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Gesinnungs- und Verantwortungsethik
 
 

Text 1

Gesinnung und Verantwortung


"Verantwortung" ist ein großes Wort, dessen Konjunktur im gegenwärtigen öffentlichen Diskurs man nicht immer ohne Beklemmung zur Kenntnis nehmen kann [...] Bei der Diskussion der Frage, wie weit dieser Begriff denn nun eigentlich trägt kann es hilfreich sein, an die Bedeutung des Begriffs in einem Theoriezusammenhang zu erinnern, der schon vor einiger Zeit vorgestellt wurde: die Unterscheidung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik bei Max Weber.

Webers Theorem von der Gesinnungs- und Verantwortungsethik

Die bekannteste Stelle, an der Weber die Unterscheidung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik vorstellt, findet sich in dem Text "Politik als Beruf" (Weber 1919), dem Nachdruck eines rhetorisch brillanten Vortrags vor Studenten der Münchner Universität. Weber behandelt zunächst soziologisch- analytisch die Grundlagen politischen Handelns in einem Parteienstaat und in einem zweiten Teil in zupackender, oft sarkastischer Weise die Probleme einer politischen Ethik - vor dem Hintergrund der aktuellen Situation in Deutschland Anfang 1919 - und kommt schließlich zu dem Ergebnis: "Wir müssen uns klarmachen, daß alles ethisch orientierte Handeln unter zwei voneinander grundverschiedenen, unaustragbar gegensätzlichen Maximen stehen kann: es kann ‚gesinnnungsethisch‘ oder ‚verantwor- tungsethisch‘ orientiert sein. Nicht daß Gesinnungsethik mit Verantwortungslosigkeit und Verantwor- tungsethik mit Gesinnungslosigkeit identisch wäre. Davon ist natürlich keine Rede. Aber es ist ein abgrundtiefer Gegensatz, ob man unter der gesinnungsethischen Maxime handelt - religiös geredet -: ‚Der Christ tut recht und stellt den Erfolg Gott anheim‘ oder unter der verantwortungsethischen: daß man für die (voraussehbaren) Folgen seines Handelns aufzukommen hat" (Weber 1919, S. 174f.). Als Beispiele für gesinnungsethische Orientierung greift Weber neben den schon erwähnten religiösen Denkfiguren auf den revolutionären (Anarcho-)Syndikalismus zurück. "Man mag einem überzeugten gesinnungsethischen Syndikalisten noch so überzeugend darlegen, daß die Folgen seines Tuns die Steigerung der Chancen der Reaktion, gesteigerte Bedrückung seiner Klasse, Hemmung ihres Aufstiegs sein werden, - und es wird auf ihn gar keinen Eindruck machen" (a.a.O., S. 175). "Gesinnungs- ethisch" ist eine Handlung dann, wenn ihr Vollzug die unmittelbare Erfüllung eines absoluten moralischen Gebotes ist. "Unmittelbar" bedeutet, daß eine Kalkulation der Folgen der Handlung hinsichtlich des Ethos, dem die Handlung entspringt, zu vernachlässigen, wenn nicht unstatthaft ist. Die Bewährung oder Erfüllung der gesinnungsethisch orientierten Handlung liegt in der Handlung selbst, die ja unmittelbar Ausfluß der Gesinnung ist. Als "verantwortungsethisch" ist eine Handlungsmotivation dann zu charakterisieren, wenn in die Legitimation der Handlung neben der Überzeugung von der Sittlichkeit des zugrundeliegenden Prinzips oder Ziels auch die Kalkulation und ethische Bewertung der (erwünschten oder unerwünschten) Folgen des Handelns mit eingehen.

