Thomas Gransow
Wolf-Ullrich Malm
 

Der Golf von Neapel
 

 Antike Städte am Golf

Pithekoussai
 

Abb. 1
Ischia

Text 1
Morgengrauen der abendländischen Zivilisation

Den antiken Schriftquellen zufolge haben Griechen von der Insel Euböa auf Ischia eine Kolonie gegründet, die sie Pithekusai nannten (wobei der gleiche Name, wie so häufig, auch für die ganze Insel galt). Nach Livius haben sich die euböischen Griechen zuerst auf der Insel niedergelassen und erst später gewagt, von hier aus auf dem gegenüberliegenden Festland die Stadt Cumae (griech. Kyme) zu gründen, von der Strabon, der zur Zeit des Kaisers Augustus lebende Geograph, behauptet, daß sie die älteste griechische Kolonie von ganz Italien und Sizilien sei. Man sollte nun annehmen, daß diese Nachricht schon bald die Neugierde der Archäologen erweckt hätte, zumal die Lage der antiken Siedlung und ihres Gräberfeldes seit langem bekannt war. Schon ein lokaler Arzt aus Lacco Ameno schreibt in seinem im Jahre 1800 erschienenen Büchlein über die Heilbäder von Ischia, daß die alte Griechenstadt in seinem Heimatort, und zwar auf dem in der Nordwestecke der Insel ins Meer vorspringenden Hügel des Monte di Vico gelegen haben müsse: Hier sei der Boden voll von Ziegeltrümmern und alten Topfscherben, und die Bauern fänden in dem zu seinen Füßen gelegenen Tal von S. Montano manchmal heidnische Gräber mit antiken Vasen. Dennoch blieb die Archäologie von Ischia noch lange Zeit völlig unerforscht. Erst der Schreiber dieser Zeilen hat 1952 zum ersten Mal damit begonnen, in der Nekropole von S. Montano Ausgrabungen vorzunehmen, die dann in der Folge systematisch fortgesetzt und auch auf benachbarte Stellen von Lacco Ameno ausgedehnt worden sind.

Um es gleich vorwegzunehmen, die Behauptung des Livius hat sich voll bestätigt: Während die Gründung von Pithekusai auf Grund der archäologischen Zeugnisse um 770 v. Chr. anzusetzen ist, kennt man von Cumae keine Funde, die weiter zurückreichen als bis ungefähr 725 v. Chr.
Eine Frage drängt sich sofort auf: Was hat die Euböer veranlaßt, so früh so weit nach Norden vorzudringen, um sich auf einer kleinen, bergigen Insel niederzulassen, die nicht viel zu bieten hatte? Schon vor Beginn der archäologischen Erforschung von Pithekusai vermutete man, daß nicht etwa Übervölkerung in der Heimat, wie bei späteren Koloniegründungen, sondern der Wunsch, einträgliche Handelsbeziehungen anzuknüpfen und insbesondere die reichen Eisenerzvorkommen der Insel Elba auszuschöpfen, die treibenden Gründe waren, auf Ischia einen vorgeschobenen Stützpunkt anzulegen. Die Funde aus den Gräbern und den Siedlungsschichten haben diese Annahme eindeutig bestätigt.

Schon um 750 v. Chr. hatte die griechische Siedlung ihre größte Ausdehnung erreicht, wie Grabungen und Scherbenstreuung bezeugen. Dieses rasche Aufblühen der Kolonie in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens findet seine Erklärung darin, daß die Euböer als erste die Initiative ergriffen, mit den aufstrebenden Völkern von Etrurien, Latium und Campanien Handel zu treiben. Schon geraume Zeit vorher hatten sie in einer phönizischen Stadt Kleinasiens, dem heutigen Ort Al Mina an der Mündung des Orontes, eine Handelsfaktorei angelegt. Auf diese Weise waren sie in der Lage, den Etruskern und Italikern neben anderen Waren die kostbaren Produkte des hochentwickelten orientalischen Kunstgewerbes anzubieten. Im Tausch offerierten die Etrusker in erster Linie Rohstoffe, vor allem das Eisenerz der Insel Elba, aber auch andere Erze (Silber, Kupfer, Blei, Zinn) aus der Toskana. Die Euböer der griechischen Frühzeit waren bekannt für ihre Fertigkeit im Metallhandwerk, insbesondere waren sie Meister in der Herstellung eiserner Waffen, die damals noch eine Neuigkeit darstellten.

