Fachmethoden Deutsch
Lyrische Texte schriftlich interpretieren
| Mit dem mehrmaligen Lesen,
zu dem auch das Vorlesen gehören kann, beginnt die Auseinander- setzung
mit einem Gedicht. Unterschiedliche Lesarten mit unterschiedlichen Betonungen
und Zäsuren sind erste Hinweise auf verschiedene Deutungsmöglichkeiten.
Beim Besprechen des Gedichtes in der Klasse oder in kleineren Gruppen kann man erproben, wie man das eigene Textverständnis nachvollziehbar darstellen kann. Außerdem kann man dabei erkennen, wie unterschiedlich Gedichte verstanden werden können, weil die individuellen Erfahrungen, Erinnerungen und Perspektiven der Interpretinnen und Interpreten das Verstehen eines Textes beeinflussen. Bevor man ein Gedicht genauer analysiert,
sollte man sich darüber bewusst werden, welchen Eindruck der Text
auf einen macht und wie man ihn vorerst versteht. Für die weitere
Arbeit am Text ist es hilfreich, dieses erste Textverständnis in
einer These zu formulieren. Die erste Festlegung fordert dazu
auf, den Text genau zu betrachten, um die erste Deutung begründen
zu können, sie eventuell präziser zu fassen oder aber auch sie
zu verändern.
Die schriftliche Gedichtinterpretation
Es gibt mehrere Methoden, wie man ein Gedicht genauer analysieren und sich auf eine schriftlich verfasste Interpretation vorbereiten kann. Man kann Arbeitsweisen jeweils abhängig vom Gedicht anwenden, meistens wird man mehrere miteinander verbinden. Man markiert im Text oder auf einer Folie, die man auf den Text legt, was einem besonders auffällt. Das können z. B. die Wortwahl sein, markante Reimwörter, ein ausdrucksstarkes sprachliches Bild oder eine überraschende Zeilengliederung. Man stellt Fragen an den Text, z. B. die W-Fragen, und bemüht sich um genaue Antworten aus dem Textzusammenhang. [...] Bei manchen Texten kann man versuchen, anhand einer Skizze eine Vorstellung von einem Ort oder einer Perspektive zu gewinnen. [...] In Randnotizen zum Gedicht kann man Erkenntnisse festhalten, die man aus der detailgenauen Analyse gewinnt. Man kann die inhaltliche Gliederung des Textes aufzeigen, \Nörter und Bilder mit eigenen Worten umschreiben, Wiederholungen und Widersprüche im Text kennzeichnen, das Reimschema und Metrum bestimmen. Um inhaltliche Zusammenhänge im Text zu erfassen, kann man entweder die Randnotizen erweitern oder sie auf einem Arbeitsblatt weiterführen. Bei diesem umfassenden Analyseschritt, bei dem man immer den ganzen Text im Blick behält, notiert man in Stichworten, was man über Bedeutungsbeziehungen zwischen Textstellen, über text-übergreifende sprachliche Bilder und über die Entwicklung der inhaltlichen Aussage im Gedicht erkennen kann. [...] Das Beobachten inhaltlicher, sprachlicher
und formaler Besonderheiten eines Gedichtes kann man üben. Wenn man
zweifelt, ob man alle für die Deutung des Textes wichtigen Aspekte
berücksichtigt hat, kann man einen Fragenkatalog
heranziehen.
Die schriftliche Interpretation Die schriftliche Interpretation gliedert man in eine Einleitung, die zur Deutung hinführt, einen Hauptteil, in dem das genaue Textverständnis entwickelt wird, und einen Schluss, in dem die wichtigsten Erkenntnisse rückblickend zusammengefasst werden.
