Thomas Gransow
Wolf-Ullrich Malm
 

Neapel und die Halbinsel von Sorrent
 

 Antike Städte am Golf

Dikaiarchia
(Puteoli - Pozzuoli)
 

Abb. 1
Puteoli 1890


Abb. 1: Mario Sirpettino: Die Solfatara von Pozzuoli. Napoli: Società Editrice Napoletana 1981.
 
 

Text 1
Den Orient vor der Haustür

Kyme war die Tochter von Pithekoussai. Kymes Töchter waren Dikaiarchia (Puteoli - Pozzuoli) und Parthenope (Paläopolis - Neapolis - Neapel). Kyme war enorme kulturgeschichtliche Bedeutung zugewachsen. Der Same Pithekoussais war, wie schon erwähnt, zur schönsten Blüte gelangt. Aus dieser Blüte waren nicht minder kostbare Früchte gereift. Um 531/30 v. Chr. hatten samische Flüchtlinge zusammen mit oder unter Führung kymäischer Siedler zur Sicherung des Golfs von Neapel die Stadt Dikaiarchia gegründet. Der Name bedeutet „Stadt der gerechten Regierung“, im Gegensatz zur Tyrannis des Polykrates auf Samos, von wo ja ein Teil der Neusiedler stammte. Da sich Rom mit Neapolis im Laufe des ersten Samnitenkrieges auf friedliche Koexistenz geeinigt hatte, baute Rom Dikaiarchia als eigenen Handelshafen aus. 190 v. Chr. wurde der immer wichtiger werdende Hafen in den Status der Kolonie erhoben. Lange vor dem Ausbau des Hafens von Ostia unter Claudius war Pozzuoli zum bedeutendsten Handelshafen des Imperiums geworden, zuständig vor allem für den Afrika- und Orienthandel.

Aus Ägypten (Alexandrien) kamen neben Getreide und Öl vor allem Luxusgüter wie Papyrus, feinstes Leinen, farbiges Glas, Elfenbein, Edelsteine, Perlen, Gold, Exotika und Parfüms. In Pozzuoli saßen einige der einflußreichsten Bankiers wie Cluvius und Vestorius. Letzterer hat auch ein Kapitel Kunstgeschichte geschrieben. Um das ägyptische Monopol für die Farbe Blau zu brechen, hatte er eine eigene Farbe Blau aus einer Mischung von Blei und Sandarak herstellen lassen. Dieses billigere Blau begann sich auch als Wandfarbe großer Beliebtheit zu erfreuen (2. Pompejanischer Stil). Diese Farbe wurde nun weltweit unter dem Namen des Herstellers berühmt als „Vestorianisches Blau“. Die gleiche Kunstfarbe diente auch zur Färbung von Glas. Aus Schriftquellen ist für Pozzuoli ein ganzes Glasbläserviertel (clivus vitriarius) bekannt. Ein anderer tüchtiger Schiffahrtsunternehmer war Rabirius Postumus (durch Ciceros „Pro Rabirio Postumo“ bekannt). Sensationell war der Erfolg der Amier, die durchs Rote Meer fahrend bis nach Ceylon verschlagen wurden, wo sie die erste römische Botschaft errichteten. Die Verbindung zu den Nabatäern wurde besonders gepflegt, weil dadurch Ägyptens Vermittlerrolle für Fernostware umgangen werden konnte. So hatten die Nabatäer ein eigenes Stadtquartier mit einem Tempel ihres Hauptgottes.

Von Großbauten sind durch Ruinen, Ausgrabungen oder Schriftquellen namentlich bekannt: der städtische Fleisch- und Fischmarkt (Macellum = Serapeum), die öffentliche Waage (sacomanium), die Schiffsanlege (ripa Hortensiana), der Serapistempel, der Isistempel, das Theater, zwei Amphitheater, eine Sportanlage (palaestra), ein Zirkus, das Forum, die Neptunsthermen, Mausoleen und der Haupttempel (im Dom verbaut) auf dem Kapitolshügel. Das jüngere Amphitheater war nach dem Kolosseum in Rom das größte im ganzen Imperium. Das großartigste Bauwerk und Wahrzeichen der Stadt war die gigantische, 370 in ins Meer springende große Mole. Auf kleinen Tongefäßen, offensichtlich Andenkenware, ist diese Anlage als wesentlicher Aspekt Pozzuolis abgebildet. Die großen Pilonen sind heute vermauert in der aktuellen Mole.

Es wurden aber nicht nur Waren umgeschlagen. Pozzuoli war der wichtigste Sklaven-markt Roms im westlichen Mittelmeer, so daß bereits 120 v. Chr. der Dichter Lucilius die Stadt ein „Klein-Delos“ nennen konnte. Allerdings war der Sklavenmarkt von Pozzuoli etwas besonderes. Denn hier wurden nicht die normalen Arbeitssklaven für die Arbeit auf dem Felde, in Fabriken oder Werften angeboten, sondern vor allem gebildete Sklaven, solche, die verantwortliche Posten als Hauslehrer, Ausbilder, Verwalter oder Spezialisten übernehmen konnten, Edelsklaven also.

Durch Caesars demagogische Politik war die Stadt Rom auf über 300.000 Einwohner angewachsen. Diese hatten als Entschädigung für den Verlust ihrer politischen Rechte für immer kostenlos „panem et circenses“ zugesprochen bekommen. Um politische Unruhen zu verhindern, mußte die Brotversorgung der Römer ständig gesichert sein. Bei dem hohen geschätzten Jahresverbrauch pro Einwohner mußte ständig eine riesige Kornflotte zwischen Süditalien, Afrika und Ägypten für Nachschub sorgen. Weil Caligula durch sein Wahnsinnsprojekt einer 5 km langen Schiffsbrücke die Kornflotte beträchtlich verringert hatte und deshalb in Rom Hunger ausbrach, kostete ihn das schließlich Thron und Leben. Die damals größten Frachtschiffe waren die sog. myriophoroi (= Zehntausender, weil sie 10 000 Weinamphoren laden konnten).

