Thomas Gransow
Wolf-Ullrich Malm
 

Neapel und die Halbinsel von Sorrent
 

 Capri
 

Deutsche Inselbesucher


Text 1
Das Café „Zum Kater Hiddigeigei“ 
(Heute: Palazzo Ferraro, Via Vittorio Emanuele 27/29)

Zwischen 1870 und 1929 war das zentral gelegene Café „Zum Kater Hiddigeigei“ der beliebteste Treffpunkt der ausländischen Inselbesucher. Unter den Gästen waren zahlreiche Schriftsteller [...] wie Maxim Gorki, Joseph Conrad, Compton Mackenzie, Oskar Loerke, D. H. Lawrence und Walter Benjamin. „Ich verbringe hier regelmäßig am Nachmittag einige Stunden im Café“, schrieb der Literaturkritiker und Philosoph Benjamin im Juni 1924 an seinen Freund Gershom Scholem und stellte fest: „Mit der Zeit lerne ich in dem Scheffel-Café Hiddigeigei (an dem außer dem Namen nichts unangenehm ist) einen um den anderen kennen.“

Den eigentümlichen Namen erhielt das Lokal 1873. Er stammt aus einem deutschen Bestseller des späten 19. Jahrhunderts: Der Kater Hiddigeigei war damals eine den deutschen Lesern bekannte Figur aus Victor Scheffels Versepos „Der Trompeter von Säckingen“. Dieser besonders für italienische Zungen fast unaussprechliche Name stellte ein Zugeständnis an die zahlreichen deutschen Gäste dar, die - im Capri-Fieber - den damals noch nicht geadelten Landsmann Scheffel und sein 1853 auf der Insel beendetes Buch geradezu inbrünstig verehrten.
 

Begründet hatte das im Stil eines bayerischen Wirtshauses eingerichtete Lokal Ende der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts das capresische Ehepaar Lucia und Giuseppe Morgano. Daß sich die Deutschen in ihrem „Hiddigeigei“ so ausgesprochen wohl fühlten, lag vor allem daran, daß sich die beiden darauf verstanden, es den Gästen mit ihren deutschen Wünschen an nichts fehlen zu lassen. Denn bei den Morganos konnte man nicht nur preiswert essen und trinken. Sie boten in ihrem in das Lokal integrierten Anglo?American Store auch deutsche Zeitungen und Bücher an, verkauften Souvenirs und Kolonialwaren und schenkten sogar Münchner Bier vom Faß aus. Lucias völkerverbindende Wortschöpfungen gingen in die Lokalgeschichte ein: „Sono molto schlaffosa“, soll sie immer schmunzelnd gesagt haben, wenn sie abends müde war. Im Lauf der Zeit wurde Donna Lucia zur Fürsprecherin der Künstler: Sie streckte Malern in Geldnot Wechsel vor oder akzeptierte ein Porträt von sich oder ihrem Mann als Währung für die zu zahlende Zeche. [...]

Im Dachgeschoß des Palazzo Ferraro befand sich damals eine kleine, einfach eingerichtete Wohnung mit herrlichem Meerblick, die die geschäftstüchtigen Morganos vorübergehend an Reisende vermieteten. Zu Gast war hier auch der englische Schriftsteller D. H. Lawrence (1885 - 1930). Er und seine deutsche Frau Frieda von Richthofen mieteten die Wohnung Ende Dezember 1919 für zwei Monate [...]. „Immerhin, hier sind wir nun, hoch oben in diesem alten Palast mit zwei Zimmern und drei Balkonen und darüber einer Küche und einem riesigen flachen Dach in einem der schönsten Orte der Welt: im Norden Ischia, Neapel und der leise rauchende Vesuv, im Westen das weite Meer, gegenüber der große Felsklotz unsres Monte Solaro, und im Süden Felsen und der Golf von Salerno. Unter uns all das wilde, winzige Gewirr des Städtchens Capri - es ist etwa so groß wie Eastwood von der Kirche zur Princess Street -, oh, noch kleiner, sehr kompakt und klein. Unten ist die Piazza, der kleine Hauptplatz, auf dem das ganze Inselleben pulsiert - jenseits der kleinen Straßenschlucht über dem Ende des Balkons erhebt sich die drollige, weißgetünchte Kathedrale“, schreibt er in einem Brief vom 9. Januar 1920.

