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Wirtschaft / Politik / Gesellschaft
 

Zuwanderung


 
 
 
Text 1

"Von Zuwanderung profitiert vor allem der Migrant"

Zusammenfassung eines Gutachtens

1. Inhalt des Gutachtens

1.1 Demographische Problematik

1.1.1 Ausgangslage

Während die Diskussion in Deutschland von den Befürwortern einer Ausweitung der Zuwanderung in aller Regel auf wirtschaftliche Aspekte beschrankt wird, stellt Professor Birg die globalen und gesell- schaftspolitischen Zusammenhänge in den Mittelpunkt. Für die demographische Entwicklung ergibt sich im Vergleich von Industrie- und Entwicklungsländern Folgendes: Je höher der Entwicklungsstand eines Landes, desto niedriger ist die Geburtenrate. Um das Ziel einer bestandserhaltenden Geburten- rate von zwei Kindern pro Frau zu erreichen, müsste sich die Familienpolitik vor allem auf einen Abbau der lebenslangen Kinderlosigkeit konzentrieren.
 

1.1.2 Weitere demographische Entwicklung

Die Bevölkerungsschrumpfung in Deutschland ist auch bei einer konstanten und sogar bei einer auf das Bestandserhaltungsniveau von zwei Lebendgeborenen pro Frau zunehmenden Geburtenrate unvermeidlich, denn sie beruht in erster Linie auf der zurückgehenden Zahl potenzieller Eltern, die der Geburtenrückgang in den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten jetzt zwangsläufig nach sich zieht.

Wer über Zuwanderung spricht, muss auch die demographische Entwicklung in den potentiellen Herkunftsländern berücksichtigen. In unmittelbarer Nachbarschaft zu Deutschland und Europa - in den südlichen Anrainerstaaten des Mittelmeers von Marokko über Algerien, Tunesien, Libyen und Ägypten bis zur Türkei - wird die Bevölkerungszahl von 1998 bis 2050 von 263 Mio. auf 394 Mio., darunter z. B. in der Türkei von 66,6 Mio. (2000) auf 100,7 Mio. und in Ägypten von 68,5 Mio. auf 114,8 Mio., wachsen.

Das hohe Bevölkerungswachstum in den geographisch benachbarten Regionen verstärkt den demographisch bedingten Zuwanderungsdruck in die EU und nach Deutschland.

Schon aus diesen Gründen ist zu berichten, dass in Zukunft noch wesentlich mehr Zuwanderer nach Deutschland kommen als bisher. Wenn der bisherige jährliche durchschnittliche Wanderungssaldo (zirka 2 000 000) nicht überschritten werden soll, ist deshalb eine wirksamere Zuwanderungs- begrenzungspolitik erforderlich, keineswegs aber eine Ausweitung der Zuwanderung.
 

1.1.3 Auswirkungen auf die Altenstruktur

Die demographisch bedingte Veränderung der Altensstruktur wird sich auch durch hohe Zuwande- rungsüberschüsse Jüngerer nicht stoppen, sondern nur mildem lassen.

Die Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen hat in ihrer Untersuchung über die Auswirkungen der Wanderungen auf die Bevolkerungszahl und die Altersstruktur in den Industrielandem berechnet, dass nach Deutschland bis zum Jahr 2050 netto 188 Mio. jüngere Menschen zuwandern müssten, wenn der Anstieg des Altenquotienten gestoppt werden soll. Die Zahl ist deshalb so hoch, weil die Zugewanderten und die Einheimischen gleich schnell altern. Aus der höheren Geburtenrate der (aus weniger entwickelten Ländern) Zugezogenen ergibt sich nur ein geringer Verjüngungseffekt, so dass für eine Konstanz des Altenquotienten extrem hohe Zuwandererzahlen erforderlich wären.

(Hinweis: Bei diesen Zahlen handelt es sich nicht um Politikempfehlungen, sondern um Berechnungen, die die Problematik verdeutlichen sollen.)
 

1.1.4 Auswirkungen auf den Anteil der Zugewanderten an der Bevölkerung

Die Zahl der Zugewanderten und ihrer Nachkommen wächst in Folge ihrer für die Geburtenzahl günstigen Altersstruktur trotz der angenommenen Angleichung der Geburtenrate an das niedrigere Niveau der deutschen Bevölkerung stark, während die deutsche Bevölkerung schrumpft. Für das Jahr 2050 ergibt sich für die alten Länder eine Bevölkerung von 39,5 Mio. Deutschen und 17,4 Mio. Zugewanderten. Hinzukommt, dass in den jüngeren Altersklassen der Anteil der Zugewanderten und ihrer Nachkommen schneller als in der Gesamtbevölkerung steigt, wobei erhebliche regionale Unterschiede bestehen werden. In vielen Großstädten wird schon ab 2010 der Anteil der Zugewan- derten bei den unter 40-Jährigen die 50-Prozent-Schwelle erreichen bzw. überschreiten. Dann stellt sich die Frage, wie sich Deutsche in eine neue Mehrheitsgesellschaft von Zuwanderern integrieren können.
 

1.2 Kosten der Zuwanderung

1.2.1 Allgemeines

Die Bevölkerungsschrumpfung stellt Deutschland vor eine politische Grundsatzentscheidung:

  • Eine Option verfolgt das Ziel einer migratorischen Kompensationspolitik. Das wachsende Geburtendefizit soll durch immer höhere Zuwanderungen ausgeglichen werden. Bei dieser Strategie nimmt der Anteil der Zugewanderten an der Bevölkerung stark zu. Die damit verbundenen Änderungen der Sozial- und Gesellschaftsstruktur werden in Kauf genommen oder als etwas Positives bewertet und angestrebt.
  • Die entgegengesetzte Option hält an dem Ziel fest, zu einer demographisch nachhaltigen gesellschaftlichen Entwicklung zurückzukehren, indem die Geburtenrate durch eine wirksamere Familienpolitik schrittweise an das bestandserhaltende Niveau von zwei Kindern pro Frau angenähert und dabei gleichzeitig die Zuwanderungen aus dem Ausland begrenzt werden. Bei dieser Konzeption ist die Integration der bereits zugewanderten Menschen das oberste Ziel der Zuwanderungspolitik. Die bestmögliche Integration dient dem Ziel, die Stabilität der Sozial- und Gesellschaftsstruktur und der kulturellen Grundlagen der Gesellschaft zu bewahren.
Das Gutachten kommt zu dem Ergebnis, dass die Folgen einer kompensatorischen Zuwanderungs- politik, wie sie der Koalitionsentwurf auf der Grundlage des Berichts der Süssmuth-Kommission verfolgt, die langfristigen Entwicklungschancen Deutschlands stärker beeinträchtigen würden als die konkreten, quantitativ messbaren negativen Auswirkungen der demographischen Entwicklung z. B. auf die sozialen Sicherungssysteme, den Arbeitsmarkt und auf das Wirtschaftswachstum.

