Thomas Gransow
Wolf-Ulrich Malm
 

Der Golf von Neapel


Der Golf von Neapel als europäische Reiselandschaft
 
 

Text 1
Das von Teufeln bewohnte Paradies

Das Reisen ist keine Erfindung der Neuzeit. Und die Geschichte der Reise an den Golf von Neapel zeigt, dass die großen Reiselandschaften aus dem Geiste des Mythos entstehen. Reisende wollen die Bilder identifizieren, mit denen sie ihre Kultur infiziert hat. Reisende sind auf der Suche nach der verzaubernden Erfahrung der anagnosis, des Wiedererkennens.

Zwei Jahrtausende speisen sich die mythischen Bilder der Reisenden aus dem Kanon der Literatur: Der Blick auf die Landschaft ist ein literarischer Blick. Reisen wird beflügelt von literarischer Spurensuche, so wie umgekehrt Lesen einhergeht mit topographischer Neugier. Die großen Reiselandschaften entstehen als „Schau-Plätze“ der Literatur. Es geht um den Zusammenhang von Sehen und Lesen, der nicht nur für die Metapher vorn „Buch der Natur“ (Ernst Robert Curtius) gilt, sondern auch für die Erfahrung konkreter geographischer Landschaften. Was das Auge des Reisenden sieht - so Petrarca -, hat ihm die Schreibfeder zubereitet.

In diesem Sinne ist der Golf von Neapel zur europäischen Reiselandschaft geworden durch einen locus classicus der Literatur: das 6. Buch von Vergils „Aeneis“. Die Landung des Aeneas in der Bucht von Baiae, sein Besuch in der Sibyllen?Grotte von Cumae, sein Weg zum Vorgebirge Misenum (wo unbestattet der tote Gefährte Misenus am Strand liegt), sein Abstieg endlich ins Reich der Toten am Avernersee: Der Weg des vergilischen Helden ist das Vorbild des Itinerars aller späteren Reisenden, ehrfürchtig nacherlebt von Generationen, Pilgerreise auf den Spuren der großen Literatur. Bereits die Spätantike kannte die „vergilischen“ Örtlichkeiten als Ausflugsziele, und bis in die Zeit um 1800 gehört die Gegend südwestlich von Neapel, also der Golf von Pozzuoli und die angrenzende Landzunge des Kap Misenum, zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten eines jeden Neapel-Aufenthalts.

Das vorherrschende antiquarische Interesse - also die Neugier auf Lokalitäten, die durch die antike Literatur gleichsam nobilitiert worden waren - konnte sich dabei außer an Vergils „Aeneis“ auch an anderen antiken Reminiszenzen festmachen: an Petrons „Gastmahl des Trimalchio“, das in einer der luxuriösen Villen der Gegend „spielt“; an den Oden des Horaz, der an der künstlichen Veränderung der Landschaft am Lukrinersee und an der Küste von Baiae ein Symbol des allgemeinen Kulturverfalls sah; an den Briefen des Seneca, in denen er kritisch?ironisch von seinen Reiseerfahrungen berichtete; an Sueton, dessen Kaiserviten die Gegend wiederholt zum Schauplatz spektakulärer Ereignisse machten - um nur einige zu nennen.

Am Golf von Pozzuoli waren außerdem eindrucksvolle antike Baudenkmäler zu bewundern, wie das (auch heute noch von Touristen besuchte) Amphitheater und die Tempel von Pozzuoli, aber auch andere, die inzwischen so gut wie vergessen sind: die Cento Camerelle und die Piscina mirabilis bei Bacoli, zwei gewaltige unterirdische Zisternen, der Lago Fusaro (in der Antike wegen seiner Austernzucht berühmt), das Mare Morto oder die Stufe di Nerone, die „Öfen des Nero“, ein antikes Felsendampfbad. Alle diese Örtlichkeiten gehören vom späten Mittelalter bis in die Zeit um 1800 zum festen Programm jedes Neapel-Reisenden. Geographische Werke, Reiseführer und Reisebeschreibungen in ganz Europa boten ausführliche (nicht selten stereotype) Beschreibungen der betreffenden Lokalitäten. Sogar eigene touristische Führer waren der Gegend gewidmet, wie die mehrfach aufgelegte „Guida de' Forestieri“ des neapolitanischen Bischofs Pompeo Sarnelli. Der Besuch des neapolitanischen „Westens“ bildet die älteste Reiseroute in der Umgebung der Stadt. Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als das antiquarische Interesse allmählich anderen touristischen „Parametern“ weicht und andere Reiseziele in Kampanien attraktiv werden, verliert die Region ihr Primat. In den Reiseführern des 19. Jahrhunderts tritt sie zunehmend in den Hintergrund. Heute gehört sie zu den unschön zersiedelten Wohngegenden an der Peripherie der Metropole, touristisch spielt sie kaum noch eine Rolle.

Natürlich musste, wer hier den Spuren der antiken Literatur folgte, nicht mit einer um-fangreichen Bibliothek unterwegs sein. Kein älterer Reiseführer, der versäumt hätte, die entsprechenden Örtlichkeiten literarisch aufzubereiten, die Stellen zu zitieren, die Ereignisse zu erwähnen, die hier vorgefallen waren. Über Jahrhunderte hinweg war die Reise an den Golf von Neapel erinnerter Lesestoff, Wiederbegegnung mit der Schullektüre aus frühen Kinderjahren. "Hier war es, wo ..." : Das war der eigentliche Schlüssel des Reiseerlebnisses. Es gibt nur noch eine einzige Landschaft auf der Welt, die von unzäh-ligen Menschen vieler Generationen auf die gleiche „literarisch-historische“ Weise erlebt wurde und noch immer erlebt wird: Palästina in seiner christlichen Wahrnehmung als Schauplatz des Neuen Testamentes.

