Thomas Gransow
Wolf-Ullrich Malm
 

Neapel und die Halbinsel von Sorrent
 

 Capri
 

Geschichte und Mythos
 
 

Abb. 1
Capri - Orientierungsplan


(Ehrenfried Kluckert: Neapel - Kampanien. München: Artemis & Winkler 1993. S. 184.)
 
 

Text 1
Der Mythos

Vor der Geschichte steht immer der Mythos. Er erhält seine endgültige Gestalt erst in geschichtlicher Zeit, sogar erst dann, wenn die Kultur eine Überreife erreicht hat, so wie der alternde Mensch, zurückblickend in die Jahre seiner Kindheit, zwischen Dichtung und Wahrheit die Anfänge seines Werdens sucht. Und dann sind Dichtung und Wahrheit oft schwer zu scheiden.

Gerade bei den Griechen ist das schwierig. Ihnen ging jedes Gefühl für Geschichtstreue ab, und sie waren im Erdenken und in der Lokalisierung von Mythen ohne Hemmungen, mußte doch jede griechische Polis ihren Ktistes, ihren mythischen Gründer, haben. Von Historie und Wahrheit unbelastet, übertrieben die Griechen auch geschichtliche Ereignisse, Land- und Seeschlachten, und fälschten sie zum Ruhme ihres Stadtstaates. Allerdings darf man nun nicht gleich den ganzen Heroen- und Gründermythos als Phantasie oder Erfindung abtun. Nach vorsichtiger Sichtung der künstlichen Genealogien und alexandrinischer Spitzfindigkeiten scheint doch wenigstens ein Teil historischen Hinter-grund zu haben, uraltes Geschehen, das die Stämme der Griechen einmal bewegt hat, auch wenn es nur im Unterbewußtsein erhalten blieb.

So steht auch vor den Zeugnissen über die älteste Geschichte der Insel Capri ein Mythos: die Beherrschung durch die Teleboer. Ihm schließt sich die noch nebelhaftere und ganz vereinzelt überlieferte Kunde von einem König Capreus an, während ein dritter Mythos [...] den Sirenen Capri als Wohnsitz [zuweist].

(Humbert Kesel: Capri. Biographie einer Insel. Capri: La Conchiglia o. J. S. 26f.)
 
 

Text 2
Ziegen- oder Eberinsel?

Die Insel wurde im Altertum von den Griechen meist „Kapréai“ oder „Kapríai“ genannt, also in der Mehrzahl. Vereinzelt finden sich auch Singularformen wie „Kapríe“, „Kapría“ oder „Kapréa“. [Wahrscheinlich] stellt „Kapríe“ die älteste Namensform dar. Sie stammt aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. Die Überlieferung der übrigen Namensformen beginnt erst kurz vor der Zeitwende.

Auch die Römer nannten die Insel in der Mehrzahl „Capreae“. Bei dem antiken Geographen Mela finden wir den Namen in der Einzahl, doch das mag ein Versehen des Abschreibers sein. Auch der Name „Capraria“ taucht auf, was unweigerlich auf einer Verwechslung mit dem Namen der heutigen Insel Capraia beruht. In der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts liest man schon die Form „Capri“, so in der zweiten Rezension des Julius Honorius und in einem Brief Gregors des Großen. [...] Von den antiken Inschriften nennt keine den Namen der Insel. Eine einzige griechische bringt den Namen der Bewohner „Kapriétes“. [...] Auch von den römischen Inschriften trägt eine einzige den Namen der Inselbewohner „Caprenses“. [...]

Nur zwei ernsthafte Deutungen bleiben übrig. Entweder der Name stammt aus der lateinisch-italischen Sprache, lateinisch „caper“ beziehungsweise weiblich „capra“, um-brisch „kaprum“, und bedeutet Ziegeninsel, oder aus dem Griechischen „kapros“, wonach die Insel nach dem Eber Eberinsel genannt worden wäre. [...] Griechische Örtlichkeiten wurden vielfach von „kapros“ abgeleitet. Die ersten griechischen Bewohner können Capri nach den Wildschweinen genannt haben, die sie zahlreich auf der Insel vorfanden, oder auch nach der eberartigen Gestalt der Insel mit dem charakteristischen Bergrücken des Monte Solaro. „Kosmos“ heißt ebergestaltig.

