Thomas Gransow
Wolf-Ullrich Malm
 

Der Golf von Neapel
 

 Antike Städte am Golf
 

Surrentum - Sorrento
 
 

Abb. 1
Stadtplan


1 Pza. Tasso  -  2 Sedile Dominova  -  3 SS. Filippo e Giacomo  -  4 S. Antonio  -  5 S. Maria delle Grazie  -  6 S. Franceco  -  7 Pal. Correale  -  8 Griechisches Stadttor  -  9 Römischer Bogen
(Ehrenfried Kluckert: Neapel - Kampanien. München: Artemis & Winkler 1993. S. 229.)
 
 
 
 

Text 1
Die Halbinsel

Als zum Abschluss der Apeninnenhebung, sozusagen als deren Folge, im Westen der Tyrrhenische Schild einbrach und wiederum als dessen Spätfolge sich der Golf von Neapel und der Golf von Salerno absenkten, blieb von den aufgetauchten Kalkmassen, wie eine Rippe ins Meer stoßend, das Massiv der Monti Lattari übrig. Während so ziemlich alles, was den Golf sonst an Bergen und Höhenzügen umstellt, vulkanischer Tätigkeit seinen Ursprung verdankt, vertritt die Halbinsel von Sorrent als einziger Vorposten am Tyrrhenischen Meer das bergige Skelett der großen italischen Halbinsel. Ca. 40 km in südwestlicher Richtung sich erstreckend, erreicht die Gebirgskette mit ihren beiden höchsten Er-hebungen Monte Cerreto (1318 m) und Monte S. Angelo Tre Pizzi (1443 m) recht stolze Höhen. Das Massiv Cepparica mit dem Monte Faito (1131 m) schlägt vom Golf aus gese-hen gleich einen gewaltigen Grundakkord an, der für die Neapolitaner den Widerpart zum Panorama des Vesuvs bildet. [...]

In exakter Nordsüdrichtung schließt im Osten der Gebirgszug vom Monte S. Angelo di Cava (1130 m) zum Monte dell'Avvocata (1014 m) die Halbinsel von Sorrent gegen das Inland zu hermetisch ab. Dazwischen liegt die Senke von Cava, deren bequemer Zugang zum Golf von Salerno bei Vietri wieder am Meer mündet und schon von alters her als Pass empfunden wurde. Noch heute folgen dem Verlauf dieses Passes von Cava die wichtigsten Verkehrsadern in Richtung Süden. Da sich von Salerno aus wieder zwei wichtige Passstraßen über den Apennin nach Apulien anbieten, lag die Gründung einer handelspolitisch günstig gelegenen Niederlassung, eben Salerno, auf der Hand.

Im Westen verläuft sich mit zahlreichen Buchten und Kaps die Halbinsel im Tyrrhenischen Meer. Am südwestlichsten Punkt, der heutigen Punta Campanella, rafft sich der vor dem Meer kapitulierende Gebirgszug noch einmal zu ansehnlicher Massierung in Monte S. Costanzo (497 m) auf. Südlich, der Halbinsel vorgelagert, liegt ein kleines Archipel aus drei Inselchen, die sog. Li Galli. Für die Seefahrer der mykenischen Zeit waren sie der Sitz der Sirenen. Die Sirenen der Griechen waren den Harpyien ähnliche dämonische Totenseelen in Mädchengestalt mit Vogelleibern. Mit ihrem unwiderstehlichen Gesang lockten sie (vgl. Loreley) die Seeleute an, die - betört und gebannt vom Sirenengesang - die lauernden Gefahren der nahen Steilküste vergaßen, zerschellten und ihre Lebenskraft an diese Ungeheuer verloren. [...]

Ähnlich wie bei Skylla und Charybdis am Stretto, der Meerenge von Messina, steckte hinter den Sirenen die Personifizierung von Naturgewalten, die den Schiffern gefährlich waren. In diesem Fall kann es sich nur um die trügerischen Strömungen an der Bocca Picco, der Meerenge zwischen Capri und dem Festland, handeln. [...] [D]ie jüngere Altertumswissenschaft sucht - ob dieser real existenten Gefahren an der Bocca Picco - den Sitz der Sirenen an der zerklüfteten Westküste der Sorrentiner Halbinsel. Weil auf der Punta del Capo westlich von Sorrent etrusko-kampanische Scherben aus der Zeit vor der griechischen Kolonisation gefunden worden waren, ist man geneigt, das Sirenenheiligtum hier am Golf von Neapel, direkt gegenüber von Megaris, zu suchen. Wie Funde in den Grotten del Tesoro und Nicolucci beweisen, war die Halbinsel schon seit dem Übergang von der Steinzeit zur Bronzezeit besiedelt. Auf der Peutingerschen Tafel ist auf der Punta Campanella ein griechischer Tempel der Athena (Minerva) eingetragen, und noch lange nach römischer Zeit hieß dieses Kap auch Capo Minerva. Auch sonst war die Capri zugewandte Seite bevorzugter Platz für Luxusvillen. 