Es versteht sich in diesem Zusammenhang fast von selbst, dass die poetischen Landschaftsbeschreibungen Vergils und anderer antiker Autoren von den Reisenden als exakte topographische Quellen ernst genommen wurden. Hatte nicht Vergil zum Beispiel geschrieben, dass aus dem Avernersee giftige Dämpfe aufstiegen, welche die Vögel tot vom Himmel fallen ließen? Mit Erstaunen musste man nun bemerken, dass dieser See in Wahrheit zu den lieblichsten Flecken der ganzen Gegend gehörte. Also mussten - sollte der große Dichter nicht Lügen gestraft werden - in der Zwischenzeit „Veränderungen“ gegenüber dem ursprünglichen Zustand stattgefunden haben: „Einstmals so pestilenzialisch, dass bei Gefahr des Todes nicht einmal die Vögel wagten, über ihn hinzufliegen, ist er heute ein See, in dem Fische schwimmen und die Vögel sich vergnügen, und alles umher ist aufs angenehmste bebaut“, heißt es in Pompeo Sarnellis Fremdenführer von 1691. Erst die Literatur der Romantik wird in der Lage sein, den mythisch-poetischen Charakter der vergilischen Landschaftsbeschreibungen zu erkennen. „Die Natur offen-barte ihre Geheimnisse früher nur der Poesie«, bemerkt Madame de Staël über den Avernersee. Dennoch sind die mythischen Bilder der Literatur natürlich viel zu eindrucksvoll, als dass sie nicht immer wieder Anspruch auf faktische Wahrheit erhöben. Noch in den 1980er Jahren kursierte in Neapel die Geschichte von den vom Himmel fallenden Vögeln, wobei man geheimnisvolle „Erdstrahlen“ für das Phänomen verantwortlich machte.

War also die Reise an den Golf von Neapel eine Begegnung mit der Welt Vergils, so mußte ein bestimmtes Monument die besondere Ehrfurcht aller Reisenden erwecken: das Grab des großen Dichters, des „Vaters des Abendlandes“ (Theodor Haecker), wie ihn Jahrhunderte gesehen haben. In der Tat ist das Grab Vergils lange Zeit das spirituelle Zentrum dieser Reiselandschaft gewesen, ein säkularer Wallfahrtsort der Gebildeten. Seit alters wird es am Posillipo verehrt, am Eingang der Grotta di Posillipo, dem antiken Tunnel, der die Stadt mit Pozzuoli verbindet (auch sie eine der touristischen Sehenswürdigkeiten der Vergangenheit). Heute liegt es inmitten eines kleinen, stillen Parks, den die Stadt 1930 angelegt hat, aus Anlaß der 2000jährigen Wiederkehr des Geburtstages des Dichters. Als touristische Sehenswürdigkeit spielt auch dieser „antike Ort“ heute keine Rolle mehr. [...]

Außer durch die Erinnerungen an die klassische Literatur und die Präsenz der antiken Ruinen beeindruckte die Gegend westlich von Neapel auch durch eine Reihe von Phänomenen, die - wie wir heute wissen - im vulkanischen Charakter der Landschaft ihre Ursache haben. Kampanien ist ein „poröses“ Terrain, nicht nur der seit 1631 wieder tätige Vesuv machte das deutlich. Zahlreiche Höhlen und Schlünde, dampfende Grotten und Fumarolen prägen hier das Bild einer Landschaft, die früher Campi Phlegraei, »Brennende Felder«, genannt wurde. Auch diese geologischen Phänomene gehören zum festen Bestand der touristischen Attraktionen, wie sie die Reiseliteratur über Jahrhunderte hinweg festgehalten hat. Die Lust am Unheimlichen schwingt bei den Beschrei-bungen mit; sensiblere Reisende stellen Betrachtungen über Tod und Leben, über Para-ies und Hölle an, nüchternere spekulieren über die Ursachen der geheimnisvollen Emanationen aus dem Innern der Erde. [...]

Den Schrecken der Unterwelt konnte man sich auch beim Besuch der bei Pozzuoli gelegenen Solfatara nahefühlen, dem Boden eines Vulkankraters. Der feste Boden, so hieß es, sei hier nur sehr dünn, unter den Steinwürfen könne man den dröhnenden Widerhall aus dem Erdinnern hören. Aus Erdspalten drang heißer Dampf und unterirdisches Grollen. „Die meisten Einwohner zu Neapolis und in den umliegenden Orthen halten die Höhlen von Zolfatara vor warhafftige Lufft?Löcher der Höllen“ (van Huyssen, 1701), was dieselben allerdings nicht daran hinderte, hier als Kustoden den Reisenden ebenfalls eine Reihe von Schaustückchen darzubieten: Man kochte Eier auf dem Boden, verfärbte Silbermünzen oder entzündete Feuer aus dem Nichts.

Es ist das unmittelbare Nebeneinander von „Heilsamem“ und „Giftigem“, von „Schönheit“ und „Hässlichkeit“, von „Leben“ und „Tod“, welches der Gegend den Zauber verlieh. Schon Petrarca hatte sich an der Idee begeistert, dass in der Gegend von Neapel „Heilmittel für das menschliche Leben und Todesschrecken aufeinandertreffen.“ Als mythische Reminiszenz konnten das die Reisenden auf der Halbinsel von Misenum unmittelbar nacherleben: Dort lagen das „Tote Meer“ (Mare Morto), der antike Ort der Hadesfahrt des Charon und, gegenüber, die fruchtbaren „Elysäischen Felder“ - „ein Ort, an dem die köstlichsten Trauben wachsen und herrliche Früchte, auch Zuckererbsen zu jeder Jahreszeit“ (Sarnelli). Dass in Neapel das Paradies und die Hölle dicht nebeneinander lägen, wurde ein fester Topos der Reiseliteratur - er galt für die mythische Rezeption der Gegend aus dem Geist der Antike in der älteren Zeit ebenso wie für die „moderne“ Ästhetik der Landschaft, die seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts dominierte.