Die Ableitung von „caper“, „capra“ oder „kaprum“ ist weniger einleuchtend im Falle Capris, obwohl es in Italien natürlich viele Örtlichkeiten gibt, die nach der Ziege benannt sind. Aber selbst wenn man annähme, daß die lateinische oder umbrische Form die ursprüngliche ist, dann hätten die Griechen den Namen der Insel nie mit Eberinsel übersetzt, sondern mit einem aus „aix“ (Ziege) gebildeten Namen, so wie das auf Capraria zutrifft, die von den Griechen ganz richtig „Aigylon“ genannt wurde. [...] [A]m wahrscheinlichsten ist die Erklärung aus dem Griechischen. Die plurale Namensform, die viele auf die Gliederung der Insel in zwei Hälften oder auf die von Strabon bezeugten zwei Städte der Insel zurückführen wollen, hat kaum etwas damit zu tun. Sie ist kennzeichnend für die Namensbildung vieler Ortschaften am Golfe von Neapel: Cumae, Baiae, Pithekussae, Puteoli, Acerrae, Pompeii, Stabiae und eben Capreae, alle zeigen diese Pluralform.

(Humbert Kesel: Capri. Biographie einer Insel. Capri: La Conchiglia o. J. S. 43 - 45.)
 
 

Text 3
Die Geschichte

Nach einer nur schwer nachvollziehbaren Frühgeschichte (Grotta delle Felci, griechische Besiedlung) tritt das Eiland zum ersten Mal ins Rampenlicht der Geschichte, als im Jahre 29 v. Chr. eine der größten Persönlichkeiten eben dieser Weltgeschichte, der junge Octavian, auf der Rückkehr von einer militärischen Operation im östlichen Mittelmeer beim Vorbeifahren Capris gewahr wurde, sich in die Insel verliebte und sie sogleich im Tausch gegen das größere Ischia von Neapel erwarb. Der spätere Augustus, Einiger und Befrieder des Mare Nostrum, baute sich eine Villa am Meer an der Grande Marina (sog. Palazzo a mare). Dort verbrachte er im Umkreis der Capreser Jugend vier glückselige Tage, bevor er sich nach Neapel einschiffte und darauf überraschend in Nola verstarb. Über seinen Onkel und Adoptivvater Augustus lernte Tiberius, der tüchtige und umsichtige Nachfolger auf dem Cäsarenthron, die Insel kennen. Der weniger leutselige, in sich gekehrte, als Misantrop geschilderte alte Tiberius zog sich schließlich ganz auf die sichere Insel zurück und errichtete dort (angeblich) zwölf Villen, die berühmteste davon ganz auf dem höchsten Punkt des dem Golf zugewandten Kaps, 297 m ü. d. M. Von hier regierte er elf Jahre lang, von 26 bis 37, mit eiserner Hand das junge Weltreich, just zur selben Zeit als am anderen Ende seines Imperiums ein junger jüdischer Rabbi sich predigend anschickte, ein Reich zu gründen, das nicht von dieser Welt war, und deshalb von des Tiberius' Landpfleger ans Kreuz geschlagen wurde. Capri und Golgotha, die Ziegeninsel und der Schädelberg, waren die Angelpunkte einer folgenschweren Erdensekunde.