Entweder man umschreibt und erklärt Vers für Vers und erläutert nach und nach Bedeutungs- zusammenhänge im Gedicht. Nachdem man Schritt für Schritt der gedanklichen Entwicklung des Textes gefolgt ist, hält man schließlich die textumfassenden interpretativen Aussagen fest (lineare Interpretation). Oder man entscheidet zuerst, weiches die wichtigsten Entdeckungen am Text sind, und stellt, davon ausgehend, das Verständnis des Gedichtes dar. Man konzentriert sich also von vornherein auf einzelne Aspekte der Betrachtung (aspektorientierte Interpretation). (Doris Häring u. a.: Textnah
10. Leipzig: Klett 2000. S. 198 - 200.)
Vermeidung typischer Fehler Fassen Sie Ihre erste Aussage nach Möglichkeit in einen überschaubaren Satz. Beschränken Sie sich auf den inhaltlichen Schwerpunkt des Gedichts. Bringen Sie weitere Ergebnisse, z. B. zur Form, zur literarischen Epoche, zur Sprachgestalt, nur hinein, wenn diese schon nach dem ersten Lesen für Sie festliegen. Scheuen Sie sich aber auch nicht, sofort Erkanntes gleich zu benennen (z. B. Beobachtungen zur Sprache), denn eine differenzierte, reichhaltige Arbeitshypothese bietet Ihnen einen breiten Arbeitsansatz. Formulieren Sie genau. Entweder gehen Sie vom Autor aus: „In diesem Gedicht beschreibt Eichendorff oder ... stellt E. dar oder ... macht E. deutlich“ usw. Oder Sie nehmen neutral den Text als Ausgangspunkt: „In diesem Gedicht wird... beschrieben, dargestellt, vor Augen geführt oder ... spiegelt sich wider, geht es um ...“ Oder Sie gehen vorn lyrischen Ich aus: „In diesem Gedicht erfährt das lyrische Ich, ... empfindet... usw.“ Wenn Sie schreiben (zu Trakl: „Verfall“): „Trakl folgt dem Vogelflug“, oder: „Trakl erzittert von einem Hauch von Verfall“, dann haben Sie das Ich, das in diesem Gedicht spricht, mit dem Autor verwechselt. Der Autor vermittelt zwar ein persönliches Anliegen, eine individuelle Stimmung, ist jedoch niemals selbst das lyrische Ich - es sei denn, er kennzeichne das Gedicht als ein autobiographisches Bekenntnis. [...] Im Falle eines lyrischen Textes schreiben Sie z. B.: „Der Autor beschreibt hier“, oder: „Spürbar wird hier“. oder: „In diesen Versen oder Bildern wird...“ Ihre Beobachtungen zu einem Gedicht entstehen in der Gegenwart, daher benutzen Sie in Ihrer Untersuchung immer die Präsensform. Benennen Sie die Gedichtmerkmale präzise - Sie sparen sich unnötige Worte. Allerdings muß Ihnen die Bedeutung eines Begriffs völlig klar sein. [...] Bedienen Sie sich einer Zitiermethode, die den Schreibfluß nicht stört. Wörtliches Zitieren ist bei zeilenweisem Interpretieren sinnvoll, verkürztes Zitieren dann, wenn Sie z. B. inhaltliche Schwerpunkte nacheinander auflisten wollen. Belegen Sie alle Ihre Ergebnisse und Behauptungen am Text. Wenn Sie z. B. nur schreiben: „Das Gedicht ‚Prometheus‘ zeigt eine selbstbewußte, herrische Sprache“, dann fehlt der Textbeweis. Richtig wäre: „Das Gedicht ‚Prometheus‘ zeigt eine selbstbewußte, herrische Sprache, wie schon die Imperative am Anfang zeigen: ,Bedecke deinen Himmel...‘ (V. 1f.), ‚Übe Knaben gleich... (V. 3f.).