Die Nachbarschaft von Paradies und Hölle: Diese Idee prägt die Wahrnehmung Neapels auch im Hinblick auf den Gegensatz von Land und Stadt. Wer, wie die Reisenden der Grand Tour, von Rom kommend, sich Neapel auf der Via Appia näherte, kam nach mancherlei Beschwernissen in der Gegend von Capua in die sogenannte Terra di lavoro, einen Landstrich, der nach allgemeiner Überzeugung an Schönheit alles übertraf, was man auf Erden sehen konnte. „Das Land Campania ist das schönste nicht allein in [Italien], sondern in der ganzen Welt“, heißt es kurz und bündig in Hieronymus Megisers Reiseführer von 1605 - eine Überzeugung, die noch bis ins 19. Jahrhundert so gut wie allgemeine Gültigkeit hat. Auch das vielzitierte „Neapel sehen und sterben“ hat ja hier seinen Ursprung: Wer Neapel gesehen habe, könne sich getrost zu seinen Vätern versammeln, habe er doch das Sehenswerteste auf Erden überhaupt gesehen. Natürlich schwang bei solcher Begeisterung die Erinnerung an das Lob der Campania felix in der antiken Literatur mit, Vergils berühmten Hymnus auf die Saturnia tellus, das an Früchten gesegnete Land des Goldenen Zeitalters. Allerdings konnte sich der Besucher aus dem Norden hier von der Wahrheit dieses Lobes mit eigenen Augen überzeugen. Die Straße säumten damals reiche, wohlbestellte Kulturen von Mandelbäumen, Pfirsichen, Feigen, Datteln, Orangen und Zitronen; man passierte Baumwoll- und Zuckerrohrplantagen, bewunderte Seidenraupenzuchten und konnte sich auch im Winter an frischen Gemüsepflanzungen erfreuen einem „unsäglichen Überfluß von allen Erdgewächsen und Gaben der Natur“. Auch war die Campania felix das Land des Öle und des Weins, zweier Gaben, die seit alters auch als Zeichen des Heiligen, des Göttlichen galten. Sogar der natürliche Wechsel der Jahreszeiten schien in diesem Reich der ewigen Fruchtbarkeit außer Kraft gesetzt zu sein. [...] Vergil: „Ewiger Frühling herrscht hier und Sommer in jeglichem Monat“. Das stimmte zwar nicht im wörtlichen Sinne, mochte aber doch manchem Reisenden aus dem kalten Norden unter dem blauen, heiteren Himmel des Südens so erscheinen. Kurzum, den Reisenden musste es in dieser Landschaft vorkom-men, „daß sie einem irdischen Paradiß gleich zu seyn scheinet“.

Die Rede vom „Paradies Neapel“ kehrt als festes Klischee in den Berichten der Grand Tour wieder. Clemens Weigels 1685 erschienener Reiseführer trägt dem bereits im Titel Rechnung: „Entwurff des Italiänischen Paradeises, Das ist der Städte und Gegenden Neapels und Pozzuolo [...] ausgeschmücktes Werck“. Das Frontispiz des Werks ziert ein Distichon aus den Elegien des Properz, vom Autor bezeichnenderweise leicht verändert: „Omnia Parthenopes cedant miracula terrae / Natura hic posuit quidquid ubique fuit.“ „Alle Wunder der Erde, sie müssen Parthenope weichen / Hat doch Natur hier gesetzt, alles was je sie erschuf.“ Nur dass es bei Properz geheißen hatte: „Omnia Romanae cedent miracula terrae ...“: „Alle Wunder der Erde, sie weichen den römischen ...“ So verwandelt sich das Lob Roms bei den Reisenden der Grand Tour unter der Hand in ein Lob Neapels! Gewiss, Rom galt als Stadt der Kunst, als Sitz des Nachfolgers Petri und damit als caput mundi, als Hauptstadt der Welt. Neapel aber war das Paradies dieser Welt, ausgezeichnet durch Fruchtbarkeit, Schönheit und alle Freuden des irdischen Lebens.

Das überschwengliche Lob Kampaniens, wie es so viele Reisende gesungen haben, galt nun auch für Neapel selber - allerdings mit charakteristischen Einschränkungen. Neapel war eine große, dicht besiedelte Stadt, eine der ersten modernen „Großstädte“ überhaupt und für viele Ankömmlinge aus den deutschen Ländern die größte Stadt, die sie je in ihrem Leben betreten hatten. Und, das bemerkten fast alle, Neapel war auffallend „anders“ als alles, was sie bisher auf ihrer Reise in den Süden gesehen hatten, nicht zuletzt verglichen mit Rom. [...]

Es ist dieses vage und doch sehr deutlich empfundene Gefühl, hier plötzlich „in einer anderen Welt“ zu sein, welches die Reisenden immer wieder zum Ausdruck bringen. Nicht dass die Großstadt nicht schön gewesen wäre: Man bewundert die mit Steinen sauber gepflasterten Straßen (damals alles andere als eine Selbstverständlichkeit), die Höhe der Häuser, Reinlichkeit und Ordnung trotz so vieler Menschen. Man ergötzt sich am Schauspiel des brandenden Verkehrs, an den zahlreichen, prächtigen Kutschen mit ihren eleganten Insassen. Und man staunt über das quirlige Leben der Menschen auf den Straßen und ihre vielfältigen, manchmal exotisch anmutenden Beschäftigungen: Wasserträger, Makkaroniköche, Kuttelverkäufer, Austernhändler, Romanzensänger (cantastorie), Abfallsammler und viele andere „Professionen“. Scharen hübscher, halbnackter Knaben zogen die Augen auf sich, wenn sie radschlagend neben den Besuchern hertollten oder sich am Hafen mit allerlei Schwimmkünsten produzierten, „wie junge Tritonen um die Barquen herum“ (Anna Amalia). Und insgesamt bemerkt man immer wieder voller Überraschung das reibungslose Funktionieren der vielschichtigen Abläufe in der übervölkerten Stadt sowie Fleiß und Tätigkeit ihrer Bewohner. [...] Samuel Sharp fällt im Vergleich mit London in Neapel der „Geist der Nüchternheit“ auf: "I do not remember to have seen in the streets one drunken man or woman.“ [...]

Doch das alles war nur die eine Seite, die positive Wahrnehmung der Stadt. Die andere war die gewaltige Irritation, die von den großstädtischen Massen, den Lazzaroni, ausging, einem für die soziale Schichtung Neapels typischen Phänomen, Für so gut wie alle Reisenden aus dem Norden gehören sie zu den „Merkwürdigkeiten“ der Stadt, im übrigen auch durch Bühnenstücke und Opern im Norden populär geworden. Kaum jemand, der versäumt hätte, sie zu beschreiben und sich in Deutungen des Phänomens zu versuchen. Hatte man die Städte Ober- und Mittelitaliens, hatte man auch Rom noch passieren können, ohne dabei den sozialen Unterschichten größere Aufmerksamkeit wid-men zu müssen - hier kam man nicht mehr daran vorbei. Allein die öffentliche Präsenz von Zehntausenden auf den Straßen und Plätzen der Stadt zwang dazu.

Die Wahrnehmung der Lazzaroni changierte dabei zwischen zwei Polen: Auf der einen Seite erschienen sie als possierliche, lebenslustige, „kindliche“ Gemüter, zum anderen als sinnliche, leicht erregbare, gewalttätige Masse - „zur Hälfte Affe, zur Hälfte Tiger“, wie es bei Emile Zola über den gemeinen Mann in Neapel heißt. Es war die gewaltige Beunruhigung, welche die Masaniello-Revolte in ganz Europa ausgelöst hatte, die auch bei den kommenden Generationen die Angst vor dem „Pöbel“ am Leben erhielt: vermutlich die früheste Ausprägung jener Angst der Eliten vor den sozialen Unterschichten, wie sie die Mentalitäts- geschichte Europas bis ins 20. Jahrhundert begleiten wird. Der Lazzaro, der arme Mann, musste in dieser Optik als tendenzieller Bösewicht erscheinen [...].