Dabei lassen sich wegen der Komplexität der Materie keine exakten Kosten ermitteln, sondern nur politisch bewerten wie z. B. die Konsequenz, dass durch eine Ausweitung der Zuwanderung die deutsche Bevölkerung in vielen Städten und Regionen zu einer Minderheit im eigenen Land werden würde.
 

1.2.2 Arbeitskräftepotenzial

Sowohl die Süssmuth-Kommission als auch die Bundesregierung stellen ökonomische Fragen in den Mittelpunkt der Argumentation. Die Zuwanderung von Menschen aus dem Ausland hat jedoch - Über die vermeintlich überwiegend positiven wirtschaftlichen Auswirkungen hinaus auch gesellschaftliche und kulturelle Folgen, die im Gegensatz zu den wirtschaftlichen Wachstums- und Konjunkturzyklen langfristig irreversibel sind. Die gesellschaftlichen und kulturellen Konsequenzen einer Fehlentschei- dung in der Zuwanderungspolitik, insbesondere das schon eingetretene Absinken des Ausbildungs- niveaus der Bevölkerung, lassen sich auf Jahrzehnte hinaus nicht mehr korrigieren. Prof. Birg betont, dass deshalb die Verwirklichung der von der Koalition vorgesehenen Ausweitung der Zuwanderung eine falsche Weichenstellung von geschichtlicher Tragweite wäre.

Die bis 2020 nur mäßige Abnahme des Arbeitskräftepotenzials um rd. 8 Prozent bietet den benötigten zeitlichen Spielraum zur Vorbereitung und Durchführung einer von Zuwanderungen unabhängigen, demographisch orientierten Familienpolitik zur Anhebung der Geburtenrate. Dies bedeutet, dass das Ziel, langfristig zu einer demographisch nachhaltigen Bevölkerungsentwicklung zurückzukehren, nicht unerreichbar ist.

Gelänge es, die Geburtenrate schrittweise wenigstens auf z. B. 1,6 Lebendgeborene pro Frau (wie in Frankreich) zu erhöhen, würde dies ausreichen, um den demographisch bedingten Rückgang des Arbeitskräftepotenzials zu dämpfen bzw. durch arbeitsmarktpolitische Maßnahmen weitgehend aufzufangen. Durch die Kombination familien- und arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen lassen sich die demographisch bedingten Engpässe auf dem Arbeitsmarkt in den nächsten ein bis zwei Jahrzehnten ohne weitere große Zuwanderungen auffangen.

Als arbeitsmarkt stehen zur Verfügung:

  • Mobilisierung der stillen Reserve,
  • Abbau der Arbeitslosigkeit,
  • Verlängerung der Lebensarbeitszeiten durch Verkürzung der Ausbildungszeit und die Anhebung des Ruhestandsalters,
  • Verringerung der Auswanderungen von deutschen Erwerbspersonen mit guter Ausbildung,
  • Höherqualifizierung der Arbeitskräfte durch eine Ausbildungsoffensive,
  • Verringerung der regionalen Arbeitsmarktungleichgewichte durch die Intensivierung der Arbeitsvermittlung zwischen den Regionen und den Ländern in Deutschland.


1.2.3 Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum

Vertreter der Wirtschaft plädieren meist aus einer rein betriebswirtschaftlichen oder branchen- spezifischen Sicht für eine hohe Zuwanderung. Bestimmte Betriebe und Wirtschaftszweige profitieren von hohen Zuwanderungen, weil sich ein erhöhtes Angebot an Arbeitskräften auch auf die Löhne auswirkt. Verlieren Zuwanderer ihren Arbeitsplatz, verlagern sich die Risiken auf die Gesellschaft und die Volkswirtschaft als Ganzes.

Im Konfliktfall muss das dem Gemeinwohl verpflichtete Handeln des Staates den übergeordneten Zielen den Vorrang einräumen. Über die rein ökonomischen Ziele müssen in die Bewertung auch gesamtgesellschaftliche Gesichtspunkte und kulturelle Aspekte einbezogen werden.

Selbst wenn es zuträfe, dass durch Zuwanderer die "Summe der Einkommen der Inländer" erhöht wird, folgt daraus nicht schon, dass die Entwicklung mit Zuwanderungen der Entwicklung ohne Zuwande- rungen automatisch vorgezogen werden sollte.

Welche Zuwanderungspolitik für ein Land aus rein ökonomischen Gesichtspunkten am günstigsten ist, lässt sich nur entscheiden, wenn Klarheit über die anzustrebenden Ziele besteht.

Dabei ist das Ziel eines hohen Pro-KopfEinkommens ohne bzw. mit geringen Zuwanderungen erstre- benswerter als das Ziel eines hohen Volkseinkommens bei hohen Zuwanderungen und einem niedri- geren Pro-Kopf-Einkommen.

Im Übrigen ist zu berücksichtigen, dass Zuwanderung, wie im Falle Deutschlands in Wirtschafts- zweigen mit wenig qualifizierten Arbeitskräften häufig zu Lohndruck und zur Verdrängung einhei- mischer Arbeitskräfte führt.
 

1.2.4. Gesellschaftliche Kosten

Bilanziert man die fiskalischen Auswirkungen der Zuwanderung, ist eine deutliche Umverteilung von den Einheimischen zu Gunsten der Zugewanderten festzustellen. Auf der Einnahmeseite des Staates sind die von den Zuwanderern geleisteten Zahlungen in die gesetzliche Renten-, Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung sowie die gezahlten Steuern zu berücksichtigen. Auf der Ausgabenseite sind die entsprechenden Auszahlungen der gesetzlichen. Krankenversicherung, die Ausgaben der Renten- und Pflegeversicherung, die Ausgaben der Arbeitslosenversicherung, die steuerfinanzierten Transfers der Gebietskörperschaften an private Haushalte (Sozial- und Arbeitslosenhilfe, Wohn-, Kinder- und Erziehungsgeld) sowie sonstige steuerfinanzierte Leistungen des staatlichen Infrastruk- turangebots (Straßen, Schulen, Rechtssystem) zu berücksichtigen.

