Thomas Gransow
Wolf-Ullrich Malm
 

Der Golf von Neapel
 

 Antike Städte am Golf

Kyme - Cumae

Abb. 1
Übersichtsplan der Ausgrabungsstätte



 
 

1 Sibyllengrotte  -  2 Cripta Romana  -  3 Apollon-Tempel  -  4 Jupiter-Tempel
(Ehrenfried Kluckert: Neapel - Kampanien. München: Artemis & Winkler 1993. S. 141.)
 
 

Text 1
Der Beginn der griechischen Westkolonisation

Nach etwa einer Generation von Siedlern hatten sich die Pithekoussaner so in ihre neue italische Heimat eingelebt, daß sie daran gehen konnten, Filialen zu gründen. Auf dem Festland, praktisch noch im Blickfeld der Neuischitaner, lag eine ähnliche topographische Situation vor wie am Monte Vico, ein ins Meer hinausragender Felsvorsprung, groß genug, um darauf zu siedeln. Doch dieser Burgberg war im Gegensatz zum Monte Vico bereits bewohnt von Angehörigen der sog. „Fossa-Kultur“, in deren Gräbern Keramik der etruskisch-Iazischen „Villanova?Kultur“, illyrische Produkte und auch Importware aus Attika und Euböa gefunden wurden.

Hier konnte man also nicht einfach dazwischen siedeln, hier mußte mit Gewalt das Gebiet angeeignet werden. Es entstand die neue Form der Kolonie, mit einem militanten Führer aus der Adelsschicht der hippobotai von Chalkis. Die Kolonisten nannten ihre neue Stadt Kyme.

Mit Kyrne beginnt das Kapitel der griechischen Westkolonisation. Der Grund für diese Auswanderung dürfte der Lelantinische Krieg gewesen sein, der auf Euböa zwischen Chalkis und Eritrea ausgebrochen war. Pithekoussai konnte die täglich sich mehrenden Flüchtlinge aus der Heimat nicht ernähren. Von Kyme bis Capua erstreckte sich aber eine der fruchtbarsten Ebenen des italischen Stiefels. Die militärische Landnahme und die Organisation dieser strategischen Siedlungsform bedurften anderer gesellschaftlicher Strukturen als die Handelsniederlassung Pithekoussai. Synchron zur griechischen Kolonie entstand in Etrurien die befestigte Stadt als Gegenstück zur Polis. Ein neues Kapitel der Kulturgeschichte Italiens hatte mit der Gründung von Kyrne eingesetzt.

Ähnlich wie an anderen Stellen der Phlegräischen Felder fällt es dem heutigen Besucher schwer, sich die ursprüngliche Topographie vor Augen zu führen. Der Burgberg, die Akropolis von Kyme, hatte aber, wie Luftaufnahmen deutlich machen, dieselben Vorzüge wie der Monte Vico. Die salzigen Wasser der ursprünglich viel ausgedehnteren Lagu-nenseen, Lago di Fusaro im Süden und Lago di Licola im Norden, umspülten tatsächlich den Fuß der Akropolis. Ersterer hieß bei den Römern noch Acherusia Palus (Sumpf des Unterweltflusses Acheron).

Die Euböer wurden von Seefahrern und Händlern zu Ackerbauern. Die fruchtbare kampanische Ebene hatte auch in diesem Falle den Eindringling gewandelt zum seßhaften Besteller des Landes. Die Kymäer hatten offensichtlich auch sofort damit begonnen, um den Burgberg herum durch ein System von Gräben und Kanälen (fossa graeca) die Sümpfe zu regulieren und zu entwässern. Die kulturellen Konsequenzen dieses ersten Seßhaftwerdens griechischer Kolonisten auf dem Festland können gar nicht überschätzt werden.