Pozzuoli war aber nicht nur für seinen Hafen, seine Waren, seine Bankiers und Händler berühmt. Gleich oberhalb der Stadt kocht und brodelt die Erde noch heute. Plinius d. Ä. schrieb: „Es gibt in dieser Gegend von Pozzuoli tödliche Gase ... man nennt diese Gegend die Spalte des Charon.“ Es ist der berühmte Solfatara-Krater, dessen Schwefelwasserstoffdünste sich schon oberhalb der Bahnlinie bemerkbar machen. Es gibt noch 25 Fumarolenfelder, davon 9 am Kraterboden selbst, die noch bemerkenswert tätig sind. Dabei handelt es sich um charakteristische postvulkanische Erscheinungen. [...]

Während der Hafen nach dem Niedergang Roms längst seine Bedeutung an Neapel abgeben mußte, war der Ruf seiner Thermal- und Schwefelbäder ungebrochen, z. B. im hohen Mittelalter. Als Friedrich II. von Hohenstaufen gezwungen war, seinen bereits begonnenen Kreuzzug aus gesundheitlichen Gründen abzubrechen, schickten ihn seine Ärzte zur Kur nach Pozzuoli, wo er auch schnell wieder genas. Noch heute erfreuen sich die Kurbäder Pozzuolis regen Zuspruchs.

(Rolf Legler: Der Golf von Neapel. Köln: DuMont 1990. S. 38 - 41.)
 

Text 2
Das Stadtbild Puteolis

Das Erscheinungsbild Puteolis (das dichterisch oft auch mit seinem alten griechischen Namen Dikaiarchia bezeichnet wird) wurde von dem steil nach allen Seiten hin abfallenden Hügel dominiert, auf dem die Altstadt thronte, eine 194 v. Chr. gegründete römische Bürgerkolonie. Ihre Mitte bildete wie üblich ein Capitolium nach Roms Vorbild: ein Tempel der Göttertrias Jupiter, Juno und Minerva. Als Augustus der Stadt neue Bürgerkolonisten zuführte und sie den Namen Colonia lulia Augusta Puteoli annahm, dehnte sie sich landeinwärts aus: Das alte, bescheidene Forum vor dem Capitol wurde durch ein größeres auf dem neuen Gelände ersetzt, und die Stadt erhielt jetzt wohl auch ihr ers-tes Amphitheater, von dem sich aber nur noch kümmerliche Reste erhalten haben. Unter Kaiser Vespasian (70 - 79 n. Chr.) trat an seine Stelle ein riesenhafter Neubau - das drittgrößte Amphitheater des gesamten Römischen Reiches. Die Bürgerschaft demonst-rierte mit ihm den immensen Reichtum, über den sie inzwischen verfügen konnte und den ihr vor allem die Hafenanlagen einbrachten, die anfänglich nur die geschützte Bucht unterhalb der Altstadt nutzten, sich im Laufe der Zeit dann aber immer weiter nach Westen ausdehnten, schließlich bis hin zum Lukrinersee. Die Ufer waren durch Aufschüttungen zu Kais (ripae) ausgebaut, den Kais entlang reihten sich Lagerhäuser (horrea); auch die Kontore (stationes) der verschiedenen Städte, welche mit Puteoli Handelsbeziehungen hatten, waren hier; und das Hafenbecken insgesamt war gegen das offene Meer hin, von dem gelegentlich ein scharfer Südwind hohe Wellen herantreibt, durch eine große Mole abgesichert, eines der spektakulärsten Werke römischer Ingenieurkunst, mit welchem wir uns gleich noch näher beschäftigen werden.

Die riesige Ausdehnung des Hafens erklärte sich in erster Linie daraus, dass er der Zielhafen der großen Überseeschiffe war, die von Ägypten und Afrika her das für die Versorgung der Millionenstadt Rom benötigte Getreide anlieferten. Rom hatte nämlich, wie gesagt, lange Zeit keinen dafür geeigneten Hafen. Deshalb wurden diese Schiffe in Puteoli entladen, ihre Fracht hier gelagert und dann auf kleinere Schiffe umgeladen, welche sie die Küste entlang nach Ostia und von dort tiberaufwärts in die Hauptstadt brachten. Aber auch nachdem Trajan diesem unbefriedigenden Zustand durch Errichtung eines großen künstlichen Hafens in der Nähe der Tibermündung, Portus genannt, ein Ende gesetzt hatte, blieb Puteoli ein bedeutender Umschlagplatz. Von welcher Größe und Pracht er auch Ende des 3., Anfang des 4. Jahrhunderts noch war, bezeugen gewisse Souvenirs, welche sich damals Reisende von Puteoli mit nach Hause nahmen: Glasflaschen, ca. 10 cm im Durchmesser und 15 cm hoch, auf deren kugelförmigem Bauch ein Panorama der Stadt eingeschliffen war. Vier davon sowie Scherben einer fünften haben sich erhalten. Sie wurden an Orten gefunden, die von Puteoli z. T. weit entfernt sind und auch ihrerseits weit auseinanderliegen: in Italien, Nordafrika, Spanien, Portugal, im nördlichen England, im römischen Rheinland - offensichtlich den Heimatgegenden ihrer Besitzer. Man sieht auf ihnen eine kürzelhaft vereinfachte Zusammenstellung der wichtigsten öffentlichen Bauten der Stadt. Auf allen Vasen aber - auch auf drei weiteren, welche das Panorama des benachbarten Badeorts Baiae darstellen - ist überdimensional die Große Mole abgebildet.
(Christoff Neumeister: Der Golf von Neapel in der Antike. Ein literarischer Reiseführer. München: Beck 2005. S. 21 - 25.)
 



