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Aufbau und Sprache von Parteiprogrammen
Parteiprogramme - gleich welchen
Typs sind ihrem Wesen nach immer auf die Gestaltung der Zukunft ausgerichtet,
gleichzeitig jedoch in der politischen und gesellschaftlichen Realität
der Gegenwart verwurzelt und oft auch an Erfahrungen der Vergangenheit
angelehnt. Neben programmatischen zukunftsorientierten Aussagen, die in
Parteiprogrammen die Form politischer Forderungen annehmen, sollten Parteiprogramme
also auch eine Analyse der gegebenen politischen Realität enthalten,
auf deren Ergebnisse die Forderungen gestützt sein müssen, um
nicht utopischen Charakter anzunehmen.
Aus der Analyse der politischen Verhältnisse
vom Standpunkt der betreffenden Partei werden sich allerdings verschiedene
gleichwertige Forderungen für die Zukunft ergeben, so daß als
dritte Komponente - gleichsam als Maßstab der zu treffenden Entscheidungen
- die Grundwerte und Zielvorstellungen der jeweiligen Partei hinzutreten
müssen. Damit sind die drei wesentlichen Bestandteile eines jeden
Parteiprogramms genannt:
-
Analyse der Verhältnisse,
-
Forderungen zur Verbesserung
dieser Verhältnisse,
-
Grundwerte, die als Orientierungsmarken
für politisches Handeln dienen sollen.
Diese drei Komponenten sind - mehr oder
minder - in jedem Parteiprogramm enthalten, nicht jedoch stets voneinan-
der getrennt. Parteiprogramme sind durchweg nach einzelnen Bereichen der
Politik gegliedert, so daß sie die drei Komponenten in jedem Teilbereich
der Politik aufweisen sollten. Normalerweise sind diese auch stark miteinander
vermischt und nur durch eingehende Analyse zu isolieren. Dem Analytiker
kommt dabei zustatten, daß die einzel- nen Analysebereiche teilweise
mit bestimmten Sprachformen übereinstimmen.
-
Die Analyse-Teile eines Programms beziehen
sich auf gesellschaftliche und ökonomische Entwicklungen, also auf
Daten und Fakten, und sind demgemäß in einer realitäts-
bezogenen Sprache abgefaßt, die in einzelnen politischen Bereichen
mitunter stark die jeweilige Fachsprache berücksichtigt. So findet
sich zum Beispiel im Grundsatzprogramm der CDU der Satz: "Durch die Bevölkerungsexplosion,
weltwirtschaftliche Krisen, wirtschaftliche und politische Fehlentscheidungen
und durch die Verteuerung der Energie wachsen Bedürftigkeit und Hunger
in weiten Teilen der Welt zusätzlich." (Ziffer 149, Grundsatzprogramm
der CDU). Charakteristisch für die Analyse-Sätze kann ferner
die "ist-Form" sein, durch die solche Aussagen scheinbar objektive Feststellungen
beinhalten, sie will Erkenntnisse und Informationen vermitteln. Objektivität
ist jedoch in Partei- programmen nicht unbedingt gefordert, vielmehr soll
die Sichtweite der Partei hinsichtlich bestimmter Entwicklungen verdeutlicht
werden.
-
Forderungen sind in heutigen, im Gegensatz
zu früheren, Parteiprogrammen nicht mehr durch eine vom Text abgehobene
Stellung und Appellform gekennzeichnet. Sie werden größtenteils
in "Soll-Aus- sagen" - in denen sie noch als Forderungen erkennbar sind
- oder in die Form von Feststellungen ge- faßt. So läßt
sich die Aussage des Godesberger Programms der SPD - "Nur durch eine neue
und bessere Ordnung der Gesellschaft öffnet der Mensch den Weg in
seine Freiheit" - unschwer als politische Forderung erkennen.
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Wertaussagen sind in der Regel in einer
abstrakten Sprache formuliert. So werden zum Beispiel häufig Begriffe
wie "Freiheit", "Demokratie", "Frieden", "Gerechtigkeit" benutzt, die ohne
nähere Erläuterungen folgenlos bleiben und lediglich das Bekenntnis
der betreffenden Partei zu allgemein anerkannten menschlichen Werten dokumentieren.