(Stefanie Sonnentag: Spaziergänge durch das literarische Capri und Neapel. Zürich: Arche 2003. S. 11 - 14.)
 
 

Text 2
Victor Scheffel
Lieder des Katers Hiddigeigei

                  II.
Wenn im Tal und auf den Bergen
Mitternächtig heult der Sturm,
Klettert über First und Schornstein
Hiddigeigei auf zum Turm. 

Einem Geist gleich steht er oben,
Schöner, als er jemals war.
Feuer sprühen seine Augen,
Feuer sein gesträubtes Haar. 

Und er singt in wilden Weisen,
Singt ein altes Katerschlachtlied,
Das wie fern Gewitterrollen
Durch die sturmdurchbrauste Nacht zieht. 

Nimmer hören ihn die Menschen,
Jeder schläft in seinem Haus,
Aber tief im Kellerloche
Hört erblassend ihn die Maus. 

Und sie kennt des Alten Stimme,
Und sie zittert, und sie weiß:
Fürchterlich in seinem Grimme
Ist der Katerheldengreis. 

 
                 VIII.
In den Stürmen der Versuchung
Hab' ich lang schon Ruh' gefunden,
Doch dem Tugenhaftsten selber
Kommen unbewachte Stunden! 

Heißer als in heißer Jugend
Überschleicht der alte Traum mich,
Und beflügelt schwingt des Katers
Sehnen über Zeit und Raum sich. 

O Neapel, Land der Wonne,
Unversiegter Nektarbecher!
Nach Sorrent möcht' ich mich schwingen,
Nach Sorrent, aufs Dach der Dächer. 

Der Vesuvius grüßt, es grüßt vom
Dunkeln Meer das weiße Segel,
Im Olivenwald ertönt ein
Süß Konzert der Frühlingsvögel. 

Zu der Loggia schleicht Carmela,
Sie, die schönste aller Katzen,
Und sie streichelt mir den Schnauzbart,
Und sie drückt mir leis die Tatzen, 

Und sie schaut mich an süß schmachtend –
Aber horch, es tönt ein Knurren.
Ist's vom Golf der Wellen Rauschen?
Ist es des Vesuvius Murren? 

's ist nicht des Vesuvius Murren,
Der hält jetzo Feierstunde,
– In dem Hof, Verderben sinnend,
Bellt der schlechtste aller Hunde. 

Bellt der schechtste aller Hunde,
Bellt Krakehlo, der Verräter,
Und mein Katertraum zerrinnet
Luftig in den blauen Äther.
 
 

Text 3
Hotel Pagano 
(Heute: Hotel La Palma, Via Vittorio Emanuele 27/29)

In diesem Hotel mit der Palme im Vorgarten, dem laut Paul Heyse „meist gemalten Baum Italiens“, begann im frühen 19. Jahrhundert die moderne Kulturgeschichte von Capri: Hier logierten seit 1826 zahlreiche Künstler und Schriftsteller. Angezogen von der Blauen Grotte, malten und beschrieben sie die Insel und machten dadurch Werbung für das Reiseziel Capri.

Für die Allgemeinheit entdeckt hatte die Blaue Grotte [...] August Kopisch (1799 - 1853), ein abenteuerlustiger Maler aus Breslau, der sich seinen langjährigen Italien-aufenthalt als Reiseführer in Neapel finanzierte. Angelockt von Kopischs Empfehlungen, kamen immer häufiger Reisende der Grotte wegen nach Capri. Eine bescheidene Unterkunft fanden sie in den ersten Jahren im Haus des Notars Giuseppe Pagano, der bald anbauen mußte und zum ersten Hotelier der Insel wurde.

1827 nahm August von Platen-Hallermünde (1796 - 1835) bei Don Giuseppe Quartier. „Die Bequemlichkeiten des Lebens entbehre ich keineswegs, und in dem Hause des Notars der Insel, Giuseppe Pagano, bin ich ziemlich gut aufgehoben“, notierte der mit Kopisch befreundete Dichter und ließ sich zu den Versen „Die Fischer auf Capri“ inspirieren. Dieses Gedicht, das damals bei vielen Deutschen eine erste Capri?Sehnsucht auslöste, sollte jahrzehntelang die Vorstellung der Insel prägen.

