Thomas Gransow
Wolf-Ullrich Malm
 

Neapel und die Halbinsel von Sorrent
 

 Capri
 

Die Blaue Grotte
 
 

Abb. 1
Die Blaue Grotte


(Abb. 1: Die Blaue Grotte. Kolorierte Lithographie (Mitte 19. Jahrhundert).
In: Rolf Legler: Der Golf von Neapel. Köln: DuMont 1990. S. 166.)
 
 
 
 

Text 1
Die Eintragung im Gästebuch

Auf Seite 7 des Gästebuches der Pension von Giuseppe Pagano findet sich eine Eintragung, die Furore machen sollte. Sie trägt die Namen von Ernst Fries aus Heidelberg und August Kopisch aus Breslau und lautet, datiert auf den 17. August 1826, folgendermaßen:

Freunde wunderbarer Naturschönheiten mache ich auf eine von mir nach den Angaben unsers Wirtes Giuseppe Pagano mit ihm und Herrn Fries entdeckte Grotte aufmerksam welche furchtsamer Aberglaube Jahrhunderte lang nicht zu besuchen wagte. Bis jezt ist sie nur für gute Schwimmer zugänglich; wenn das Meer ganz ruhig ist gelingt es auch wohl mit einem kleinen Nachen einzudringen doch ist dies gefährlich weil die geringste sich erhebende Luft das wiederherauskommen unmöglich machen würde. Wir benannten diese Grotte die blaue (la grotta azzurra) weil das Licht aus der Tiefe des Meeres ihren weiten Raum blau erleuchtet. Man wird sich sonderbar überrascht finden, das Wasser blauem Feuer ähnlich die Grotte erfüllen zu sehen, jede Welle scheint eine Flamme. Im Hintergrund führt ein alter Weg in den Felsen vielleicht nach dem darüber gelegenen Damicuta, wo der Sage nach, Tiber Mädchen verschlossen haben soll und es ist möglich daß diese Höhle sein heimlicher Landungsplatz war Bis jezt ist nur ein Marinaro und ein Eseltreiber so herzhaft, diese Unternehmung mit zu wagen weil allerhand Fabeln von dieser Höhle in Umlauf sind. Ich rate aber jedem sich vorher mit diesen beiden des Preises wegen zu verständigen. Der Wirt welchen ich seiner Kenntnis der Insel wegen empfehle, will einen ganz kleinen schmalen Nachen bauen lassen womit dann bequemer hinein gefahren werden könnte. Bis jezt will ich es nur guten Scbwimmern raten. Sie ist des Morgens am schönsten weil Nachmittag das Tageslicht stärker und störender hineinfällt, und der wunderbare Zauber dadurch gemindert wird. Der malerische Eindruck wird noch erhöht wenn man wie wir mit flammenden Pechpfannen hineinschwimmt.  A. Kopisch. 
 
(Zit. n. August Kopisch: Entdeckung der Blauen Grotte auf der Insel Capri. Hrsgg. v. Dieter Richter. Berlin: Wagenbach 1997. S. 69f.)
 
 

Text 2
Die Blaue Grotte und das Ende der Romantik

Die Frage, was die Attraktivität dieses Ortes denn nun eigentlich ausmacht, ist mit dem Hinweis auf seine Schönheit (er ist schön!) nicht beantwortet. Denn Schönheit ist - auch dort, wo es um Landschaften geht - eine historische Kategorie. Wer reist, sieht immer auch mit den Augen derer, die vor ihm unterwegs waren, kommt mit Erwartungen und inneren Bildern, in die die ästhetischen Erfahrungen von Generationen eingegangen sind. Er will erneut entdecken, was andere vor ihm entdeckt haben.

Nicht zufällig werden Entdeckungen meistens mit dem fremden Blick gemacht, mit den Augen dessen, der von „draußen“ kommt. Reisend schärfen wir unsere Wahrnehmung, entdecken erst in der Fremde die Wunder der Welt. Erst an der fremden Landschaft, so scheint es, entwickelt sich auch die Wahrnehmung dessen, was Landschaft eigentlich ist, der Sinn für landschaftliche Schönheit. Die Geschichte der europäischen Landschaftswahrnehmung und Naturästhetik ist daher seit dem 18. Jahrhundert eng mit der Geschichte der Reise verknüpft: Es waren selten die Einheimischen und fast immer die Fremden, die den Kanon des Schönen, des Sehenswerten, des landschaftlich Besonderen definiert haben. Die Insel Capri ist dafür ein gutes Beispiel. Bis heute verdankt sie ihren Nimbus der Entdeckung eines Deutschen, dem Roman eines Engländers (Norman Douglas) und der Autobiographie eines Schweden (Axel Munthe). Der Deutsche hieß August Kopisch, und die Tafel zu seinen Ehren prangt heute über dem Eingang zur Blauen Grotte.

