Thomas Gransow
Wolf-Ullrich Malm
 

Der Golf von Neapel
 

 Antike Städte am Golf
 

Oplontis - Torre Annunziata
 
 

Text 1
Der Name

Nicht weit von Pompeji liegt Torre Annunziata. Die Ausgrabungen legen die Vermutung nahe, dass es sich hier um die in der „Tabula Peutingeriana“ genannte Stadt Oplontis gehandelt haben muss. Oplontis war allerdings keine echte Stadt, sondern bezeichnete offensichtlich die Ansammlung von Prachtvillen entlang der Küstenstraße von Neapel nach Sorrent. Eine heute freigelegte Villa aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. ist mit herrlichen Malereien ausgestattet. Vermutlich verbrachte hier Poppea, die Gemahlin des Kaisers Nero, die Sommermonate.

(Ehrenfried Kluckert: Neapel - Kampanien. München: Artemis & Winkler 1993. S. 184.)
 
 

Abb. 1
Pastafabriken in Torre Annunziata


 

Torre Annunziata: Straße am Ende des 19. Jahrhunderts.
In: Isolde von Mersi: La Pasta. Illustrierte Kulturgeschichte der Nudel.
In: Merian 46. Jg. (19993) Heft 9. S. 67.
 
 

Text 2
Geschichte der Pasta

Se non è vero, è ben trovato. Sieht man einmal von wenigen verbürgten Fakten ab, dann gilt dieser Satz von der schönen Erfindung uneingeschränkt für alles, was über die Vor- und Frühgeschichte der pasta jemals zu Papier gebracht worden ist. Es ist ebenso amüsant wie erstaunlich, mit welch heiligem Eifer honorige Linguisten und Historiker, dazu auch noch allerlei wirkliche und windige Experten aus der Gastronomie-Szene die Herkunft dieser Speise zu ergründen versucht haben.
Rekapitulieren wir die Forschungsergebnisse. Theorie Nummer eins lautet: Die Chinesen haben die Nudeln erfunden. Sie zirkuliert vornehmlich unter „Fachleuten“, die auf Italiener irgendwie nicht gut zu sprechen sind. Stütze dieser Lehrmeinung ist eine Legende über Marco Polo und ein teigwalkendes Chinesenmädel, dem - betört durch den glutäugigen „latin lover“ - die glitschige Reismehlpampe nolens volens als Spaghetti-Strähnen durch die Finger geronnen sein soll. Völlig zu Recht haben beherzte pasta-Patrioten diese Version in die Schranken lächerlicher Rührseligkeit verwiesen, und auch gleich das zweite Indiz der Chinesenfraktion ad absurdum geführt, eine Notiz des angeblichen Nudelimporteurs Marco Polo. Es hat sich nämlich herausgestellt, daß der erste Verleger von Polos Reisebericht „Il milione“ dem Werk eigenmächtig eine Fußnote anfügte, die des Seefahrers nüchterne Schilderung von Sagomehlspeisen zu einer Mär über chinesische lasagne auswalzte.
 

Abb. 2: Neapel: Pastaverkäufer.
In: Piero Ciara (Hrsg.): Napoli e il sou Golfo. Vicenza: Alinari 1984. S. 19 (Nr. 6).

Fernab des Stiefelsporns geistern auch immer wieder die Nudelirrlehren Nummer zwei, drei und vier umher; sie dichten die Erfindung wahlweise den Griechen, den Römern und den Arabern an. Es ist wahrscheinlich kein Zufall, daß die einzige ernstzunehmende Abhandlung über die Herkunft der pasta, „Il libro dei maccheroni“ des Gastronomieschriftstellers Felice Cùnsolo, bisher nur in italienischer Sprache erschienen ist. Denn der akribische Autor räumt ein für allemal auf mit exotischen Schöpfungsgeschichten. Warum in die Ferne schweifen, wenn das Naheliegende stimmt: Die pasta ist eine italienische Kreation, genau genommen eine sizilianische, und sie hat über Neapel alle Welt erobert, basta.

