Fachmethoden Deutsch 2

Politische Lyrik analysieren

Die Stellung des Lesers poltischer Gedichte [...] fällt nicht zusammen mit der des analysierenden Interpreten. Dieser hat sozusagen eine Beobachterposition gegenüber dem gesamten Kommunikationsprozess, der im Lesevorgang durch den jeweils vorliegenden Text ausgelöst wird. Das wird besonders deutlich bei Gedichten, zu denen der Interpret einen großen historischen Abstand hat; der geschichtlich-gesellschaftliche Kontext, auf den der Autor sich bezieht, hat sich gewandelt, ebenso die Erlebnis- und Empfindensmuster oder die Wertnormen des angesprochenen Publikums. Auch Sprachgewohnheiten und Sprachgefühl sind nicht mehr die gleichen. Der "historische" Abstand ist aber nur ein Beispiel für eine ganze Reihe von Barrieren, die sich zwischen dem Text und dem analysierenden Leser aufrichten. Sie müssen in die Beschreibung der Textuntersuchung mit eingehen.

Der Bezug zwischen dem "Betrachter" und seinem sprachlichen Gegenüber wäre vereinfacht so darzustellen:


 
Der analysierende Leser hat dementsprechend drei Aufgaben zu erfüllen; er muß
  •  in der "Leserrolle" den im Text gespeicherten Rezeptionsvorgang "aktualisieren",
  • die diesen Vorgang als Störfaktoren beeinflussenden Größen (historischer Abstand, Nichtzugehörigkeit zum angesprochenen Publikum) in Rechnung stellen,
  • als selbst Betroffener (Leser) und Beobachtender (Interpret) die eigene Position gegenüber dem Text klären.
Der erste Schrittder Texterschließung geschieht am einfachsten dadurch, daß der den Text analysierende Leser sich folgende, auf die vier Funktionen des Sprachzeichens abzielende Fragenkomplexe beantwortet:
 

1.   Fragen zur darstellenden Funktion

  • Von welchem Sachverhalt wird gesprochen? (Weiches ist der Fall, der Vorgang, das Motiv, Problem?)
  • Auf welchen Kontext historischer, politischer, gesellschaftlicher Art wird dabei Bezug genommen?


2. Fragen zur ästhetischen Funktion

  • Welches sind die auffälligsten sprachlichen Merkmale des Textes? (Welche Abweichungen von der "Sprachnorm" können festgestellt werden?)
  • Was ist über die Herkunft und Verwendung des Vokabulars zu sagen?
  • Welche Sprachebene wurde gewählt?
  • Welche auffälligen Bilder, Vergleiche, Sprachfiguren bestimmen den Text?
  • Welche Funktion haben die gewählten poetischen Mittel wie Reirn, Strophenform, Gedichtform?
  • Wlche Eigentümlichkeiten der Komposition fallen auf (gedankliche und sprachliche Gliederung, Wiederholungen, Anordnung der Schlüsselwörter, Hinführung auf eine Pointe u. ä.)?
  • Welche Form des Sprechens ist gewählt (direktes Benennen, indirektes Anspielen, logische Argumentation, Sprache der Begeisterung u. ä.)?


3. Fragen zur expressiven Funktion

  • Weiche Haltung nimmt der Autor zu seinem Gegenstand ein (Über-der-Sache-Stehen, direktes Betroffen-Sein)?
  • Wie spricht er sein Publikum an (appelliert er an das Gefühl, informiert er, sucht er einen Gedankengang zu erzeugen)?
  • Welche Absicht verfolgt er in bezug auf Gegenstand und Leser (bezeichnet, beurteilt er die Sache, ruft er den Leser zu einer Aktion auf)?


4. Fragen zur appellativen Funktion

  • Welche Stimmung sucht der Text zu erzeugen?
  • Welchen Reflexionsprozeß, welches Urteil will er provozieren?
  • Welche Normen der "öffentlichen Meinung" setzt er voraus und in welche Richtung sucht er sie zu beeinflus- sen?