Noch in den homerischen Gesängen wird, wenn von italischen Gestaden die Rede ist, das Bild unterentwickelter Urweltlichkeit gezeichnet: Gigantomachie, Hexen (Circe), Zauberwesen (Sirenen), Menschenfresser (Poliphem), finstere Urmenschen (Kymmerer) usw. Die einheimische Bevölkerung erschien ihnen ungebildet und rückständig, ihre Sprache unverständlich, kurz: Barbaren. Der Same, der in Pithekoussai gelegt wurde, ging in Kyme zur vollsten Blüte auf. Von Kyme aus wurden am Stretto zur Kontrolle der Schifffahrtsverbindungen mit der Heimat die Kolonien von Messina (Zankle) und Reggio (Reghion) gegründet. Pithekoussai verfiel. Unter den Neuankömmlingen befanden sich Angehörige eines Stammes der Graioi oder Graikoi. Weil die Kymäer die ersten Griechen waren, mit denen die benachbarten Latiner engen Kontakt hatten, nannten sie alle anderen Hellenen nach ihnen Graeci, also Griechen. Der kulturelle Einfluß, Götterwelt, Tempelbau, Bestattungformen, Sprache, Kunst usw., nahm von Kyme aus seinen ra-schen Siegeszug, so daß später noch, als die Römer alle Griechenstädte längst ihrem Reich einverleibt hatten, eben diese sagen konnten: Graecia captaferum victorem coepit (das eroberte Griechenland besiegt den wilden Sieger).

Aus der frühesten Siedlungszeit von Kyme können wir nur wenig Konkretes rekonstruieren. Wiederum sind es Grabfunde, genauer die Nekropole von Licola (3 km nördlich der Akropolis), die uns von der Gegenwart von Menschen und ihren sozialen Verhältnissen Kunde geben. Eine Reihe von Gräbern, besonders das Grab 104, dieser Frühzeit von Kyrne belegt ganz deutlich die Existenz einer aristokratischen Oberschicht, es handelt sich dabei um den in Pithekoussai bislang vermißten Prototyp des Heroen- oder Fürstengrabes. An der Lagune von Licola lag auch der älteste Tempel der Göttermutter Hera in Kyme. Der älteste Tempel auf dem Burgberg war Apollo, dem Kultur- und Kolonisationsgott schlechthin, geweiht. Von hier aus ging alle Verehrung dieses Gottes bei Etruskern und Latinern aus. Zur eigentlichen Hauptstadt der Campania, Capua, bestanden engste Beziehungen. Doch da diese Inlandstadt bald unter etruskischen Einfluß geriet, waren Spannungen vorgezeichnet.
Urteilt man nach den Grabbeigaben, so hat Kyme seine größte Blütezeit im 6. Jahrhundert v. Chr. erlebt. Zur Griechenstadt gehörten weite Teile der fruchtbaren Ebene zwischen der Mündung des Liternus und Aversa. Auch das Anbaugebiet der berühmten Weine vom Berg Gaurus gehörte den Kymäern.

Solch fruchtbarer Besitz gebiert Neider. Eine Allianz aus Tyrrhenern, Umbriern und Daumern versuchte 524 v. Chr., den strategisch günstigen Ankerplatz mit seinem fruchtbaren Umland mit Waffengewalt an sich zu bringen. Die schon erwähnten Gräben zur Regulierung der Sumpfwasser erwiesen sich dabei für den zahlenmäßig überlegenen Gegner als verhängnisvolles Hindernis. Hinzu kam, daß die Kymäer gerade damals in den Reihen ihrer Aristokratie einen genialen Feldherrn besaßen: Aristodemos. Dieser drängte anschließend die Etrusker bis nach Latium zurück. Vielleicht durch seinen militärischen Erfolg verführt, schwang sich dieser Retter des Vaterlandes alsbald zum Tyrannen von Kyme auf. Auf seine Initiative hin entstand wahrscheinlich die Neubebauung der Akropolis mit den beiden spätarchaischen Tempeln zu Ehren der Hauptgötter der Kymäer, Zeus und Apollo. Deren Basen sind die ältesten archäologisch gesicherten Baureste von Kyme. Obwohl Aristodemos ständig im Krieg mit den Etruskern stand, verbanden ihn enge politische Beziehungen mit Tarquinius Superbus, dem letzten etruskischen König von Rom, der nach seiner Vertreibung (508 v. Chr.) im Jahr darauf in Kyme als Exilant starb. Dabei machte Tarquinius seinen politischen Freund Aristodemos zum Erben seiner königlichen Ansprüche auf Rom. Doch Kyme wurde nicht zum Erben Roms, vielmehr wurde letzteres in vielerlei Hinsicht zum Erben Kymes. Durch die Entmachtung der Etrusker in Kampanien und im südlichen Latium ermöglichte Kyme sowohl den Aufstieg Roms als auch das Vordringen der Samniten in die kampanische Ebene. Nach der Absetzung des Aristodemos erwies sich die zurückgebliebene, nun wieder demokratische Polis nicht mehr als widerstandsfähig genug, um den Gang der Entwicklung noch maßgeblich zu beeinflussen. Als die Etrusker letztmals versuchten, mit ihrer Flotte verlorenes Terrain im Süden zurückzugewinnen, waren die Kymäer aus eigener Kraft zur Verteidigung ihrer Interessen nicht mehr fähig. Sie baten das mächtige Syrakus um Beistand. Der Seesieg Kymes 474 v. Chr. über die Etrusker war eigentlich ein Sieg Hierons I., der für ca. vier Jahre allein über den Golf von Neapel verfügte.