Obwohl der junge Caligula natürlich Capri, den langjährigen Amtssitz seines Vorgängers gekannt hatte, machte er sich nichts aus der Insel. Der vergnügungssüchtige Stadtrömer blieb zur Genugtuung der Hauptstädter in der Caput mundi. Die eifersüchtigen und intriganten Römer hatten es Tiberius nie verziehen, daß er nicht vom Tiber, sondern vom Inselberg aus das Weltreich dirigierte. Böse Gerüchte über das zurückgezogene Leben des Imperators waren im Umlauf, von unzüchtigen Orgien (als ob das für die Römer je etwas Arges gewesen wäre) und schrecklichen Greueltaten des Tiberius war die Rede. „Starjounalisten“ wie Tacitus und Sueton nahmen diese wohl erfundenen Schauermärchen nur allzu bereitwillig in ihre Schriften auf Zunächst als Verbannungsort, dann ganz aus dem Blickwinkel Roms geraten, wäre Capri wohl der Vergessenheit anheim gefallen, wären da nicht gerade die Greuelgeschichten vom Ungeheuer Tiberius hängengeblieben (aliquid semper haeret), die wie ein Fluch über der Insel lagen.

Die nachfoigende Geschichte Capris ist die aller süditalischen Küstenorte: Byzantiner, Langobarden, Normannen, bis zu den gefürchteten algerischen Seeräubern. Die selbstgenügsamen Capresen hatten es nicht wie andere Städte an der Küste zu Politischer Unabhängigkeit gebracht, wozu auch? Unfreiwillig wurde das strategisch für die Einfahrt zum Golf so wichtige Eiland hineingezogen in die Kriege der napoleonischen Zeit, es war zum kleinen Gibraltar geworden. Zwei Jahre war der spätere Kerkermeister Napoleons auf S. Helena, Hudson Lowe, Befehlshaber der Insel. Nachdem 1808 die Franzosen diese zurückeroberten, tauchte der Name der Insel in der Geschichte nicht mehr auf Für viele war dieser Kampf um Capri die letzte bedeutende Stunde in seiner Geschichte. Doch nur für den, der Menschheitsgeschichte als Kriegsgeschichte begreift. Für den Kulturhistoriker hatte ca. ein halbes Jahrhundert vorher schon das bedeutendste Kapitel Capris begonnen - seine Rolle als Gastgeber großer Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und vor allem dem Bereich der Kulturschaffenden, Capri wurde zu einer der eindrucksvollsten Drehscheiben der europäischen Kulturgeschichte.

Die Gästebücher der capresischen Hotels und Pensionen bieten ein reizvolles Nachschlagewerk des europäischen Geisteslebens. Zunächst waren es die Briten, dicht gefolgt von Franzosen und Deutschen; Skandinavier und Russen gesellten sich hinzu, als letzte endeckten die Italiener selbst Capri für sich. Sie alle weilten mehr oder minder lang auf Capri, für alle wurde die Insel ein unvergessenes Erlebnis, sie alle arbeiteten hier oder schrieben, dichteten, komponierten oder malten ein Bild von Capri, das wie eine Lawine immer mehr anlockte. Die menschenmordenden Sirenen hatten die Insel verlassen, die Musen waren eingezogen und hatten den schlecht beleumundeten Salto di Tiberio zum Parnaß veredelt. Eine ovidsche Metamorphose mit happy end.

Am 2. Mai 1804 vertraut C. F. Schinkel seinem Tagebuch an: „Drei Tage lebte ich unbeschreiblich glücklich in diesem lieblichen Ländchen, hoch in der ätherischen Luft, umge-ben von Orangenwäldern, mit dem unverdorbendsten Völkchen der Welt.“ Weniger euphorisch ringt sich C. G. Carus (8. Mai 1828) beim Anblick der Villa Jovis das Zugeständnis ab: „Der Ort hat durchaus einen großartigen Charakter.“ Zu einem Hymnus gerät der mehrseitige Inselbericht, den Gregorovius 1853 noch auf Capri selbst verfaßt: Er ist eine einzige Liebeserklärung des großen Historikers an die Insel. Aber er hat auch an Capri einen Wesenszug entdeckt, den die Insel mit dem Vesuv gemeinsam hat: „Es liegt hier Fürchterliches und Liebliches in einem seltsamen Kontrast. Das lachende Grüne Tal stößt hart an schroffe Felsenwand.“ Dem Russen Turgenjew geht es nicht besser, auch er ist ergriffen, für ihn ist „Capri ein Wunder, ein Tempel der Göttin Natur, die Inkarnation der Schönheit“.