Leerformeln und die Vereinnahmung von Begriffen
Die Programme von Volksparteien unterliegen
- wie oben erläutert - in besonders hohem Maße der Gefahr, Aussagen
so allgemein zu formulieren, daß ihr Aussagewert gering ist. Weil
vielfältige gegensätzliche Interessen unterschiedlicher Wählergruppen
berücksichtigt werden müssen, können nicht alle "Wünsche"
in gleicher Weise Berücksichtigung finden. Solche Aussagen werden
gemeinhin als Leerformeln bezeichnet. Leerformeln können in allen
drei Analysebereichen verwendet werden:
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Im Bereich der Analyse liegen dann Leerformeln
vor, wenn Feststellungen über die Wirklichkeit derart allgemein und
unpräzise gefaßt sind, daß mögliche andere Aussagen
nicht getroffen werden können.
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Im Bereich der Forderungen treten deshalb
häufig Leerformeln auf, weil Forderungen sich auf eine noch ungewisse
Zukunft beziehen. So können unvorhergesehene Ereignisse (zum Beispiel
Katastrophen oder konjunkturelle Einbrüche) zu einer grundlegenden
Änderung der Politik in einem bestimmten Bereich führen. Bei
politischen Zielen tritt die Möglichkeit der Erfolgskontrolle durch
die Wähler für die Parteien erschwerend hinzu. Unerfüllte
Zielaussagen können vor allem das Ansehen von Regierungsparteien in
der Wählergunst sinken lassen. Leerformeln bieten demgegenüber
den Vorteil der Unverbindlichkeit und Unüberprüfbarkeit ihres
Inhalts.
-
Im Bereich der Werte kann man dann von
Leerformeln sprechen, wenn Begriffe wie "Freiheit", "Wohlstand" und andere
nicht weiter erläutert werden und somit abstrakt bleiben. Gerade im
Bereich der Grundwerte fällt bei den demokratischen Parteien eine
weitgehende Übereinstimmung auf, so daß jede einzelne Partei
die Aufgabe hat, ihre eigene Ausfüllung und Auslegung der Grundwerte
vorzunehmen. Diese Forderung verweist auf ein weiteres Kriterium, das an
Wertaussagen zu stellen ist: Sie müssen anwendbar sein, das heißt:
sie müssen solche Verhaltensweisen ausschließen, die als Alternative
ernsthaft in Frage kommen und nicht nur solche, die sowieso jedem als abwegig
erscheinen.
Leerformeln vermögen somit verschiedene
Funktionen zu erfüllen:
1. Sie belassen den Parteien
einen großen politischen Spielraum und erschweren die Kontrolle politischen
Handelns.
2. Darüber hinaus
können sie dazu dienen, die Herrschaftsausübung einzelner Gruppen
im Staat, politischer Parteien, Organisationen usw. zu legitimieren sowie
existierende oder angestrebte soziale Zustände oder Ordnungsformen
zu rechtfertigen.
3. Speziell in den Parteiprogrammen
der heutigen Volksparteien können Leerformeln auch dazu dienen, bestehende
Konflikte und Meinungsgegensätze zwischen verschiedenen innerparteilichen
Gruppierungen zu verdecken.
4. Ihre positive Funktion
besteht mitunter darin, Symbolwert für eine Partei zu verkörpern,
aber eben nur aufgrund ihrer Allgemeinheit und Unbestimmtheit.
Nach außen wirken Begriffe,
die von einer Partei für ihre Politik vereinnahmt werden, als Marken-
zeichen und haben mitunter einen sehr hohen Werbewert. So ist sicherlich
der jahrzehntelange Erfolg der CDU untrennbar mit Begriffen wie "Soziale
Marktwirtschaft" oder "Europäische Einigung" verbunden, während
es der SPD nach 1969 gelang, mit Formeln wie "Reformpolitik", "Demokratisie-
rung", "Friedenspolitik" und "Lebensqualität" die sprachliche Initiative
zu übernehmen. Nicht zuletzt dies mag in den folgenden Bundestagswahlen
zu ihrem Erfolg beigetragen haben. Erfolgreich war auch das Bemühen
der F.D.P., im Bewußtsein des Wählers mit dem Begriff "liberal"
identifiziert zu werden.
(Informationen zur politischen Bildung
H. 185 (1980) S. 9 - 11.)
Leitfragen für die Analyse von Parteiprogrammen
1. Selbstverständnis und
Wertotrientierung
-
Um welche Art von Parteiprogramm handelt
es sich (Grundsatz-, Aktions-, Wahl-, Regierungsprogramm)?
-
Welche Schwerpunkte enthält das
Programm?
-
Weiche zentralen Ziele werden verfolgt,
sollen verwirklicht werden?
-
Werden diese Ziele präzisiert und
können sie anhand der politischen Realität überprüft
werden?
-
Wird zwischen kurz-, mittel- und langfristigen
Zielen unterschieden?
-
Welche Werte bzw. Wertorientierungen
und damit verbundenen ideologischen oder weltanschaulichen Vorstellungen
werden dabei zu Grunde gelegt oder erkennbar?