Der Abzug der Syrakusaner brachte die Athener auf den Plan. Doch inzwischen hatten sich im Hinterland die verschiedenen Stämme der Samniten zu einer Art Nation zusammengeschlossen und zunächst Capua (424) und von dort aus drei Jahre später Kyme erobert. Das nun samnitische Kyme bedeutete aber nicht sofort den Untergang der griechischen Kultur. Zwar wurde die neue Sprache das Oskische, aber nun setzte die eigentliche Hellenisierung der Samniten ein, wie z. B. der Grabtholos der oskischen Familie der Heii aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. beweist. Bereits im folgenden Jahrhundert im Rahmen der Samnitenkriege war Kyme als „civitas sine suffragio“ (334) römisch geworden und hieß von nun ab „Cumae“. Politisch und wirtschaftlich war Cumae so unbedeutend geworden, daß es mit Capua zusammengelegt wurde zur praefectura Capuam Cumana. 180 v. Chr. schließlich baten die Cumaner aus Angst vor der entstehenden Konkurrenz von Pozzuoli den Senat von Rom, das Lateinische als offizielle Sprache einführen zu dürfen. Die folgende Geschichte Cumaes bis zur endgültigen Zerstörung Anfang 13. Jahrhunderts ist zu belanglos, als daß sie wiedergegeben zu werden verdiente.

(Rolf Legler: Der Golf von Neapel. Köln: DuMont 1990. S. 38 - 41.)
 
 

Text 2
Die cumaeische Sibylle 

Als bei den Ausgrabungen zwischen 1925 und 1930 eine hohe künstliche Grotte unter dem Burgberg freigelegt wurde (sog. Grotta romana), war das für die Ausgräber selbstverständlich die Grotte der Sibylle. 1932 jedoch wurde ein anderer 131,5 in langer, ca. 5 m hoher und 2,4 m breiter Gang mit archaisch anmutendem trapezoidalem Querschnitt entdeckt. Für Amedeo Maiuri war dies nun unzweifelhaft die Grotte der Sibylle. Wer bzw. was aber war diese Sibylle?

Sibylle ist Name einer sagenhaften Frau, die in Marpessos bei Troja lebte; sie weihte sich dem Dienste des Apollon, der ihr die Gabe der Weissagung verlieh. Sie soll ihre Orakel in Rätselform ausgedrückt und sie auf Blättern niedergeschrieben haben. Aufgrund des Ruhmes, den sie erwarb, wurde ihr Name bald zur Gattungsbezeichnung, und viele Orte rühmten sich einer Sibylle. Am berühmtesten waren die Sibyllen von Erythrai, Libyen und Cumae in Kampanien. Ihre Wahrsagungen fanden sich auf Schriftrollen aufgezeichnet im Tempel deponiert. 

Der Sibylle von Cumae, Deïphobe, versprach einmal Apollon alles, was sie wollte, wenn sie seine Geliebte würde. Sie willigte ein und verlangte so viele Lebensjahre, wie ein Kehrichthaufen Staubkörner enthielt; die Zahl belief sich auf tausend. Leider hatte sie nicht zugleich auch um ewige Jugend gebeten; und da sie ApolIon trotzdem verschmäht hatte, hörte sie nicht auf, zu altern. Schließlich war sie so alt, daß sie, völlig eingeschrumpft, in einer von der Höhlendecke herabhängenden Flasche hockte, und wenn ihre Kinder sie nach ihren Wünschen fragten, sagte sie nur: „Ich will sterben.“

Ob aber jemals in vorhellenischer oder noch in archaischer Zeit überhaupt ein Kult der Sibylle in Cumae existierte, gilt als nicht gesichert. Für das 7. Jahrhundert v. Chr. ist inschriftlich nur ein Hera-Orakel bezeugt: Hera als Göttin der Fruchtbarkeit und des Todes.