Ein von Teufeln bewohntes Paradies: Dies ist die Formel, die in der Folgezeit immer wiederkehren wird, unzählige Male abgewandelt, eines der festesten Stereotypen in der Wahrnehmung Neapels. [...] Gewalttätigkeit, Grausamkeit, Niedertracht oder - in freundlicherer Version - Spitzbüberei, Verschlagenheit und Gaunerei: Das ist das Syndrom eines kriminellen oder halbkriminellen neapolitanischen Volkscharakters, wie er in der Literatur der Grand Tour gezeichnet wird. [...] Es sind die latenten Todesängste der Reisenden, die hier im Süden ebenso Gestalt annehmen wie ihre manifeste Sehnsucht nach dem Paradies. Neapel ist schön, aber die Neapolitaner sind böse: So oder so ähnlich wird es immer wieder formuliert.

(Dieter Richter: Neapel. Biographie einer Stadt. Berlin: Wagenbach 2005. S. 73 - 86.)
 
 


Text 2
Johann Wolfgang Goethe
Lazzaroni

Seit November 1775 lebte Johann Wolfgang Goethe (1749 - 1832) in Weimar. Im Juni 1776 war er als Geheimer Legationsrat in den weimarischen Staatsdienst getreten, im September 1779 wurde er Geheimer Rat, im April 1782 erhielt er das Adelsprädikat. Maßgeblich an der Leitung des Staatswesens von Sachsen-Weimar-Eisenach beteiligt, besaß er noch keine freie Hand für Entscheidungen, die die wirtschaftliche und politische Entwicklung des Landes vorangebracht hätten. Zu diesem Konflikt trat die tiefe Krise im Verhältnis zu Charlotte von Stein und schließlich das völlige Ungenügen des Dichters an sich selbst, da er seit dem Eintritt in den weimarischen Staatsdienst keine bedeutende Dichtung mehr zum völligen Abschluß gebracht hatte. Am 24. Juli 1786 reiste er nach Karlsbad, in der Nacht vom 3. zum 4. September brach er von dort heimlich nach Italien auf. Über Bozen, Trient, Verona, Vicenza und Padua gehend, traf er am 28. September in Venedig ein, wo er bis zum 14. Oktober blieb. Über Ferrara, Bologna, Florenz und Perugia reisend, kam er am 29. Oktober 1786 nach Rom und wohnte bei dem Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein. Am 25. Februar 1787 traf er mit Tischbein in Neapel ein, bestieg den Vesuv und besuchte Pompeji, Herkulaneum und Paestum. Am 29. März fuhr er nach Sizilien und kehrte am 14. Mai nach Neapel zurück, wo er bis zum 5. Juni blieb. Vorn 7. Juni 1787 bis zum 22. April 1788 war er wieder in Rom, das er am 23. April verließ und über Florenz, Mailand, Como, Chiavenna nach Deutschland zurückreiste, wo er am 18. Juni 1788 wieder in Weimar eintraf. Unter Anleitung seiner Malerfreunde bildete sich Goethe in Italien unermüdlich in den bildenden Künsten, vor allem in der Zeichenkunst aus, studierte die antike Plastik, trieb botanische Studien, fand die Grundvorstellung von der Metamorphose der Pflanzen und führte Gespräche über Musik. Es gelangen ihm die Umarbeitungen der „Iphigenie auf Tauris“, die Vollendung des „Egmont“, die Weiterführung des „Tasso“ und Szenen aus dem „Faust“. Über die Reise von Karlsbad bis nach Rom führte Goethe ein Tagebuch, das erhalten ist („Tagebuch der Italienischen Reise für das Fräulein von Stein“). Ihren literarischen Niederschlag fand die Reise in der „Italiänischen Reise“ (1816/17 und 


Neapel, den 28. Mai 1787
Der gute und so brauchbare [Reiseführer des Schriftstellers Johann Jacob] Volkmann nötigt mich, von Zeit zu Zeit von seiner Meinung abzugehen. Er spricht z. B., daß dreißig- bis vierzigtausend Müßiggänger in Neapel zu finden wären, und wer spricht's ihm nicht nach! Ich vermutete zwar sehr bald nach einiger erlangter Kenntnis des südlichen Zustandes, daß dies wohl eine nordische Ansicht sein möchte, wo man jeden für einen Müßiggänger hält, der sich nicht den ganzen Tag ängstlich abmüht. Ich wendete deshalb vorzügliche Aufmerksamkeit auf das Volk, es mochte sich bewegen oder in Ruhe verharren, und konnte zwar sehr viel übelgekleidete Menschen bemerken, aber keine unbeschäftigten. [...]

Die Lastträger, die an verschiedenen Plätzen ihre privilegierten Stände haben und nur erwarten, bis sich jemand ihrer bedienen will; die Kalessaren, ihre Knechte und Jungen, die bei den einspännigen Kaleschen auf den großen Plätzen stehen, ihre Pferde besorgen und einem Jeden, der sie verlangt, zu Diensten sind; Schiffer, die auf dem Molo ihre Pfeife rauchen; Fischer, die an der Sonne liegen, weil vielleicht ein ungünstiger Wind weht, der ihnen auf das Meer auszufahren verbietet. Ich sah auch wohl noch manche hin und wider gehen, doch trug meist ein jeder ein Zeichen seiner Tätigkeit mit sich. Von Bettlern war keiner zu bemerken als ganz alte, völlig unfähige und krüppelhafte Menschen. je mehr ich mich umsah, je genauer ich beobachtete, desto weniger konnt' ich, weder von der geringen noch von der mittlcrn Klasse, weder am Morgen noch den größten Teil des Tages, ja, von keinem Alter und Geschlecht, eigentliche Müßiggänger finden. [...]

