Thomas Gransow
Wolf-Ullrich Malm
 

Der Golf von Neapel
 

 Antike Städte am Golf

Misenum

Text 1

Der römische Kriegshafen

Nach dem Sieg über Sextus Pompejus hatte des Augustus' Feldherr und späterer Schwiegersohn Marcus Vipsanius Agrippa den näher zum offenen Meer gelegenen Hafen von Misenum zum Sammelpunkt der römischen Flotte erkoren. Wie treffend des Agrippa Wahl ausgefallen war, wird erst aus der Vogelperspektive erkennbar. Deshalb ist es unbedingt geraten, die Anhöhe des Monte Grillo (145 m) zu gewinnen. Man sieht unter sich zwei ungleich große Kraterseen, miteinander durch eine Landenge verbunden, der äußere zum Meer hin offen. Der hintere Lago di Miseno (Mare Morto) diente als Werft, der vordere (Porto Miseno) als eigentlicher Hafen. Die classis Misenensis erlangte für die Thyrrhenis den Rang, den Ravenna für die Adria besaß. In einem großen Gebäudekomplex an der Punta della Sarparella wird wegen seiner strategischen Lage das Prätorium vermutet. Das wäre demnach der Amtssitz, von wo Plinius d. Ä. aufgebrochen war, um seinen vom Vesuv bedrohten Freunden Hilfe zu bringen. Schon vor Plinius hatte hier eine große Persönlichkeit ihren ständigen Wohnsitz, eine der größten Frauen der römischen Antike: Cornelia, die Tochter von Scipio Africanus und Mutter der beiden Gracchen Tiberius und Caius. Die althergebrachte Rolle der Haushüterin genügte dieser selbstbewußten gebildeten Frau nicht. Von Misenum aus konnte sie ungestört Briefwechsel mit bedeutenden Persönlichkeiten ihrer Zeit pflegen, die Nähe der griechischen Welt genießen und ihren Söhnen eine aufgeklärte, am Griechenturn ausgerichtete Erziehung zukommen lassen. Ihrem Beispiel, Wohnsitz auf Cap Misenum zu nehmen, folgten u. a. C. Marius, Lucullus und Marc Anton.

(Rolf Legler: Der Golf von Neapel. Köln: DuMont 1990. S. 44.)
 
 

Text 2
Piscina Mirabilis

Diese größte Zisterne des Römischen Reiches ist das interessanteste Denkmal der Phlegräischen Felder. Der Behälter sollte die Flotte mit Süßwasser versorgen. Er ist über 70 m lang und ca. 30 m breit. Das Wasser hat man aus den immerhin 68 km entfernten Monti Irpini bei Avellino herangeführt. Die Wasserleitung versorgte nicht nur Misenum, sondern das gesamte Gebiet von Neapel. Zwei Treppen führen in das Innere und überraschen den Besucher mit einer phantastischen Architektur: Zwölf Reihen von je vier kreuzförmigen Pfeilern, die durch Bögen untereinander verbunden sind, tragen das Tonnengewölbe. Das Innere ist mit Signinum verkleidet, einer Mischung aus Kalk, Pozzulanerde und Backsteinsplittern. An der Westwand hat sich der Zufluß befunden. Man vermutet, daß auf dem Dach Schöpfräder montiert waren, um Wasser zu entnehmen. Das mittlere Querschiff war das Klärbecken. Sein Niveau ist etwas tiefer und leicht geneigt. An seinem unteren Ende befand sich eine Abflußöffnung. Das Becken dürfte 12 000 m³ Wasser gefaßt haben.

(Ehrenfried Kluckert: Neapel - Kampanien. München: Artemis & Winkler 1993. S. 144 - 146.)
 
 

Text 3
Aqua Augusta

Im Mittelpunkt des Romans „Pomeji“ von Richard Harris steht die „Aqua Augusta“, jener Aquädukt, der in römischer Zeit die Städte am Golf von Neapel mit Wasser versorgt hat. Auch im Sommer des Jahres 79 n. Chr. kommen die Reichen und Schönen wieder aus Rom nach Pompeji, Stadt der Ausschweifung und der Intrigen. Doch dann bebt die Erde, und der mächtige Aquädukt Aqua Augusta, der das Wasser von den Hängen des Vesuvs zu den Küstenstädten führt, versiegt. Attilius, aus Rom entsandter neuer Wasserbau-meister, soll den Schaden beheben. Die Zeit drängt, denn Wasser bedeutet nicht nur Leben, sondern für den skrupellosen Geschäftsmann Ampliatus vor allem Geld und Macht. Ausgerechnet dessen Tochter Corelia kommt einer Verschwörung auf die Spur und bittet Attilius um Hilfe. Während die beiden fieberhaft dunkle Machenschaften aufdecken, sendet die Natur weitere Vorboten drohender Gefahr.