Natürlich war die „Blaue Grotte“ bereits vor Kopischs „Entdeckung“ bekannt. Unter dem prosaischen Namen Grotta Gradola (der bis heute gebräuchlichen capresischen Flurnamenbezeichnung) ist sie in einem Atlas des venezianischen Geographen Vincenzo Maria Coronelli von 1696 verzeichnet. Daß die Fischer und die Kinder sie gekannt haben, darf man vermuten. Dennoch wird man Kopisch den Ruhm einer wirklichen Entdeckung nicht streitig machen dürfen. Erst ihre Beschreibung stellt die Gestalt der Dinge her, rückt sie in den Zusammenhang des Bekannten. Will man Kopisch glauben, habe „furchtsamer Aberglaube“ die Capresen abgehalten, sich der Höhle zu nähern. Die Erzählung [in der  Kopisch 1938 seine Entdeckung ausführlich darstellt] spinnt dieses Motiv weiter aus, indem sie der Figur eines [...] frommen Priester [...] breiten Raum einräumt, der mit allerlei Spuksagen und Geistergeschichten die zur Einfahrt in die „Teufelshöhle“ Entschlossenen von ihrem gottlosen Vorfahren abzubringen versucht.

Das Ganze klingt ein wenig nach einem Projektionsspiel zwischen dem Reisenden und den Einheimischen. Kopisch, der schon in seiner Breslauer Zeit an Sagen und Volkserzählungen Geschmack gefunden hatte, der in Italien nach Balladen, Liedern und Geschichten forscht, selber Märchen? und Sagengedichte schreibt (seine „Heinzelmännchen“ sind bis heute populär), muß entzückt gewesen sein, in Capri auf Gruselgeschichten dieser Art zu stoßen [...]. Umgekehrt werden die Capresen schnell begriffen haben, daß sich da ein gelehrter Don Augusto aus dem fernen Germania brennend für ihre „Märchen“ interessierte, [so dass die Vermutung nahe liegt, dass sie „[...] - ein wenig, um Kopisch einen Gefallen zu tun, ein wenig, um sich einen Spaß zu machen - übereingekommen seien, jenen naiven, enthusiastischen Ausländer glauben zu machen, es wäre ein ungewöhnliches und vorher niemals gewagtes Unternehmen, jene Höhle zu betreten. Und um es noch ungewöhnlicher erscheinen zu lassen, hätten sie auf das ganze Repertoire von abergläubischen Vorstellungen, Sagen und Legenden zurückgegriffen, an denen unsere Tradition so reich ist.“

Wie immer wir das wechselseitige Spiel zwischen Ich-Erzähler und seinen örtlichen Gewährsleuten auch verstehen wollen: in jedem Fall zieht Kopischs Geschichte ihre Spannung aus dem Gegensatz zwischen dem unerschrockenen, aufgeklärten und abenteuerlustigen Reisenden aus dem Norden einerseits und der in jahrhundertealtem Traditionalismus befangenen lokalen Bevölkerung andrerseits. Schritt für Schritt erweisen sich die zunächst beschworenen Gefahren als „Einbildungen“ oder (wie bei den aufregenden Erlebnissen im Gang hinter der Höhle) als zu meisternde Abenteuer. [...] In diesem Sinn kann man die Geschichte auch als eine historische Parabel über die Genese des Tourismus lesen. Es sind die Fremden, die den Einheimischen die Augen dafür öffnen, was sie „haben“. [...] Darüber hinaus ist die kleine Erzählung auch eine Parabel über die Entdeckung der Welt im Zeitalter der Moderne: Der Entmythologisierung ihrer verrufenen orte folgt deren Ästhetisierung. Die Grotta Gradola wird zur Grotta Azzurra, die „Teufelshöhle“ zu einem „Wunder der Welt“ (Kopisch). [...] Der erste Schritt zur Mediatisierung des Naturschönen ist getan.