Abb. 2
Ein Souvenir aus Puteoli

Abbildung des Stadtpanoramas von Puteoli auf einer Glasvase im Nationalmuseum Prag

Unter der Widmungsinschrift («Mögest du glücklich und fromm mit den Deinen leben!») sind folgende Bauten durch abgekürzte, z. T unorthographische Beischriften bezeichnet: In der obersten Reihe ein STADIUM (eine Sportstätte für Wettkämpfe nach griechischer Art); ein SOLARIUM (Sonnenterrasse); ein LARARIUM (?), d. h. ein Heiligtum der Laren; eine VIA STRATA POST FORUM («Straße hinterm Forum»), auf einer anderen Vase als «Forum hinterm Forum» bezeichnet. In der zweiten Reihe. ein AMPHITHEATRUM; ein großer Tempel, zu dem eine als ASCENSUS DOMINI («Aufgang des Herrn») bezeichnete Freitreppe hinaufführt - die im Tempel sichtbare Kultstatue wird meist als Serapis identifiziert; und ein THEATRUM. Die Aufschrift DECATRIA rechts daneben bezeichnet wohl nicht ein Gebäude, sondern ein auch inschriftlich nachgewiesenes Stadtviertel. In der dritten Reihe: ein ORDION, wohl verschrieben für Odeon = geschlossenes Theater für musikalische Vorführungen; eine PALAESTRA (eine Sportstätte); ein Tempel Caesars; ein Tempel der Nemesis. In der untersten Reihe: die HORTENSIANA RIPA, ein nach einer römischen Adelsfamilie, die auch in Puteoli Besitzungen hatte, benannter Kai; ein EMPORIUM (Handelszentrum); und ein SACOMARIUM (eine staatliche Wiegestelle). Ganz rechts aber ist übergroß, vom Meer (PELAGUS) umgeben, die Große Mole (PILAE) abgebildet.
 

Text 3
Die Große Mole

Die Große Mole, Pilae = «Die Pfeiler» genannt, war 372 m lang und ruhte auf 15 zwischen 9 und 15 m breiten Pfeilern. Sie war nicht zum Beladen und Entladen von Schiffen bestimmt (wenn auch die Möglichkeit zum Festmachen bestand'), sondern hatte in erster Linie die Funktion, den Hafen bei stürmischem Wetter abzuschirmen, indem sie die auf ihn zulaufenden Wellen brach, ihnen zugleich aber auch nicht zu viel Angriffsfläche bot. Die Anlage ist erst Ende des 19. Jahrhunderts bei der Errichtung der modernen Mole von Pozzuoli zugeschüttet worden.

Der Bau ihrer Pfeiler - und überhaupt der ganzen Hafenanlagen Puteolis - wurde dadurch sehr erleichtert, dass längs der gesamten Nordküste des Golfs eine bestimmte Art von vulkanischem Sand, heute «Puzzolanerde» genannt, abgebaut wurde, der mit Kalk zusammen einen sogenannten hydraulischen Mörtel ergibt, d. h. einen Mörtel, der auch unter Wasser hart wird. Bei seiner Verwendung brauchte man infolgedessen, wenn Mauerwerk unter Wasser zu errichten war, nicht erst einen wasserdichten Senkkasten ins Wasser hinabzulassen und leerzupumpen, sondern es genügte ein einfacher Kasten, in dem man, nachdem Taucher in ihm den Meeresboden gesäubert hatten, diesen hydraulischen Mörtel, mit Bruchsteinen vermischt, bis etwas über den Wasserspiegel aufschüttete. Es entstand ein Betonfundament, auf dem man dann, über dem Wasserspiegel, in der sonst üblichen Weise weitermauern konnte.

Da die Mole nicht dem Entladen von Schiffen, sondern nur als Wellenbrecher diente, war sie gleichzeitig zu einer Art monumentaler Hafenpromenade ausgestaltet. Die Gravuren auf den Glasgefäßen zeigen uns, wie gesagt, den Zustand des ausgehenden 3. oder beginnenden 4. Jahrhunderts, aber zwei ältere Darstellungen machen es wahrscheinlich, dass sie auch schon vorher ähnlich ausgesehen hat. Derjenige, der sie betrat, wurde zunächst von einem prachtvollen Torgebäude quadratischen Grundrisses empfangen, einem Ianus quadrifrons («vierstirnigen Janus»), so genannt, weil er Toröffnungen nach allen vier Seiten hin hatte. Sein Dach war von vier Trompete blasenden Tritonen bekrönt. Danach passierte er, schon auf der Mole selbst, ein Paar hoher Säulen, die je eine Statue trugen. Dargestellt waren wohl die Zwillingsbrüder Castor und Pollux, Schutzgötter aller Seeleute. Dann gelangte man zu einem zweibogigen Triumphtor, bekrönt mit einem Viergespann von Hippokampen (Seepferden), das von einer speertragenden Gestalt, wahrscheinlich Neptun, gelenkt wurde. Das äußerste Ende der Mole war als Schiffsbug gestaltet. Nach den damaligen Maßstäben war diese Mole ein bautechnisches Wunderwerk.
Christoff Neumeister: Der Golf von Neapel in der Antike. Ein literarischer Reiseführer. München: Beck 2005. S. 25f.)
 

Abb. 3
Ein Hafen

Martime Landschaft, aus Stabiae, Archäologisches Nationalmuseum Neapel, Inv.-Nr. 9514

The proposed identification of this scene with the port of Pozzuoli is not convincing, in spite of the arch on the quayside which recalls the one shown on the famous glass flasks from late Roman times. It is very likely that similar honorary or decorative monuments stood in many other famous ports as well as Puteoli. Furthermore this kind of landscape is never a faithful representation of reality but rather a fantasy, as is borne out here by the inclusion of the same fishermen idling on the rocks that we find in other idyllic landscapes. The passage from Vitruvius quoted in the previous description shows that ports, prom-ontories and beaches were simply adjuncts of the genre of picturesque landscape painting.
(Stefano De Caro: The National Archaeological Museum of Naples. Napoli: Electa 1996. S. 195.)
 