“ Ihr Wissen über den Autor, seine weiteren Werke, die Zeit, in der er schrieb, die Wirkung seiner Werke gehört nur dann zur Interpretation, wenn Sie es in Beziehung zum vorgelegten Text setzen können. Machen Sie daher nur kurze Vorbemerkungen, sofern überhaupt nötig. Bringen Sie Ihr Wissen an den geeigneten Stellen der Interpretation ein. Beziehen Sie sich auch in einer Vorbemerkung oder Einleitung, die Sie der Arbeitshypothese vorausstellen, schon im ersten Satz auf den Text (Basissatz). Setzen Sie Ihre am Text selbst gewonnenen Ergebnisse als Schwerpunkt in den Hauptsatz, und fügen Sie weitere Bezüge, die vom Text wegführen, in Neben- oder Erweiterungssätzen an. [...] Erweiterungen, Verweise, Zusätze sollten in proportional nicht zu umfänglichen Nebenaussagen eingebracht werden. Wenn Sie an einer Stelle in mehreren Sätzen vom Text wegführen, verliert auch der Leser den Bezug. Verteilen Sie daher Ihre Zusatzinformationen auf mehrere kurze ‚Ausflüge‘, beziehen Sie sie jeweils auf Ihren Teilbereich der Interpretation. Selbstverständlich ist es vorteilhaft, wenn Sie an einem Text viel beobachten. Nicht alles kann sofort ausgewertet werden. Versuchen Sie jedoch, so genau wie möglich die Wirkung der von Ihnen erkannten Merkmale zu beschreiben: Wie bestimmen sie den Gesamteindruck des Gedichts, eine Teilaussage? Meist schaffen erst mehrere Merkmale zusammen den Gesamteindruck. Entsprechend können Sie mehrere Beobachtungen gebündelt auswerten. Haken Sie nicht alle möglichen Untersuchungsfragen ab, sondern konzentrieren Sie sich auf das für den Text offenbar Wichtigste. Z. B. ist es ganz unwichtig, bei einem Gedicht aus dem Sturm und Drang oder der Klassik auf eine normale Groß- und Kleinschreibung oder den üblichen Gebrauch der Zeichensetzung hinzuweisen. Diese Merkmale werden jedoch für die zeitgenössische Lyrik wichtig. Die Feststellung, daß in einem romantischen Gedicht keine Fremdwörter gebraucht werden, ist überflüssig. Im Expressionismus mit seiner Neigung zu weit hergeholten Metaphern können fremd wirkende Begriffe und die Beobachtung ihrer Wirkung jedoch wesentlich sein. Wichtig ist also: Ihre Einzelbeobachtungen möglichst gleich in ihrer Funktion für den Text zu beschreiben; Ihre Leitfragen und Einzelaussagen auf die bestimmenden Merkmale des Textes zu konzentrieren. Vermeiden Sie Formulierungen mit „nun“ oder „jetzt“. [...] Solche Wendungen weisen auf mangelnde Distanz zum interpretierten Text. In dieser Weise verbinden Sie Beobachtungen zu Form und Inhalt: „Gestützt wird diese formale Beobachtung durch den weichen Klang der Reimwörter, die wiederum in krassem Gegensatz zur Härte der Überschrift stehen“, oder: „Die Zerrissenheit der Form könnte auf die innere Zerrissenheit des lyrischen Ichs weisen“, oder: „Der weiche, traditionelle Klang suggeriert eine Harmonie, die sich als verzweifelte Anpassung entlarvt“. Greifen Sie zum Schluß korrigierend oder bestätigend auf Ihre Arbeitshypothese zurück, oder versuchen Sie eine Erweiterung, z. B. Einordnung in die Probleme der Entstehungszeit des Textes. Vermeiden Sie Floskeln wie: „Mit diesem Text erweist sich Goethe als bedeutendster Dichter seiner Zeit.“ Angebracht wäre jedoch eine persönliche Wertung, in der Sie z. B. Ihre Betroffenheit nach der Beschäftigung mit dem Gedicht äußern. (Zusammengestellt nach: Eva-Maria Kabisch: Interpretation - wiederholen und üben. Stuttgart: Klett 1986. S. 35 - 40.) |
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