Dabei ergibt sich folgendes Bild:

Bei einer Aufenthaltsdauer von 0 bis 10 Jahren pro Zuwanderer beträgt der Überschuss der empfan- genen über die geleisteten Zahlungen pro Jahr 4631 Mark, bei einer Aufenthaltsdauer von 10 bis 25 Jahren 2603 Mark. Nur bei einer langen Aufenthaltsdauer von 25 Jahren und mehr ergibt sich ein Überschuss; der geleisteten über die empfangenen Zahlungen.

Als Ergebnis ist festzustellen:

Von Zuwanderung profitiert in erster Linie der Migrant, nicht der Staat, denn die restliche Lebens- arbeitszeit nach 25 Jahren genügt in der Regel nicht, um die negative Bilanz noch auszugleichen.

Ein wesentlicher Grund für die Umverteilung von Einheimischen zu Zugewanderten ist die bei Zuwanderern wesentlich höhere Arbeitslosenhilfebezugsquote und der Unterschied bei der Sozial- hilfequote. Die Unterschiede beruhen auf gravierenden Niveauunterschieden im Qualifikations- und Bildungsniveau. So sind von 100 deutschen Arbeitslosen 32 ohne Berufsausbildung, von 100 Ausländern 77. Die Möglichkeiten, diese Defizite auszugleichen, sind begrenzt, da das auf den kulturellen Unterschieden beruhende Bildungsverhalten sich nicht in überschaubarer Zeit entscheidend verändern lässt.
 

1.2.5 "Die Pflicht gegen uns selbst"

Die Chancen für eine erfolgreiche Integration sind gerade in großen Städten in der Regel nicht gut, denn wenn der Anteil der zugewanderten Bevölkerung bestimmte Schwellenwerte überschreitet, verschlechtern sich die demographischen Bedingungen der Integration mit jeder weiteren Zuwande- rung. Ab einem bestimmten Punkt schlägt der Integrationsprozess in eine sich selbst verstärkende Desintegration um. Das geplante Zuwanderungsgesetz würde durch die Regelungen der Familien- zusammenführung, die Automatik der Kettenwanderung intensivieren und die Integrationsbedingungen weiter beeinträchtigen. Dazu kommt, dass sich die Zahl der Asylbewerber der Planung und Begrenzung weitgehend entzieht, denn hierfür sind in erster Linie die individuellen Wanderungs- entscheidungen der Menschen in der Dritten Welt maßgebend, nicht die deutsche Politik.

Wichtigstes Element der Zuwanderungspolitik ist die Erhaltung der Integrationsfähigkeit der aufnehmenden Gesellschaft. Das Integrationsziel wird umso unerreichbarer, je mehr der Anteil der Zugewanderten an der Bevölkerung wächst. Das Ende der deutschen Mehrheitsgesellschaft bei den Jüngeren in vielen großen Städten würde das Ende ihrer Integrationsfähigkeit bedeuten. Prof. Birg betont: Von Zuwanderern zu erwarten, dass sie unsere, kulturellen Werte und unsere Verfassung anerkennen, setzt voraus, dass wir uns selbst mitsamt unserer Geschichte annehmen. Es gibt ethische Pflichten gegenüber anderen, aber auch die "Pflicht gegen uns selbst" (Immanuel Kant).
 

1.3 Ergebnis

Das Gutachten kommt im Wesentlichen zu folgenden Ergebnissen:

  • Auf Grund des hohen Bevölkerungswachstums in den geographisch benachbarten Regionen Europas ist in Zukunft mit einem noch verstärkten Zuwanderungsdruck nach Deutschland zu rechnen. Das Qualifikationsgefälle zwischen Zuwanderern und einheimischer Bevölkerung wird sich noch vergrößern. Angesichts der bereits bei uns vorhandenen Integrationsprobleme ist daher eine wirksame Begrenzung der bereits stattfindenden Zuwanderung erforderlich, keineswegs aber eine Ausweitung.
  • Eine nachhaltige Bevölkerungspolitik muss sich darum bemühen, die Probleme aus eigener Kraft zu lösen. Dazu gehören in erster Linie eine Erhöhung der Geburtenrate, die - wie das Beispiel Frankreichs zeigt - nicht unerreichbar ist, sowie Maßnahmen zur Ausschöpfung des Arbeits- kräftepotenzials. Weitere Zuwanderung birgt gesellschaftspolitisch und kulturell erhebliche Risiken, vor allem hinsichtlich der dann nicht mehr gegebenen Integrationsfähigkeit, wenn die Mehrheitsbevölkerung in bestimmten Regionen und Altersgruppen in die Minderheit gerät. Die se Risiken sind wesentlich höher und für Staat und Gesellschaft von größerer Tragweite als die mit der Schrumpfung der Bevölkerung verbundenen Konsequenzen.


2. Bewertung

Das Gutachten bestätigt die von der Staatsregierung bereits zur Konzeption der Süssmuth-Kom- mission und zum Entwurf des Zuwanderungsgesetzes der Koalition vertretene Auffassung, dass eine Politik, der es darum geht, die Identität unseres Staates zu bewahren und die Integrationsfähigkeit der Gesellschaft zu erhalten, Zuwanderung nicht ausweiten, sondern deutlich begrenzen muss. Das Gutachten macht deutlich, dass die auch in Kreisen der Wirtschaft vertretene Behauptung, Zuwan- derung in erheblichem Umfang sei zur Sicherung unseres Wohlstandes unverzichtbar, nicht verifi- zierbar ist. Zum einen lässt eine derartige Betrachtung die gesellschaftspolitischen und kulturellen Folgen von Zuwanderung aus fremden Kulturkreisen, mit der wir auf Grund der globalen demogra- phischen Entwicklung in erster Linie zu rechnen haben, außer Acht, zum anderen berücksichtigt sie nicht die Auswirkungen von Zuwanderung auf unsere Wirtschafts- und Arbeitskultur.