Das Erz wurde auf Ischia ausgeschmolzen und zu Fertigwaren verarbeitet. Auf dem Monte di Vico fanden sich in der Tat nicht nur viele Eisenschlacken, sondern auch ein Stück Eisenerz im Naturzustand, das mit Sicherheit von Elba stammt. Grabungen am nördlichen Hang des benachbarten Hügels von Mezzavia haben ein regelrechtes metallurgisches Industrieviertel aufgedeckt, mit Werkstätten von Eisenschmieden und Bronzegießern, das zwischen 750 und dem Anfang des 7. Jahrhunderts v. Chr. in Betrieb war. Sichere Indizien lassen darauf schließen, daß hier auch Edelmetalle verarbeitet worden sind. Damit wird die Behauptung Strabons verständlich, daß die ersten griechischen Siedler auf Grund ihrer Goldschmiedearbeiten in Wohlstand lebten (und nicht wegen ihrer Goldbergwerke, wie man die Stelle früher fälschlicherweise interpretierte).

Neben der Metallindustrie blühte auf Ischia die Töpferindustrie, zu der der Rohstoff nicht eingeführt werden mußte, sondern auf der Insel selbst in guter Qualität vorhanden war. Der bei der Entstehung der Insel emporgehobene Meeresschlamm, den wir weiter oben erwähnt haben, stellt nämlich einen ausgezeichneten Töpferton dar Soweit sie nicht importiert wurde, ist die hier gefundene frühgriechische Keramik aus diesem lokalen Ton gefertigt und teilweise von den pithekusanischen Töpfern auch im charakteristischen euböischen spätgeometrischen Stil bemalt. [...]

Mit welchen Gebieten Pithekusai Handelsbeziehungen unterhielt, bezeugen die ungewöhnlich zahlreichen importierten Gegenstände, die sich unter den Grabbeigaben finden. Sehr häufig sind knopfförmig geschnittene Siegelsteine, die aus Nordsyrien stammen und die man vor allem Kindern als Amulette um den Hals hängte, sowie Skarabäen, teils original ägyptische Stücke, teils phönizische Nachbildungen. Unter der importierten Keramik ist die in Korinth hergestellte (spätgeometrisch und frühproto-korinthisch) besonders häufig vertreten; aber auch aus anderen Gegenden Griechenlands wurden Vasen importiert, so zum Beispiel aus dem Heimatland Euböa, aus Athen und Rhodos ebenso wie aus Phönizien (dem heutigen Libanon) und Syrien. Aus Italien wiederum fand sich Keramik, die im südlichen Etrurien und Latium, in Apulien und Kalabrien hergestellt worden war.

Durch die Vermittlung von Pithekusai wurden die Etrusker und die Vorfahren der Römer nicht nur zum ersten Mal mit den materiellen Kulturgütern Griechenlands und des Vorderen Orients bekannt, sie lernten auch höherentwickelte technische Fertigkeiten kennen, und sie erlernten vor allem zum ersten Mal die Kunst des Schreibens. Die älteste etruskische und lateinische Schrift ist in der Tat nichts anderes als die archaische griechische Schrift, und zwar in ihrer euböischen Ausprägung.
Aus einem Grab im Tal von S. Montano stammt eines der ältesten überhaupt bekannten griechischen Schriftdenkmäler, drei auf einem Trinkbecher eingeritzte Verse aus der Zeit zwischen 730 und 720 v. Chr. Der erste Vers spielt auf den in der Ilias beschriebenen Becher des Nestor an, während die beiden folgenden Hexameter lauten: „Wer aber aus unserem Becher trinkt, den wird sogleich das Liebesverlangen nach der schönbekränzten Aphrodite ergreifen.“ 
 
 

Abb. 2: Becher des Nestor

Ein witziger Kontrast zwischen dem goldenen Humpen des ehrwürdigen greisen Helden und dem tönernen Becher der liebeslustigen pithekusanischen Zecher! Der Umstand, daß wir hier zum ersten und bisher einzigen Mal ein Bruchstück griechischer Dichtung aus der Zeit Homers in zeitgenössischer Niederschrift vor uns haben, macht diesen Fund besonders bedeutsam.
Diese außergewöhnliche Blütezeit von Pithekusai hat freilich nicht sehr lange gedauert. Schon von etwa 700 v. Chr. ab werden die Gräber weniger zahlreich, das Inventar der Grabbeigaben wird immer eintöniger, die Importe aus dem Orient hören auf, das Industrieviertel am Mezzaviahügel wird allmählich aufgegeben. Gleichzeitig wächst Cumae, dessen Lage auf dem Festland andere Entwicklungsmöglichkeiten bot, zu immer größerer Bedeutung heran, während Pithekusai zu einem von der ursprünglichen Tochtergründung abhängigen Landstädtchen absinkt.

