ (Museo di  Capodimonte) zeigt das Kastell bereits fertig. 

Spätestens seit 1453 ist der Bau des Triumphbogens im Gange. 1456 zerstört ein schweres Erdbeben die Palastkapelle, für deren Wiederherstellung die Giottofresken geopfert werden müssen. Parallel zu den ständig notwendigen Bauarbeiten wird das Kastell zum bedeutendsten Musenhof der italienischen Frührenaissance. Durch den Neubau des Palazzo Reale unter Don Pedro de Toledo wird das Castel Nuovo mehr oder minder funktionslos, ein Umstand, dem wir die gute Erhaltung des Monuments weitgehend verdanken. [...]

Wer immer zum ersten Mal auf [den Triumphbogen], dieses Wunderwerk der Monumentalskulptur der italienischen Frührenaissance in seinem feierlichen Marmorweiß zwischen den trutzigen, in anthrazitgrauen Peperinquadern dräuenden Rundtürmen, zuschreitet, wird zunächst überrascht, dann gefangen sein von der für einen Triumphbogen unklassischen Vertikalität des Neapler Werkes. „Der Triumphbogen Alfonsos ist ... ein zwitterhaftes Monument, das die Idee des Triumphbogens mit der eines monumentalen Prachtportales kombiniert.“ (Kruft/Malmanger)

Die Anbringung von Portalen zwischen zwei flankierenden Türmen war seit dem 12. Jahrhundert im katalano?okzitanischen Raum als gängige Form vertraut (Carcassonne,  Perpignan, Villeneuve-les-Avignon). Auch in Süditalien war diese Form des Prunkportals seit Friedrich II. heimisch (Capua, Castel del Monte). Die Idee des antiken Triumphzuges und -bogens ist ebenfalls durch Friedrich II. dem hohen Mittelalter zurückgewonnen worden. Hinzu kommen in Neapel Einflüsse der herrscherlichen Sepulkralkunst mit Reiterstandbildnissen.

Neu und einzigartig geblieben ist die Lösung zweier übereinander gestellter Triumphbögen. Neben dem großen Vorbild Friedrich II. (Capuaner Brückentor) mag letztlich die Entscheidung für die „moderne“ antikische Lösung wesentlicher Teile des Triumphbogens auch beeinflußt worden sein vom Kreis der Humanisten, mit denen sich Alfons schon Jahre vor Baubeginn des Monuments (1452) umgeben hatte. Dafür sprechen die Verwerfung eines mehr der internationalen Gotik verpflichteten Entwurfs Pisanellos (1449 für Alfons tätig) und die Präsenz einer Vitruv-Handschrift in der Bibliothek des Monarchen.

Weitgehend römischen Vorbildern entsprechen Aufbau und Anordnung des unteren Bogens und die strenge Geschoßtrennung. Auf hohen Piedestalen stehende schlanke kannelierte Doppelsäulen mit eigenem durchgehenden Architrav bilden die Rahmung der eigentlichen Toröffnung. Lediglich die geflügelten Löwen und das katalanische Wappen erinnern an eine neuzeitliche Schöpfung. Antikisch korrekt ist auch die Anbringung der Reliefdarstellung des Triumphzuges in der Attikazone. Zwei flachgiebelige Ädikulen setzen in dieser Zone die Rahmen der Säulenarchitektur fort, in und zwischen denen sich der Triumphzug vollzieht. Durch das oben weit vorkragende Gesims erklärt sich das abschließende zweite Architravband als dem unteren Bogen zugehörig.

Noch stärker an antike Vorbilder schließt sich die Architektur des oberen Bogens an durch seine starke Breitenlagerung und die Siegesgenien in den Bogenzwickeln. Doch der obere Teil des zweiten Bogens mit den vier Nischenfiguren der Tugenden in der ursprünglichen Attikazone und dem abschließenden Segmentgiebel (im Bogenfeld zwei Flußgötter) zuzüglich der Aktroterfigur des hl. Michael ist nun eine ganz moderne Interpretation der klassischen Vorlage. Überdies war die obere Bogennische zur Aufstellung einer Reitersta-tue des Herrschers vorgesehen. Auch dies, wenn auch offensichtlich nie ausgeführt, ist völlig neuzeitlich gedacht.