Da Handlungen nun allemal in den komplexen gesellschaftlichen Kausalzusammenhang eingebunden sind, kann auch der Gesinnungsethiker nicht leugnen, daß seine Handlungen wiederum Anlaß für Handlungen Dritter sind; allerdings verweigert er die Zurechnung dieser Handlungen als Folge seiner (Gesinnungs-) Handlung. "Wenn die Folgen einer aus reiner Gesinnung fließenden Handlung üble sind, so gilt ihm nicht der Handelnde, sondern die Welt dafür verantwortlich, die Dummheit der anderen Menschen oder - der Wille des Gottes, der sie so schuf. [...] ‚Verantwortlich‘ fühlt sich der Gesinnungsethiker nur dafür, daß die Flamme der reinen Gesinnung, die Flamme z. B. des Protestes gegen die Ungerechtigkeit der sozialen Ordnung, nicht erlischt. Sie stets neu anzufachen, ist der Zweck seiner, vom möglichen Erfolg her beurteilt, ganz irrationalen Taten, die nur exemplarischen Wert haben können und sollen" (ebenda). Verantwortungsethisches Handeln hingegen ist dadurch gekennzeichnet, daß die Folgen des Handelns mit zum Handlungsentwurf gehören, d. h. auch der Legitimationspflicht unterliegen. Das gilt auch dann, wenn vorhersehbar ist, daß ein ethisch anspruchsvolles Handlungsziel nicht verwirklicht werden kann, weil die gesellschaftliche Umwelt diesen ethischen Standards nicht gewachsen ist: "Der Verantwortungsethiker dagegen rechnet mit eben jenen durchschnittlichen Defekten des Menschen, - er hat, wie Fichte richtig gesagt hat, gar kein Recht, ihre Güte und Vollkommenheit vorauszusetzen, erfühlt sich nicht in der Lage, die Folgen eigenen Tuns, soweit er sie voraussehen konnte, auf andere abzuwälzen. Er wird sagen: diese Folgen werden meinem Tun zugerechnet" (ebenda).

Der Unterschied zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik

Worin besteht nun der Kern der Differenz zwischen Verantwortungs- und Gesinnungsethik? Der (reine) Gesinnungsethiker unterstellt etwas, was der üblichen Logik menschlichen Handelns widerspricht: Die Möglichkeit, sich aus dem Kausalzusammenhang gesellschaftlicher Handlungen gleichsam "auszuklin- ken". Noch bevor die Frage nach der Übernahme von Schuld für die Folgen einer gesinnungsethisch motivierten Handlung diskutiert werden kann, ist dieser Diskussion der Boden entzogen durch die schlichte Verweigerung der bloßen Zurechnung der Folgen. Diese Differenz von "kausaler Zurechnung" und "Schuldzuschreibung" ist im modernen Gebrauch des Wortes "Verantwortung" verlorengegangen; in der Tradition der vorkantischen Schulphilosophie des 18. Jahrhunderts wurden in den moral- philosophischen Lehrbüchern noch verschiedene Arten der Verantwortung ("lmputation") unter- schieden. "lmputation heißt nemlich das Urtheil, wodurch bestimmt wird, ob einem eine Handlung zugerechnet werden könne, und was sie verdiene. Wenn man die Anwendungen dieses Wortes zusammennimmt: so können eigentlich dreyerley Urtheile dabey vorkommen. Eines, so bestimmt, ob einem überhaupt die That zugerechnet werden könne (Imputatio facti); ein anderes, so den Grad der Schuld oder des Verdienstes, den moralischen Werth bestimmt (Imputatio legis de merito vel culpa); ein drittes, so Strafe oder Belohnung bestimmt. (Imputatio legis de poena vel praemio.)" (Feder 1773, S. 153). Gesinnungsethiker verweigern also - nach diesem Sprachgebrauch - bereits die "imputatio facti" und damit jede Möglichkeit der moralischen Erörterung der Handlungsfolgen.

Diese Haltung wirft in mehrfacher Hinsicht Fragen auf, die hier nur als Problemfelder benannt werden können.

  1. Was die soziologische bzw. sozialpsychologische Genese dieser Haltung betrifft, macht Weber nur Andeutungen: "Der Gesinnungsethiker erträgt die ethische Irrationalität der Welt nicht (Weber 1919, S. 175). Diese Bemerkung verweist auf den größeren Zusammenhang der Analyse religiöser Handlungsmotive und Sinnzusammenhänge - vom Theodizee-Problem (vgl. ebenda) bis zu unterschiedlichen Formen religiöser Weltablehnung (vgl. Weber 1916) - und macht in diesem Kontext auch verständlich, warum gesinnungsethische Denkmodelle besonders in sozialen Krisenzeiten Konjunktur haben (vgl. Weber 1919, S. 179).
  2. Die Möglichkeit der Rationalisierung von Handlungsentwürfen durch sozialwissenschaftliche Forschung scheidet bei der gesinnungsethischen "Weltverleugnung" völlig aus: Während das verantwortungsethische Kalkül der Handlungsfolgen und -nebenfolgen von empirischen Annahmen über Handlungskonsequenzen und deren Wahrscheinlichkeiten ausgeht, die sozialwissenschaftlicher Erforschung prinzipiell zugänglich sind (vgl. Weber 1917, S. 273ff.), und Soziologie insofern die Rationalität der Entscheidungen beeinflussen kann (allerdings ohne Urteile über die letzte moralische Qualität der Handlungsziele abgeben zu können), ist gesinnungsethisches Handeln gegen soziologische Aufklärung grundsätzlich resistent, da möglicherweise aufklärbare Folgen gar nicht erst in den Blick geraten.
  3. Die politischen Konsequenzen der gesinnungsethischen Verleugnung des gesellschaftlichen Handlungszusammenhangs sind ein wesentlicher Gegenstand des Vortrags "Politik als Beruf"; Weber analysiert in fulminanter Weise und gelegentlich überaus sarkastisch die politische Praxis gesinnungsethischer Ideologien, wenn sie denn die politische Macht errungen haben (etwa den Umstand, daß die "herrschend gewordene Gefolgschaft eines Glaubenskämpfers [...] besonders leicht in eine ganz gewöhnliche Pfründnerschicht zu entarten" pflegt - Weber 1919, S. 18 1).
Konsequenzen