Im zweiten Schritt der Erschließung muss danndas Bezugsgeflecht der einzelnen Funktionen bestimmt werden, indem die Bedeutung für die drei anderen beschrieben wird. Übereinstimungen und Gegensätze zwischen den einzelnen am Text beteiligten Instanzen (politische Wirklichkeit, Sprecher, Hörer, Sprache) festzustellen ist das Ziel dieses Schrittes. Ausgehend von der ästhetischen Struktur wird so die Gesamtinformation zusammengesetzt, insbesondere aber der Informationswert der sprachlichen Komposition ermittelt. Man könnte die Aufgabe dieses Schrittes in der Frageformel zusammenfassen:

Welcher Sachverhalt wird auf welche Weise wem zu welchem Zweck mitgeteilt ?

oder, noch kürzer: 
 Was - wie - wem - wozu?

Die Reihenfolge der die Gesamtinformation ausmachenden Größen, wie sie hier in der Formel vorgeschlagen ist, kann in der Regel für die Erschließung des Bezugsgefüges übernommen werden, denn die Aktualisierung der schriftlich fixierten Nachricht im Leseprozeß verläuft so, daß ein dargestellter Sachverhalt und seine Einbettung in einen politischen Kontext und seine sprachliche Abbildung auf die Absicht, die der Autor damit verfolgt, und die Wirkung, die auf diese Weise auf ein Publikum ausgeübt wird, hin befragt wird.

Der dritte Schrittder Erschließung hat die Aufgabe, die eigentlich politische Dimension des Gedichtes zu erfassen, die nach Meinung einiger Autoren, die sich zum politischen Gedicht geäußert haben (u. a. Enzensberger), weitgehend von der "ästhetischen" Funktion abhängig ist. Faßt man den Begriff der politischen Lyrik jedoch so, daß Tendenz-, Partei- oder Agitationslyrik darunter fallen, so kann das "Politische" des Gedichtes in jeder der vier Zeichenfunktionen deutlich werden. Ein Gegenstand kann, wie immer er auch behandelt wird, mit welcher Absicht auch immer, stets eine politische Aussage haben (der Streit darum, ob Paul Celans "Todesfuge" ein politisches Gedicht sei oder nicht, beweist das); ein Autor kann eine direkte politische Absicht verfolgen, ohne daß sein Text gleich aufhört, Kunst zu sein (Autoren wie Heine, Brecht, Fried beweisen das); ein Publikum kann einen Text politisch rezipieren, ohne daß der Autor ursprünglich diese Möglichkeit im Auge hatte (der Streit um das Werk Hölderlins beweist das).

Der vierte Schritt fordert dann die Standortbestimmung des analysierenden Lesers gegenüber dem beobachteten Kommunikationsprozeß zwischen Textgefüge und Publikum. Er ist variabel je nach Art und Alter des Textes:

  • Der analysierende Leser kann sich als der unmittelbar Angesprochene mit dem Publikum identifizieren (besonders im Falle zeitgenössischer Lyrik),
  • eer kann gegenüber dem angesprochenen Publikum und gegenüber dem Autor sowie dessen Intention Distanz bewahren (insbesondere bei einem historisch zurückliegenden Gedicht, aber auch bei einem zeitgenössischen Gedicht, etwa im Falle eines appellierenden Agitations- gedichts, das eine gleichgestimmte Hörerschaft voraussetzt, während er selbst beobachtend- analytisch vorgeht),
  • er kann den "Abstand" zwischen sich selbst und dem Text zum Gegenstand seiner Überlegungen machen (etwa die "politische" Geschichte eines Liedes, den Wandel im Kontextbezug des Gedichts, den Wandel in der psychischen Situation der angesprochenen Rezipienten).
Anhand der Analyse eines Textes ist so die eigene Position - sozusagen im kritischen Dialog mit dem Text und dem in ihm konservierten Kornmunikationsprozeß - genauer und differenzierter zu bestimmen. Erst wenn diese vier Schritte vollzogen sind, ist es möglich, auch die poetische Dimension eines politischen Gedichtes abzuschätzen.

(Karl-Heinz Fingerhut, Norbert Hopster (Hrsg.): Politische Lyrik. Arbeitsbuch. 2., durchges. Aufl. Frankfurt a. M.: Diesterweg 1974. S. 26 - 29.)
 


 
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