 

Text 4
L'Anfiteatro flavio

Esplorato tra il 1839 ed il 1845, poi tra il 1880 ed il 1882, ed infine nel secondo dopoguerra, l'edificio è la terza arena per dimensioni del mondo romano, dopo quelle di Roma (Colosseo) e Capua. 

Quando i Puteolani decisero di porre mano, verso la metà del I secolo d. C., al progetto di una nuova arena, lo fecero questa volta su una scala notevolmente superiore rispetto al primo anfiteatro. D'altra parte in età imperiale lo spettacolo gIadiatorio era venuto sostituendo decisamente quello teatrale come momento di aggregazione ludica della comunità urbana, si che fu inevitabile l'evoluzione del tipo dell'edificio verso forme sempre più colossali ed elaborate, con una sua presenza sempre più dominante, al pari forse delle tenne, nell'organizzazione monumentale della città antica. L'edificio non cessava, del resto, d'essere un centro della vita urbana nei giorni non impegnati dai ludi; nelle gallerie sotto l'ambulacro esterno erano infatti ricavati luoghi di culto e le sedi (scholae) di molte associazioni professionali, come quelle degli scabillarii e dei navicularii, note da iscrizioni. Si discute se questo secondo anfiteatro di Pozzuoli dati ad età neroniana o flavia, e cioè se preceda o segua la grande impresa del Colosseo a Roma. Certo è, comunque, che le due gigantesche costruzioni, erette nello stesso giro di anni, mostrano entrambe la piena maturità tecnica raggiunta dall'ingegneria romana alle prese con gli enormi problemi di calcolo, di struttura, di trasporti, di idraulica e di organizzazione dei cantieri da affrontare in tali opere. L'anfiteatro dovette in ogni caso essere ultimato e dedicato (o ridedicato) sotto i Flavi, come mostra l'orgogliosa iscrizione appostavi Colo-nia Flavia Augusta Puteolana pecunia sua. 

Collocato al margine dell'abitato nei pressi dell'incrocio delle strade che venivano da Napoli, da Capua e da Cuma, l'enorme edificio (149 x 116 m) era strutturato all'esterno, secondo il modello impostosi in età imperiale, in tre ordini sovrapposti, coronati in alto da un attico. Quattro ingressi maggiori, alle estremità degli assi dell'ellisse, e dodici secondari (tre per quadrante) permettevano un rapido afflusso e deflusso degli spettatori ai settori dei gradini (praecinctiones) più bassi, mentre venti rampe di scale permettevano di accedere alla precinzione più alta e all'attico. 

La cavea contava in tutto trentanove file di gradini (8 nella prima precinzione, 16 nella seconda, 15 nella terza) sui quali potevano trovare posto circa 40.000 spettatori. E fu forse davanti a questa cavea, se era già stata ultimata, che nel 66 d. C. il liberto di Nerone, Petrobio, invitò Tiridate, principe e re designato d'Armenia, alleato di Roma, ad assistere ad un grande spettacolo di caccia (venatio); e Dione Cassio narra che il principe orientale stupii il pubblico con la sua bravura di arciere, cimentandosi ad abbattere personalmente a colpi di freccia dal suo seggio due tori. Come nel Colosseo, anche qui l'arena conserva memorie di martiri cristiani. La più celebre, formatasi tra V e VI secolo, ricorda il supplizio che vi fu apprestato nel 305 d. C. per Gennaro, il celebre vescovo di Benevento, Sossio, Festo, Desiderio, Procolo, Eutichete ed Acuzio. L'esecuzione fu dapprima sospesa per l'assenza del governatore della Campania, ma fu eseguita poco dopo alla Solfatara. In ricordo di tale presenza del santo, nel 1689 nell'area dell'edificio fu eretta una chiesetta, poi distrutta all'epoca dello scavo ottocentesco e sostituita da una cappellina tuttora visibile nell'ambulacro. 
Dopo un massiccio restauro in età antonina del portico esterno con il raddoppio dei pilastri in laterzio, nella tarda antichità l'edificio fu abbandonato, come gran parte della città bassa, e fu in parte sepolto dal terreno alluvionale e dalle ceneri delle eruzioni della Solfatara; spogliato nel Medioevo di tutte le decorazioni marmoree - solo poche statue, già pronte per le calcare, sono state rinvenute - e dei blocchi delle gradinate, fu occupato da masserie e vigne, fino all'inizio degli scavi. 

Di particolare suggestione è la visita dei sotterranei dell'anfiteatro; ben conservati, vi si legge chiaramente la complessa organizzazione dei servizi logistici che consentivano il funzionamento degli spettacoli. Nelle stanze organizzate intorno ai grandi corridoi erano conservate le attrezzature, le macchine, le scenografie, le gabbie delle fiere che venivano poi sollevate, attraverso le grandi botole, sul piano dell'arena. Né meno interessanti sono gli impianti idraulici, soprattutto con la presenza di un canale che doveva raccogliere la grande quantità di acque piovane intercettate dall'enorme invaso della cavea e convogliarle verso il mare.
(Stefano De Caro: I Campi Flegrei, Ischia, Vivara. Storia e Archeologia. Napoli: Electa 2002. S. 50 - 54.)
 
