Thomas Gransow
Wolf-Ullrich Malm
 

Der Golf von Neapel
 

 Antike Städte am Golf

Baiae

Text 1

Villeggiatura am Golf

Bei der Nennung einiger Villen von Misenum sind wir bei einem neuen und besonderen Kapitel der römischen Zivilisation angelangt, dem der „villeggiatura“, dem Begriffspaar otium und negotium (Muße und Geschäft). Die engen kulturellen Bande, die das älteste Rom mit der ersten und ihr zugleich am nächsten gelegenen Griechenstadt Cumae vereinte, waren nie abgerissen oder in Vergessenheit geraten, im Gegenteil, gerade bei zwei der ältesten und einflußreichsten Adelsgeschlechter Roms, den Aemiliern und den Corneliern, genauer bei deren wichtigsten Zweigen, den Paulinern und den Scipionen, war von jeher die Graecophilie zu Hause. Den Anfang machte Scipio Africanus d. Ä. (Sieger von Zama, 202 v. Chr.). Er zog sich gegen Ende seines Lebens auf sein Landgut Liternum, ganz am nördlichen Rand der Phlegräischen Felder, zurück. Sieben Jahre nach dessen Tode suchte sein jüngerer Bruder Cornelius Scipio Heilung bei den aquae cumanae, d. h. bei den Thermalquellen von Baiae. Ganz in der Nähe, in Misenum, hatte ja des Africanus' Tochter Cornelia bereits ein Landgut. Aemilius Paulus, der Sieger von Pydna, folgte dem Beispiel mit seiner Villa bei Elea (heute Velia), der alten Philosophenstadt.

Gegen Ende der Republik, ganz besonders in der 1. Hälfte des letzten vorchristlichen Jahrhunderts, waren Kampanien und der Golf von Pozzuoll zum beliebtesten Residenzort einflußreicher Politiker aber auch erlauchter Geister geworden. Die Tyrannis Caesars hat bewährten Personen der Republik wie Quintus Hortensius, M. Terentius Varro, Pollio Felix, Lucullus, Servilius Vatio oder Cicero wenig Spielraum zur Verwirklichung in öffentlichen Ämtern gelassen, so hatten sie sich von der Politik hierher zurückgezogen; aber auch große Feldherrn und Consuln waren der Mode gefolgt, so z. B. Marius, Sulla, Pompejus und Caesar selbst. In Baiae oder Umgebung eine Villa zu besitzen, war längst zur Prestigefrage, zur mondänen Pflicht geworden. Die Crème de la Crème von Rom tummelte sich Garten an Garten am Golf von Pozzuoli. Wen wundert’s, daß kein Landstrich und keine Stadt des gesamten Imperiums für die Spätzeit der Republik bis zur ersten Kaiserzeit literarisch und quellenmäßig so lückenlos dokumentiert sind wie dieser gesegnete Landstrich.

Um die Namensliste derer, die ganz oder zeitweise in Baiae oder Umgebung bis zur frühen Kaiserzeit gelebt haben, einigermaßen zu vervollständigen, seien noch angeführt: Cocceius Anctus, Vergil, Celsus, Petronius, Seneca, S. Orata, Martial auf Seiten der Kulturschaffenden und Augustus, Agrippa, Tiberius, Caligula Claudius, Agrippina und Nero auf Seiten der Herrschenden. Später sind zu nennen Plotin, Galen, Apollonius von Tiana (in Ciceros „Cumanum“, seiner Academia), Domitian, Hadrian, Septimus Severus, Alexander Severus, Marc Aurel, Antoninus Pius usw.

Um in den Besitz von deren Landgütern zu kommen, hatte Nero zunächst seine Mutter Agrippina (letzte Frau von Claudius) und dann seine Tante Domizia Lepida umbringen lassen. Er wollte alle Güter zusammenfassen zu einem Palatium, wie er es auf dem Palatin unternommen hatte. Die Hauptgruppe der Thermen wollte er gar mit einem ein-zigen Dach überdecken lassen. Um Rom besser erreichen zu können, hatte er in seinen letzten Regierungsjahren einen Kanal von Pozzuoli zum Tiber ernsthaft in Angriff nehmen lassen.