Gewiß würde in unsern Gegenden ein zynischer Philosoph schlecht ausdauern, dahingegen in südlichen Ländern die Natur gleichsam dazu einladet. Der zerlumpte Mensch ist dort noch nicht nackt; derjenige, der weder ein eigenes Haus hat, noch zur Miete wohnt, sondern im Sommer unter den Überdächern, auf den Schwellen der Paläste und Kirchen, in öffentlichen Hallen die Nacht zubringt und sich bei schlechtem Wetter irgendwo gegen ein geringes Schlafgeld untersteckt, ist deswegen noch nicht verstoßen und elend; ein Mensch noch nicht arm, weil er nicht für den andern Tag gesorgt hat. Wenn man nur bedenkt, was das fischreiche Meer, von dessen Produkten sich jene Menschen gesetzmäßig einige Tage der Woche nähren müssen, für eine Masse von Nahrungsmitteln anbietet; wie allerlei Obst und Gartenfrüchte zu jeder Jahreszeit in Überfluß zu haben sind; wie die Gegend, worin Neapel liegt, den Namen Terra di Lavoro (nicht das Land der Arbeit, sondern das Land des Ackerbaues) sich verdienet hat und die ganze Provinz den Ehrentitel der glücklichen Gegend (Campagna felice) schon Jahrhunderte trägt, so läßt sich wohl begreifen, wie leicht dort zu leben sein möge.

Überhaupt würde jenes Paradoxon, welches ich oben gewagt habe, zu manchen Betrachtungen Anlaß geben, wenn jemand ein ausführliches Gemälde von Neapel zu schreiben unternehmen sollte; wozu denn freilich kein geringes Talent und manches Jahr Beobachtung erforderlich sein möchte. Man würde alsdann im ganzen vielleicht bemerken, daß der sogenannte Lazarone nicht um ein Haar untätiger ist als alle übrigen Klassen, zugleich aber auch wahrnehmen, daß alle in ihrer Art nicht arbeiten, um bloß zu leben, sondern um zu genießen, und daß sie sogar bei der Arbeit des Lebens froh werden wollen.

(Johann Wolfgang Goethe: Italienische Reise. In: Ders.: Werke. Bd. 6. Hrsgg. v. Emil Staiger. Frankfurt a. M.: Insel 1966. S. 136 - 140.)

Abb. 1
Scena di vita popolare


Pietro Fabris: Scena di vita popolare in una grotta a Posilippo (1756)
In: Nicola Spinosa: Vedute napoletane dal Quattrocento all' Ottocento.
Napoli: Electa 1996. S. 96.
 

Text 3
Karl Philipp Moritz
Ein über alle Beschreibung gehender Anblick

Der Psychologe, Grammatiker und Ästhetiker Karl Philipp (1756 - 1793) ist vor allem als Autor des autobiographischen Romans „Anton Reiser“ (1785 - 1790), der seine schwere Kindheit und Jugend widerspiegelt, bekannt geworden. Seit 1780 war er Konrektor am Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin, seit 1784 Gymnasialprofessor und Redakteur der „Vossischen Zeitung“. Unter den engen Berliner Lebensverhältnissen leidend, nahm er im September 1786 seinen Abschied und reiste nach Italien. Schon am 26. September traf er in Rom ein, wo er vornehmlich mit den deutschen Künstlern und bald auch mit Goethe, der am 29. Oktober nach Rom kam, zusammen lebte. Als er sich Anfang Dezember den Arm brach, betreute Goethe den Kranken über fünf Wochen lang und wurde ihm zum innigsten Freund. Im April und der ersten Maihälfte 1787 war Moritz in Neapel und besuchte die gleichen Stätten wie Goethe zwei Monate früher. Am 20. Oktober brach er von Rom, zur Rückreise über Florenz, Bologna und Venedig auf und traf am 4. Dezember bei Goethe in Weimar ein. Durch die Vermittlung Carl Augusts erhielt er 1789 eine Professur für Theorie der schönen Künste und Altertumskunde an der Berliner Akademie der bildenden Künste. Dem Aufenthalt in Italien verdanken wir Moritz'  Schrift „Über die bildende Nachahmung des Schönen“ (1788), die in den römischen Gesprächen mit Goethe entstand, und die „Reisen eines Deutschen in Italien in den Jahren 1786 – 1788“ (1792/93).

An Frau Bergrat Standtke

Neapel, den 3. Mai 1787 
Vor mir sehe ich aus meinem Fenster das stille Meer und in einiger Entfernung die Insel Capri; zu meiner Linken raucht der Vesuv, rund umher mit Weinbergen bepflanzt und mit Landhäusern besäet, die im Kontrast gegen die rauchende und flammende Spitze des Berges einen Anblick gewähren, der über alle Beschreibung geht. Zu den Füßen des Vesuv dicht am Meere sehe ich, über dem verschütteten Herkulanum, das angenehme Städtchen Portici mit dem königlichen Lustschlosse liegen; und unten, längs dem Meere hin, die schöne breite Straße, welche von Neapel dorthin führt. Die Stadt Neapel macht in dem Meerbusen einen halben Zirkel von unabsehlicher Größe, weil es wegen der immer fortgehenden Landhäuser scheinet, als wenn die angrenzenden Städte Portici usw. mit dazu gehörten. Um sich einen Begriff von dem Meerbusen von Neapel zu machen, schlagen Sie doch in Ihrem Atlas die Karte von Italien auf und stellen Sie sich vor, Sie könnten mit einem Blick die ganzen Ufer vom Vorgebirge der Minerva bis zum Misenischen Vorgebirge übersehen. Diesen Anblick hat man hier, wenn man sich nur auf einer Barke eine kleine Strecke weit ins Meer fahren läßt; und nun denken Sie sich dieses ganze Ufer mit Weinbergen, Städten und Landhäusern in solcher Fülle überdeckt, daß das Auge an dem Anblick sich fast nicht ersättigen kann: und dann in der Mitte von diesen allen die Stadt Neapel mit ihren himmelansteigenden Palästen, deren Anblick immer schöner wird, je weiter man sich von ihr entfernt und je mehr man den Prospekt vom Meere aus gewinnt.

(Bernd Haufe (Hrsg.): Deutsche Briefe aus Italien. Von Winckelmann bis Gregorovius. 3., erw. Aufl. Leipzig: Koehler & Amelang 1987. S. 67f.)
 
 


Abb. 2
Blick von Portici auf Neapel


Antonio Joli: Napoli vista da Portici (1762)
In: Nicola Spinosa: Vedute napoletane dal Quattrocento all' Ottocento.
Napoli: Electa 1996. S. 74.
 