Meinhard Miegel hat hierzu Folgendes festgestellt (Meinhard Miegel, Stefanie Wahl: Das Ende des Individualismus. Die Kultur des Westens zerstört sich selbst. 4. Aufl. München: Olzog-Verlag 1998):

"Die Wirkungen, die von einer zahlenmäßig schrumpfenden, alternden und zunehmend von Zuwanderern durchsetzten Bevölkerung auf den wirtschaftlichen Wachstumstrend ausgehen, sind nicht geklärt. Empirische Erfahrungen ... gibt es nicht. Als gesichert kann nur angenommen werden, dass es kritische Untergrenzen der Bevölkerungsdichte und -homogenität gibt, unterhalb derer wirtschaftliches Wachstum zum Stillstand kommt.

Deutschlands internationale Wettbewerbsfähigkeit beruht im Wesentlichen auf der hohen Qualität seiner Güter und Dienste. Diese wiederum ist die Frucht einer bestimmten Wirtschafts- und Arbeitskultur, die sich in langen Zeiträumen entwickelt hat. Daher kommt es für die künftige internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands entscheidend auf die Wirkungen an, die demo- graphische Veränderungen auf die historisch gewachsene Wirtschafts- und Arbeitskultur haben.

Gesicherte Erkenntnisse hierüber gibt es wiederum nicht. Doch dürften abnehmende Bevölkerungs- zahlen und steigendes Durchschnittsalter die Wirtschafts- und Arbeitskultur kaum berühren. Unklar sind hingegen die Wirkungen, die von Zuwanderern ausgehen.

Möglicherweise übernehmen diese die wirtschafts- und arbeitskulturellen Einstellungen, die im Laufe vieler Generationen in Deutschland entstanden sind. Möglicherweise halten sie aber auch an den Einstellungen fest, die sich in ihren eigenen Kulturkreisen entwickelt haben. Letzteres ist umso wahrscheinlicher, je größer und geschlossener die Gruppen von Zuwanderern sind."

Da das Potenzial von wirklichen Fachkräften gerade in den Regionen, aus denen potenzielle Zuwanderer kommen können, außerordentlich beschränkt ist, kann im Übrigen nicht erwartet werden, dass Deutschland hier in nennenswertem Umfang Personal gewinnen kann. Die Verantwortung für unseren Staat und unsere Bürger gebietet es, an der Linie einer strikten Steuerung und Begrenzung von Zuwanderung festzuhalten und allen Bestrebungen, Zuwanderung noch auszuweiten, entgegenzutreten. Dies gilt gerade auch vor dem Hintergrund der sich dramatisch verschärfenden Situation auf dem Arbeitsmarkt.

(Bayerische Staatsregierung: Zusammenfassung des Gutachtens des Bielefelder Bevölkerungswis- senschaftlers Herwig Birg. In : Frankfurter Rundschau vom 18. Januar 2002, S. 14.)
 
 

Text 2

Zuwanderung sichert den Wohlstand Deutschlands

Eine Antwort auf Herwig Birg

Der Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg hat für die bayerische Landesregierung ein Gutachten vorgelegt, in dem die Grundmelodie für den bevorstehenden Wahlkampf zu vernehmen ist. Dabei eignet sich das Thema nicht für Polemik. Die Analysen Birgs sind in weiten Teilen nicht durch die Fakten gedeckt und in ihren Schlussfolgerungen gefährlich. Denn Deutschland wird seine Wirtschafts- kraft nur erhalten können, wenn es zu einer deutlichen Zuwanderung kommt. Allerdings muss die Politik dann endlich ihre passive Haltung in der Integrationspolitik aufgeben.

Studien des Bundesinnenministeriums, des Statistischen Bundesamtes und der demographischen Forschungsabteilung der Vereinten Nationen kamen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass sich die Bevölkerung Deutschlands wegen zu geringer Geburten bis 2050 um zirka 23 Millionen von derzeit 82 auf 58 Millionen, also der heutigen Bevölkerungszahl der neuen Bundesländer und Hessens, verringern wird.

Industriegesellschaften mit hohem Niveau der medizinischen Versorgung benötigen für die Bestands- erhaltung ihrer Bevölkerung eine statistische Geburtenhäufigkeit von 2,1 Kindern pro Frau. Seit Ende der 70er Jahre betrug die jährliche Geburtenrate Deutschlands jedoch nur 1,35 bis 1,3. Sie lag damit weit unter der Bestandszahl. Ohne die Zuwanderung von Ausländern und deutschstämmigen Aussiedlern hätte sich die Bevölkerung Deutschlands schon bis heute um zirka drei bis vier Millionen verringert. Auch wenn es gelänge, die derzeitige Geburtenzahlen allmählich auf das höhere Niveau Frankreichs von 1,7 anzuheben, wären die Auswirkungen auf die ab 2005 sich beschleunigende Schrumpfung der Bevölkerung gering, da die Zahl der Geburten letztlich von der Zahl der Geburten weiblichen Geschlechts abhängt.

Wenn heute pro Frau schon fast nur noch halb so viele Kinder wie früher geboren werden, halbiert sich die Zahl der gebärfähigen Frauen. Die Verringerung der Bevölkerung könnte dann nur durch eine gänzlich unwahrscheinliche "Explosion" der Geburtenzahlen aufgehalten werden.

Die Bevölkerungswissenschaftler erwarten keine signifikante Anhebung der Geburtenhäufigkeit. Allein die Studie der Vereinten Nationen prognostiziert ab 2040 eine allmähliche Zunahme auf 1,7, also für einen Zeitpunkt, zu dem die schnelle Schrumpfung der deutschen Bevölkerung bereits unwiderruflich programmiert worden ist. Auch bei einer Geburtenrate von 1,7 ginge der Rückgang der Bevölkerung nur mit leicht verringertem Tempo weiter.

Die Stimmen, die von dem Rückgang der Bevölkerungszahl eine Verringerung der Umweltbelastungen erhoffen - was mit guten Gründen bezweifelt wird -, verharmlosen in der Regel die sozialen und ökonomischen Folgen der Bevölkerungsentwicklung. Ihre Brisanz ergibt sich aus dem schnellen Tempo des Schwundes und der Alterung. Um es auf eine einfache Formel zu bringen: Immer weniger junge Menschen werden für immer mehr Senioren arbeiten müssen.

Während heute noch 4,4 Personen im erwerbsfähigen Alter auf eine Person im Alter von mehr als 65 Jahren entfallen (1950: 6,9 zu 1), wird sich diese Relation bis 2050 auf 1,8 zu 1 verändern. Das statistische Durchschnittsalter wird auf 55 Jahre steigen. Damit werden alle derzeitigen Entwürfe für die Rentenreform und die Sicherung der Gesundheitsversorgung Makulatur. Dies umso mehr, da die Lebenserwartung und damit auch die Zahl der alten Menschen noch weiter zunehmen werden.