Doch lange vor diesem, dem Caesarenwahn verfallenen Kaiser hatten geistreichere Wahl-Phlegräer für ein neues Kapitel römischer Lebensformen gesorgt. Hochgebildet, geistig nach wie vor rege und vor allem materiell begütert, hatten Persönlichkeiten wie Cicero, M. Terentius Varro, Servilius Vatio, Lucullus oder Pollio Felix einen neuen Lebensstil kreiert, der in der Villa, dem schmucken Landhaus mit Gärten, Teichen, Fischzucht usw. seine neue Form fand. Gerade die Fischteiche wurden eines der beliebtesten Steckenpferde der zum Nichtstun Verdammten. Das Rezitieren von literarischen Werken vor geladenen Gästen wurde als neue Attraktion eingeführt. Diese Art von Müßiggang (otium) war Beschäftigungstherapie, und Cicero meinte, was er denn sonst machen sollte (quid aliud?). Von Servilius Vatio sagten die Nachbarn, er allein wisse zu leben (tu scis vivere). Für Seneca war die Villa des Africanus geradezu ein Pflegeheim zur Heilung von Sitte und Moral.

Der ganze Golf war so zugepflastert mit Villen, daß dem Geographen Strabon die Küste von Misenum bis Pozzuoll wie eine einzige Stadt erschien. Selbst zu Petrarcas Zeiten war noch soviel erhalten, daß er Baiae als gigantische luxuriöse Vorstadt (suburbia) von Rom erkennen konnte. Zerstörung von Menschenhand, Erosion, Erdbeben, Vulkanismus und Bradiseismos haben nicht sehr viel übriggelassen für die staunende Nachwelt. Gegen den prunkenden Reichtum der Bauten am Golf von Pozzuoli muß das, was der Vesuv in Pompeji und Herkulaneum bewahrt hat, bloßer Flitterkram, richtiggehend provinziell gewesen sein.

Was jedoch stehen geblieben ist, z. B. die drei Kuppelbauten in Baiae, oder was die Archäologie zu Lande oder zu Wasser sicherstellen konnte, weist auf eine zweite Bedeutung der phlegräischen Bauten und Skulpturen: eine kunsthistorische. Die hochkultivierte und unvorstellbar reiche Auftraggeberschicht brachte es mit sich, daß für derartige Aufgaben nur die allerbesten Architekten, Ingenieure, Bildhauer, Mosaizisten, Ma-ler und Stukkateure gut genug waren. Für Nero waren seine im Domus aurea in Rom tätigen Architekten beauftragt mit der Planung des großen Kanals. Für einige gefundene Mosaiken mit Fischmotiven kommen nur Spezialisten aus Ägypten in Frage. Der Bronzegießer, der für Domitian die in Misenum gefundene Reiterstatue geschaffen hatte, stand dem Gießer der Statue des Marc Aurel in nichts nach. Insgesamt darf von Werkstätten ausgegangen werden, die vor Ort arbeiteten und darauf spezialisiert waren, die Mode der römischen Reichen, nämlich Abgüsse von bekannten griechischen Originalen herzustellen, nach Wunsch auszuführen. Doch - wegen einer Besonderheit der phlegräischen Erde - nehmen einheimische Archäologen mit einiger Berechtigung an, daß bei den kaiserlichen Villen Techniken und Formen ausprobiert wurden, die in Rom noch gar nicht bekannt oder möglich waren. Die Einrichtung großer Gärten hatte im übervölkerten und engen Rom keine Tradition, sie folgte vielmehr hellenistischen Vorstellungen von para-deisoi und dürfte in der Campania ältere Wurzeln haben. Eine Gartenanlage über Terrassen von ganzen Gebäudekomplexen am Hang hieß bei den Römern ausdrücklich more Baiano (nach Art von Baiae)! Und schließlich besaßen die phlegräischen Felder den flexibelsten, härtesten und widerstandsfähigsten Baustoff, die Pozzolanerde, ein Mörtel, der sogar unter Wasser abband, so daß man riesige Kaimauern und Pilonen weit ins Wasser hinaus bauen konnte, rechte Inseln im Meer. Überdies konnte man mit diesem Baustoff Kuppeln in einer Größenordnung und Spannweite formen, wie sie im republikanischen Rom nicht bekannt war.

(Rolf Legler: Der Golf von Neapel. Köln: DuMont 1990. S. 45 - 48.)
 