Worin besteht der theoretische Ertrag, die epistemologische Leistung von Webers Unterscheidung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik? Festzuhalten ist zunächst, was die Unterscheidung nicht leistet. Sie impliziert weder eine materiale "Ethik der Verantwortung" noch ist sie ein Beitrag zur praktischen Philosophie - obwohl eine gewisse Affinität zu Grundorientierungen der kantischen Moralphilosophie unübersehbar ist (vgl. bes. Weber 1917, S. 270ff.). Der Begriff der Verantwortung, wie ihn Weber verwendet, ist kein aufgeblähtes Mysterium (die Form, in der er etwa in der Geisteswissenschaftlichen Pädagogik Karriere machte), sondern beschreibt schlicht die Tatsache der Zurechnung von Handlungen durch Dritte und den Handelnden selbst auf den Dimensionen der faktischen Verursachung und von Schuld oder Verdienst. Schließlich wird damit auch kein Problem der politischen Ethik gelöst; Weber betont sogar immer wieder die Grenzen der Ethik in der Politik, z.B. daß der Wert der "Gerechtigkeit" zwar ethisch zu begründen, die Modalitäten der Verwirklichung dieses Wertes durch politisches Handeln in einer bestimmten Gesellschaft aber keineswegs von der Ethik entscheidbar sind (vgl. z.B. Weber 1917, S. 269).

Was also leistet Webers Konzept? Es liefert ein Instrument zur Beschreibung und Analyse von typischen Formen ethischer Argumentationen und ihrer Folgen in der Gesellschaft; es hilft, Unterscheidungen zu treffen und Zusammenhänge zu begreifen. Nach den Kriterien der Wissenschaftslehre Webers sind "gesinnungsethisches" und "verantwortungsethisches" Handeln "ldealtypen", gedankliche Konstruktionen, die es ermöglichen, zunächst unklare Vorgänge in der sozialen Wirklichkeit zu veranschaulichen und verständlich zu machen (vgl. Weber 1904, S. 234ff.). Das Kriterium für ihre Gültigkeit liegt in ihrem Erklärungswert, dem Erfolg für die Erkenntnis konkreter Kulturerscheinungen in ihrem Zusammenhang, ihrer ursächlichen Bedingtheit und ihrer Bedeutung" (a. a. O., S. 237). Das heißt: In der undurchsichtigen Gemengelage von politischen Programmen, Parolen und Standpunkten, die alle mit dem Anspruch einer ethischen Fundierung auftreten, kann die idealtypische Konstruktion helfen, Unterscheidungen zu treffen, Gruppen von typischen Argumentationen zu identifizieren und nach Kriterien zu vergleichen. Dabei ist durchaus impliziert, daß in der Regel keine "reinen" Fälle von gesinnungs- und verantwortungsethischen Positionen auftreten, sondern durchaus Mischformen vorkommen können; Weber meint sogar, daß "Gesinnungsethik und Verantwortungsethik nicht absolute Gegensätze (sind), sondern Ergänzungen, die zusammen erst den echten Menschen ausmachen" (Weber 1919, S. 184).