 

Text 5
Der Getreidehandel

Puteoli war die mit Abstand größte Hafenstadt Italiens. Ihr Aufstieg hatte im 2. Punischen Krieg seinen Anfang genommen: Nach seinem Sieg bei Cannae (216 v. Chr.) hätte sich Hannibal für den Nachschub von Afrika her nur allzu gern einen der Häfen am Golf gesichert. Er versuchte deshalb mehrmals vergeblich, Neapel zum Abfall von Rom zu bewegen. Auch Cumae belagerte er zeitweilig. In Puteoli selbst kamen die Römer seinen Plänen dadurch zuvor, dass sie eine starke Besatzung (6000 Mann) in die Stadt legten, so dass diese, zumal sie ja auch noch durch ihre Lage auf einem Hügel und durch ihre Befestigung gesichert war, einer dreitägigen punischen Belagerung standhal-ten konnte. Hannibal musste unverrichteter Dinge wieder abziehen, und der Hafen diente von nun an statt dem karthagischen Nachschub dem der Römer selbst, und nach Kriegsende sicherte sich Rom ihn zusätzlich auch noch dadurch, dass es ihn durch Ansiedlung von 300 Familien zu einer römischen Bürgerkolonie erhob. Das gab Puteoli von nun an einen Vorrang sogar vor Neapel. Neapel blieb nämlich bis in die Kaiserzeit hinein eine selbständige griechische Stadt, die mit Rom lediglich verbündet war. Infolgedessen mussten für Rom bestimmte Waren, wenn sie in Neapel ausgeladen wurden, zweifach verzollt werden: Zuerst war der neapolitanische, dann, an der Grenze zum römischen Gebiet (also vor Capua oder Puteoli), auch noch der römische Einfuhrzoll zu entrichten. Liefen die Schiffe hingegen Puteoli an, war nur der römische Hafenzoll zu entrichten. Und da, wie bereits gesagt, die Hauptstadt Rom damals (und noch bis in die frühe Kaiserzeit hinein) keinen für Überseeschiffe geeigneten Hafen hatte, wurde Puteoli so nach und nach tatsächlich, so paradox das klingen mag, zum Überseehafen des über 200 km weit entfernten Rom. Je mehr die Bevölkerung der Hauptstadt anwuchs, desto größer wurde ihre Abhängigkeit von den über Puteoli laufenden Importen, besonders denen von Getreide. Ein Drittel davon kam aus Ägypten. Das Eintreiben dieses Naturaltributs, sein Transport nach Alexandria, seine Einlagerung in die dortigen Kornspeicher und sein Transport nach Puteoli wurden straff organisiert. Eine eigene Flotte (die Classis Augusta Alexandrina) wurde geschaffen, die die Aufgabe hatte, den nach Puteoli fahrenden Getreideschiffen, wenn sie im Konvoi fuhren, Geleitschutz gegen Piraten zu geben.

Die Fahrt war auch aufgrund der Witterung keineswegs ungefährlich, und sie war ohnedies nur während einer bestimmten Jahreszeit (von April bis Ende September) möglich: Vom Spätherbst bis zum Vorfrühling war sie wegen der häufigen Stürme zu riskant, das Meer war dann, wie man sagte, «verschlossen», ein mare clausum. Während der anderen, für die Schiffahrt «offenen» Zeit aber herrschen im Mittelmeer nördliche und nordöstliche Winde vor, so dass die Fahrt von Alexandria nach Italien meist gegen den Wind durchzuführen war und infolgedessen recht lange Zeit (ein bis zwei Monate) in Anspruch nahm. In umgekehrter Richtung, mit dem Wind, dauerte sie dagegen nicht mehr als zwei Wochen. Diese Windverhältnisse zwangen den großen von Ägypten her kommenden Geleitzügen einen ganz bestimmten Fahrplan auf: Schiffe, die in Alexandria überwintert hatten, wurden dort im Frühjahr mit der eingelagerten Getreideernte des Vorjahres beladen und erreichten ein bis zwei Monate später, also im Mai oder Juni, Puteoli. Dort wurden sie möglichst schnell entladen und neu beladen. Da von Puteoli aus jedoch kaum etwas in Richtung Alexandria exportiert wurde, musste man sich oft damit begnü-gen, ihnen den für eine stabile Fahrt nötigen Tiefgang durch Einfüllen von Ballast?Kies (saburra) zu geben. Sie erreichten dann, wenn alles gutging, Alexandria gerade noch rechtzeitig für eine zweite Ladung, mit der sie Ende September oder Anfang Oktober wieder in Puteoli eintrafen, um jetzt dort zu überwintern. Ihr Fahrplan im darauffolgenden Jahr war dann entsprechend zeitlich verschoben: Abfahrt im April nach Alexandria, Rückkehr mit Ladung erst im Juli oder August - und dann reichte der Rest der Saison gerade noch für die Rückfahrt nach Alexandria, wo sie überwinterten.
Christoff Neumeister: Der Golf von Neapel in der Antike. Ein literarischer Reiseführer. München: Beck 2005. S. 28f.)
 