(Rolf Legler: Der Golf von Neapel. Köln: DuMont 1990. S. 339 - 341.)
 
 

Text 4
Villa Jovis
(Palast des Kaisers Tiberius)

Die Ruinen dieser größten und schönsten Kaiservilla auf Capri erlauben uns eine plastische Vorstellung von der Pracht und den Ausmaßen des einstmaligen Palastes, der schließlich elf Jahre lang das Zentrum des römischen Weltreiches war (26 - 37 n. Chr.). Gelegentlich wird das Gebäude auch Villa Jovis genannt, weil Historiker angenommen hatten, der Kaiser habe seine zwölf Villen auf Capri nach römischen Gottheiten benannt; diese Vermutung ist umstritten. Obwohl die Villa, die man besser einen Palast nennt, im Laufe der Jahrhunderte immer wieder geplündert und ausgeraubt, ja auch von einem Erdbeben verwüstet wurde, ist sie die am besten erhaltene römische Ruine Capris. Wir bekommen auch eine Ahnung von den früheren Ausmaßen, wenn wir uns vergegenwärtigen, daß die umbaute Fläche der ausgegrabenen Gebäude ungefähr 7000 Quadratmeter beträgt.

Der Grundriß ist recht einfach nachzuvollziehen: Hat man den Eingang passiert, liegen rechts die fünf Baderäume. Zentrum des Baues sind vier große Zisternen, die das Regenwasser von den Dächern sammelten und mit komplizierten Leitungen mit den verschiedenen Räumen verbunden waren, mit den Bädern, mit dem Heizungsraum, wo das Wasser aufgewärmt wurde, oder mit der Küche.
 
 

(Abb. 2: Ehrenfried Kluckert: Neapel - Kampanien. München: Artemis & Winkler 1993. S. 185.)

Vor den Zisternen, zur Meerseite hin, liegen die Staatsräume des Kaisers, dahinter die kaiserlichen Wohngemächer, zum Land zu lag die Küche, die durch Vorratskammern und Magazine von den Zisternen abgeteilt war. Auf der anderen Seite gerät die Vorstel-lungskraft des Besuchers in Schwierigkeiten, weil sich der gesamte Bau mit seinen verschiedenen Stockwerken und Terrassen über eine Höhendifferenz von ungefähr vierzig Metern erstreckt. Der Eingang liegt auf 297 Metern, die oberen Teile liegen auf gleicher Höhe wie die kleine Kirche Madonna del Soccorso, nämlich auf 334 Metern. Im Norden schließlich liegt die über 90 Meter lange Loggia, von der aus man eine einmalige Aussicht auf den Golf von Neapel hat. In ihrem Ostteil beherbergt sie ein paar kleine Räume, man vermutet hier eine weitere Küche und vielleicht einen abgeschirmten Aufenthaltsraum für den Kaiser.
Überhaupt hat man sich die Innenarchitektur des Palastes außerordentlich raffiniert vorzustellen. Da der Kaiser ein ungewöhnlich menschenscheuer Herrscher war, wurden eigene Treppenaufgänge für die Dienerschaft angelegt, damit sich Tiberius unbemerkt und unbeobachtet in seinem Palast bewegen konnte. Besonders gut erhalten sind die Korridore und Magazine im Keller des Palastes, sie sind aus den typischen römischen Ziegeln gemauert. Selbstverständlich war die Villa einmal außerordentlich prächtig aus-gestaltet. Viel ist davon freilich nicht mehr zu sehen: einige Mosaikfußböden, ein paar Säulen. Einer der Mosaikfußböden liegt heute in Capris Kirche S. Stefano hinter dem Hochalter; ein Landschaftsrelief und zwei marmorne Brunneneinfassungen können Sie im Museum von Neapel besichtigen. Ganz sicherlich hat der Palast des Tiberius nicht so ausgesehen, wie ihn die romantische Rekonstruktion von Weichardt zeigt, er war kein Repräsentationsbau, sondern vielmehr eine auf Verteidigung ausgerichtete Anlage, vor allem zweckmäßig.