Die wirtschaftlichen Konsequenzen der schnellen Verkleinerung des Binnenmarktes und der verringerten Nachfrage sind beängstigend. Die Zahl der Konsumenten nimmt um zirka 28 Prozent ab. Wenn heute in bestimmten Branchen der Wirtschaft die Nachfrage nur um zwei bis drei Prozent zurückgeht, folgen regelmäßig Schließungen von Unternehmen, Kurzarbeit oder Entlassungen.

Besonders schmerzlich werden die Auswirkungen auf den Immobilienmarkt und dem mit ihm verbun- denen Kapitalmarkt sein. Wegen der stark verringerten Nachfrage verlieren die Eigentumswohnungen und Häuser vieler Millionen Menschen ihren Wert und gehen als Sicherheit für den Kapitalmarkt verloren, von den Abschreibungsverlusten der Banken, deren Hypotheken nicht mehr bedient werden, ganz zu schweigen. Bei sinkendem Wohlstand und steigendem Bedarf der öffentlichen Finanzen wird die Generationensolidarität durch schwere Konflikte belastet werden. Vermutlich wird die Auswande- rung junger Menschen nach Nordamerika zunehmen. Als weiterhin wachsende dynamische Gesellschaft wird Nordamerika auch in Zukunft das Zentrum der Weltwirtschaft bleiben.

Durch gesteuerte sozialverträgliche Zuwanderung würde das Tempo des Bevölkerungsschwundes und seine sozialen und wirtschaftlichen Konsequenzen abgebremst und abgefedert werden. Nach den oben genannten Untersuchungen kann die Bevölkerungszahl Deutschlands bis 2050 durch eine jährliche Nettozuwanderung (d. h. bei Abzug der Abwanderung) von 350 000 bis 500 000 Menschen gehalten werden. Der Anteil der Ausländer an der Wohnbevölkerung stiege dabei je nach der Zahl der Einbürgerungen auf 22 bis 25 Prozent. Bei einer jährlichen Nettozuwanderung von 240 000 würde sich die Bevölkerung Deutschlands "nur" auf 70 Millionen verringern.

Zuwanderer gleichen ihr Reproduktionsverhalten schnell an das der "Einheimischen" an. So haben die in Deutschland lebenden Italiener und Spanier inzwischen noch weniger Kinder als die Deutschen. Die Geburtenrate der Türken Deutschlands nähert sich in schnellem Sinkflug von derzeit 1,7 dem statistischen Durchschnittsniveau der Deutschen von 1,3.

Die Alterung der Bevölkerung würde durch Zuwanderung weit weniger verzögert werden als der Bevölkerungsschwund, da auch Zuwanderer altern. Die Relation von erwerbstätiger Bevölkerung und Senioren würde sich bis 2050 durch eine Zuwanderung auch in dem oben beschriebenem Umfang statt auf 1,8 zu 1 nur auf 2,3 zu 1 ändern. Durch Steigerung der Zuwanderungsraten von anfänglich etwas niedrigeren auf später höhere Quoten und durch die Kombination mit einer leichten Anhebung der Geburtenhäufigkeit könnte sich die Verringerung der erwerbstätigen Bevölkerung im Verhältnis zu den Senioren bis 2050 statt von 1,8 zu 1 auf 3,0 oder 3,2 zu 1 angehalten werden.

Damit würde eine ganz wesentliche Abmilderung der wirtschaftlichen und sozialen Probleme erreicht, die sich ohne Zuwanderung einstellen werden. Langfristig wird die Verringerung und Alterung der Bevölkerung nicht aufzuhalten sein. Es geht aber jetzt darum, ihr Tempo zu verringern und kostbare Zeit für die Suche nach sozialverträglichen Lösungen zu gewinnen.

Damit wurde schon ausgesprochen, dass Zuwanderung mit einer innovativen energischen Familien- politik verbunden werden muss. Hierzu gehört vor allem der Ausbau des Betreuungsangebots für die Kinder berufstätiger Mütter nach den Mustern der skandinavischen Staaten und Frankreichs. Ihre höheren Geburtenraten sind Beispiele dafür, dass Berufstätigkeit und Erfüllung des Kinderwunsches trotz weit höherer Frauenbeschäftigungsquoten vereinbar sind. Der Aufbau einer wirklich wirksamen Familienpolitik wäre überaus kostspielig und wird daher ganz neue und tief greifende wirtschaftliche Umverteilungen notwendig machen. Er wird in einer Gesellschaft der "Singles", in der Familien mit Kindern schon seit längerem als politische Lobby eine ungeliebte Minderheit geworden sind, nur gegen hinhaltenden politischen Widerstand durchsetzbar sein.

Im innenpolitischen Streit über die bisherige und weitere Zuwanderung spielen Vergleiche mit anderen Staaten Europas eine wichtige Rolle. Noch mehr Ausländer seien den Deutschen nicht zumutbar, da die Bundesrepublik einen weit höheren Anteil von Ausländern aufgenommen habe als die anderen Aufnahmeländer Europas. Schon nach dem Anteil der Pass-Ausländer an ihrer Bevölkerung liegt die Bundesrepublik in Europa aber nur im oberen mittleren Bereich. Sie steht mit 8,9 Prozent zusammen mit Belgien an vierter Stelle hinter Luxemburg (32 Prozent), der Schweiz (19 Prozent - ohne Saison- arbeiter) und Griechenland (zehn Prozent). 

Bemerkenswert ist der hohe Anteil der Ausländer an der Bevölkerung der Schweiz, zumal in ihr erst jüngst durch einen Volksentscheid der Stopp weiterer Zuwanderung abgelehnt wurde. Nach ihren bisherigen jährlichen Zuwanderungsraten wird ihr Ausländeranteil bis 2050 noch auf über 30 Prozent zunehmen. Wie der bekannte Demograph Rainer Münz gezeigt hat, wird die Schweiz dadurch das Jahr 2050 trotz niedriger Geburtenzahlen in robuster demographischer Verfassung erreichen.