Das Hauptquartier der kaiserlichen Westflotte war ein Triumph des Menschen über die Natur, denn eigentlich hätte es hier überhaupt keine Stadt geben dürfen. Es gab keinen Fluss, der sie mit Wasser versorgen könnte, und nur wenige Brunnen oder Quellen. Dennoch hatte der Göttliche Augustus entschieden, dass das Reich einen Hafen brauchte, von dem aus das Mittelmeer kontrolliert werden konnte, und hier war sie, die Verkörperung römischer Macht: die silbrig glitzernden Scheiben des inneren und des äußeren Hafens, die goldenen Rammsporne und die fächerförmigen Hecks von fünfzig Kampfschiffen im gleißenden Licht der Spätnachmittagssonne, der staubige braune Exerzierplatz des Ausbildungslagers, die roten Ziegeldächer und die weiß gekalkten Mauern der zivilen Stadt oberhalb des Mastenwalds der Werft.

Zehntausend Seesoldaten und weitere zehntausend Zivilisten lebten eng zusammengepfercht auf einem schmalen Streifen Land ohne nennenswerte Wasservorkommen. Erst der Aquädukt hatte Misenum möglich gemacht. [...]

[D]ie Augusta war ein wahrlich grandioses Bauwerk - eine der größten Leistungen der Wasserbaukunst, die es je gegeben hatte. [...] Irgendwo da draußen, an der gegenüberliegenden Seite des Golfs, hoch oben in den Kiefernwäldern auf den Bergen des Apennin, fing der Aquädukt die Quellen des Serinus ein und beförderte das Wasser westwärts - in gewundenen unterirdischen Leitungen, auf mehrgeschossigen Bogenarkaden über Schluchten, in breiten Kanälen durch Täler -, die ganze Strecke bis hinunter in die Ebenen von Campania, dann um die andere Seite des Vesuv herum, nach Süden zur Küste bei Neapolis und schließlich auf dem Rücken der Halbinsel Misenum zu der staubigen Hafenstadt, eine Entfernung von rund sechzig Meilen, mit einem ganz leichten Gefälle von nur etwa fünf Fingerbreit auf hundert Ellen. Sie war der längste Aquädukt der Welt, noch länger als die großen Aquädukte Roms, und viel komplizierter, denn während ihre Schwestern im Norden nur eine Stadt speisten, versorgte der gewundene Hauptstrang der Augusta, die so genannte Matrix, nicht weniger als neun Orte am Golf von Neapolis: zuerst Pompeji am Ende einer langen Abzweigung, dann Nola, Acerrae, Atella, Neapolis, Puteoli, Cumae, Baiae und schließlich Misenum. [...]

Der Endpunkt der Aqua Augusta war ein riesiges unterirdisches Reservoir, ein paar hundert Schritte südlich der Villa Hortensia, in den Abhang oberhalb des Hafens hineingehauen und seit Menschengedenken Piscina mirabilis - Becken der Wunder - genannt.

Von außen betrachtet war nichts Wundervolles an der Piscina, und die meisten Bewohner von Misenum gingen daran vorbei, ohne einen zweiten Blick auf sie zu werfen. Sie sahen nur ein niedriges Gebäude aus roten Ziegelsteinen mit einem flachen Dach, von blassgrünem Efeu überrankt, einen Häuserblock lang und einen halben breit, umgeben von Werkstätten und Speichern, Schenken und Wohngebäuden, versteckt in den staubigen Nebenstraßen oberhalb des Kriegshafens.

Erst nachts, wenn die Geräusche von der Straße und die Rufe der Händler verstummt waren, war das leise, unterirdische Donnern fallenden Wassers zu hören, und nur wer das Gelände betrat, die schmale Holztür aufschloss und ein paar Stufen in die eigentliche Piscina hinabstieg, konnte das Reservoir in seiner vollen Pracht würdigen. Die gewölbte Decke ruhte auf achtundvierzig Pfeilern, jeder mehr als fünfzig Fuß hoch - wenn auch der größte Teil von ihnen unter Wasser lag -, und das Echo des einströmenden Wasser war so laut, dass es einem durch Mark und Bein ging.

Der Wasserbaumeister konnte stundenlang hier stehen, lauschend und in Gedanken versunken. Für ihn war der Widerhall der Aqua Augusta kein dumpfes, stetiges Dröhnen, sondern das Spiel einer riesigen Wasserorgel, die Musik der Zivilisation. Im Dach der Piscina gab es Luftschächte, und nachmittags, wenn die schäumende Gischt ins Sonnenlicht emporschoss und zwischen den Pfeilern Regenbogen tanzten ?oder abends, wenn er für die Nacht abschloss und das Licht seiner Fackel auf der glatten schwarzen Oberfläche aussah wie Gold auf Ebenholz -, in solchen Momenten hatte er das Gefühl, sich überhaupt nicht in einem Reservoir zu befinden, sondern in einem Tempel, geweiht dem einzigen Gott, an den zu glauben sich lohnte.

(Robert Harris: Pompeji: Roman. München: Heyne 2005. S. 18, 25, 32f.)


 
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