Fachmethoden Deutsch

Erzählende Texte schriftlich interpretieren



 

Umgang mit der Themenstellung

Folgende Themenformen begegnen Ihnen meist:

  • Aufforderungen zur Interpretation mit oder ohne Arbeitsaufträge im einzelnen. Z. B.: „Interpretieren Sie die Parabel ‚Auf der Galerie‘ von Franz Kafka, und stellen Sie für diesen Autor typische Motive und stilistische Mittel heraus!“
  • Aufforderung zur Interpretation einer oder mehrerer zentraler Textstellen aus einem umfangreichen Werk. Hier ist zunächst die genaue Analyse der Textstelle gefordert, dann ihre Einordnung in den Gesamtzusammenhang. Z. B.: „Untersuchen Sie die Darstellung der Denkmalsenthüllung in Heinrich Manns Roman ‚Der Untertan‘ im Hinblick auf satirische Stilelemente! Erarbeiten Sie außerdem die Funktion dieser Textstelle im Roman!“
  • Die Erörterung einer oder mehrerer Fragen und Probleme aus einem Werk. Hier ist nicht die Analyse einer einzelnen Textstelle gefordert, obwohl Sie Ihre Argumente aus dem Text belegen sollten, sondern die nachvollziehende und argumentierende Darstellung gedanklicher Abläufe des gesamten Werkes. Z. B.: „Sind ‚Die Leiden des jungen Werthers‘ von Goethe die Darstellung einer ‚inneren Emigration‘? Erörtern Sie diese Überlegung anhand der wichtigsten Reflexionen Werthers und seiner seelischen Entwicklung!“


Erkennen des Arbeitsauftrags

Damit Sie dem Thema entsprechen, sollten Sie die Arbeitsaufträge genau lesen:

  • Wo wird präzise Arbeit an einem Text gefordert? 
  • Wo wird die Erörterung eines übergreifenden Problems erwartet, für die Sie Textstellen als Belege heranziehen müssen?


Aufbereitung des Textes

Bei erzählenden Texten ist besonders zu achten auf:

  • Anfang und Schluß, 
  • Schlüsselsätze, 
  • Wechsel der Erzählperspektive oder des Tempus oder der Erzählperson (z. B. wir - man),
  • zentrale, auffällige Bilder, 
  • Wiederholungen.


Gliederungsmöglichkeiten 
für die schriftliche Interpretation eines Textes

  • Arbeitshypothese (erste Zusammenfassung dessen, worum es offenbar geht), even-tuell kurze Inhaltsangabe. (vgl. Basissatz!)
  • Handlungsablauf, inhaltliche Struktur; hierbei Verweis auf zentrale Textstellen und Entwicklungen.
  • Ausgehend von den zentralen Textstellen: Erarbeitung der sprachlichstilistischen Darstellungsmittel - immer mit Bezug auf ihre inhaltliche Aussage.
  • Wichtige Details: Titel, Motive, Anfang und Schluß.
  • Zusammenfassende Auswertung Ihrer Ergebnisse, eventuell mit Korrektur oder Er-weiterung der Arbeitshypothese.
Zusätzlich, nicht additiv, sondern als Beleg für die Interpretation, eventuell Hinweise zum Autor, Verweis auf ähnliche Motive in anderen Werken des Autors oder anderer vergleichbarer Autoren, also eine Einordnung in das Gesamtwerk oder in  einen literaturgeschichtlichen Zusammenhang. Schließlich: Ihre persönliche Stellungnahme, falls gefordert oder von Ihnen gewünscht.
 
 

 Untersuchung einzelner Textstellen
im Zusammenhang des gesamten Werks

Häufig wird auch nach der Bedeutung und Durchführung bestimmter Motive gefragt, z. B. dem Motiv der Mühle im Roman ‚Die Deutschstunde‘ von Siegfried Lenz (s. Thementyp 2). Oder es geht um das Herausarbeiten eines durchgängigen Problems (s. Thementyp 3). Mögliche Gliederung:

  • Einleitende Aussagen zum vorliegenden Text, zum Motiv, zu einer Besonderheit des Autors oder seines Werks je nach der Themenstellung.
  • ‚Festmachen‘ des Problems an einzelnen Textstellen, die Sie entsprechend Ihrem Argumentationsgang schrittweise heranziehen. (Z. B. müßten Sie die phasenweise Ver-stärkung der ‚inneren Emigration‘ Werthers an ausgewählten Textstellen zeigen.)
  • Besondere Einzelaspekte, wenn nötig.
  • Zusammenfassende Stellungnahme.
(Mögliche Zusätze wie oben.)
 