Wenn "Ausländer" nicht allem nach ihren Pässen, sondern auch nach der ausländischen Herkunft der Wohnbevölkerung definiert werden, fällt Deutschland in der Rangordnung der Aufnahmeländer Europas auch noch weit hinter Frankreich, Großbritannien und die Niederlande zurück. Ihre Zuwanderer kamen zum großen Teil aus ehemaligen Kolonialgebieten und wurden daher in der nationalen Statistik nicht unter der Rubrik "Ausländer" registriert. Zudem verringerte sich die Zahl ihrer Pass-Ausländer kontinuierlich durch großzügige Einbürgerungsregelungen. So beläuft sich inzwischen auch die Zahl der moslemischen Franzosen auf 5,5 Millionen bei einer Gesamtbevölkerung von nur 58 Millionen (Deutschland 2,3 Millionen Moslems, die meisten aber sind im Unterschied zu Frankreich nicht eingebürgert).

Als Ausländer werden in der Statistik der USA die im Ausland geborenen Menschen gezählt. Nach diesem Kriterium läge Deutschland mit einem Anteil von zwölf Prozent im Ausland geborener Menschen in der Tat leicht vor den USA (elf). Da dabei für Deutschland auch alle Personen, die in früheren deutschen Ostprovinzen und im Sudetenland geboren wurden, sowie die Volksdeutschen aus Polen, dem Gebiet der früheren Sowjetunion und dem Balkan als "Ausländer" mitgezählt werden, fährt auch der Vergleich mit den USA in der deutschen Debatte über Zuwanderung in die Irre. In ihm geht es letztlich immer um die Zahl ethnisch "nichtdeutsche" Zuwanderer.

In der Polemik gegen weitere Zuwanderung wurden zum Beleg, dass Deutschland von Zuwanderern und Asylbewerbern nachgerade überschwemmt sei - Innenminister Otto Schily: "Die Grenze der Belastbarkeit ist erreicht" -, wurden von prominenter Seite sogar getürkte Zahlen über den Umfang der bisherigen Zuwanderung in Umlauf gesetzt.

So behaupteten Bundesinnenminister Otto Schily und der bayerische Innenminister Günther Beckstein, der in der UN-Studie genannte Nettozuwanderungsbedarf Deutschlands von jährlich 500 000 liege noch unter der Zahl der bisherigen jährlichen Zuwanderung nach Deutschland. Beide Minister bezogen sich dabei aber nicht wie die UN-Studie auf die Nettozuwanderung, sondern auf bloße Einreisen ohne Berücksichtigung der Abwanderung. Tatsächlich waren in den Jahren, auf die sich die beiden Minister bezogen hatten, mehr Ausländer ab- als zugewandert.

Es ist auch noch zu erwähnen, dass sich die Zuwanderung nach Deutschland seit 1996 stark reduziert hat und für ein Land von 82 Millionen Menschen keine übermäßige Leistung darstellt. Der Nettowanderungsgewinn betrug im Gesamtsaldo seither jährlich lediglich zirka 100 000 (Rainer Münz). Er ging überwiegend auf das Konto deutschstämmiger Aussiedler und Kontingentflüchtlingen aus der früheren Sowjetunion. Schon seit längerem wandern jährlich mehr EU-Ausländer aus Deutschland ab als zu. Der Wanderungsgewinn aus türkischen Zuwanderern über Familiennachzug ist zuletzt pro Jahr auf ganze 20 000 Personen zusammengeschmolzen.

Die Märchen von der Überflutung Deutschlands durch Zuwanderer wurden ganz besonders durch die Polemik gegen das angebliche Übermaß der Gewährung von Asyl genährt. Zwar trifft es zu, dass Deutschland in Europa die größte Zahl von Asvlanten und Flüchtlingen aufnimmt. Gemessen an der Zahl seiner Bevölkerung und trotz seines Wohlstandes steht es damit jedoch inzwischen an der zwölften Stelle der Aufnahmeländer Europas. In den Medien wird nur selten zwischen Asylbewerbern und Flüchtlingen und der kleinen Zahl derer unterschieden, denen Asyl oder Abschiebeschutz eingeräumt wird. Ihre geringe Zahl - es sind jährlich nur zirka 3 000 bis 4 000 Personen, denen der Status des politischen Flüchtlings, und 30 000 Flüchtlinge, denen Abschiebeschutz gewährt wird -, gereicht Deutschland nicht zum Ruhme.

Die Geschichte der Zuwanderung nach Deutschland ist eine Geschichte des Kommens und Gehens. Seit dem Bau der Berliner Mauer als die Massenflucht aus dem Gebiet der früheren DDR beendet wurde, kamen mehr als 24 Millionen ausländische Zuwanderer nach Deutschland. Sie haben einen entscheidenden Beitrag zum wirtschaftlichen Aufbau und Wohlstand Deutschlands geleistet. Von den verbliebenen 7,9 Millionen sind etwa die Hälfte ehemalige Gastarbeiter oder deren Nachkommen. Die andere Hälfte kam überwiegend über Familiennachzug und zu einem geringen Teil als Flüchtlinge.

Gerade viele qualifizierte und erfolgreiche Zuwanderer sind heimgekehrt. Von Gastarbeitern wurde dies erwartet. Eine Integrationspolitik z. B. zur Hilfe beim Erlernen der deutschen Sprache gab es, wenn überhaupt, nur in minimalem Umfange. Da die Gastarbeiter primär für manuelle Tätigkeiten in alten Industrien angeworben worden waren, wurden sie und ihre Kinder von den Folgen der Mechanisierung und Globalisierung, von Arbeitslosigkeit und soziale Desorientierung, besonders hart getroffen.

Bei der Kritik an den geringeren schulischen Erfolgen ihrer Kinder im Vergleich mit den Durchschnitts- werten aller Kinder wird vergessen, dass es sich hier um typische Phänomene benachteiligter Unter- schichten handelt, die sich auch in ähnlichen deutschstämmigen Milieus finden lassen. Dass die Chancen auf Sekundarschulabschlüsse oder von Hochschulstudien nicht nur für Kinder von Auslän- dern, sondern auch für deutsche Arbeiterkinder schlechter sind als für die Kinder von Akademikern, nicht weil sie weniger begabt, sondern weil ihre sozialen Rahmenbedingungen ungünstiger sind, ist aus vielen Studien zuletzt auch aus der Pisa-Studie bekannt.

Bis 1990 gab es für Ausländer für die Einbürgerung, d. h. für die Möglichkeit, staatsrechtlich Deutscher zu werden und sich mit Deutschland auch politisch identifizieren zu können, keinen Rechtsanspruch. Erst unter dem damaligen Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble wurde ein Recht auf Einbürgerung für Zuwanderer nach 17-jährigem Aufenthalt und makelloser Lebensführung Gesetz.