Text 5
Die Geschäftsleute

Der Überseehandel und auch all die mit ihm zusammenhängenden Dienstleistungsgewerbe, so z. B. das Kreditwesen, brachten viel Geld in die Stadt. Die Geschäftsleute (negotiatores), die davon profitierten, waren hier im ersten Jahrhundert n. Chr. zu einem großen Teil Freigelassene, d. h. ehemalige Sklaven, Als solche waren sie einst selber mit einem Sklaventransport importiert worden, fast immer aus dem Osten des Reiches. Sie hatten dann auf irgendeine Weise die Freiheit erlangt: indem sie sich freikauften oder von ihrem Herrn freigelassen wurden, entweder schon zu Lebzeiten oder, häufiger, testamentarisch. Schlau, wendig, risikofreudig und skrupellos, hatten sie es geschafft, sich hochzuarbeiten und zu oft sehr großem Reichtum zu kommen. Mit der Eitelkeit des Neureichen demonstrierten sie das auch nach außen hin, etwa durch ihr Auftreten in der Öffentlichkeit, durch die Pracht ihrer Häuser, durch eine ostentativ luxuriöse Lebensführung, eventuell auch durch großzügige Stiftungen an das Gemeinwesen, und noch über den Tod hinaus durch die aufwendige Ausgestaltung ihrer Grabstätten. Ihrem sozialen Aufstieg waren allerdings, anders als dem geschäftlichen, enge Grenzen gesetzt: Sie konnten keine Wahlämter oder höheren Priesterämter bekleiden. Diese waren ausschließlich Freigeborenen (ingenui) vorbehalten. Damit war ihnen auch der Aufstieg in den ordo decurionum verwehrt, der in Munizipien und Kolonien dem römischen Senatorenstand entsprach. Infolgedessen war ihr Selbstgefühl durch eine seltsame Mischung von Arroganz und Minderwertigkeitskomplexen gekennzeichnet.
Christoff Neumeister: Der Golf von Neapel in der Antike. Ein literarischer Reiseführer. München: Beck 2005. S. 36.)
 
 

Abb. 4
Johann Wolfgang Goethe: Skizze

a = Linie der Meeresfläche
b = Standlinie des Tempels
c = Höhe der Verschüttung des Tempelhofs und Grundlinie des Teichs
d =  Höhe des Wasserstands dieses Teichs 
e =  Höhe der Verschüttung rings um den Tempelhof

(Johann Wolfgang Goethe: Tagebuch der italienischen Reise 1786. Frankfurt a. M.: Insel 1976. S. 191 u. 336.)
 
 

Text 6
Pozzuoli, 19. Mai 17871

... und machte einen kleinen Teich e. f. [s. o., Abb. 1] der die Tiefe c. d. hatte. nun war der untre Theil der Säulen c. b. verschüttet und kein Wasser geschöpf konnte daran kommen, dagegen hatten sie freyes Gastmahl an dem unter Wasser gesetzten Stücke der Säulen c. d. und arbeiteten Hölungen hinein in die man größere und kleinere Finger hinein stecken kann. Die Säulen sind von griechischem Cipolin Marmor, und mögen den Schaalthieren, als eine ausländische zarte Speise treflich ... herausschauten, nach ... reinigte wie er ietzt steht. 

NB. die Asche liegt noch, in der Höhe in welcher die Säulen rein und unangefressen sind, um den Tempel her.

Wie vieles wäre nicht von der Solfatara, dem Monte nuovo pp zu sagen. Nur eins glaube ich ziemlich gewiß, daß die Vulkanischen Würckungen keine sehr tiefe Ursachen haben. Tief will ich hier nur unter dem Niveau des Meers nennen. Doch das ist zu unbestimmt und erfordert eine weitläufigere Ausführung als ich Zeit und biß jetzt Erfahrung habe.

(Johann Wolfgang Goethe: Tagebuch der italienischen Reise 1786. Frankfurt a. M.: Insel 1976. S. 190.)
 
 

Text 7
Kommentar 
zur Tagebucheintragung vom 19. Mai 1781

[Bei der Tagebucheintragung handelt es sich um ein] Fragment auf dem abgeschnittenen unteren Teil (auf Vorder- und Rückseite) eines Blattes; datiert nach Goethes Schrift „Architektonisch-naturhistorisches Problem“ 1823 (WA II, 10, 191); dort sind unter Verwendung der Tagebuchnotizen und der verlorenen Skizze die Beobachtungen fortgesetzt und komplettiert. In der „Italienischen Reise“ ist dagegen nur der erste Besuch am 1. März 1787 kurz erwähnt. Goethe ließ seine Auflösung des Rätseltempels damals fort, weil er seine Theorie, die der von Geologen geäußerten Ansicht, das Meer habe durch sein Ansteigen den Bezirk überspült, entgegenstand, nicht unvermittelt äußern und nicht ohne Illustration durch eine Kupfertafel darstellen wollte (Brief an v. Hoff, 9. Febr. 1823). [...]

Goethe denkt sich (in dem Text von 1823, der das Fragment somit ergänzt) den Bezirk [das Serapäum] im Mittelalter von einem Aschenregen verschüttet, und zwar die umliegenden Gebäude ganz, der freie Hof hingegen wird nur bis zu einergewissen Höhe angefüllt werden. Dadurch verblieb in der Mitte eine Vertiefung, welche sich nur zwölf Fuß über den alten Boden erhub, aus welchem die übriggebliebenen Hauptsäulen ... hervorragten. Der Bach, der zur Reinigung durch den Tempel geführt war, wovon die ausgegrabenen Rinnen und Röhren, die wunderlich durchschnittenen Marmorbänke genugsam zeugen, das mit Sorgfalt hergeleitete Wasser, das noch jetzt nicht fern vorbeifließt, bildete stockend einen Teich, der denn etwa fünf Fuß hoch gewesen sein und in dieser Höhe die Säulen des Porticus bespült haben mag. Innerhalb dieses Gewässers entstehen Pholaden [Bohrmuscheln] und fressen den griechischen Cipollinmarmor ringsum an, und zwar völlig in der Wasserwaage. (HA XIII, 287-95 m. Abb.)

(Christoph Michel: Erläuterungen zum Reisetagebuch. In: Johann Wolfgang Goethe: Tagebuch der italienischen Reise 1786. Frankfurt a. M.: Insel 1976. S. 335f.)
 