 

Text 4
Johann Gottfried Herder
O wie ist die Natur hier groß und schön …

Nach fünfjähriger Tätigkeit als Prediger in Bückeburg war Johann Gottfried Herder (1744 - 1803) durch Goethes Vermittlung im Oktober 1776 als Generalsuperintendent, Mitglied des Oberkonsistoriums und Oberpfarrer an der Stadtkirche nach Weimar berufen worden. Als die zunehmende Überlastung im Amt schon lange eine Erholung und anregende Ortsveränderung notwendig machte, bot ihm 1788 der Trierer Domherr Johann Friedrich Hugo von Dalberg an, als Reisebegleiter mit ihm nach Italien zu gehen. Nachdem er den am 18. Juni aus Italien zurückgekehrten Goethe noch gesprochen hatte, verließ er am 6. August 1788 Weimar. Über Verona, Ancona und Terni traf man schon am 19. September in Rom ein. Dort fand Herder Anschluss an die Herzogin-Mutter Anna Amalia von Sachsen-Weimar, die am 4. Oktober in Rom eintraf, und an die vornehme Gesellschaft, die ihm mehr zusagte als Goethes junge Malerfreunde; trotzdem quälten ihn die sonstigen Widrigkeiten eines römischen Aufenthalts unmäßig. Erlösend wirkte der Aufenthalt in Neapel ab 4. Januar 1789, Pompeji wurde besucht und der Vesuv bestiegen. Der zweite römische Aufenthalt vom 20. Februar bis 14. Mai brachte ihm nur neuen Überdruss und neues Unbehagen. Italien vermochte für Herder kein befreiendes und verwandelndes Erlebnis zu werden. Die Rückreise führte über Florenz, Bologna, Venedig, Parma und Mailand. Am. 9. Juli 1789 war er wieder in Weimar.

An Caroline Herder

Neapel, den 19. Januar 1789 
Ich bin gesund im schönen Neapel, Liebe, Liebe, das wird Dir genug sein. Wir kommen eben aus Pompeji und haben zugleich nebst einer Makkaronifabrik die Herculanischen Gemälde durchsehen, an einem sehr schönen, reizenden Tage. Luft, Himmel, Berge, Meer und Erde sind ein Zauberanblick, in den man wie versunken ist, so daß man darüber kein Wort hat. O eine Gegend. Man fährt mitten im Winter durch Gärten Adonis' und wird von dem holden Traum trunken. [...]

O wie ist die Natur hier groß und schön! Ich glaube, meine Seele ist von hier nach den Nordländern herübergeflogen; hier, wenn ich hier meine Heimat hätte, wiegte sie sich wie ein Vogel auf den Zweigen. jetzt aber fliegt sie höchstens wie eine Seemöwe, sich ein paar Fische zu holen. Lebe wohl, Liebe, küsse von mir die Kinder und wenn es anginge, küsse Dich selbst von mir, holde Seele, mein einziges, inniges Leben. Ich könnte hier wiedergeboren werden, wenn ich nicht so alt wäre und jemand um mich hätte, mit dem ich von Herz und Seele lebte. Indessen bin ich gesund und sehe die See und den Mond drüber und die Lichter auf ihr, die da fischen, und höre in der Nacht die hohen Wellen brausen. Lebe wohl, Engel, und denke an Deinen einsamen Ulysses am Ufer des Meers freundlich. Alle guten Geister seien mit Dir; meine Sehnsucht sendet sie Dir über Meer und Berge zu und ziehet Dich oft her in meinen Gedanken. Lebe wohl, meine Liebe. [...]

Addio, cara, carissima mia, addiol addio!

(Bernd Haufe (Hrsg.): Deutsche Briefe aus Italien. Von Winckelmann bis Gregorovius. 3., erw. Aufl. Leipzig: Koehler & Amelang 1987. S. 94f.)
 
 

Abb. 3
Blick auf den Vesuv


Jacob Philipp Hackert: Der englische Garten von Caserta (1792)
In: Nicola Spinosa: Vedute napoletane dal Quattrocento all' Ottocento.
Napoli: Electa 1996. S. 92.
 
 

Text 5
Karl Friedrich Schinkel
Ein Schauspiel

Der Architekt, Maler und Kunstschriftsteller Karl Friedrich Schinkel (1781 - 1841) brach - nach seiner Ausbildung und ersten Tätigkeit in Berlin - am 1. Mai 1803 nach Italien auf und kam über Prag, Wien und Triest im August nach Venedig und Anfang Oktober nach Rom. Ende April 1804 ging er nach Süditalien, war am 3. Mai in Neapel, bereiste im Mai und Juni Sizilien, war Anfang Juli wieder in Neapel und brach im September von Rom zur Rückreise auf. Im Oktober war er in Genua, Ende November in Paris und Ende Februar 1805 wieder in Berlin. Durch die Vermittlung Wilhelm von Humboldts, den er in Rom kennen gelernt hatte, wurde Schinkel 1810 Oberbauassessor und 1815 Geheimer Oberbaurat. Seit 1816 schuf er die berühmten Bauwerke in Berlin im Auftrag der preußischen Regierung. 1824 reiste er nochmals nach Italien, war am 2. August in Mailand und erreichte über Genua, Pisa und Florenz am 27. August Rom. Von dort ging Schinkel nach Neapel, kehrte im September zurück und verließ Rom am 24. Oktober. Mitte November war er in Venedig und am 22. November in München.

An Valentin Rose

Neapel, den 3. Mai 1804 
Wertester Cousin. 
Das Ziel der Reise liegt nahe vor mir, der Gedanke an die Verlassung so vieler Schönheiten bangt nirgends mehr als in dem Lande, das man mit Recht für Europens schönstes hält. Seit mehreren Wochen genieße ich die Milde von Capuas Fluren, die selbst den starken Hannibal bezähmte, daß er des Ruhms vergaß, des langen Krieges Glück wollusttrunken scheuchte. Wäre es möglich, Sie auf eine Stunde den Anblick aus meiner Wohnung genießen zu lassen. Die Loge vor dem Zimmer ragt weit hinaus ins Meer, daß, wenn es stürmt, ich hier ein kaltes Bad genieße; ist warmer Sonnenschein, so gibt ein vorgestrecktes Dach, von kleinen Säulchen unterstützt, mir süße Kühlung, und ich blicke ins weite Meer, an dessen Küste links Vesuv den Feuerschlund erhebt, indessen harmlos ihn am Fuße die Orte Portici, Resina, weißen Pünktchen gleich, umziehn. Die lange, hochgetürmte Küste von Salerno und Sorrent zieht hinter ihm sich in den Horizont des Meers, aus dessen Mitte kühn die Felseninsel Capri steigt. Rechts lehnt am Vorgebirg die Stadt und streckt einen Damm und ein Kastell ins Meer. 