Bei ihrer Stadtgründung hatten die Griechen das Glück, eine Stelle zu wählen, die ent-fernt von den Gebieten junger vulkanischer Tätigkeit liegt. Die Stadt wurde daher bei Ausbrüchen nie in direkte Mitleidenschaft gezogen. Antike Schriftquellen erwähnen immerhin drei oder vier Vulkanausbrüche, die offenbar in die Zeit zwischen der Koloniegründung und das 4. Jahrhundert v. Chr. fallen. Mit welchen Vulkanbauten diese allerdings jeweils zu identifizieren sind, ist bisher nicht mit Sicherheit zu sagen. Einer davon ist jedenfalls der Kratersee des heutigen Hafens von Ischia Porto, unter dessen Lava-schlacken sich Scherben und Dachziegel des 6. und 5. Jahrhunderts v. Chr. fanden.

Als Cumae um 420 v. Chr. von dem italischen Volksstamm der Samniten eingenommen wurde, gelangte die Insel in den Besitz des griechisch gebliebenen Neapolis.

Nach der Eroberung von Neapel durch die Truppen des Sulla im Jahre 82 v. Chr. wurde Ischia römische Staatsdomäne, während Capri weiterhin im Besitz Neapels blieb. Als Augustus auf dem Rückweg von Ägypten nach Rom im Jahre 29 v. Chr. Capri besuchte, gefiel ihm die Insel so gut, daß er sie als kaiserliche Privatdomäne in Besitz nahm und im Tausch dagegen der Stadt Neapel die Insel Ischia zurückgab.

Während das gegenüberliegende Gebiet der Phlegräischen Felder übersät ist mit Ruinen von römischen Villen und monumentalen Anlagen von Thermalbädern, findet sich auf der ganzen Insel Ischia keine einzige nennenswerte Ruine römischer Zeit? und das trotz ihres Reichtums an heißen Quellen, die bei den Römern doch so beliebt waren. Wenig mehr als armselige, mit Dachziegeln abgedeckte Gräber bekunden, daß der Hauptort immer noch in der Gegend von Lacco Ameno, aber nicht mehr auf dem Monte di Vico lag, während da und dort verstreute Scherbenfunde bezeugen, daß die landwirtschaftlich nutzbaren Gebiete der Insel von Bauern besiedelt waren.

Daß Ischia im Gegensatz zu Capri und dem benachbarten Festland von den Römern so vernachlässigt worden ist, mußte so lange rätselhaft erscheinen, bis wir feststellen, daß die Insel gerade in römischer Zeit von zahlreichen vulkanischen Katastrophen heimgesucht worden ist, von denen die lückenhafte schriftliche Überlieferung kaum etwas be-richtet. In die Kaiserzeit fallen, um nur die wichtigsten Ausbrüche zu nennen, die Ent-stehung des Montagnone, der die ganze Nordostecke der Insel mit einer Bimssteinschicht bedeckt hat, und die späteren Phasen des komplexen Vulkanbaus des Monte Rotaro. Dieses vulkanische Risiko erklärt, warum die reiche römische Herrenschicht keine Lust hatte, hier aufwendige Villen und Thermalanlagen zu bauen.

In der Folgezeit teilt Ischia - und natürlich auch Capri - die politischen Schicksale Neapels. Im frühen Mittelalter wird der Hauptort der Insel auf den isolierten, steil ins Meer abstürzenden Lavafelsen an der Nordostecke der Insel verlegt (heute Castello d'Ischia oder Castello Aragonese genannt). Diese exponierte Lage bot den Einwohnern Schutz vor den Raubzügen der nordafrikanischen Seeräuber, der sogenannten Sarazenen. Von einem solchen Überfall im Jahre 812 berichtet Papst Leo III. in einem Brief an Karl den Großen. Damals erschienen die Sarazenen mit vierzig Schiffen, durchzogen mehrere Tage lang plündernd und mordbrennend die Insel und schleppten viele Ein-wohner als Sklaven mit sich. Nicht weniger Grausames wird von einem Überfall im Jahre 845 berichtet. 991 versuchten sie sogar, allerdings vergeblich, das feste Städtchen auf dem Burgfelsen zu erstürmen. Zu dieser Zeit änderte die Insel abermals ihren Namen. Als größte Insel des damaligen Herzogtums Neapel nannte man sie einfach Insula maior oder bloß Insula, die Insel schlechthin, woraus dann Iscia und schließlich Ischia wurde.

(Giorgio Buchner: Ischia. In: Ferdinand Ranft (Hrsg.): Capri - Ischia. dtv Merian Reise-führer. München: dtv 1990. S. 51 - 71; hier: S. 56 - 61.)


 
 
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