Am linken und rechten Gewände des unteren Bogens sieht man Fortsetzungen des Triumphzuges. Dann, in Richtung Hof fortschreitend, trifft man auf einen dritten Triumphbogen, der aber eher als das eigentliche Portal des Kastells bezeichnet werden sollte. Hier ist letztendlich jeder Versuch, original römisch zu sein, zugunsten einer rein neuzeitlichen Formulierung aufgegeben. Die Füllung der Bogenzwickel mit Rankenornament, die beiden wappenhaltenden Engel über dem Bogen, die Reduzierung der Architravzone auf reine Kämpferblöcke, schließlich die Rahmung des oberen Bogens mit Muschelnischen und die Darstellung der kassettierten Bogendecke in Zentralperspektive sind Vokabular der Frührenaissance.

Planender und ausführender Baumeister war laut erhaltenen Urkunden mit Sicherheit der sonst wenig bekannte Pietro da Milano. Mit ihm, vielleicht als Schüler, kam aus Dalmatien der weit begabtere Francesco Laurana. Das 1468 gegossene Bronzeportal mit den Taten des Alfons von Aragon befindet sich z. Zt. im Palazzo Reale.

Hat man das innere Portal durchschritten, zeigt zunächst die Ostseite des Hofes weitge-hend den Anblick, der sich dem Besucher des 15. und frühen 16. Jahrhunderts beim Betreten des Kastells erschloß. Rechts die doppelte große Loggia, die untere Arkadenstellung von 1497, die obere 1535 erst von Don Pedro de Toledo in Auftrag gegeben. In der Mitte der östlichen Hofseite die nur durch Rosette und Portal als solche erkennbare Hofkirche. Die Palastkapelle ist im Inneren völlig restauriert und meistens geschlossen. Das vorgelegte feingeschnittene Renaissanceportal zeigt im Tympanon eine Madonna mit musizierenden Engeln von der Hand des Donatello-Schülers Andrea dell'Aquila und dar-über in einer Nische eine Madonnenstatue von Francesco Laurana, gelegentlich mit mehr Fug auch Domenico Gagini zugeschrieben.

Ganz links führt eine flache Freitreppe von 1456/57 zur Sala dei Baroni. Eingespannt in die mehrere Meter dicken Festtungsmauern hat Guglielmo Sagrera hier sein Meisterstück vollbracht. Über einen Grundquadrat von 28 in Seitenlänge hat er durch Trompenbildung in Form von Schwibbögen ein achtseitiges Sterngewölbe gespannt, das im Scheitelpunkt durch einen Kreisokulus (anstelle des hier üblichen Schlußsteines) gleichzeitig die Hauptlichtquelle des Raumes besitzt. Bedenkt man die Abmessungen dieses überkuppelten Raumes, 28 in der Seiten des Grundquadrates bei 28 in Scheitelhöhe des Gewölbes, und vergleicht sie mit einer der bedeutendsten Kathedralen der französischen Gotik, z.B. Chartres mit ebenfalls 28 in Scheitelhöhe bei nur 18 m Schiffbreite, begreift man die Einzigartigkeit dieses Profanraumes, der nichts anderes darstellt als eine Kathedrale der königlichen Macht. Sagrera hat in Neapel die großartigste Königshalle des Mittelalters erstellt. Bereits 1457 konnte Alfons von Aragon, „il Magnanimo“, hier sein erstes öffentliches Staatsbankett abhalten. Weder das Erdbeben von 1456 noch der große Brand von 1919 konnten diesem Gewölbe Schaden anhaben. Noch heute ist die Sala dei Baroni Sitzungsort des kampanischen Regionalparlaments. Sie ist nur unregelmäßig für Besucher geöffnet.

(Rolf Legler: Der Golf von Neapel. Köln: DuMont 1990. S. 136 - 140.)
 
 

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