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Politische Lyrik analysieren Die Stellung des Lesers poltischer Gedichte [...] fällt nicht zusammen mit der des analysierenden Interpreten. Dieser hat sozusagen eine Beobachterposition gegenüber dem gesamten Kommunikationsprozess, der im Lesevorgang durch den jeweils vorliegenden Text ausgelöst wird. Das wird besonders deutlich bei Gedichten, zu denen der Interpret einen großen historischen Abstand hat; der geschichtlich-gesellschaftliche Kontext, auf den der Autor sich bezieht, hat sich gewandelt, ebenso die Erlebnis- und Empfindensmuster oder die Wertnormen des angesprochenen Publikums. Auch Sprachgewohnheiten und Sprachgefühl sind nicht mehr die gleichen. Der "historische" Abstand ist aber nur ein Beispiel für eine ganze Reihe von Barrieren, die sich zwischen dem Text und dem analysierenden Leser aufrichten. Sie müssen in die Beschreibung der Textuntersuchung mit eingehen. Der Bezug zwischen dem "Betrachter" und seinem sprachlichen Gegenüber wäre vereinfacht so darzustellen: |
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Der analysierende Leser hat dementsprechend
drei Aufgaben zu erfüllen; er muß
1. Fragen zur darstellenden Funktion
Welcher Sachverhalt wird auf welche Weise wem zu welchem Zweck mitgeteilt ? Die Reihenfolge der die Gesamtinformation ausmachenden Größen, wie sie hier in der Formel vorgeschlagen ist, kann in der Regel für die Erschließung des Bezugsgefüges übernommen werden, denn die Aktualisierung der schriftlich fixierten Nachricht im Leseprozeß verläuft so, daß ein dargestellter Sachverhalt und seine Einbettung in einen politischen Kontext und seine sprachliche Abbildung auf die Absicht, die der Autor damit verfolgt, und die Wirkung, die auf diese Weise auf ein Publikum ausgeübt wird, hin befragt wird. Der dritte Schrittder Erschließung hat die Aufgabe, die eigentlich politische Dimension des Gedichtes zu erfassen, die nach Meinung einiger Autoren, die sich zum politischen Gedicht geäußert haben (u. a. Enzensberger), weitgehend von der "ästhetischen" Funktion abhängig ist. Faßt man den Begriff der politischen Lyrik jedoch so, daß Tendenz-, Partei- oder Agitationslyrik darunter fallen, so kann das "Politische" des Gedichtes in jeder der vier Zeichenfunktionen deutlich werden. Ein Gegenstand kann, wie immer er auch behandelt wird, mit welcher Absicht auch immer, stets eine politische Aussage haben (der Streit darum, ob Paul Celans "Todesfuge" ein politisches Gedicht sei oder nicht, beweist das); ein Autor kann eine direkte politische Absicht verfolgen, ohne daß sein Text gleich aufhört, Kunst zu sein (Autoren wie Heine, Brecht, Fried beweisen das); ein Publikum kann einen Text politisch rezipieren, ohne daß der Autor ursprünglich diese Möglichkeit im Auge hatte (der Streit um das Werk Hölderlins beweist das). Der vierte Schritt fordert dann die Standortbestimmung des analysierenden Lesers gegenüber dem beobachteten Kommunikationsprozeß zwischen Textgefüge und Publikum. Er ist variabel je nach Art und Alter des Textes:
(Karl-Heinz Fingerhut, Norbert Hopster
(Hrsg.): Politische Lyrik. Arbeitsbuch. 2., durchges. Aufl. Frankfurt a.
M.: Diesterweg 1974. S. 26 - 29.)
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