„In Capri sah ich die Kopischsche blaue Grotte und die Platenschen Fischer von Capri, wie man denn überhaupt aus Jugenderinnerungen und ganz speziell aus dem Rauschen des deutschen Dichterwaldes an dieser gesegneten Erdenstelle gar nicht herauskommt“, schrieb beispielsweise Theodor Fontane (1819 - 1898) im November 1874 in sein Reisetagebuch und spielte auf die zahlreichen Autoren an, die sich seit Kopisch von der Insel hatten begeistern lassen. Auf seiner klassischen Bildungsreise durch Italien hatte der Schriftsteller, unterwegs mit seiner Frau Emilie Rouanet-Kummer, die Blaue Grotte besucht - für ihn obligatorisch. Danach hatte er bei Pagano „sehr gut gefrühstückt in dem Zimmer, wo die Maler Türen, Wände, etc. auf's Reizendste bemalt, allerhand Teller und Tassen an den Wänden, mit Black gezeichnet“ hatten. Er erinnert sich auch an den Genuß des Weins: „Schönen Capri getrunken.“ [...]

Die Gästebücher des Hotels verraten, wer sonst noch bei Pagano wohnte: Alexandre Dumas war um 1835 zu Gast, ebenso Hans Christian Andersen, der sich von Capri und der Blauen Grotte zu seinem 1835 erschienenen Roman „Der Improvisator“ anregen ließ. In dem beliebten Hotel logierte [...] der Kulturhistoriker Victor Hehn (1813 - 1890), der im Sommer 1839 nur eine Nacht auf Capri verbrachte. Hehn erfreute sich besonders am „Garten des Gasthauses, der ganz aus bedeckten Weingängen und Feigenbäumen besteht. Unter dem Büschel einer Palme stand ich, an ihren Stamm gelehnt, von ihrem Schatten bedeckt und glaubte mich im Morgenlande“.
 

1853 wohnten nacheinander gleich drei deutsche Autoren bei Pagano, die mit ihren Texten das Capri-Fieber der Deutschen anfachten: Paul Heyse, Victor Scheffel und Ferdinand Gregorovius. Vor allem Paul Heyse (1830 - 1914), damals gerade 23 Jahre alt, war so begeistert von der Insel, daß er im Lauf seines Lebens mehrmals wiederkam und zwei Capri-Novellen schrieb, darunter „Hochzeit auf Capri“. [...] Als Heyse im Frühsommer 1853 dem Rechtspraktikanten Victor Scheffel (1826 - 1886) in Pa-ganos Hotel begegnete, stand dieser „noch am Scheidewege zwischen der Malerei, die seine erste Liebe gewesen war, und der Poesie. Doch hatte sich während der einsamen Monate, die er auf dem Eiland der Sirenen verbrachte, die Schale stark auf die Seite der letzteren gesenkt“. Scheffel hatte in den Wochen auf Capri das Versepos „Der Trompeter von Säckingen“ vollendet. Wie wohl er sich hier fühlte, zeigt ein Brief an seine Schwester Marie: „Wenn irgend ein Mensch überhaupt glücklich sein kann, so ist dies zur Zeit Dein Bruder, der Doctor Josephus. Dem Gräberfrieden Roms und dem Lärm Neapels glücklich entronnen, sitze ich mutterseelenallein auf einer Felsklippe im mittelländischen Meer, bin der einzige Vertreter der deutschen Zunge und Bildung bei den griechisch-sarazenischeu Insulanern, bewohne allein ein großes Hotel, verspeise alle Arten Fische, Seekrebse, Muscheln, hole mir Orangen im Garten, so viel ich will, lasse mich von der großen Palme vor dem Fenster in Traum rauschen, fahre in schwanker Barke auf dem großen Meer, dem Boden der besten und wietsten Gedanken, zeichne und male die zackigen Felsen und Meeresgestade oder sitze wie eine Katze auf dem flachen türkischen Dach des Hauses und singe meine Lieder.“ [...] Paganos Hoteldach, auf dem Scheffel laut Heyse „unbarmherzig dichtend“ auf und ab geschritten war, avancierte in den kommenden Jahrzehnten zu einer Capreser Sehenswürdigkeit. [...] 

Ende Juli 1853 wohnte hier für einen Monat Ferdinand Gregorovius (1821 - 1891). Der Italienhistoriker, der später durch seine monumentale „Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter“ bekannt wurde, porträtierte erstmals mit seinem Text „Capri, eine Einsiedelei“ (1856) die Insel samt einer kurz umrissenen Inselgeschichte. Begeistert war Gregorovius von der „Fülle zaubervoller Einsamkeit“ auf Capri. Als er die Locanda des Don Michele betrat - mittlerweile führte Giuseppe Paganos Sohn das Hotel -, glaubte er „in die stillste Einsiedelei einzukehren, in eine Herberge mit Stab und Muschelhut“.