(Rolf Legler: Der Golf von Neapel. Köln: DuMont 1990. S. 332 - 224.)
 
 

Text 2
Die Stadt

Die den Bergen kurz vorgelagerte Ebene, der Piano di Sorrento, besteht aus einer dicken Tuffschicht, die zum Meer hin wie ein gigantischer Aussichtsbalkon über dem Golf abrupt abbricht. Von sagenhaften Teleboern soll Sorrent einst gegründet worden sein. Dann sollen es wieder dorische Siedler von der Insel Lipara gewesen sein, die ihrerseits Sorrent gegründet hätten. Immerhin hatte Sorrent bis in die Spätantike eine vorwiegend griechisch sprechende Einwohnerschaft.

Der Name Sorrent soll sich von dem der Sirenen her ableiten. Dies könnte sogar zutreffen. Für Strabon hieß die Spitze der Halbinsel noch Promuntorium Sirenum und der Bergrücken hinter Sorrent wurde Mons Sirenianus genannt. Die Stadt selbst hieß bei den Römern allerdings schon Surrentum und war nur als Oppidum geführt. In Gegensatz zu Stabiae und ganz nach dem Beispiel von Pompeji wurde dieses Oppidum nicht zerstört, sondern von Sulla und Augustus mit römischen Veteranen besiedelt und erhielt den Rang eines Municipiums. Seit Augusteischer Zeit war Surrentum beliebter Villenort. Die Villen lagen genau dort, wo seit dem 18. und 19. Jahrhundert die großen Hotels entstanden sind, an der Nordseite der antiken Stadt, direkt über dem Abbruch der Tuffplatte. Durch Gänge, Stollen und Treppen waren diese Nobelwohnsitze mit dem darunter liegenden Strand verbunden. Auch Augustus besaß in Sorrent eine kaiserliche Villa. Dort musste in den Jahren 5 bis 7 n. Chr. dessen Enkel Agrippa Postumus seine Zeit als Verbannter verbringen. Der Sitz der Augustusvilla wird heute unter der Piazza Vittoria und dem Hotel Sirena vermutet. Auch Agrippa, Nero und Antoninus Plus besaßen am Ort eine Villa. Danach kam Surrentum aus der Mode.

In den nachfolgenden wirren Jahrhunderten gelang es der schwer zugänglichen und deshalb leicht zu verteidigenden Hafenstadt, sich weitgehend unabhängig zu halten. Im 10. Jahrhundert gründete man nach dem Vorbild von Gaeta und Amalfi eine eigene Seerepublik, deren Ende erst Roger II. von Sizilien (1137) einläutete. Dazwischen bleibt nennenswert nur die Geburt von Torquato Tasso. Im 18. Jahrhundert waren es - wie an so vielen anderen Stellen des Mittelmeers - die sonnenhungrigen Engländer, die nach den Römern die klimatisch und landschaftlich privilegierte Lage von Sorrent für sich entdeckten. Andere Nordlichter folgten auf den Fuß, allen voran waren es die Dichter, die den neuen Ruhm Sorrents sangen: Lord Byron, Stendhal, Gorki, Ibsen, Platen, Wagner oder Nietzsche sind glanzvolle Namen dieser schier unendlichen Kette. Goethe hatte den Sirenen noch widerstanden.
Neuzeitlich sind auch die neuen Kulturpflanzen, anstelle von Olivenbaum und Weinstock nun die Agrumen, deren Anblick für Goethe so sprechend für Italien steht und die auch bis heute wesentlich mit zum Ruhm von Sorrent beigetragen haben: die Äpfel der Hesperiden der Alten, die Pomeranzen Goethes und die Zitronen und Orangen der Jetztzeit. [...]

Obwohl Sorrent auf griechisch?römischen Fundamenten steht und bei Bauarbeiten ständig neue Funde gemacht werden könnten [...], legt man auf diese Schätze keinen Wert; ein Pompeji vor der Haustüre genügt, um dem Kult der Antike zu frönen. Sorrent setzt auf sein Ambiente und ist bisher damit recht gut gefahren, zum Wehklagen einiger dort vertretener Antikenliebhaber. Was soll's? Das neue Otium ist wichtiger. Die Schätze der Natur, der ewige Reichtum Sorrents wird um so mehr gepflegt. Im Gegensatz zum nördlichen und östlichen Teil des Golfes hat sich die Sorrentiner Halbinsel wenigstens weitgehend ihren alten Charme bewahrt. 

(Rolf Legler: Der Golf von Neapel. Köln: DuMont 1990. S. 334 - 336.)


 
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