Archäologen vermuten, daß sich die kaiserlichen Wohnräume der Villa fast auf der Höhe der Terrasse der kleinen Kirche Madonna del Soccorso befanden. Sie waren vom übrigen Palast abgeschieden und wurden besonders streng bewacht. Zunächst betrat man einen Eingangsraum, der etwas höher liegt, danach folgten zwei Zimmer, von denen nur eines direkt mit dem Eingangsraum verbunden war. Selbst die spärlichen Mosaikreste, die heute noch vorhanden sind, verraten, daß es sich hier um Räume für eine hochgestellte Persönlichkeit handelte. Vor dem Eingangsraum lag eine Aussichtsterrasse, die nur für den Kaiser bestimmt war. Von seinen Räumen aus konnte der Kaiser sowohl die Loggia als auch die Repräsentationsräume und Büros erreichen.

Vor dem Eingang zum Palast weist ein Schild auf den Salto di Tiberio, den sagenum-wobenen Hinrichtungsfelsen. Hier sollen im Angesicht des Kaisers zum Tode Verurteilte hinabgestürzt worden sein. Legende oder Wahrheit - das wird sich nie mit letzter Klarheit feststellen lassen.

(Ferdinand Ranft (Hrsg.): Capri - Ischia. München: dtv 1990. S. 81 - 83.)
 
 

Text 5
Salto di Tiberio

Noch jetzt zeigt man auf Capri die Stelle, wo er die Verurteilten nach langen, ausgeklügelten Martern vor seinen Augen von den Felsen ins Meer zu stürzen befahl. Ein Haufe Matrosen fing sie unten auf und schlug mit Stangen und Riemen auf sie, damit nicht die geringste Lebensspur übrig blieb. (Sueton, Tiberius 62,2)

Aus den Schriften, des Sueton geht nicht hervor, ob dieser Stubengelehrte (wie Plinius der Jüngere ihn charakterisierte) sich je über das Meer nach Capri gewagt hat. Da die Insel kaiserlicher Privatbesitz war, konnte man auch nach dem Tode des Tiberius der Insel nicht so leicht einen Besuch abstatten. Suetons Hinweis, daß die Hinrichtungsstätte zu seiner Zeit noch gezeigt wurde, könnte man als Ortskenntnis auslegen. Ebensogut kann man es ihm erzählt haben.

Die Örtlichkeit, die Sueton andeutet, stimmt nicht mit dem heutigen Salto di Tiberio überein; denn wer von dreihundert Meter Höhe herabgestürzt wird, braucht keine Nachbehandlung mit Stangen und Riemen. Er fällt auch gar nicht unmittelbar ins Meer, sondern wird gegen die Felswand geschleudert. Nimmt man eine andere Stelle an, wo die Felsen nicht so hoch sind und die Verurteilten ins Meer oder auf die Klippen fallen, könnte die Beschreibung zutreffen. Fabio Giordano hat einen solchen Salto im Westen der Insel angedeutet, aber das ist nur eine Vermutung. Man fragt sich, wozu dieser Aufwand mit den Matrosen, wenn es auf Capri so viele Felsabstürze gibt, die einen sicheren Tod gewährleisteten? Das Herabstürzen war, wie es der Tarpeische Felsen in Rom bezeugt, eine traditionelle Strafe für Staatsverbrecher. Tiberius war sehr dafür, altrömische Bräuche beizubehalten. Warum sollte er bei seiner Felsenvilla, die Plinius der Ältere bezeichnenderweise arx, also Burg, nannte. nicht seinen privaten Tarpeischen Felsen gehabt haben?

(Humbert Kesel: Capri. Biographie einer Insel. Capri: La Conchiglia o. J. S. 73f.)
 