 

Text 8
Von Bradiseismos,
Fumarolen,
 Mofetten, 
Pozzolanerde
 und dem jüngsten Vulkan

Wer bildliche Darstellungen, schriftliche Beschreibungen oder archäologische Rekonstruktionen der in der Antike einst so berühmten Küste zwischen Posillipo und Miseno vor Augen hat und mit diesem geistigen Bilde die heutige Küste eben dort vergleicht, der wird sich genasführt vorkommen müssen, gleicht doch die eine der anderen wie die Henne dem Ei. Nichts von dem, was den antiken Autoren besonders beschreibenswert erschien, ist noch zu bewundern, nicht die große Kaimauer von Pozzuoli, der künstliche Damm, der den Lukriner See vom Meer trennte - der Lukriner See selbst ist zu einem unansehnlichen Tümpel geschrumpft -, die Hafenanlagen (Portus Caligula, Portus Julius), die großen Villen mit Nymphäen direkt am Meer, usw. Die Küste von damals, also der Zeit Ciceros oder Caligulas, ist mit der heutigen nicht mehr im geringsten identisch. Der Lukriner See war wirklich ein Binnensee, die Bucht von Pozzuoli war kleiner und anmutiger, und all die Großtaten römischer Ingenieure und Landschaftsarchitekten, die einst die Küste in so dichter Reihenfolge bebauten, daß Seneca bewundernd festhielt, sie böten geradezu den Anblick einer durchgehenden Stadt am Meer, werden heute vom Meer überspült. Lediglich die einst höher gelegenen Anwesen oder Einrichtungen (Thermen, öffentliche Gärten, Fischweiher usw.) sind als Mahnmale des Vergänglichen, als recht dürftige Zeugen des Prunks von einst übriggeblieben.

Ursache dafür war eine geophysikalische Erscheinung, die nirgends auf der Welt so rege tätig ist und so gut beobachtet werden kann wie am Golf von Pozzuoli, nämlich der sog. Bradiseismos. Darunter versteht man das mit verschiedener Geschwindigkeit und Heftigkeit vor sich gehende Heben und Senken räumlich begrenzter Flächen. Die katastrophalen Ereignisse der Jahre 1970 - 1972 und 1982 - 1984 haben es der jüngsten Forschung ermöglicht, das Phänomen genau zu registrieren und zu interpretieren. Ursache für diese atmungsähnliche Hebung und Senkung des Landes ist der Umstand, daß relativ oberflächennahe Magmaherde noch nicht erstarrt sind, so daß bei Bewegungen der Schmelze darüberliegende Erdschollen davon betroffen sind.

Am besten nachvollziehen kann man das Ausmaß und die Abfolge solcher bradiseismischer Bewegung am dafür berühmt gewordenen sog. Serapis-Tempel in Pozzuoli. Bereits 1750 hatte man begonnen, dieses durch drei senkrecht stehengebliebene Monumentalsäulen zu allen Zeiten bekannte Monument auszugraben, und dabei festgestellt, daß es aus zwei Bauphasen stammt, da unter dem jetzigen Boden, ca. 2 m tiefer, ein älteres Mosaik zutage kam. Dieser ältere Mosaikfußboden wurde damals ins zweite vorchristliche Jahrhundert datiert. Unter Domitian sei die gesamte ursprünglich kleinere Anlage erweitert worden zu dem jetzigen Komplex. Da einerseits bei diesen ersten Ausgrabungen in der großen nordöstlichen Apsis eine Büste des Zeus-Serapis gefunden wurde und andererseits seit 105 v. Chr. ein Serapis-Heiligtum in Pozzuoli schriftlich bezeugt ist, wurde der Komplex als Serapeum bezeichnet. Die jüngere Forschung hat durch genauere Grabungen und Vergleiche mit ähnlichen Bauwerken in Rom, Pompeji oder Leptis Magna dieses öffentliche Gebäude als Macellum (Kaufmarkt) von Pozzuoli identifiziert. Auch die Datierung wurde korrigiert. Die den Hof in Längsachse flankierenden, abwechselnd von innen oder außen zugänglichen Zellen, Eingangsfront und Säulen des Hofportikus stammen wohl aus der Zeit des Domitian. Der Mitteltholos und die Säulenfront vor der Hauptapsis mit den Statuen des genius macelli und Angehörigen der Kaiserfamilie sind erst in der Zeit der Severer in ihrer heutigen Form entstanden.

Das Serapeum (= Macellum) von Pozzuoli steht nach den jüngsten Absenkungen wieder teilweise unter Wasser, ist deshalb nicht zu betreten und nur von außen einzusehen. Für die Forschung der bradiseismischen Ereignisse der letzten 2000 Jahre bleibt es aber ungemindert von Bedeutung. Die stehengebliebenen Stümpfe der großen Cipollinsäulen der Hauptapsis (12,60 m) und der kleineren des Mitteltholos (5,30 m) zeigen nämlich Spuren, die sie zu den wichtigsten seismographischen Indikatoren der Vergangenheit erheben. Jeweils bis zu einer Höhe von 3,60 in über dem älteren Niveau sind die Säulenschäfte unversehrt. Dann folgt eine ca. 2,70 in hohe Zone, in der diese Spuren von Bohrmuscheln aufweisen. Das Phänomen hat von Anbeginn die damit befaßte Forschung auf den Plan gerufen und zu unterschiedlichsten Darstellungen geführt.