Gut möglich, daß das brisante Material des Fachmanns Cùnsolo der internationalen Nudelfront einen zusätzlichen Kriegsschauplatz zwischen Sizilien und Neapel beschert. Weist doch der unbestechliche Spezialist nach, daß auch die Theorie vom neapolitanischen Copyright dem Reich der Chimären entstammt. Schuld an dieser Mythenbildung sind nach Cùnsolo ein schusseliger Sprachforscher und eine neapolitanische Journalistin der Jahrhundertwende mit allzu blühender Phantasie. Ersterer leitete aus dem 1041 verfaßten „Codex diplomaticus cavensis“ aus Cava dei Tirreni bei Salerno irrtümlich ei-nen kampanischen Ursprung des Wortes maccaroni ab (es stammt vielmehr vom sizilianischen maccarruni). Letztere trug mit ihrer Novelle „Das Geheimnis des Magiers“ zur Geschichtsfälschung bei. Darin schildert die schriftstellernde Signora, wie um das Jahr 1220 ein neapolitanischer Zauberer namens Chico die Formel zur Fabrikation von maccheroni ersann, aber von seiner Nachbarin Jovanella um den Triumph gebracht wurde. Sie stahl ihm das Rezept und schmeichelte sich damit am Hof des Staufers Friedrich II. ein. Die südländische Fabuliererin dürfte vom Kochen genauso wenig verstanden haben wie von der Geschichte. Der ragù aus Fleisch und Tomaten zum Beispiel, mit dem die Diebin Jovanella ihre pasta auftischte, bürgerte sich realiter erst im 17. Jahrhundert ein.
 

Abb. 3: Torre Annunziata: Vor einer Pasta-Fabrik.
In: Piero Ciara (Hrsg.): Napoli e il sou Golfo. Vicenza: Alinari 1984. S. 17 (Nr. 5).

Womit wir endlich auf jene Ingredienz gestoßen wären, die zur pasta gehört wie das Amen im Gebet: auf den sugo, die Tornatensoße, die mit weiteren Zutaten angereichert im allgemeinen ragù heißt. Der Wandel der pasta vom Arme-Leute-Essen zur Speise für alle Stände ist ohne Tomate undenkbar. Fisch, Fleisch, Kräuter, Gemüse, Gewürze - alles ließ und läßt sich aufs trefflichste in Tomatensaft schmurgeln, köcheln, schmoren. Gut 3000 anerkannte Rezeptvariationen für gezählte 300 Nudeltypen gibt es heute in Italien, nicht mitgerechnet die Millionen Abarten aus Mutters Küche mit ihren wohlgehüteten Tricks und Geheimnissen. Die Leute am Golf von Neapel haben sich allerdings zunächst mit der Akzeptanz des Tomatensugo ähnlich schwergetan wie mit den Teigwaren selbst. Als Spanier die Italiener im 16. Jahrhundert mit den exotischen amerikanischen Früchten bekanntmachten, bekamen sie zwar gleich die romantischen Namen pomi d'oro und pomi d'amore, Gold- und Liebesäpfel, wurden aber nur als Zierpflanzen goutiert.

Goethe ist ein glaubwürdiger Zeuge dafür, daß die pasta asciutta, die „trockenen Nudeln“, die nicht in der Suppe schwammen, in Neapel noch zu einer Zeit auf althergebrachte Weise verspeist wurde, als sich die Sizilianer bereits an verschiedensten Toma-tensoßen delektierten. Am 29. Mai 1787 notierte der deutsche Dichter in Neapel: „Die Maccaroni, ein zarter, stark durchgearbeiteter, gekochter, in gewisse Gestalten gepreßter Teig von feinem Mehle, sind von allen Sorten überall um ein Geringes zu haben. Sie werden meistens nur in Wasser abgekocht und der geriebene Käse schmälzt und würzt zugleich die Schüssel.“

Trotz aller Verspätung halten die Bürger der Stadt noch heute ihre pummaroli nebst pasta für das Alpha und Omega der Nudelkultur. Das Mißverständnis beruht darauf, daß das gastronomische Gedächtnis am Golf so kurz ist wie ein maccherone. Dort fängt die Zeitrechnung eben erst an, als Neapel alle Macht der pasta- und pomo-Produktion an sich gerissen hat, an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Die ersten Tuben mit Tomatenmark, die ersten Dosen pelati, die unentbehrlichen Konserven geschälter Flaschenfrüchte, haben von Neapel aus ihren Siegeszug angetreten.
 