Gehe ich in das Gewühl der Stadt, so bietet sich ein neues Schauspiel dar, das man in jedem anderen Ort vergeblich sucht. Paris und London müssen weit in dem Tumult der Gassen den Rang Neapel räumen. Denken Sie sich in dem Raum, der nicht größer ist als der, auf dem Berlin gebaut, die Anzahl von fast einer Million Seelen, wovon der größte Teil sein ganzes Leben auf der Straße treibt, dort handelt, wohnt und schläft, der jede Handlung durch die höchste Lebhaftigkeit, durch beständigen Frohsinn bezeichnet, dem das öffentliche Leben einen Nationalcharakter gibt, der sich in jeder Miene, in jedem Gestus in einem Grade zeigt, daß der, der eingeweiht, von fern den Sinn der Unterredung schon durch Miene und Gestus errät. Schneller Fassungsgeist leuchtet aus jeder Unternehmung, Gefühl fürs Schöne zeigt sich auf allen Gassen, nicht selten hört man in einem Kreis von Lazzari den aufmerksamen Ohren Gesänge Tassos oder Dantes klingen, oft sammelt abends eine gut gespielte Zither ein weites Auditorium von allen Klassen, das oft durch „bravo“ den Künstler ermuntert, ihm die Freude zu verlängern. An öffentlicher Pracht vielleicht nicht weniger erhält Neapel vor allen den ersten Platz. Man sieht an Feiertagen auf den Promenaden des Corso mehr als zweitausend Karossen von zwei bis zu 8 Pferden, reich bis zur Verschwendung und mit Bedienten überladen. 

(Bernd Haufe (Hrsg.): Deutsche Briefe aus Italien. Von Winckelmann bis Gregorovius. 3., erw. Aufl. Leipzig: Koehler & Amelang 1987. S. 140ff.)
 
 

Abb. 4
Posilippo


Frans Vervloet: Villa Doria d'Angri a Posilippo (1848)
In: Nicola Spinosa: Vedute napoletane dal Quattrocento all' Ottocento.
Napoli: Electa 1996. S. 121.
 
 

Text 6
Christian August Kestner
Von der Wildheit des Volkes in den Vergnügungen

Christian August Kestner (1777 - 1853), der Sohn von Goethes Wetzlarer Freundin Charlotte Buff, war nach dem Studium von Jura und Kunstgeschichte seit 1803 Geheimer Kanzleisekretär in Hannover. Zur Heilung eines fiebrigen Katarrhs reiste er im September 1808 nach Italien. Über Straßburg, Bern, Genf kam er Anfang Oktober nach Mailand, besuchte Genua, Pisa und Florenz und traf am 3. Dezember in Rom ein. Ende April 1809 ging er nach Neapel und bestieg den Vesuv; Ende Mai war er wieder in Rom, das er am 19. August verließ. Über Florenz, Bologna, Mailand reiste er nach Straßburg zurück, wo er am 27. September ankam. Im Februar 1817 ging er als Legationssektetär der hannoveranischen Gesandtschaft beim Vatikan nach Rom, wo er am 20. März eintraf und bald zum Freund und Förderer der deutschen Künstler wurde. 1825 avancierte er zum Geschäftsträger, 1837 zum Ministerresidenten beim Heiligen Stuhl, 1843 außerdem zum Gesandten in Neapel. Im Winter 1828/29 war er maßgeblich an der Gründung des Archäologischen Instituts (Instituto di corrispondenza archeologica) in Rom beteiligt und unterzeichnete am 2. Januar 1829 das Gründungsprogramm der europäisch gemeinten Gelehrtengesellschaft. Am 21. April folgte die feierliche Eröffnung des Instituts, dem Kestner zunächst als Archivar diente. Als der erste Generalsekretär Christian Karl Josias Bunsen 1838 nach Deutschland zurückging, wurde Kestner sein Stellvertreter in Rom und erhielt 1844 den Titel eines Vizepräsidenten. Auch nach seiner Abberufung als Diplomat 1849 blieb er in Rom. Er liegt an der Cestiuspyramide begraben.

An Charlotte Kestner

Neapel, 9. Mai 1809 
Das Fest der Madonna dell' Arco gibt einen Begriff von der Wildheit des Volkes in den Vergnügungen; wer aber von ähnlichen Festen nichts sah, kann nie den Charakter des Volkes einigermaßen kennenlernen. Die Kirche liegt einige Stunden von Neapel am Fuße des Vesuvs. Sie heißt Maria dell' Arco, weil dort ein wundertätiges Marienbild unter einem Bogen in einer Nische steht. Hier wird Messe gelesen. Das Bild wird von mehr als hunderttausend Menschen angebetet, die nicht allein aus Neapel, sondern aus allen umliegenden Gegenden herbeiströmen. Das Fest ist so beliebt, daß in allen Ehestiftungen der Landleute in der Gegend umher ausgemacht wird, daß der Mann seine Frau dahin führen müsse. Zum Gebet läßt man sich dort nur eine kurze Zeit, die übrige gehört dem ausgelassensten Vergnügen, und man hört kaum den messelesenden Priester, indem durch die offenen Kirchentüren immer von allen Seiten das Rauschen des Tamburins hereindringt. Die Gruppen, die man hier sieht, sind unendlich mannigfaltig, aus jedem Stande und jeder Gegend verschiedene Kostüme. Man sieht eine unendliche Menge Buden und umhergehende Verkäufer, die Marienbilder, Stäbe nach Art der Thyrsosstäbe, ausgekernte Nüsse auf Fäden gezogen, kleine Körbe und Kinderspielwerk, vergoldete Pinienäpfel und Bänder verkaufen, und das Volk scherzt, ißt und trinkt und tanzt vorn Morgen bis in den Abend, teils auf einem schönen Platz im Schatten hoher Bäume, teils in den Weinbergen. Das Interessanteste von allem ist aber, wenn das Volk abends wieder in Neapel einzieht. Von dem Largo di Castello bis an die Kirche der Maria dell' Arco ist alles Kopf bei Kopf. Die Straße, die aus Neapel dahin führt, geht am Meere hinaus. Die Mauer daran her und alle Fenster, Balkons und Dächer der Häuser gegenüber hängen voller Menschen, um das trunkene Volk nicht hereinziehen, sondern hereintaumeln und stürmen zu sehen. Nicht ein Bacchanal, sondern ihrer Hunderte wühlen sich durch die gedrängte Menge. Gruppen von zehn, zwanzig, dreißig Menschen, jung und alt, geputzt und lumpig, bekleidet, halbnackt, tanzen die Tarantella, oft mehrere Stunden weit von der Kirche durch den Staub her, kommen in Schweiß gebadet an und können des wilden Springens zum Tamburin und Gesange doch immer nicht genug haben, und tausend Scherze und ausgelassene Schelmenstücke mischen nicht allein die Tanzenden, sondern Herzulaufenden hinein; alles, es sei noch so derb oder auch schmerzhaft, ist erlaubt und erfreulich. Tausende von Menschen fahren in Wagen, Kutschen, halben Wagen, Kariolen, Brettwagen mit Pferden, Maultieren herein. Auch in dieser gedrängten Menge fährt man fast immer im Trabe, andere reiten auf Pferden oder Eseln herein. Alles schreit im Jubel, und der Thyrsosstab darf keinem fehlen, der nicht im Festornat mit grünen Büschen und Bändern behangen ist, wenn nicht die Ausgelassenheit die Attribute abgeworfen hat; Kariolen für eine Person hängen oft mit fünf bis sechs Menschen voll, und einen Wagen wie ein brettener Kasten hab ich mit dreißig Menschen angefüllt gesehen. Die Leute im Wagen schwingen ihre grünen Zweige, Kränze und Stäbe, und die Kutscher und Bedienten mischen ihre wilden Töne mit denen der Herrschaften. Den Vorübergehenden, die noch so zerlumpt sind, ist es erlaubt, sich an jeden Wagen zu hängen und ihre Späße zu treiben. Die Vornehmen aus der Stadt geben den Hereinziehenden eine Gegenkraft, vermehren das Geschrei und das Gewühl, und oben auf den Dächern der Häuser ertönen Hunderte von Tamburinen derer, in welche die Tanzwut der Festleute gefahren.

