Fachmethoden Wirtschaft/Politik
 

Analyse von Tabellen und Graphiken

Möglichkeiten und Gefahren der Verwendung von Diagrammen

Diagramme stellen häufig komplizierte Sachverhalte in einfachen grafischen Formen dar. Weil sie so eindeutig, übersichtlich, grafisch einfach und klar gehalten sind, sind sie ein beliebtes Mittel zur Veranschaulichung, als Verständnishilfe und als Medium zum Einprägen und Behalten. Es erhebt sich jedoch die Frage, ob die Gesichtspunkte der Einfachheit, der Eindeutigkeit und Übersichtlichkeit nicht auch manchmal Gefahren für einen sachgemäßen Umgang mit historischen Problemen und für eine angemessene Erkenntnis mit sich bringen können.

Die statistische Auflistung, die tabellarische Zusammenfassung und die grafische Darstellung heben immer nur einzelne Aspekte aus einem komplizierteren Zusammenhang hervor. Man kann hier von einer inhaltlichen Vereinfachung sprechen, die noch durch die Darstellung mit einfachen grafischen Symbolen verstärkt wird. Man muß sich also davor hüten, so zu tun, als habe man mit einem Diagramm das ganze Problemumfeld abgehandelt. Vielmehr sind gerade dann Gefahren zu bedenken, wenn anhand eines Diagramms nur ein bestimmter Aspekt des dargestellten Problemzusammenhangs, wie z. B. die Verfassungstreue von politischen Parteien, hervorgehoben wird. Im schlimmsten Fall kann dies sogar zur Verkürzung, Verzerrung oder gar zur Verfälschung ausarten, wenn im Bemü- hen um Verallgemeinerung und eine besonders pointierte Darstellung jegliche inhaltliche Differenzierung unterbleibt. [...]

Diagramme werden dadurch historische Diagramme, daß eine Achse des Koordinatensystems eine Zeitachse oder ein Zeitstrahl zum Abtragen von Zeitpunkten und zur Darstellung von Zeiträumen ist. Die Qualität einer grafischen Darstellung als wirkliches historisches Diagramm hängt davon ab, ob Zeitabläufe oder Zeiträume bestimmter Dauer auch grafisch angemessen präsentiert werden. Oft sind die Werte für bestimmte Erscheinungen, die zeitlich unterschiedlich voneinander entfernt sind, auf der Zeitachse mechanisch in gleichen räumlichen Abständen abgebildet. Wenn dies geschieht, kann man kaum angemessene Vorstellungen von der unterschiedlichen Dauer verschiedener Entwicklungen erhalten. Es ist deshalb besser, die Ereignisse auf dem Zeitstrahl so anzuordnen, daß die räumlichen Abstände auf dieser Achse etwa proportional zu den gemeinten zeitlichen Abständen sind. Nur so lassen sich längerfristige Trends und kurzfristige Veränderungen unterscheiden und bedenken.

Diagramme dienen dazu, bestimmte Sachaussagen besonders deutlich hervorzuheben. Insbesondere bei den Kurven- und Säulendiagrammen kann durch die Wahl der Maßeinheiten auf beiden Koordinatenachsen die Aussage akzentuiert werden. Bei den Säulendiagrammen wird durch die Festlegung der Maßeinheiten die Höhe der Säulen und ihr Verhältnis zueinander bestimmt. Infolge dieser vermeintlich rein technischen Entscheidung wird ein sehr deutlicher Eindruck von bestimmten Größenverhältnissen vermittelt. Durch die Wahl der Maßeinheiten wird im Kurvendiagramm der Winkel beim Anstieg oder Abstieg der Kurven festgelegt. Durch den visuellen Eindruck, wie stark eine Kurve nach unten oder oben ausschlägt, kann diese Art der Übersteigerung dazu führen, daß ein Diagramm nicht nur interpretiert, sondern darüber hinaus sogar indoktriniert, indem es etwa die Übermächtigkeit einer Erscheinung einredet. Eine weitere Akzentuierung ergibt sich dadurch, ob man die Sachaussagen durch absolute Mengenwerte oder durch relative Zahlenwerte (Prozentangaben) veranschaulicht. Prozentdarstellungen sind optisch geschlossen, übersichtlich und leicht für Vergleiche zu verwenden. Die Darstellung absoluter Größen ist vorzuziehen, wenn bei Prozessen die Veränderung der absoluten Werte und nicht nur ihr Verhältnis zueinander besonders wichtig ist.