 

Abb. 4: Torre Annunziata. Löschen des Weizens im Hafen..
In: Piero Ciara (Hrsg.): Napoli e il sou Golfo. Vicenza: Alinari 1984. S. 21 (Nr. 7).

Und 1919 hat ein Mechaniker aus Torte Annunziata, ein gewisser Cirillo, mit einer einfachen, aber genialen Erfindung die Herstellung der pasta von Wind und Wetter emanzipiert. Der Tüftler baute einen riesigen hölzernen Schwitzkasten mit Kohleofen und Ventilator, um die Teigwaren zu trocknen. Fortan hatte die Sonne als wichtigster Faktor der Konservierung gänzlich ausgedient. Streng genommen, muß man den ingeniösen Cirillo als Totengräber des südländischen Nudelmonopols ansehen. Denn von nun an konnte man überall haltbare pasta herstellen. Tatsächlich hat es nicht lange gedauert, bis die reichen Brüder aus Nord- und Mittelitalien die Südlichter kaltschnäuzig ausbooteten. 1933 erfanden zwei Brüder aus Parma eine Nudelmaschine, die vom Kneten bis zum Pressen alle Arbeitsschritte vollzog. Nun gab es kein Halten mehr, im Lauf von nicht einmal dreißig Jahren sind Monstermaschinen entstanden, die pro Stunde 5000 Kilogramm pasta und mehr ausspucken, fix und fertig eingetütet.

(Isolde von Mersi: La Pasta. Illustrierte Kulturgeschichte der Nudel. In: Merian 46. Jg. (19993) Heft 9. S. 64 - 71.
 
 

Text 3
Pastaproduktion

Doch nicht Neapel, sondern die kleinen Städte Gragnano, Amalfi und vor allem Torre Annunziata waren lange Zeit die eigentlichen Zentren der „neapolitanischen“ Pastaproduktion. Torre Annunziata lebte von der Pastaindustrie. Der Weizen kam hier per Schiff aus Rußland an. Anfang des 20. Jahrhunderts waren es dreihundert Hafenarbeiter, Sackträger, Verpacker, Ruderer, Träger für schweres Gewicht und Kontrolleure, die alle damit beschäftigt waren, den Weizen an Land zu bringen. Zwischen 1904 und 1914, der goldenen Zeit der Pastaproduktion in Torre Annunziata, machten allein fünfhundert Müller in vierzehn großen Dampfmühlen aus dem Weizen Grieß. Achthundert „pastai“ in vierhundertfünfzig „pastifici“ (Teigwarenfabriken) verwandelten diesen Grieß dann in Pasta.

Zweihundert Mechaniker, Heizer und Schreiner bedienten und reparierten die Maschinen, ebenso viele „carbonai“ (Köhler) versorgten die Maschinen mit Brennstoffen, dreihundert Männer kümmerten sich um den Transport. Weitere hundert waren für die Lieferungen der Pasta nach Neapel zuständig. Fünfzig Träger luden die Waren auf die Züge und gehörten zur Bahnhofsmannschaft der fünfzig „lanzaioli“ (lanze = Boot). Sie brachten mit ihren kleinen Booten eine Menge von Pasta weg. Hinzu kamen die schon erwähnten Hafenarbeiter, die den Weizen anlieferten und das fertige Produkt auf die großen Schiffe verluden, die ihre Fracht vor allem nach Amerika.

Es waren somit dreitausend Personen und mit ihren Familien mehr als zehntausend, die in Torre Annunziata von der Pastaproduktion lebten. Sie teilten sich in mehr als zwanzig verschiedene Gruppen von Arbeitern auf, die so voneinander abhängig waren, daß der Ausfall einer einzigen die Arbeit aller anderen zum Erliegen brachte.