Aristodemos ließ im 6. Jahrhundert v. Chr. die Akropolis mit neuen Tempeln verschönern, dabei den Apollotempel über einem älteren errichten. Zur selben Zeit erwirbt Tarquinius Superbus für seine Stadt Rom die Sibyllinischen Bücher von Cumae. Sie präsentierte dem letzten römischen König neun Bücher mit rätselartigen Prophetien und forderte einen hohen Preis dafür. Er lachte sie aus und schickte sie weg; da verbrannte sie drei der Bücher und bot ihm die restlichen sechs für dieselbe Summe. Als er erneut ablehnte, verbrannte sie wieder drei und bot ihm die letzten drei noch einmal zum ursprünglichen Preis an. Diesmal beriet sich Tarquinius mit einem Priesterkollegium, den Auguren, die den Verlust der sechs Bücher beklagten und zum Kauf der noch übrigen drei rieten. Im nachfolgenden Jahrhundert, genauer 433 v. Chr., erbauten die nun republikanischen Römer dem Apollo einen ersten Tempel. Zu diesem Zeitpunkt waren die Sibyllinischen Weissagungen bereits verschmolzen mit dem Orakel des Apollo. Den Römern selbst waren die Weistümer der cumaeischen Sibylle inzwischen so wichtig geworden, daß sie bei allen bedeutenden Staatsangelegenheiten in den Sibyllinischen Schriften nachlasen. Diese waren übrigens in Griechisch verfaßt. Als im Jahre 83 v. Chr. der Kapitolstempel, wohin inzwischen die Schriften gewandert waren, niederbrannte und damit auch die Bücher der Sibylle, war das für die Römer eine 
 

Abb. 2: Die cumäische Sibylle
Michelangelo: Deckenfresko in der Sixtinischen Kapelle, Rom

Nach dem Seesieg von Actium ließ Augustus auf dem Palatin einen eigenen Apollotempel errichten, um Rom über die anderen Apollo-Verehrungen von Actium und Cumae mit dem Beschützer von Äneas und Troja in einer Bedeutungskette zu verbinden. Die neuen Sibyllinischen Bücher wurden ebenfalls im Apollotempel auf dem Palatin deponiert. Gleichzeitig dazu ließ Augustus durch seinen Hausdichter Vergil den römischen Staatsmythos in Verse fassen.

Dort erfahren wir im 6. Buch, daß Äneas, der trojanische Ahnherr Roms, erstmals in Cumae italischen Boden betrat, und zwar in der festgefaßten Absicht, sich bei der Sibylle die Erfüllung seines Schicksals zu erfragen. Auf dem Weg zur Zukunftswissenden bleibt er vor den bronzenen Tempeltüren stehen. Diese schildern kretische Mythen und stammen von Daidalos. In Cumae erfüllt sich also das Schicksal des mythischen Romgründers. Hier erfährt er vom unmittelbar bevorstehenden Ende seiner Irrfahrten. Vergil beschreibt Aeneas' Abstieg zur Unterwelt in Begleitung der Cumäischen Sibylle, die ihm zu dem glückbringenden Goldenen Zweig verholfen hatte, mit dem er sich das Hadesreich öffnete; er fand den Zweig in den Wäldern am Averner See. 

Natürlich hat Vergil hier aus älteren Überlieferungen einen neuen Mythos gestrickt, um die ewige Mission Roms als Kulturbringer zu formulieren und zu begründen. Augustus, durch den Mund Vergils, versteht sich als Vollender der zivilisatorischen Rolle Kretas und der ionischen Griechen am Golf von Neapel. Interessant ist dabei die Einschätzung der Rolle der Kreter und Griechen, die durch die Symbolfigur des Daidalos, des Ingenieurs, klar als technai, als Vermittler von Kulturtechniken, gekennzeichnet ist. Pithekoussai hatte ja, inzwischen erwiesenermaßen, diese Rolle gespielt. Eng war also das Band, das Rom und Cumae zusammenhielt.

(Zusammengestellt nach: Michael Grant, John Hazel: Lexikon der antiken Mythen und Gestalten. München: dtv 1980. S. 371f. - Rolf Legler: Der Golf von Neapel. Köln: DuMont 1990. S. 41 - 43.)


 
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