Von der Reinheit der Gesinnung

An einem aktuellen Beispiel soll versucht werden zu zeigen, daß die Webersche Unterscheidung von Nutzen (im Sinne der Klarheit und logischen Durchdringung von politisch-ethischen Argumentationen) sein kann. Der letzte (vermutlich leider nicht allerletzte) Golfkrieg führte zu einer unerwarteten, moralisch hoch aufgeladenen Diskussion über die Legitimation des militärischen Einsatzes der westlichen Alliierten unter Führung, der Amerikaner. Auch an den Hochschulen bestand ein reges Interesse an dieser Legitimationsdiskussion, wobei ein hoher Anteil von engagierten Studierenden mit Leidenschaft und großem Ernst die These vertrat, eine militärische Intervention (oder in ihren Worten und weniger technisch: der Beginn eines Krieges) sei grundsätzlich nicht zu rechtfertigen. Dieser gesinnungsethische Pazifismus hatte einen großen immanenten Vorteil: die "Reinheit", mit der seine Verfechter das allgemein akzeptierte Gebot der Gewaltlosigkeit im mitmenschlichen Umgang vertraten, indem sie keinerlei Ausnahmen davon zuließen und dementsprechend die Sicherheit des guten Gewissens angesichts der absoluten Lauterkeit der eigenen Motive und der Entschiedenheit, mit der sie in Diskussionen, Aktionen, Mahnwachen usw. demonstriert wurden. Oft war das Argument zu hören: "Wenn mich meine Kinder einmal fragen, wie ich mich dazu verhalten habe, will ich mich nicht schämen müssen" (ergänze: wie die eigenen Eltern bei Fragen nach der Nazi-Zeit).

Die Differenz zu einer verantwortungsethischen Position läßt sich hier gut verdeutlichen. In dem Moment, wo man auch nur die Frage zuläßt: Was sind die Folgen meiner unbestreitbar lauteren ethischen Überzeugung (z.B. für die israelische Bevölkerung), gerät man in eine überaus unerfreuliche, schwierige Diskussion über ethische Ziele und das Mittel der Gewaltanwendung zu ihrer Durchsetzung und über die Legitimation der Mittel angesichts der Ziele; die Reinheit der Gesinnung gerät dabei durchaus in Gefahr, und am Ende kann man zu Ergebnissen kommen, die keine Schuldlosigkeit und auch kein gutes Gewissen mehr zulassen, aber dennoch gerechtfertigt sind. Damit soll nun keineswegs behauptet werden, eine "verantwortungsethische" Argumentation hätte automatisch zur Legitimation des alliierten Militäreinsatzes führen müssen; denkbar wäre auch, daß man alle möglichen Folgen und Nebenfolgen abwägt und dennoch zu der Entscheidung kommt, der Militäreinsatz sei nicht zu rechtfertigen. Die entscheidende Differenz zum gesinnungsethischen Pazifismus liegt nicht im Ergebnis, sondern im Horizont der Fragen und Argumente, die bei der ethischen Entscheidungsfindung zugelassen sind.

Die Formel "Kein Blut für Öl" symbolisiert in zugespitzter Form beide Möglichkeiten. Gesinnungsethisch begründet, bedeutet sie: Kein Blutvergießen für irgendein denkbares politisches oder ökonomisches Ziel (und so war sie wohl überwiegend gemeint). In einem verantwortungsethischen Kontext könnte sie einen anderen Sinn haben: Kein Blutvergießen für die Interessen der westlichen Industrienationen an den Ölvorkommen im Nahen Osten, aber vielleicht doch Blutvergießen dafür, daß die Israelis vor der offen angekündigten Vernichtung bewahrt werden, oder dafür, daß die Souveränität des überfallenen Nachbarlandes wiederhergestellt wird.

Der Schluß, den Weber aus alledem für den ethischen Habitus dessen gezogen hat, der "Politik als Beruf" betreibt (und das war ja der Anlaß der Erörterung), klingt ebenso pathetisch wie ernüchternd: "die geschulte Rücksichtslosigkeit des Blickes in die Realitäten des Lebens, und die Fähigkeit, sie zu ertragen und ihnen innerlich gewachsen zu sein" (a. a. O., S. 183).

(Peter Vogel: Gesinnung und Verantwortung. In. Friedrich Jahresheft 1992, S. 36 - 38.)
 
 

Literaturhinweise

Weber, M.: Soziologie. Weltgeschichtliche Analysen. Politik. Hrsgg. v. J. Winckelmann. Stuttgart 1968.

Weber, M.: Die Objektivität sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis (1904). Unter dem Titel: "Die Objektivität sozialwissenschaftlicher Erkenntnis" in: Weber 1968, S. 186 - 262.

Weber, M.: Die Wirtschaftsethik der Weltreligionen (1916). Auszug unter dem Titel "Richtungen und Stufen religiöser Weltablehnung" in: Weber 1968, S. 441 - 482.

Weber, M.: Der Sinn der Wertfreiheit der soziologischen und ökonomischen Wissenschaften (1917). Unter dem Titel: "Der Sinn der Wertfreiheit der Sozialwissenschaften" in: Weber 1968, S. 263 - 310.

Weber, M.: Politik als Beruf (1919). Auszug unter dem Titel: "Der Beruf zur Politik" in: Weber 1968, S. 167 - 185.

Feder, J. G. H.: Lehrbuch der praktischen Philosophie. Göttingen und Gotha 1773.


 
 
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