(Bernd Haufe (Hrsg.): Deutsche Briefe aus Italien. Von Winckelmann bis Gregorovius. 3., erw. Aufl. Leipzig: Koehler & Amelang 1987. S. 158f.)
 
 

Abb. 5
Die Bucht von Pozzuoli bei Neapel


August Wilhelm Ahlborn: Die Bucht von Pozzuoli bei Neapel (1832)
 
 

Text 7
Carl Rottmann
Die schöne Tour nach dem klassischen Boden

Mit Unterstützung Ludwigs I. von Bayern ging der seit 1822 in München lebende Maler Carl Rottmann (1797 - 1850) im April 1826 nach Italien, blieb vom 29. April bis etwa Ende August in Genua und besuchte von dort in der zweiten Maihälfte das damals italienische Nizza. Am 4. Oktober traf er in Rom ein, wo er bis März 1827 blieb. Am 25. März 1827 war er in Neapel und bereiste danach Sizilien. Ende Juli war er auf der Rückreise in Verona. Als Ausbeute brachte er vor allem eine große Zahl wertvoller Aquarelle mit. 1828 stellte er in München seine Gemälde „Rom“ und „Palermo“ aus und erhielt vom König den Auftrag, die Fresken in den Arkaden des Münchener Hofgartens zu malen. Zu entsprechenden Studien reiste er Ende April oder Anfang Mai 1829 erneut nach Italien. Von dieser Reise ist wenig bekannt. Ende Mai war er in Florenz, danach bis Anfang 1830 in Rom. 1833 wurde der Zyklus von 28 Fresken in der ersten Arkadenreihe des Hofgartens vollendet. Er hatte eine Reise durch Italien zum Gegenstand, bevorzugte aber auf Ludwigs Wunsch Süditalien und Sizilien. Diese Landschaftsgemälde machten Rottmann sofort in ganz Deutschland berühmt. 1841 wurde Rottmann Hofmaler.

An Friederike Rottmann

Neapel, 27. März 1827 
Von Rom, das mit aller seiner Größe des Charakters seinen bedeutsamen Ernst auf mich wirkte, ist Neapel himmelweit verschieden, und wie in einem Zauberspiegel schaue ich die Natur und frage wie Faust, als er in solchem das Gretchen zum erstenmal sah: Wie, ist das Weib so schön? Ich, der ich nicht weiß, wie schön das Weib ist, frage: ist die Welt so schön? Ohne von der Reise hierher gestern ein wenig zu rasten, ging ich in der Frühe nach dem Camaldolikloster, das seiner herrlichen Lage wegen schon berühmt ist. [...] Da das Wetter gar zu schön war, unternahm ich des anderen Tags darauf, als ich den Vesuv bestiegen, die schöne Tour nach dem klassischen Boden. So wie alles durfte ich auch diesen nur im Vorübergehen beschauen, und in vier Tagen machte ich zu Fuß den Weg über Puzzuoli nach Bajae, von dessen ganzer Herrlichkeit nur einige Reste von Tempeln und Bädern in den Felsen der Bucht zu sehen sind; das Ganze wie einzelne Teile sind äußerst malerisch. Von da nach dem Campo Miseno, dem Geburtsort des Herkules, und von da fing ich an zu zeichnen, und weil man nirgends zu Nacht bleiben kann, kehrte ich immer wieder nach Puzzuoli zurück, des anderen Tags nach den wenigen Überbleibseln von Cumä; auf diese Gegend war ich sehr begierig, konnte aber wegen Gewitter wenig von der Ferne erblicken und deshalb keine Ausbeute holen; von da durch die elysäischen Felder (die aber auch total ihren Ruhm überlebt haben) nach dem toten Meer, dem Styx [Lago d'Averno], wohin die homerische Legende den Eingang zur Unterwelt verlegt, und wieder nach Miseno zurück, um meine angefangene Zeichnung zu vollenden (leider vergeblich). Dann über den ausgebrannten Berg, Solfatara genannt, nach dem See Agnano, sah die Hundsgrotte und ließ mir auch ein Experiment aufführen und hielt sehr müde gestern abend meinen Einzug in Neapel; nun will ich nur noch die Inseln und die östliche Seite von Neapels Umgebungen kennen lernen.

(Bernd Haufe (Hrsg.): Deutsche Briefe aus Italien. Von Winckelmann bis Gregorovius. 3., erw. Aufl. Leipzig: Koehler & Amelang 1987. S. 254ff.)
 
 

Abb. 6
Die Phlegräischen Felder


Pietro Fabris: I Campi Flegrei con lago di Agnano visti dai Camaldoli (1776)
In: Nicola Spinosa: Vedute napoletane dal Quattrocento all' Ottocento.
Napoli: Electa 1996. S. 102.


 
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