Für die spätrepublikanische und darauf folgende Kaiserzeit bestehen keine irgendwie gearteten Hinweise auf eine rasche Absenkung des Küstenstreifens am Golf von Pozzuoli. Aus den Briefen des Simmachos (2. Hälfte 4. Jahrhundert) können wir entnehmen, daß alle römischen Anlagen wie Molen, Thermen oder Villen noch in voller Nutzung standen. Gleiches gilt von einem Brief Cassiodors (530). Erst in der nachfolgenden Zeit der Gotenkriege und Langobardeneinfälle scheint sich der Küstenstrich zu entvölkern, mit rascher Zunahme im 7. und 8. Jahrhundert. Mit Hilfe der Spurensicherungen am Se-rapeum und den zur Verfügung stehenden historischen Daten konnte jetzt eine relative Datierung der bradiseismischen Vorgänge der letzten zwei Jahrtausende vorgenommen werden. Die zwei wichtigsten Ergebnisse können zusammengefaßt werden als 

  • a) der Bradiseismos ist kein Vorgang, der nur aus der Absenkung der Küste besteht, vielmehr wechseln sich Phasen der Hebung und Senkung ab, und 
  • b) die einzelnen Phasen ereignen sich nicht in kontinuierlichen vorausberechenba-ren Intervallen, sie finden unregelmäßig und verschieden schnell statt. 
Für die konkrete Situation der Phlegräischen Felder stellt sich die Ereigniskette wie folgt dar: Bis zum 7. Jahrhundert waren keine besorgniserregenden Veränderungen der Küstenlinie erkennbar. Zwischen dem 7. und 8. Jahrhundert setzte eine starke Absenkung des Landes ein, die sich bis zum 10. Jahrhundert fortsetzte. Der Maximalwert betrug dabei 12 m. Im 10. Jahrhundert war dieser Prozeß der Absenkung zum Stillstand gekommen, und es folgte eine Umkehrung des Vorganges, nämlich langsame Hebung um ca. 6 m. Diese Hebung erreichte ihren Höhepunkt im Jahre 1538 mit der Eruption des Monte Nuovo. Danach folgte wieder eine Absenkungsphase. Für Pozzuoli wurde zwischen 1905 und 1919 eine Absenkung um 175 mm gemessen, von 1919 bis 1955 eine Spanne von 398 mm, das entspricht in letzterem Falle einer jährlichen Senkung von knapp 12 cm. 1970 ? 1972 und 1982 ? 1984 kam es zu sprunghaften Hebungen im Serapeum um fast 3 m.

Das im Untergrund der Phlegräischen Felder noch nicht erstarrte Magma ist auch Entstehungsgrund der zahlreichen Fumarolen und Mofetten. Sie stellen typische Merkmale eines erlöschenden, sog. stummen Vulkans dar. Diese Endphase einer einst eruptiven Tätigkeit wird nach dem größten noch in dieser Weise tätigen Vulkan der Phlegräischen Felder, dem Solfatara-Krater, als Solfatara-Phase bezeichnet. Um typische Mofetten handelt es sich bei den im 18. und 19. Jahrhundert als Touristenattraktion vorgeführten Grotten del Cane (Hundsgrotte) und dell'Ammoniaca (Ammoniakgrotte), beide im Bereich des Agnano-Kraters. Besonders reich an Mofetten war auch jene Küstenzone unmittelbar nach Baiae, die sich auch Mofeta nennt und an deren Ostrand zum Meer hin die noch bis vor wenigen Jahrzehnten begehbaren „Stufe di Nerone“ (Öfen des Nero) liegen. Letztere waren nichts anderes als in den Felsen gehauene Schwitzbäder.

Östlich vom Lukriner See landeinwärts erhebt sich eine sanft kurvige, flachgeschwungene, mit Pinien bestandene Anhöhe (133 m) über einer Basisfläche von ca. 1,5 qkm. An der Stelle dieses Hügels lag einst ein großer Teil des Lukriner Sees und ein 20 m über dem Meer gelegenes Plateau mit einer Ansiedlung namens Tripergola, die seit der Antike als Badeort bekannt war. In direkter Nachbarschaft stand auch die Villa des Cicero, die berühmte „Academia“, sein geliebtes „Cumanum“. Bei dem abgestumpften Kegel handelt es sich um den jüngsten Vulkan der Phlegräischen Felder, den Monte Nuovo. Die seit dem 10. Jahrhundert einsetzende Inversion des Bradiseismos hatte bereits zu Beginn des 16. Jahrhunderts zu einer neuen Landzunge bei Pozzuoli geführt. Schließlich, 1534 und 1538, „hatte eine Reihe von heftigen Erdbeben in Pozzuoli nichts Gutes verheißen. Am 28. September, einem Samstag, ereigneten sich während des Tages 20 Erderschütterungen, einige mehr, andere weniger heftig“ (zeitgenössischer Bericht). Gleichzeitig hob sich in der Gegend des heutigen Monte Nuovo ein über 300 in breiter Küstenstreifen aus dem Wasser. Am Abend des 29. September 1538 war es dann soweit. Nach soviel Vorankündigung brach der Vulkan mit donnerndem Getöse aus. Seinem Schlund entwichen Rauch, Feuer und Gase. Die Nacht zum 30. September sah den feuerspeienden Berg auf seinem Höhepunkt. Als sich am Dienstag, dem 1. Oktober, der Rauch verzogen hatte, stellte sich den erstaunten Blicken ein neuer Berg dar, der sich in nur zwei Tagen gebildet hatte, der Monte Nuovo.

Er bietet ein typisches Beispiel eines Lockermaterialvulkans. Fast alle Vulkane der Phlegräischen Felder gehören diesem Typus an: ohne Lavaausfluß, nur aus pyroklastischem Material aufgebaut. Dieses Lockermaterial der jüngsten phlegräischen Eruptionsphase hat sich noch keineswegs verfestigt und liegt nun vor als graugelbe Schicht aus Bimsstein, vulkanischen Sanden, Aschen, Lapilli, Wurfschlacken und extrusiven Laven. Dieses nicht petrifizierte vulkanische Lockermaterial bildet zermahlen den Grundstoff der im Altertum so berühmten Pozzolanerde. Mit Wasser und Kalk vermischt ergibt diese Pozzolanerde einen Mörtel von einer solchen Festigkeit und gleichzeitigen Elastizität, wie sie selbst moderne Baumaterialien nicht erreichen. Ohne diese Pozzolanerde hätten eine Reihe römischer Großbauten nie entstehen können.

(Rolf Legler: Der Golf von Neapel. Köln: DuMont 1990. S. 38 - 41.)


 
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