Zuletzt wurde 1999 im neuen Ausländergesetz der Regierung Schröder die notwendige Aufenthalts- dauer für das Recht auf Einbürgerung auf acht Jahre herabgesetzt, was immer noch über dem in den meisten anderen Staaten Europas üblichen Niveau von fünf Jahren liegt.

Die lange Geschichte versäumter Integrationspolitik war seit 1990 eingebettet in eine wachsende feindliche Stimmung gegen Ausländer bis hin zu zahlreichen kriminellen Übergriffen. Zunächst noch mit Lichterketten beantwortet, gehören heute Übergriffe gegen Ausländer zum Alltag und werden ähnlich wie Verkehrsunfälle als normales Geschehen registriert. Daher war es zunächst eine positive Gegen- bewegung, dass seit dem Bericht der Süssmuth-Kommission und dem von Minister Otto Schily vorgeschlagenen Zuwanderungsgesetz die Forderung nach "Integration" der Zuwanderer in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung über die Ausländerpolitik rückte. Weitere Zuwanderung, so hieß es jetzt, sei nur bei ihrer Integration in die deutsche Gesellschaft zu verantWorten.

Zugleich blieb damit aber die geforderte Integration für viele wieder eine einseitige Bringschuld der Zuwanderer. Die Versäumnisse der Deutschen wurden wenig oder gar nicht zur Kenntnis genommen. Weitere Zuwanderung wurde unter dem Druck der Wirtschaft lediglich für fehlende Spitzenkräfte der "Hightechbereiche" akzeptiert. Dies geschah, obwohl regionale und sektorale Defizite des Angebots von Fachkräften durch Deutsche trotz einer Arbeitslosenzahl von vier Millionen nicht gedeckt werden können und sich diese Defizite auch bei bedeutenden Erfolgen der Umschulung und Fortbildung schon bald vergrößern müssen, wenn ab 2005 zahlenmäßig halbierte Jahrgänge in das Berufst leben einrücken werden. Bereits 2001 gab es in Deutschland mehr Lehrstellen alt Lehrstellenbewerber.

Während der Süssmuth-Bericht noch vorsichtig demographische Aspekte berücksichtigt hatte, wurden diese im Zuwanderungsgesetz Otto Schilys nicht einmal mehr erwähnt. Die Mehrheit der Zuwanderer soll nach dem neuen Gesetz nur für jeweils drei Jahre angeworben werden. Eine Abschiebung ist auch schon vor Ablauf dieser Zeit möglich. Dies ist eine Neuauflage der alten, jetzt noch verschärften Gastarbeiterpolitik. Über deren extrem negative Wirkung für Integration sind sich alle Experten einig. Nur eine Minderheit der Menschen, die unter solchen Bedingungen nach Deutschland kommen, wird sich mit ihm als ihrer zukünftigen Heimat identifizieren können oder wollen.

Die Daten der eingangs zitierten Vorausberechnungen zur Bevölkerungsentwicklung dürften inzwischen den politischen Führungsstäben bekannt sein. Dennoch werden sie in einer Art kollektiven Realitätsverweigerung und Vogel-Strauß-Politik nicht zum Gegenstand politischen Handelns oder eines ihrer existenziellen Bedeutung für die Nation angemessenen öffentlichen Diskurses. Zuwanderung in Verbindung mit einer energischen Familienpolitik wären die einzig denkbaren Möglichkeiten der Gegensteuerung.

Aus Furcht vor Wählerverlusten sind sie ungeliebte Themen. Darüber hinaus ist ihre Zurückweisung in tief sitzenden ideologischen Überlieferungen völkischen Denkens und dessen trügerischen Bildern einer angeblich konfliktfreien ethnisch homogenen Gemeinschaft der Deutschen verankert. Fremde werden als Gefährdung der angeblichen Homogenität Deutschlands gesehen. Für sie ist in Deutschland kein Platz. Bemerkenswert sind dabei die unermüdlichen und vielfältigen Defensivstrategien gegen Zuwanderung und Familienpolitik. Bei Familienpolitik heißt es, sie komme zu spät, bringe wenig oder nichts. Bei Zuwanderung wird darauf abgehoben, dass sie keine Lösung sein könne (oder dürfe), da auch Zuwanderer zu wenig Kinder bekämen. In der Gesamtbilanz läuft dann alles darauf hinaus, nichts zu tun. Damit wird das zentrale existenzielle Problem der Zukunft Deutschlands immer wieder aus dem öffentlichen Diskurs verdrängt.

Dazu kommt häufig eine gehörige Portion Ignoranz. In einer Diskussion mit dem Verfasser polemisierte ein prominenter Politiker gegen weitere Zuwanderung. Sie sei den Stammtischen nicht zu vermitteln. Im Übrigen mache es doch nichts aus, wenn die deutsche Bevölkerung bis 2050 auf 70 Millionen zusammenschmelze. Ihm war nicht bewusst, dass, wie schon erwähnt, auch diese Ziellinie eine jährliche Nettozuwanderung von 240 000 Menschen erforderlich machen würde. Ohne echte Öffnung für Einwanderung, d. h. ohne Gewährung von Daueraufenthalten mit der Möglichkeit langfristiger Lebensplanung würde wegen der hohen Rückwanderungsquote bloßer Gastarbeiter sogar eine jährliche Bruttozuwanderung von mindestens 500 000 notwendig. Die Verlängerung der Lebens- arbeitszeit zur Bewältigung der Rentenproblematik kann nur kurzfristig und in sehr begrenztem Umfange eine Entlastung bringen.

Dies gilt noch mehr für die in der UN-Studie zur Sicherung der Renten bis 2050 erwähnte Hochsetzung der Lebensarbeitszeit der Männer auf 74 Jahre bei einer vermuteten Lebenserwartung von 75 Jahren. Die Leiterin des Bundesamtes für Bevölkerungsforschung brachte es fertig, diesen Vorschlag des Arbeitens bis zum nahen Tode als richtungsweisende Anregung und mögliche Alternative zur Zuwanderung zu reklamieren.