In der Tat ist die Entdeckung der „Blauen Grotte“ die Geburtsstunde des Capri-Tourismus und jenes Mythos der „Blauen Insel“, von dem Capri bis heute lebt. Bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts lag das Eiland - ein öder Kalkfelsen mit zwei kleinen Dörfern - außerhalb der Reisewege der „Grand Tour“. Auch Besucher, die - wie Goethe beispielsweise - sich längere Zeit in Neapel und Umgebung aufhielten, sahen keinen Anlaß, die Besichtigung Capris in ihr Reise?Programm aufzunehmen. Die einzige „Attraktion“, welche die Insel zu bieten hatte, war die Möglichkeit, sich der Greuel zu erinnern, die Kaiser Tiberius hier einst verübt hatte - sofern man den Skandal?Berichten von Sueton und Tacitus Glauben schenken durfte. Zeitgenössische Reiseführer lenkten die Besucher auf die Spuren des Wenigen, was aus dem römischen Zeitalter noch übriggeblieben war, nachdem durch Raubgrabungen die große Villa des Tiberius am Ostende der Insel (Villa Jovis) bereits im 18.Jahrhundert ausgeplündert worden war.

Mit Kopischs Entdeckung ändert sich die Situation. Aus dem „Eiland des Tiberius“ wird jetzt die „Insel der Blauen Grotte“.

Auch die zeitgenössischen Reiseführer ändern jetzt ihre Empfehlungen: „Bevor wir uns aufmachen, um die Reste der oben aufgezählten klassischen Denkmäler zu untersuchen, werden wir zunächst damit beginnen, die berühmte Blaue Grotte in Augenschein zu nehmen“, heißt es, ein wenig umständlich, in einem in Neapel erschienenen Handbuch für Fremde. Was sich hier andeutet, ist die Ablösung des antiquarischen Interesses durch das landschaftliche: ein „Paradigmenwechsel“ der Italien-Wahrnehmung, der im Zeitalter der Romantik beginnt - und bis heute folgenreich ist.

Kopischs Erzählung von der Entdeckung der Blauen Grotte macht deutlich, daß sich mit diesem Wechsel der Perspektive eine Entwicklung anbahnt, die das Zeitalter des modernen Tourismus heraufführen sollte. [...] In der Tat wird schon wenige Jahre nach ihrer Entdeckung die Blaue Grotte zu einer Hauptattraktion des Fremdenverkehrs. [...] Die Capresen selber müssen sehr schnell begriffen haben, daß das plötzlich erwachende Interesse der Reisenden für ihre alte Grotta Gradola wirtschaftliche Vorteile ganz besonderer Art versprach. Schon drei Jahre nach der Entdeckung bietet an der Marina Grande ein Fischer seine Dienste für die Einfahrt in die Grotte zum Festpreis an und bald tauchen die ersten eigens für die schmale Einfahrt konstruierten Barken auf. [...]

Dem Entdecker steht seit alters auch das Recht der Namensgebung zu. Denn im Namen nimmt das Entdeckte erst Gestalt an, und die Frage „Wie nennen wir die Grotte?“, die in Kopischs Erzählung Giuseppe Pagano seinem Gast aus dem Norden stellt, war daher keineswegs nebensächlich. Daß sie nicht mit ihrem alten, heimischen Namen, Grotta Gradola, in Paganos Fremdenbuch und in die Geschichte Capris eingehen könne, war offensichtlich beiden klar. Nach einem längeren, ebenso höflich wie hartnäckig geführten Disput setzt sich schließlich der Fremde durch: Die Grotte wird Grotta Azzurra, die Blaue Grotte, heißen.

Vielleicht hatte Kopisch Novalis’ 1802 erschienenen Roman „Heinrich von Ofterdingen“ gelesen. Der Held der Erzählung, auch er ein Reisender, kommt dort auf der Suche nach der Blauen Blume, dem Schlüssel der Poesie, in das Innere eines Berges, in eine farbige Wasser?Höhle, mit einer „Flüssigkeit überzogen, die nicht heiß, sondern kühl war, und an den Wänden nur ein mattes bläuliches Licht von sich warf. Er tauchte seine Hand in das Becken und benetzte seine Lippen. Es war, als durchdränge ihn ein geistiger Hauch, und er fühlte sich innigst gestärkt und erfrischt. Ein unwiderstehliches Verlangen ergriff ihn sich zu baden, er entkleidete sich und stieg in das Becken ...“.