 

Text 2
»Was für eine Verschwendung von Ackerland.« 

Decius Caecilius Metellus, ein junger römischer Patrizier mit detektivischen Neigungen,  hat eine neue Aufgabe: Soeben zum Praetor Peregrinus gewählt, ist er nunmehr für alle Gerichtsfälle zuständig, in die Nicht-Römer verwickelt sind - und das in ganz Italien. Als die Pflicht ihn nach Kampanien an den Fuß des Vesuvs ruft, zaudert er nicht lange. In Begleitung von seiner Frau Julia, einer Nichte Caesars, und Hermes, seines - freigelassenen - Sklaven, lässt sich Decius in der Luxusvilla eines Verwandten nieder, genießt die Annehmlichkeiten seines neuen Postens und macht die Bekanntschaft der vornehmen Gesellschaft von Baiae. Decius' süße Routine wird gestört, als man die Tochter eines griechischen Priesters erdrosselt auffindet. Der Verdacht fällt sofort auf den Sohn eines reichen numidischen Sklavenhändlers, denn der hatte vergeblich um die Gunst der schönen jungen Frau geworben. Doch es stellt sich heraus, dass die Ermordete alles andere als eine Unschuld vom Lande war und ihr Vater keineswegs nur der harmlose Apollopriester ist, als der er sich ausgibt. Unterdessen wollen die Schönen und Reichen den Sohn des Sklavenhändlers so schnell wie möglich verurteilt sehen und zeigen sich wenig geneigt, Decius bei seinen Ermittlungen zu unterstützen. Als auch der Sklavenhändler selber tot aufgefunden wird, ist zumindest eines klar: Die prächtigen Villen und Gärten am Gölf von Neapolis können ebenso lebensgefährlich sein wie die engen Straßen Roms ...

Ich glaube, ich kann vorbehaltlos behaupten, dass Baiae der schönste Ort Italias ist. Seine Lage an der Sinus Baienus, einer wunderschönen kleinen Meeresbucht, ist unübertrefflich: Bis Cumae sind es etwa acht Meilen, und bis zu meinem neuen und, wie ich hoffte, bald ständigen Wohnsitz war es auch nicht viel weiter. Als Cumae noch unabhängig war, hatte Baiae der Stadt als Hafen gedient. Die herrliche Umgebung, das gesunde Klima und die heißen Quellen hatten schon seit Jahrhunderten angesehene und reiche Männer veranlasst, dort ihre Landhäuser zu errichten, und in den heißen Sommermonaten verwandelte sich Baiae alle Jahre wieder in den beliebtesten Badeort der Römer.

Gleichzeitig stand das Städtchen aber auch in dem Ruf, eine Stätte des Luxus und des Lasters zu sein, und das war es natürlich, was auf mich den größten Reiz ausübte. Seit der Zerstörung Sybaris' stand Baiae bei allen Wüstlingen, Lüstlingen und Genusssüchtigen unangefochten an der Spitze. Das ausschweifende Leben pulsiert dort Tag und Nacht, und das ist nur durch ein Wunderwerk möglich, das in Rom gänzlich unbekannt ist: eine funktionierende Straßenbeleuchtung. In Baiae sorgt eine Schar unermüdlicher Staatssklaven dafür, dass die Leuchten und Fackeln während der dunklen Stunden nie erlöschen. Als Cato das hell erleuchtete nächtliche Baiae zum ersten Mal sah, soll er empört ausgerufen haben: „Nachts haben die Menschen gefälligst zu schlafen!“

Man kann sich kaum eine Stadt vorstellen, die sich stärker von Rom unterscheidet. In Baiae sind alle Straßen breit, abschüssige oder ansteigende Wege gibt es nicht. Damit die Bewohner Baiaes nicht zu sehr von der sengenden Sonne geplagt werden, sind Straßen und Plätze mit Sonnensegeln aus kostbarstem Material überspannt. Die Straßen selbst sind mit gefärbten Steinplatten gepflastert, die von einer weiteren Sklavenschar sauber gehalten werden. Die Straßenränder sind mit Pflanzenkübeln und riesigen aus Tuff gemeißelten Vasen gesäumt, in denen schillernde Blumen und wohlriechende Sträucher gedeihen, sodass immer ein süßlicher Duft in der Luft liegt, egal aus welcher Richtung der Wind gerade kommt. Vor den zahllosen großzügigen Portiken wachsen herrliche Bäume, und über die Stadt verteilt gibt es unzählige kleine Parks und Gärten, in deren Bäumen Vogelkäfige mit exotischen Singvögeln hängen. Und für den Fall, dass man des Vogelgezwitschers überdrüssig werden sollte, gibt es in jedem Park Musikanten und Sänger, die ebenfalls von der Stadt bezahlt werden.