Charakteristisch für die kollektive Verdrängungsmentalität ist ferner, dass sich die Debatte über die Bevölkerungsentwicklung, soweit sie überhaupt geführt wird, in der Regel auf den Zeitraum bis 2050 beschränkt. Ohne massive Zuwanderung und flankierende Geburtenpolitik würde die Bevölkerung Deutschlands schon 2075 auf 44 Millionen zurückgehen und das Durchschnittsalter bei bald 60 Jahren liegen. Nicht viel später wird die Geschichte der deutschen Nation durch Eintritt ins Nirwana enden. Auch in der indischen Mythologie ist der Weg ins Nirwana kein Weg des Glücks, sondern ein Weg des Leides.

Bei den Forderungen nach besserer Integration der Ausländer blieb der Begriff Integration selbst unbestimmt und diffus. Die meisten meinten wohl mit Integration die Assimilierung der Ausländer, ihre Einschmelzung in die deutsche Gesellschaft mit folgendem Unsichtbarwerden. Solche Vorstellungen von Integration können von vielen Zuwanderern schon auf Grund ihrer physischen Eigenschaften und kulturellen Überlieferungen nicht erfüllt werden. Die Übernahme der Sprache des Aufnahmelands, die Angleichung sozial und kulturell geprägter Verhaltensweisen an die Mehrheitsgesellschaft sind in Einwanderergesellschaften meist ein mehrere Generationen dauernder komplexer Prozess.

Zeitlich kurzfristige und unrealistische Perspektiven und Postulate für Integration im Sinne einer Einschmelzung der Zuwanderer in die einheimische Mehrheit, verstärken daher zwangsläufig negative Einstellungen zu Fremden und hemmen ihre staatsbürgerliche Integration. Sie blockieren gerade auch innerhalb der zugewanderten Ethnien eine freiwillige evolutionäre Eingliederung. Nach Jahrzehnte langem Desinteresse an der politischen Integration der Zuwanderer in der Tradition des Gastarbeiter- modells darf ihnen heute nicht nachträglich unterstellt werden, sie seien weder willens noch fähig, sich in die Gesellschaft Deutschlands einzugliedern.

Die mangelnde Assimilation wurde ein Postulat, mit dem nicht nur gegen die Integrationsbereitschaft der Zuwanderer, sondern auch gegen die Öffnung für weitere Zuwanderung polemisiert werden konnte. Wenige nur stellten sich die Frage, was denn ein "integrierter Deutscher" sei.

Angesichts der ständig zunehmenden Pluralisierung der deutschen Gesellschaft, ihren unzähligen ParalleIgesellschaften von Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebenswelten kann diese Frage nicht beantwortet werden. Ihre Beantwortung würde sich zudem gegen den normativen Kern des Grund- gesetzes, der in ihm gewährten individuellen Freiheit der Weltanschauung und des religiösen Bekennt- nisses richten. Nach dem Grundgesetz darf die individuelle kulturelle Identität deutscher Staatsbürger vom Staat politisch und gesetzlich nicht normiert werden. Ein Deutscher darf nach dem Grundgesetz Christ, Buddhist, Moslem oder konfessionslos sein, er kann sich als Bayer oder Norddeutscher definieren, er kann für oder gegen die Regierung sein und hat im Rahmen des Grundrechts auf freie Meinungsäußerung sogar einen weiten Spielraum für Fundamentalkritik an unseren politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Gegebenheiten. AB diese Rechte müssen auch neuen Bürgern eingeräumt werden.

In vielen Köpfen steckt immer noch das Bild einer nie vorhanden gewesenen homogenen deutschen Einheitskultur Daher gilt es in Deutschland immer noch als Ärgernis, wenn Zuwanderer in bestimmten städtischen Wohngebieten ihre Sprachen sprechen und dort sogar zur Mehrheit werden. In Einwande- rungsländern wird dies als selbstverständliche Begleiterscheinung von Zuwanderung hingenommen. Erst mit der Akzeptanz kultureller Vielfalt durch die Bürger und wenn den Zuwanderern vermittelt wird, dass sie willkommen sind, können aus ursprünglich fremden Neubürgern Patrioten werden.

Der Erwerb von Kenntnissen der deutschen Sprache ist für den beruflichen Erfolg der Zuwanderer und ihrer Kinder sicher wichtig; bewirkt aber wie die negativen Beispiele in Deutschland ausgebildeter Terroristen zeigen, noch lange keine Identifikation mit Deutschland. Und dies, die politische Identifi- kation der Zuwanderer mit Deutschland als "ihrem" Staat und "ihrer" rechtlichen und politischen Ordnung, muss das vorrangige Ziel der Integration sein.

Die Zuwanderung wird in Deutschland wie in den anderen europäischen Staaten zur Auflösung früherer ethnischer Gemeinsamkeit führen. Das soziale und kulturelle Profil der Bevölkerung Deutsch- lands wird sich tief greifend andern. Die "Deutschen" werden in einigen Städten ähnlich zur Minderheit werden wie die Angelsachsen in amerikanischen Städten. Dabei drängt die Zeit, gerade wenn bisherige kulturelle Überlieferungen erhalten werden sollen. Mit jedem Jahr verkleinerter Schulklassen nimm die Integrationskraft des überlieferten Deutschlands ab.

Die Weltbevölkerung wird sich in den nächsten 50 Jahren nochmals verdoppeln. Die Mobilität der Menschen wird mit wachsenden Bildungserfolgen der außereuropäischen Welt zunehmen. Daher wird der Zuwanderungsdruck auf Europa und Deutschland zunehmen. Die Annahme, dass ein sich entleerendes und alterndes Europa diesem wachsenden Druck politisch widerstehen kann ist naiv.

Gaben, die nicht aus eigenem Wollen, sondern unter Zwang gegeben werden müssen, verlieren ihren Wert für die Beschenkten. Zuwanderung kann mit schweren sozialen und kulturellen Konflikten verbunden sein. Sie sollte daher gesteuert und sozialverträglich gestaltet werden. Aber nur mit Hilfe der Zuwanderung können die wirtschaftliche Leistungskraft und der Wohlstand Europas und Deutschlands gesichert werden. Die Alternative wären überdimensionierte, verarmte, keineswegs friedliche, sich über die Zeit immer mehr leerende Altersheime. Weitere Abschottung, um sich die möglichen Konflikte einer Einwanderungsgesellschaft zu ersparen, ist ein unverantwortliches Votum gegen die Zukunftsfähigkeit Deutschlands und Europas.

(Dieter Oberndörfer: Nur Zuwanderung sichert den Wohlstand Deutschlands. In: Frankfurter Rundschau vom 21. Januar 2002, S. 8.)
 


 
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