Weil Diagramme sich an quantitativ meßbaren Werten orientieren, erwartet man allgemein, daß sie auch aus sich heraus die innere Struktur eines Inhalts mit sachgerechter Objektivität erfassen. Diagramme sind jedoch nicht ge- nerell objektiv, sondern enthalten sehr oft eine ganz bestimmte Perspektive. Ein Diagramm beruht ja immer auf der Interpretation dessen, der es entwickelt. Die hier gemeinte Perspektivität äußert sich beispielsweise bereits darin, welche Vergleichsgrößen, z. B. Parteien, nebeneinander angeordnet werden, welche Farben gewählt werden, die eine besondere Gedankenverbindung herstellen (z. B. KPD und SPD = rot in Abstufungen, NSDAP = braun), welche gleichen Farben oder Schraffuren für ganz unterschiedliche Sachverhalte verwandt werden. [...]

Wenn Sie selbst verschiedene Diagramme zum gleichen Problem miteinander vergleichen oder wenn Sie eigene grafische Darstellungen für bestimmte Datenreihen erarbeiten, können sie erkennen, wie über die wünschenswerte Akzentuierung hinaus die Lenkung auf eine bestimmte Sichtweise oder gar die Manipulierbarkeit numerisch-statistischer Werte durch die Umsetzung in ein Diagramm möglich ist.

(Ulrich Mayer: Umgang mit Statistiken und Diagrammen. In: Hans-Jürgen Pandel, Joachim Rohlfes (Hrsg.): Umgang mit Geschichte. Stuttgart. Klett 1992. S. 137f.)

 

Schritte zur Analyse von Statistiken und Diagrammen

1.   Statistiken werden oft als Faktenmunition für Auseinandersetzungen in Politik und Wirtschaft genutzt und besonders grafisch aufbereitete Daten sollen immer etwas "zeigen". Nicht immer ist der erweckte Eindruck den tatsächlichen Verhältnissen angemessen und manchmal muss man selbst den Verdacht der Manipulation hegen. Es ist daher bei Statistiken zunächst wichtig zu wissen:
-   Wer ist der Auftraggeber für die jeweilige Erhebung? 
-   Wer hat die Erhebung durchgeführt?
-   Von wem stammen die Werte? Ist die Erhebung repräsentativ?

2.   Versuchen Sie zunächst Klarheit über die Sache und damit auch über die Begriffe zu gewinnen, über die die Statistik Auskunft geben soll. 
-   Wie lautet das Thema, die Tabellenüber- oder unterschrift? 
-   Was wird miteinander in Beziehung gesetzt? 
-   Welche Kriterien werden dabei verwendet?

3.   Überprüfen Sie den formalen Aufbau der Statistik!
-   Um welche Materialart handelt es sich (Säulendiagramm, Indexkurve ...)?
-   Welche  Zahlenarten  werden  verwendet  (absolute, relative Zahlen),  Prozentangaben  oder  Beziehungszahlen (t/ha), Messzahlen und/oder Indexzahlen?
-   Wie genau sind die Zahlenwerte (gerundet, geschätzt oder vorläufig)?
-   Ermitteln Sie den Bezugsraum und die zeitlichen Komponenten der Statistik; achten Sie auch auf die Zeit, in der die Statistik selbst erstellt wurde!
-   Prüfen Sie die Maßeinheiten der Achsen! Gibt es Zeitsprünge oder Verzerrungen?
-   Sind die verwendeten Begriffe und die Art der Gruppenbildung (z. B. EU-Länder) eindeutig?

4.   Analysieren Sie die Aussage der Statistik:
-   Benennen Sie Minimal- und Maximalwerte!
-   Benennen Sie Häufigkeitsverteilungen!
-   Beschreiben Sie zeitliche Entwicklungen (gleichmäßig, sprunghaft?) und unterschiedliche Verlaufsphasen (Zunahme, Abnahme, Stagnation?)!
-   Prüfen Sie beim Vergleich von Zahlen, was verglichen wird! Es gibt Sachverhalte, die grundsätzlich oder zumindest mit bestimmten statistischen Methoden nicht vergleichbar sind.
-   Vergleichen Sie Daten untereinander und zeigen Sie Zusammenhänge auf; formulieren und belegen Sie mögliche Tendenzen und Arbeitshypothesen!

5.   Bewertung und Kritik
-   Ist die gewählte grafische Darstellung geeignet?
-   Sind bei relativen Zahlenangaben die Grund- bzw. Bezugswerte angegeben?
-   Sind die gewonnenen Aussagen aufgrund des Zeitraums, der Zeitpunkte, des Bezugsraumes oder der Aufarbeitung mit zusätzlichem Material vergleichbar?
-   Überlegen Sie stets, ob das vorgelegte statistische Material dem Aussagewert entspricht, den man ihm unterstellt!

(Bernd Kolossa: Methodentrainer. Berlin: Cornelsen 2000. S. 58f.)


 
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