-
Welche Vorstellungen über die bestehende
Gesellschaft dienen als Grundlage und Richtschnur für programmatische
Aussagen?
-
Gibt es Prognosen über die zukünftige
gesellschaftliche Entwicklung?
-
Welche Forderungen werden im einzelnen
erhoben?
-
Welche Wirkungen sollen mit den programmatischen
Aussagen bei den Wählerinnen und Wählern erreicht werden?
-
Welche Interessenstandpunkte werden
erkennbar oder verschleiert?
-
Welche wichtigen Sachverhalte oder politischen
und gesellschaftlichen Probleme sind im Programm nicht angesprochen worden
(Vergleich mit den Programmen anderer Parteien; „Lückenanalyse“)?
2. Aussagekraft, Informationsgehalt
und Wirkungsweise
-
Welche politischen Leitwörter werden
von der jeweiligen Partei in Bezug auf ihr Selbstverständnis für
wesentlich erachtet?
-
Welche Werte oder „Grundwerte“ werden
in diesem Zusammenhang genannt?
-
Wird eine Rangfolge der Werte vorgenommen
und deren gegenseitige Abhängigkeit verdeutlicht?
-
Inwieweit sollen/können die genannten
Werte soziales Handeln erklären?
-
In welcher Form wird der Forderungscharakter
von Werten präzisiert?
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Welche Beziehungen werden zwischen den
von der jeweiligen Partei bevorzugten Werten und den Grundstrukturen der
vorgegebenen Gesellschaft erkennbar?
-
In welcher Form werden durch die genannten
Werte oder durch andere politische Leitwörter allgemeine Zielvorstellungen
der Parteien im Sinne gemeinsamen politischen Handelns erfasst?
-
Welche gemeinsamen und unterschiedlichen
Deutungen werden in diesem Zusammenhang bei einem Vergleich der verschiedenen
Parteien sichtbar?
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Welche Signalwirkung soll möglicherweise
von ihnen ausgehen?
3. Wirtschaft und Umwelt
Schlüsselfrage: Inwieweit spiegeln
die in den einzelnen Politikfeldern erhobenen Forde-rungen die zuvor ermittelten
Wertorientierungen der Parteien wider und inwieweit können sie als
folgerichtige Konsequenz einer entsprechenden Bewertung vorgegebener gesellschaftlicher
Verhältnisse und Strukturen betrachtet werden?
-
Welche wirtschaftspolitischen Ziele
werden genannt und welche Schwerpunkte werden dabei erkennbar?
-
Welche wirtschaftlichen Ordnungsvorstellungen
liegen diesen Überlegungen zu Grunde?
-
Welche unterschiedlichen Forderungen
werden in Bezug auf die Gestaltung der wirtschaftlichen Prozesse erhoben
und welche politischen Maßnahmen bzw. staatlichen Instrumente sind
für die Verwirklichung vorgesehen?
-
Welche Beziehungen werden dabei z.B.
zwischen wirtschaftlichen Gestaltungsformen, individueller Freiheit sowie
sozialer Sicherheit und Gerechtigkeit hergestellt?
-
Welche wirtschaftlichen Probleme werden
im Zusammenhang mit der vorgegebenen gesellschaftlichen Realität als
besonders schwerwiegend betrachtet?
-
Inwieweit sind die vorgeschlagenen wirtschaftspolitischen
Maßnahmen darauf bezogen?
-
Welche Bedeutung wird dem Umweltschutz
für die Gestaltung von Staat und Gesellschaft beigemessen?
-
Welche Probleme werden in diesem Zusammenhang
genannt und welche Schwer-punkte erkennbar?
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Welche vorrangigen Ziele und Forderungen
sollen verwirklicht werden?
-
Welche Wertorientierungen oder ökologischen
Grundsätze sind dabei richtungweisend?
-
Mit welchen Mitteln und Methoden sollen
die verschiedenen Forderungen und die damit verbundenen Maßnahmen
realisiert werden?
-
Wie wird in diesem Zusammenhang das
Verhältnis von Ökologie und Ökonomie gesehen?
-
Inwieweit führen die genannten
Forderungen und Maßnahmen in der Zukunft zu weiterreichenden gesellschaftlichen
Veränderungen und damit auch zu veränderten Formen der Lebensgestaltung
der Bürger?
-
Inwieweit wird (kann) Umweltschutz ausschließlich
als ein nationales Problem betrachtet (werden)?
(Karl-Heinz Buhr: Wie analysiert man
Parteiprogramme? In: RAAbits Sozialkunde/Politik (August 1988) S. 11f.
u. 14.) |