Geradezu legendär sind die festlichen Gelage auf dem Wasser. An den Anlegeplätzen der Bucht ankern in endloser Reihe die Vergnügungsschiffe: von kleinen, für vier oder fünf berauschte Zecher geeigneten Gondeln bis hin zu überdachten Barkassen, auf denen mehrere hundert Gäste Platz finden. Zu herausragenden Anlässen werden etliche von diesen Schiffen in der Mitte der Bucht miteinander verbunden, damit die freien Bürger der Stadt an Bord gehen und gemeinsam feiern können, wobei es natürlich niemals an Sklaven fehlt, die die illustre Gesellschaft verwöhnen und unterhalten.

Anders als in Rom gibt es in Baiae so gut wie keinen mittellosen Pöbel. Der größte Teil der ansässigen Bevölkerung gehört dem Stand der Equites an, und selbst die Ladenbesitzer bringen es in Baiae auf ein Vermögen, das nur unwesentlich unter dem vorgeschriebenen Mindestvermögen der Equites liegt. Die in Baiae lebenden Sklaven werden von allen anderen in Italia lebenden Sklaven beneidet. Selbst die Straßenkehrer leben in Behausungen, die deutlich nobler sind als die Mietskasernen, in denen etliche der freien, aber armen Bürger Roms ihr Dasein fristen.

Catos abschließender Kommentar über Baiae war bezeichnend: „Was für eine Verschwendung von Ackerland.“ Das allein war mir Anreiz genug, mich sofort in den Ort zu verlieben.

(John Maddox Roberts: Mord am Vesuv. Ein Krimi aus dem alten Rom. München: Goldmann 2001. S. 35 - 38.)
 
 

Text 3
Das Nymphäum des Kaisers 

Es braucht ein bißchen Phantasie, wenn man heute auf den immer noch schönen, doch durch manche Bausünde verschandelten Golf von Pozzuoli blickt und sich vorzustellen versucht, wie es hier wohl zu Zeiten der römischen Kaiser zuging. Die Ruinen des Kaiserpalastes von Baia, der in heißen Sommern ebenso wie in kühlen Wintern den Cäsaren als Residenz diente und auch pusilla Roma, Klein-Rom, genannt wurde, staffeln sich am Hang des zur Hälfte ins Meer abgestürzten Kraterrandes empor. Hier, im vulkanischen Gebiet der Phlegräischen Felder, wo im Altertum warme Heilquellen sprudelten, die nun als Fumarolen im Meer austreten, hebt und senkt sich die Küstenzone im sogenannten Bradysismus, dem langsamen Erdbeben. Bei einem solchen geologisch noch nicht völlig geklärten Vorgang sank um 300 nach Christus der an der Küste liegende Teil des Palastes sieben Meter unter den Meeresspiegel ab. Unterwasserausgrabungen im Auftrag der Archäologischen Soprintendenz von Neapel, die in Zusammenarbeit mit der Universität Marburg durch das Centro di Studi Subacquei vorgenommen wurden, legten 1981/82 im Zentrum des versunkenen Kaiserpalastes den großen, mit Marmorstatuen und Wasserspielen ausgestatteten Sommerspeisesaal des Kaisers Claudius (41 bis 54 nach Christus) frei.

Der 18 Meter lange, 9,50 Meter breite „Apsidensaal“ hatte die Form einer Grotte, in die man vom Meer aus auf einem drei Meter breiten, zwei Meter tiefen Kanal hineinfahren konnte. In dem Augenblick, da die von Rom mit dem Schiff gekommenen Gäste auf einem Floß oder Kahn durch die Küstenbebauung hindurch bis unmittelbar unter den heute ins Meer abfallenden Steilhang der Punta dell'Epitaffio gelangt waren und nun durch einen niedrigen Bogen in den Saal hineinfuhren, bot sich ihnen ein phantastisches Bild.