(Birgit Müller: Viva Spaghetti. Die Geschichte der Pasta und die besten Rezepte. Hamburg: Papyrus 1987. S. 25f.)
 
 

Text 4
Die Villa von Oplontis

Seit 1964 wird zwei Kilometer nördlich von Pompeji eine Villa ausgegraben, in einer Gegend, die man mit dem antiken Oplontis (im modernen Ort Torre Annunziata), einem Erholungsort am Golf von Neapel, identifiziert hat. Die Villa soll der Familie von Neros zweiter Frau Poppaea Sabina gehört haben; man fand eine Amphore mit der Aufschrift „Secundo Poppaeae“, also für einen Freigelassenen der Poppaea, und einen Krug mit der Aufschrift „L. Arriani (A)mphionis“, die sich auf eine figlina (Ziegelei) im Besitz der Poppaea Augusta bezieht. Hinzu kam der Fund eines weiblichen Marmor?Porträts, das angeblich die Züge der Poppaea trägt.

Vom Eingang aus sieht man die Rückseite der Villa; der - noch nicht freigelegte - vordere Teil liegt jenseits des Sarno-Kanals unter der modernen Siedlung. Über eine Treppe gelangt man in den Garten, den radial angelegte Wege zwischen Beeten und Hecken und ein breiterer, axial auf den alten Kern zuführender Weg gliedern. Der zentrale Baukörper springt zum Garten hin vor und überragt die flankierenden Portiken. Neben diesem Weg entdeckte man die Sockel der vier Kentauren?Statuetten (zwei davon weiblich) aus griechischem Marmor, die im Portikus (34) gefunden wurden. Sie waren zum Zeitpunkt der Verschüttung vorübergehend dorthin gebracht worden, zusammen mit einigen korinthischen Kapitellen und der Statuette eines Knaben, der eine Gans würgt. Die Skulpturen waren dort gelagert, um vom marmorarius restauriert zu werden. Seine Anwesenheit wird durch die Restaurierung des neuattischen Kraters bezeugt, der im später an der Ostseite hinzugefügten luxuriösen Wohntrakt auf der Terrasse (92) südlich vom Schwimmbecken gefunden wurde.
Im östlichen Teil des Gartens an der Rückseite der Villa stand eine Reihe von 50 hundertjährigen Platanen. Die von ihren Wurzeln hinterlassenen Hohlräume wurden mit Kalk ausgegossen. Drei weitere derartige Abdrücke von Wurzeln gehören zu Oleander-bäumen, die beim Ausbruch des Vesuvs etwa 70 bis 100 Jahre alt waren. In ihrem Schatten standen als Gartenschmuck zwei weibliche Marmor?Porträts (darunter das der sogenannten Poppaea) und zwei Kinderbildnisse (von denen eines für Nero gehalten wird).

Der ursprüngliche Kern der Villa geht auf die Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. zurück. Hierauf deuten das Mauerwerk aus opus incertum und opus quasi reticulatum sowie die Wandmalereien, die in der Blütezeit des Zweiten Stils von derselben Werkstatt geschaffen wurden, die schon in der Villa des Fannius Synistor in Boscoreale gearbeitet hatte. Die ausgebauten, entlang den Wänden des großen Raumes 20 gelagerten Säulen stammen aus dem Portikus (60) neben dem Schwimmbecken. Dieser in julisch?claudischer Zeit angebaute Teil wurde zum Zeitpunkt der Verschüttung gerade renoviert. In drei der Ecken des dahintergelegenen Gartens (20), der durch gemalte Gärten und Brunnen illusionistisch erweitert wird, standen Obstbäume.
 