Das Hotel Pagano wurde im 19. Jahrhundert vorwiegend von deutschen Reisenden besucht. „Kopf an Kopf standen und saßen unsere Landsleute in den Gesellschaftszimmern herum und erfüllten das Haus mit jener Lebendigkeit, die an deutsche Ausflugsorte erinnert“, beschrieb der Dramatiker Gerhart Hauptmann (1862 - 1946) die Atmosphäre bei Pagano im Jahr 1882, bei seinem ersten Besuch auf der Insel. Hauptmann, der sich »von den Bewohnern Capris sogleich angezogen« fühlte, kam mehrmals wieder. 

(Stefanie Sonnentag: Spaziergänge durch das literarische Capri und Neapel. Zürich: Arche 2003. S. 14 - 18. - Photo aus: Humbert Kesel: Capri. Biographie einer Insel. Capri: La Conchiglia o. J. S. 229.)
 

Text 4
August von Platen
Die Fischer auf Capri
(1827)

Hast du Capri gesehn und des felsenumgürteten Eilands
Schroffes Gestad als Pilger besucht, dann weißt du, wie selten
Dorten ein Landungsplatz für nahende Schiffe zu spähn ist:
Nur zwei Stellen erscheinen bequem. Manch mächtiges Fahrzeug
Mag der geräumige Hafen empfahn, der gegen Neapels
Lieblichen Golf hindeutet und gegen Salerns Meerbusen.
Aber die andere Stelle - sie nennen den kleineren Strand sie -
Kehrt sich gegen das ödere Meer, in die wogende Wildnis,
Wo kein Ufer du siehst, als das, auf welchem du selbst stehst.
Nur ein geringeres Boot mag hier anlanden, es liegen
Felsige Trümmer umher, und es braust die beständige Brandung.
Auf dem erhöhteren Felsen erscheint ein zerfallenes Vorwerk,
Mit Schießscharten versehn; sei's, daß hier immer ein Wachtturm
Ragte, den offenen Strand vor Algiers Flagge zu hüten,
Die von dem Eiland oft Jungfrauen und Jünglinge wegstahl;
Sei's, daß gegen den Stolz Englands und erfahrene Seekunst
Erst in der jüngeren Zeit es erbaut der Napoleonide,
Dem Parthenope sonst ausspannte die Pferde des Wagens,
Ihn dann aber verjagte, verriet, ja tötete, seit er
Ans treulose Gestad durch schmeichelnde Briefe gelockt ward.
Steigst du herab in den sandigen Kies, so gewahrst du ein Felsstück
Niedrig und platt in die Wogen hinaus Trotz bieten der Brandung;
Dort anlehnt sich mit rundlichem Dach die bescheidene Wohnung
Dürftiger Fischer, es ist die entlegenste Hütte der Insel,
Bloß durch riesige Steine geschützt vor stürmischem Andrang,
Der oft über den Sand wegspült und die Schwelle benetzt ihr.
Kaum hegt, irgend umher, einfachere Menschen die Erde;
Ja kaum hegt sie sie noch, es ernährt sie die schäumende Woge.
Nicht die Gefilde der Insel bewohnt dies arme Geschlecht, nie
Pflückt es des Ölbaums Frucht, nie schlummert es unter dem Palmbaum:
Nur die verwilderte Myrte noch blüht und der wuchernde Kaktus
Aus unwirtlichem Stein, nur wenige Blumen und Meergras;
Eher verwandt ist hier dem gewaltigen Schaumelemente
Als der beackerten Scholle der Mensch und dem üppigen Saatfeld.
Gleiches Geschäft erbt stets von dem heutigen Tage der nächste:
Immer das Netz auswerfen, es einziehn; wieder es trocknen
Über dem sonnigen Kies, dann wieder es werfen und einziehn.
Hier hat frühe der Knabe versucht in der Welle zu plätschern,
Frühe das Steuer zu drehen gelernt und die Ruder zu schlagen,
Hat als Kind mutwillig gestreichelt den rollenden Delphin,
Der, durch Töne gelockt, an die Barke heran sich wälzte.
Mög' euch Segen verleihen ein Gott, samt jeglichem Tagwerk,
Friedliche Menschen, so nah der Natur und dem Spiegel des Weltalls!
Möge, da größeren Wunsch euch nie die Begierde gelispelt,
Möge der Thunfisch oft, euch Beute zu sein, und der Schwertfisch
Hier anschwimmen! Es liebt sie der Esser im reichen Neapel. 