Der Stichkanal wirkte wie ein Becken, um das im Karree ein Speisesofa mit weichen Pfühlen und Marmorlehnen an den Enden aufgebaut war. An den Wänden entlang führte ein ein Meter breites Becken, so daß das Ruhebett ganz von Wasser umspült wurde. Ringsum standen große Marmorbilder; kühlende Fontänen flossen ins Becken. Gewaltig baute sich die Figurengruppe in der Apsis des Saales auf. Die Halbrundnische wurde mit künstlichem Grottenwerk verkleidet und wirkte wie eine Höhle. In ihr hielt der Polyphem, der einäugige Riese des homerischen Epos, Odysseus und seine Gefährten gefangen. Der Riese lehnte auf einem Felsensitz und hielt einen leblosen Gefährten des Odysseus am Handgelenk, um ihn zu fressen. Die plumpe Rechte streckte er aus, um den Becher zu ergreifen, den Odysseus ihm reichte. Rechts trug ein Gefährte den halbleeren Weinschlauch über dem aufgestützten Knie. Man glaubte das Zwiegespräch mitzuerleben, in dem Odysseus sich als „Niemand“ benennt und erst dadurch seinem Rettungsplan über die Blendung des Riesen hinaus zum Erfolg verhalf. Zu Füßen dieser Gruppe ruhte der Kaiser mit seiner Frau Messalina auf einem kostbaren Lager und empfing die Gäste, die nicht umhin konnten, an die Verse des Horaz zu denken: „Auch, was Mut und Klugheit vermögen, hat uns der Dichter beispielhaft vor Augen gestellt im Helden Odysseus.“

Doch Claudius wollte ihnen noch mehr zeigen. Denn in den vier Nischen der linken Wand ließ er in lebensgroßen Marmorbildern seine Eltern und seine Großmutter Livia sowie deren zweiten Gatten, den Dynastiegründer Augustus, aufstellen. Livias Sohn aus erster Ehe, Drusus, hatte die Nichte des Augustus, Antonia minor, geheiratet und dadurch julisches Blut in die Familie des Claudius gebracht. Deshalb ließ Claudius seine Mutter Antonia als Stammutter Venus und seine beiden Kinder Octavia und Britannicus, die, von zwei Dionysosstatuen gerahmt, in den Nischen der rechten Wand standen, als kleine Aphrodite und als Eros darstellen. Diese Statuen sollten seine göttliche Abstammung und die Zukunft der Dynastie vor Augen führen, während Claudius selbst sich mit dem vorbildlichen Helden Odysseus identifiziert sehen wollte, wie Seneca überliefert.

Angesichts dieser Marmorpracht, die sich mit den Wandmosaiken und der Tropfsteinverkleidung des Gewölbes im Wasser spiegelten und von der reflektierenden Wasseroberfläche geheimnisvoll beleuchtet wurden, wartete auf die Gäste ein Mahl von besonderer Raffinesse. Der Speisetisch war der Wasserspiegel, auf dem Saucen und leichte Gerichte in Terrakottaschiffchen umherfuhren, während Diener in Kähnen die schweren Speisen auf den Beckenrand vor die Gäste stellten. In dem ringsumlaufenden Süßwasserbecken unter den Nischen waren lebende Austern an Schnüren aufgereiht, die man als Vorspeise schlürfen konnte, und die Amphoren aus Gallien, Ägypten, Kleinasien und anderen Provinzen verraten, daß man sich den besten Wein aus dem ganzen Reich kommen ließ. Es gab gebratene Eber, Hammel und Geflügel, wovon die Knochen am Beckenboden zeugen. Mit Hilfe einer sinnreich an diesem Boden verankerten Bohlenwand, die man wie bei einem Blasebalg heben und senken konnte, wurde der Wasseraustausch bewerkstelligt.

Der unbeschreibliche Luxus und die Schönheit der marmornen Bildwerke übertreffen die kühnsten Phantasien der modernen Filmindustrie, die uns Claudius, Kaiser und Gott, nahezubringen versuchte.

(Bernd Andreae: Des Kaisers feine Grotte. In: Merian 36. Jg. (1983) H. 9. S. 92.)


 

Abb. 1
Ein Souvenir aus der Spätantike

Abbildung der Küste von Baiae auf einer Gravierung auf einer Glasflasche aus der Spätantike, 
wahrscheinlich ein Souvenir dieser Zeit
In: Stefano De Caro: I Campi Flegrei, Ischia, Vivara. Storia e Archeologia. 
Napoli: Electa 2002. S. 42.

 
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