 

Abb. 3
Kaiser Tiberius

Tiberius in einer Darstellung aus dem 19. Jahrhundert.
In: Humbert Kesel: Capri. Biographie einer Insel. Capri: La Conchiglia o. J. S. 124.
 
 

Text 6
Mythos Tiberius

War er der schüchterne, genügsame, gelehrte Asket, der den Pöbel haßte und die Künste liebte und der seine griechischen Philosophenfreunde mit der Frage, welche Lieder die Sirenen sangen, verunsicherte, der glaubte, dem Regieren nur gewachsen zu sein, wenn er sieh in seine luftigen Villen zurückzog, um mit seinen Gedanken und seinen Büchern allein zu sein?

Oder war er der widerliche alte Päderast, dessen linke Hand so stark war, daß er mit einem Finger einen unverdorbenen, frisch gepflückten Apfel oder den Schädel eines Knaben oder eines jungen Mannes durchbohren konnte? Holte er sexuelle Athleten aus dem ganzen Reich zu sich? Schwamm er mit verderbten Kindern in den Grotten? Spielte er mit seinen Opfern seine Spielchen, bevor er sie vom Salto di Tiberio tausend Fuß tief ins Meer hinunterstoßen ließ? 

(Bruce Chatwin: Zwischen den Ruinen. In: Ders.: Der Traum des Ruhelosen. Hanser ?)
 
 

Text 7
„... verlor er sich in Schandtaten und Laster“

Er war trefflich in seinem Lebenswandel und seinem Ruf, solange er Privatmann oder Feldherr unter Augustus war, verschlossen und hinterhältig im Erheucheln von Tugen-den, solange Germanicus und Drusus am Leben waren, hing Zwischen Gutem und Schlechtem, solange seine Mutter noch lebte, und war verabscheuungswürdig durch Grausamkeit, wobei er seine Ausschweifungen jedoch geheim hielt, solange er den Seia-nus schätzte oder fürchtete. Zuletzt verlor er sich zugleich in Schandtaten und Laster, seitdem er ohne Scham und Furcht nur noch seiner Neigung nachging. [...] Jetzt aber hatte sich Tiberius hier in zwölf verschieden benannten Villen gewaltigen Umfangs niedergelassen, und in demselben Maße, in dem er einst den Staatsgeschäften oblag, ergab er sich nunmehr heimlichen Lüsten und verderblichem Müßiggang. 

(Tacitus Annalen 4, 67)
 
 

Text 8
„... verbittert und mit gebrochenem Herzen“

„Tiberius war 68 Jahre alt, als er sich nach Capri zurückzog. Sein Ruf als Mann von äußerster Sittenstrenge war selbst von seinen schlimmsten Feinden nie angetastet worden. Auch die Version krankhafter Geistesstörung als Folge von Altersschwäche ist unhaltbar, weil alle Geschichtsschreiber sich darin einig sind, daß der Kaiser bis zu seinem Tode ? er starb mit neunundsiebzig Jahren ? geistig vollkommen gesund war. Und jene Erbanlage zum Wahnsinn, die den Stamm der Julier belastete, ist niemals bei den Claudiern aufgetreten. Der Kaiser lebte auf der Insel als ein einsamer alter Mann, ein müder Herrscher einer undankbaren Welt, ein schwermütiger Idealist, verbittert und mit gebrochenem Herzen. Man würde ihn heute vielleicht einen Hypochonder nennen, dessen überragender Geist und seltener Humor noch seinen Glauben an die Menschheit überlebten. Er mißtraute seinen Mitmenschen und verachtete sie; kein Wunder, fast jeder Mann und jede Frau, denen er vertraute, hatten ihn verraten. Tacitus überliefert uns, [...] [dass] er, ein Jahr, ehe er sich nach Capri zurückzog, das Anerbieten zurückwies, ihm, wie dem Augustus, einen Tempel zu göttlicher Verehrung zu errichten.

(Axel Munthe: Das Buch von San Michele. München: dtv 1978. S. 339f.)


 
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