 

Vermeiden typischer Fehler

  • Keine Verwechslung zwischen Autor und erzählendem Ich, sofern es sich nicht um eine Autobiographie handelt. 
  • Keine inhaltlichen Paraphrasen. Stets übergreifende Strukturen, Handlungsstränge suchen und zusammenfassend beschreiben.
  • Nicht undistanziert schreiben (also nicht: „Hier verändert sich die Situation des Erzählers“, sondern z. B.: „An dieser Stelle..., zu diesem Zeitpunkt...“)
  • Den Text nicht Satz für Satz durchgehen, sondern Abschnitte, Entwicklungsstationen suchen. Einzeluntersuchungen an den Gelenkstellen des Textes vornehmen, z. B. an Schlüsselsätzen.
  • Ihre Beobachtungen zu einem erzählenden Text entstehen in der Gegenwart, daher benutzen Sie in Ihrer Untersuchung immer die Präsensform.
  • Benennen Sie die Merkmale präzise - Sie sparen sich unnötige Worte. Allerdings muß Ihnen die Bedeutung eines Begriffs völlig klar sein. 
  • Bedienen Sie sich einer Zitiermethode, die den Schreibfluß nicht stört. Wörtliches Zitieren ist bei zeilenweisem Interpretieren sinnvoll, verkürztes Zitieren dann, wenn Sie z. B. inhaltliche Schwerpunkte nacheinander auflisten wollen. 
  • Belegen Sie alle Ihre Ergebnisse und Behauptungen am Text. Wenn Sie z. B. nur schreiben: „Das Gedicht ‚Prometheus‘ zeigt eine selbstbewußte, herrische Sprache“, dann fehlt der Textbeweis. Richtig wäre: „Das Gedicht ‚Prometheus‘ zeigt eine selbstbewußte, herrische Sprache, wie schon die Imperative am Anfang zeigen: ,Bedecke deinen Himmel...‘ (V. 1f.), ‚Übe Knaben gleich... (V. 3f.).“
  • Ihr Wissen über den Autor, seine weiteren Werke, die Zeit, in der er schrieb, die Wirkung seiner Werke gehört nur dann zur Interpretation, wenn Sie es in Beziehung zum vorgelegten Text setzen können. Machen Sie daher nur kurze Vorbemerkungen, sofern überhaupt nötig. Bringen Sie Ihr Wissen an den geeigneten Stellen der Interpretation ein.
  • Beziehen Sie sich auch in einer Vorbemerkung oder Einleitung, die Sie der Arbeitshypothese vorausstellen, schon im ersten Satz auf den Text (Basissatz).
  • Setzen Sie Ihre am Text selbst gewonnenen Ergebnisse als Schwerpunkt in den Hauptsatz, und fügen Sie weitere Bezüge, die vom Text wegführen, in Neben- oder Erweiterungssätzen an. [...] Erweiterungen, Verweise, Zusätze sollten in proportional nicht zu umfänglichen Nebenaussagen eingebracht werden. Wenn Sie an einer Stelle in mehreren Sätzen vom Text wegführen, verliert auch der Leser den Bezug. Verteilen Sie daher Ihre Zusatzinformationen auf mehrere kurze ‚Ausflüge‘, beziehen Sie sie jeweils auf Ihren Teilbereich der Interpretation.
  • Selbstverständlich ist es vorteilhaft, wenn Sie an einem Text viel beobachten. Nicht alles kann sofort ausgewertet werden. Versuchen Sie jedoch, so genau wie möglich die Wirkung der von Ihnen erkannten Merkmale zu beschreiben: Wie bestimmen sie den Gesamteindruck des Gedichts, eine Teilaussage? Meist schaffen erst mehrere Merkmale zusammen den Gesamteindruck. Entsprechend können Sie mehrere Beobachtungen gebündelt auswerten.
  • Wichtig ist also: Ihre Einzelbeobachtungen möglichst gleich in ihrer Funktion für den Text zu beschreiben; Ihre Leitfragen und Einzelaussagen auf die bestimmenden Merkmale des Textes zu konzentrieren.
  • In dieser Weise verbinden Sie Beobachtungen zu Form und Inhalt: „Gestützt wird diese formale Beobachtung durch den weichen Klang der Reimwörter, die wiederum in krassem Gegensatz zur Härte der Überschrift stehen“, oder: „Die Zerrissenheit der Form könnte auf die innere Zerrissenheit des erzählenden Ichs weisen“, oder: „Der weiche, traditionelle Klang suggeriert eine Harmonie, die sich als verzweifelte Anpassung entlarvt“.
  • Greifen Sie zum Schluß korrigierend oder bestätigend auf Ihre Arbeitshypothese zurück, oder versuchen Sie eine Erweiterung, z. B. Einordnung in die Probleme der Entstehungszeit des Textes. Vermeiden Sie Floskeln wie: „Mit diesem Text erweist sich Goethe als bedeutendster Dichter seiner Zeit.“ Angebracht wäre jedoch eine persönliche Wertung, in der Sie z. B. Ihre Betroffenheit nach der Beschäftigung mit dem Text äußern.


(In leicht veränderter Form zusammengestellt nach: Eva-Maria Kabisch: Interpretation - wiederholen und üben. Stuttgart: Klett 1986. S. 35 - 40; 74f.)


 
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