Mit Novalis' Roman beginnt der romantische Mythos der Farbe Blau. Hatte Goethe in seiner „Farbenlehre“ dem Blau die Positionen „Sinnlichkeit, gemein, Phantasie, unnöthig“ zugewiesen, so kehrt Novalis die sittlich?symbolischen Qualitäten dieser Farbe um. Blau wird die Farbe der Sehnsucht nach dem Unendlichen, nach dem Azur des Himmels, nach der Dunkelheit des Todes und nach den geheimnisvollen Innenwelten des Unbewußten, aus deren Quellen sich die wahre Poesie speise. Blau wird die Farbe der Romantik, Philipp Otto Runge und Carl Gustav Carus sind als Maler darin dem Dichter gefolgt, und bis zu Kandinskys Blauem Reiter und den Blauen Bergen der Jugendbewegung hat sich der „Geist der Romantik“ in Deutschland der Farbe Blau bemächtigt. [...]

Hoch besetzt in der romantischen Symbolsprache ist auch die Höhle. „Nach Innen geht der geheimnißvolle Weg“, heißt es wiederum bei Novalis, und auch Tiecks und Eichendorffs romantische Helden sind in Grotten und Höhlen den verborgenen Geheimnissen der Natur und dem Sinnlich- Übersinnlichen ihrer inneren Welten auf der Spur. Die Grotte erscheint immer wieder als der Ort der Einsamkeit, der Begegnung mit der Geisterwelt oder (wie die Venusberggrotte in Richard Wagners „Tannhäuser“) als Zauber-Ort der sinnlichen Verführung.

Die Blaue Grotte im fernen Wunderland Italien mußte als die Materialisierung aller Blau-Träume und Grottenphantasien der romantischen Generationen erscheinen, und wenn es richtig ist, daß auch Entdeckungen ihre Zeit haben, nicht zufällig, sondern aus Notwendigkeit geschehen, dann war auch die Entdeckung der Blauen Grotte auf der Insel Capri eine zeitgemäße Entdeckung. Erfahren und immer wieder beschrieben als der Ort, an dem die Elemente sich vermischen, das Blau des Wassers zum spiegelnden Azur des Himmels, die Luft zum kalten Feuer wird, konnte die Blaue Grotte als Probe auf die Wahrheit romantisch?naturphilosophischer Ideen erscheinen, als perfekte Synästhesie, ein vollkommenes Märchen.

Natürlich ist die Erfüllung der Sehnsucht immer auch deren Ende. Wo die großen romantischen Blau-Träume plötzlich auf einer Insel im Golf von Neapel gegen Festpreis zu realisieren waren, mußten sie mit ihrer Grenzen? und Ziellosigkeit auch ihre Radikalität verlieren. Der Tourismus beerbt die Romantik. Als Ferdinand Gregorovius im August 1853 nach Capri kommt, dort in Paganos Fremdenbuch Kopischs Eintragung findet und sich voller Rührung in die Blaue Grotte rudern läßt, fühlt er sich schon als Nachgeborener einer Epoche, die unwiderruflich zu Ende gegangen ist. Und - so empfindet es Gregorovius - es ist kein anderes Ereignis als eben die Entdeckung der Blauen Grotte, die das Ende der Romantik markiert. „Denn von dieser Grotte haben sie alle geträumt“, schreibt er, und nach einem „Weiheguß, auf die Gräber jener toten Dichter“ mit dem „blauen Feuerwasser von Capri“ fährt er fort: „Und nun, da die blaue Wunderblume, nämlich die blaue Wundergrotte, denn das war das unbekannte Mysterium, gefunden ist, ward der Zauber gelöst, und kein Lied der Romantiker wird mehr gehört werden in deutschen Landen.“

(Dieter Richter: Das blaue Feuer der Romantik. Geschichte und Mythos der Blauen Grotte. In: August Kopisch: Entdeckung der Blauen Grotte auf der Insel Capri. Hrsgg. v. Dieter Richter. Berlin: Wagenbach 1997. S. 61 - 107, hier S. 65 - 87.)


 
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