Glückliche Fischer! wie auch Kriegsstürme verwandelt den Erdkreis,
Freie zu Sklaven gestempelt und Reiche zu Dürftigen, ihr nur
Saht hier Spanier, saht hier Briten und Gallier herrschen,
Ruhig und fern dem Getöse der Welt, an den Grenzen der Menschheit,
Zwischen dem schroffen Geklüft und des Meers anschwellender Salzflut.
Lebet! Es lebten wie ihr des Geschlechts urälteste Väter,
Seit dies Eiland einst vom Sitz der Sirene sich losriß,
Oder die Tochter Augusts hier süße Verbrechen beweinte.
 

Text 5
Hotel Excelsior Parco
(Via Provinciale Marina Grande 179)

Capri war bis in die dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts vorwiegend ein Reiseziel für Künstler, Schriftsteller, Intellektuelle und Bildungsreisende. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg kamen vor allem deutsche Touristen in Scharen. Ausgelöst hatte die Capri-Sehnsucht Gerhard Winkler (1906 - 1977) mit seinem Lied „Die Caprifischer“, das er bereits 1943 komponiert hatte, ohne die Insel zu kennen. Wo bei Capri die rote Sonne wirklich im Meer versinkt, sah der deutsche Komponist erst zehn Jahre später. Zusammen mit seiner Frau Traudl bereiste er im Sommer 1953 zum erstenmal Italien und landete Mitte Juni für zwei Tage hier im Hotel „Excelsior Parco“, einem repräsentativen Jugendstilgebäude mit Stuckverzierungen. Zu dieser Zeit war Gerhard Winkler in Deutschland bereits ein renommierter Komponist: Die zweite Aufnahme des Liedes „Die Caprifischer“ von 1947 mit Rudi Schuricke hatte vier Jahre an der Spitze der GEMA-Hitliste gestanden und war unbestritten der erfolgreichste Schlager der Nachkriegszeit. Ebenfalls aus Winklers musikalischer Feder stammt der Evergreen „O mia bella Napoli“ aus dem Jahr 1937, den er ebenfalls geschrieben hatte, ohne die Stadt zu kennen. Im Gegensatz zu den „Caprifischern“ ist dieses Lied auch in Italien zu einem Hit geworden.

(Stefanie Sonnentag: Spaziergänge durch das literarische Capri und Neapel. Zürich: Arche 2003. S. 80.)
 

Text 6
Gerhard Winkler
Die Caprifischer
(1943 / 1947)

Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt 
und vom Himmel die bleiche Sichel des Mondes blinkt, 
zieh'n die Fischer mit ihren Booten auf’s Meer hinaus, 
und sie werfen im weiten Bogen die Netze aus. 
Nur die Sterne, sie zeigen ihnen am Firmament 
ihren Weg mit den Bildern, die jeder Fischer kennt, 
und von Boot zu Boot das alte Lied erklingt, 
hör von fern, wie es singt: 

Bella, bella, bella, bella Marie , bleib' mir treu, 
ich komm' zurück morgen früh. 
Bella, bella, bella, bella Marie, vergiß' mich nie. 

Sieh den Lichterschein, draußen auf dem Meer, 
ruhelos und klein, was kann das sein? 
Was irrt da spät nachts umher? 
Weißt du, was da fährt, was die Flut durchquert? 
Ungezählte Fischer, deren Lied von fern man hört. 

Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt 
und vom Himmel die bleiche Sichel des Mondes blinkt, 
zieh'n die Fischer mit ihren Booten auf’s Meer hinaus, 
und sie werfen im weiten Bogen die Netze aus. 
Nur die Sterne, sie zeigen ihnen am Firmament 
ihren Weg mit den Bildern, die jeder Fischer kennt, 
und von Boot zu Boot das alte Lied erklingt, 
hör von fern, wie es singt: 

Bella, bella, bella, bella Marie, bleib' mir treu , 
ich komm' zurück morgen früh. 
Bella, bella, bella, bella Marie , vergiß' mich nie. 


 
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