 

Von beachtlichen Ausmaßen ist das toskanische Atrium (5). Wo die Wand zurückzuspringen scheint, sind Scheintüren gemalt, außerdem Säulenreihen, aufgehängte Rundbilder (imagines clipeatae), Becken, Körbe und Räuchergefäße aus Bronze. Die auf der Ostwand entdeckte Skizze einer Wanddekoration mit einem von Portiken umgebenen Rundbau (tholos), die sich jetzt im Neapler Museum befindet, ist der verkleinerte Entwurf einer Malerei von der Art der Dekoration im cubiculum M der Villa des Fannius Synistor. Vielleicht wurde sie in einem noch nicht ausgegrabenen oder bei einer antiken Renovierung veränderten Raum in der Villa selbst verwirklicht.

Außerordentlich reich ist auch die Dekoration im Raum 23, eine Bühne ohne Kulissen, die zum dahintergelegenen Portikus (porticus post scaenam) offen ist: auf der Stirnwand sieht man eine Mittelädikula zwischen zwei ionischen Seitenflügeln, eine monochrome Landschaft, eine Komödienmaske und halbgeöffnete seitliche Türen, auf den Seitenwänden werden die beiden seitlichen Baukörper von Gefäßen bekrönt, auf dem Podium stehen Vögel, Fruchtkörbe und Räuchergefäße.

Von der anderen Seite des Atrium gelangt man in das cubiculum (11), dessen zwei Alkoven durch gemalte Ädikulen und Alabastersäulen erweitert scheinen. Die Dekoration des Triklinium (14) ist ein schönes Beispiel für barocke hellenistische Architektur mit Rundtempeln und geschwungenen Architraven über vergoldeten, mit spiralförmigen Ranken aus Metall und Blumen aus kostbaren Edelsteinen geschmückten Säulen, deren figürliche Kapitelle von Sphingen bekrönt werden. Im benachbarten Raum (15) erscheint ein Apollo-Heiligtum, in dem eine Fackel an der Basis des hohen delphischen Dreifußes lehnt; man erblickt es durch eine Tür, deren Gitter sich auf einen mit Bäumen bestandenen, an drei Seiten von riesigen zweistöckigen Säulenreihen (eine ionische über einer dorischen Ordnung) eingefaßten Garten öffnet. In den seitlichen Portiken sind Hirsch-Schädel aufgehängt.

Das mit einer Fußbodenheizung (suspensurae) und doppelten Wänden ausgestattete caldarium (8) ist im Dritten Stil dekoriert, die Dekoration der später einbezogenen Nische in der Stirnwand zeigt eine Nachahmung des Dritten Stils mit Herakles im Garten der Hesperiden und einem leierspielenden Dichter darüber. Rechts vom caldarium befindet sich der Eingang zur Küche (7) und zu einer Treppe (10), die zum darüber gelegenen Zwischengeschoß für die Dienerschaft führt. Das Brunnenbecken in der Mitte des viersäuligen Atriums (16) wird von zwei konzentrischen Mäuerchen eingefaßt; in den mit Erde aufgefüllten Zwischenraum konnten Tongefäße mit durchlöchertem Boden gestellt und bepflanzt werden.

Um das Peristyl (32) auf der anderen Seite des Atriums reihen sich die Zimmer eines zweiten, größeren Dienstbotentrakts. Sie sind teilweise mit Zwischenböden für Lager- und Schlafräume ausgestattet. Der Schlafraum über dem Lager (43) wurde durch zwei in Fachwerkbauweise (opus craticium) errichtete Zwischenwände unterteilt. Die Dekoration des Peristyls täuscht eine Verkleidung mit weißem, grau geädertem Marmor vor. Den Garten überschatteten zwei Kastanienbäume. Auf dem Brunnen mit dem kleinen Wasserfall hatte vermutlich die im Portikus (34) gefundene Statuette des Knaben mit der Gans, eine Kopie aus griechischem Marmor nach einem mittelhellenistischen Werk des Boethos, ihren ursprünglichen Platz. Die gesamte Ausstattung der Villa - darunter die Marmorstatuette einer sandalenlösenden Aphrodite und ein kleiner Eros - war in einem Lagerraum für Vorräte und Ackergerät (35) gestapelt. Im Raum 44 fand man eine Terrakottastatuette des Attis. Das Lararium befindet sich hinter dem Raum 27, die große, durch eine gemauerte Zwischenwand unterteilte Latrine (47 - 48) liegt innerhalb des kleinen, aus der ersten Phase stammenden Badetrakts.

Die Weinkelter (82, 84) scheint 79 n. Chr. schon geraume Zeit außer Betrieb gewesen zu sein, ebenso die Küche, in der man keinen einzigen Topf fand. Die Villa wirkte bei ihrer Entdeckung unbewohnt, möglicherweise wegen der Renovierungsarbeiten. Sie war jedoch nicht verlassen. Immerhin hatte man nach dem Erdbeben von 62 n. Chr. Zitronenbäume gepflanzt, je einen vor jeder Säule des Peristyls (59). Sie wuchsen in großen Gefäßen, neben denen jeweils ein kleineres stand, vermutlich für den Efeu, der sich um die mit weißem Stuck überzogenen toskanischen Säulen rankte.

Der Portikus (40) ist im Vierten Stil ausgemalt; die Mittelmotive auf der Nordseite wurden von den bourbonischen Ausgräbern (1839 bis 1840) entfernt. Der Gang hinter dem Nord- und Südflügel (46, 76) verband den Dienstbotentrakt mit den später hinzugefügten Räumen um das Schwimmbecken. Auf seiner Decke ist eine gemalte Dekoration mit Blumen und Tieren in quadratischen und rechteckigen Feldern erhalten.

Das Becken wurde im Jahr 79 n. Chr. gerade um einige Meter verkleinert, möglicherweise weil der zu starke Wasserdruck den Portikus gefährdete. Aus diesem Anlaß waren die Säulen aus grauem Marmor mit korinthischen Kapitellen (aus julisch-claudischer Zeit) abgebaut und im Saal (21) gelagert worden. Der weißgrundige Portikus (60) ist in Felder mit kleinen Bildern über Gefäßen mit Pfauenfedern gegliedert, getrennt durch Thyrsosstäbe oder Schilfstengel mit Ranken, die von kleinen Vögeln, Insekten, Krokodilen oder Eidechsen bevölkert werden.

Die Wände des Apsidenraumes (78) waren in der Sockelzone mit Marmor, darüber mit Holztafeln verkleidet. Vor dieser diaeta liegt die Terrasse (92) mit dem Becken, in dessen Zentrum die Basis des neuattischen, durch ein eingeführtes Leitungsrohr zum Brunnen umgearbeiteten Kraters stand. Sein Relief zeigt ein Motiv aus dem Umkreis des Leochares, eines Bildhauers aus der Zeit Alexanders des Großen: nackte Krieger bei der pyrrhica, einem Waffentanz. In der Achse des Beckens stand am Wasser eine Marmorgruppe mit Pan, der einen sich wehrenden Hermaphroditen umarmt. An der Ostseite des Beckens reihen sich acht Statuenbasen, hinter denen jeweils ein Oleander stand. Drei der Statuen wurden gefunden: eine geflügelte Frau (Iris, die zur Erde schwebt?), ein Jüngling und eine männliche, mit Weintrauben bekränzte Herme.

Die Räume zwischen den Portiken beim Schwimmbecken und beim Garten sind mit gelbgrundigen Gartenmalereien aus dem Vierten Stil geschmückt und bieten - vom idealen Betrachterstandpunkt in der Mitte des Raumes 69 aus gesehen - zwei symmetrische Ausblicke auf eine weit entfernte Wand mit einem gemalten Brunnen und mit Tauben, durch parallel verlaufende Wände mit großen Fenstern hindurch. Diese architektonisch-dekorative Neuheit ist ein kompliziertes Spiel mit der Natur drinnen und draußen und der durch die Perspektive auf einen Punkt bezogenen Architektur, das seine Auflö-sung in einer ganz und gar bühnenmäßigen Fiktion findet.

(Filippo Coarelli (Hrsg.): Pompeji. Archäologischer Führer. Überarb. Neuaufl. Bergisch-Gladbach: Lübbe 1990. S. 457 - 461.)


 
 
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