Fachmethoden Deutsch

Strukturelemente des Dramas:
Formtypen

Geschlossene oder tektonische Form des Dramas
vs.
offene oder atektonische Form des Dramas

"Die Sichtung der dramatischen Texte und die Ergebnisse bisheriger Forschung legen nahe, von der Voraussetzung auszugehen, daß zwei grundsätzliche, einander diametral gegenüberstehende Stil- tendenzen die neuere deutsche Dramatik [des 18. bis 20. Jahrhunderts] bestimmen: die Tendenz zur geschlossenen oder tektonischen Form und die Tendenz zur offenen oder atektonischen Form. [...] Der Gestaltung des dramatischen Stoffes in geschlossener oder offener Form entspricht eine bestimmte Weltsicht, eine bestimmte Weise der Wirklichkeitsrezeption." (Volker Klotz: Geschlossene und offene Form im Drama. 6. Aufl. München: Hanser 1972. S. 14f.)


 
Geschlossene Form 
Offene Form
HANDLUNG
Einheit und Kontinuität
Einsträngigkeit (linear)
Symmetrie und Proportion
Tektonik
Antithetik von Spiel und Gegenspiel
Akt als Formeinheit
Ausschnitt als Ganzes 
Pluralität und Blitzlichttechnik
Mehrsträngigkeit (komplementär)
Variation und Kontrast
Montage
Autonomie der Teile
Szene als Formeinheit
Ganzes in Ausschnitten
ZEIT
 
Einheit und Kürze 
Unterordnung des Augenblicks
Einheit und Kürze
Übermacht des Augenblicks
RAUM
Ideeller Raum 
Atmosphärisch neutraler Raum
.
Charakterisierender Raum
Atmosphärisch aufgeladener Raum:
Weite, Enge, Dunkel, Requisiten
PERSONEN
Geringe Personenzahl
Hauptfiguren Protagonist-Antagonist
Wenige Nebenfiguren 
Ständeklausel (Hoher Stand: Maß und Würde)
Vorrang der Innerlichkeit
Wort: Rhetorik
Große Personenzahl
Eine Hauptfigur
Viele Nebenfiguren
Fallen der Ständeklausel

Anfälligkeit für das Äußerliche
Versagen der Sprache: Pantomime

SPRACHE
Vorrang des Dialogs
Einheitlicher hoher Stil
Allgemeiner Wortschatz
Abstraktion, Entsinnlichung
Distanz, Kontrolle
Logik
Hypotaxe
Vers
Dialog und Monolog
Verschiedene Stilebenen
Spezifischer Wortschatz
Konkretion, Gegenständlichkeit
Spontaneität, Unbeherrschtheit
Assoziation
Parataxe; Ellipse, Anakoluth
Prosa

 
Der Formtyp des Dramas der geschlossenen Form trifft im wesentlichen die Form der von Aristoteles beschriebenen Tragödie: daher ist die geschlossene Form zugleich die "aristotelische Form" des Dramas, die offene die "nicht-aristotelische". 

(Zusammengestellt nach Volker Klotz: Geschlossene und offene Form im Drama. 6. Aufl. München: Hanser 1972.)
 


 

Geschlossene vs. offene Form des Dramas
(Strukturskizzen)


 

Geschlossene Form

Die Skizze zeigt die Handlungsführung und szeni- sche Komposition der geschlossenen Form des Dramas. Die symmetrische Anlage und das Anstei- gen und Abfallen der Spannung zum Höhepunkt bzw. zur Katastrophe werden deutlich. Primäres Gliederungsprinzip ist der Akt; die Szenen oder Auftritte als dessen Teilabschnitte sind dagegen kaum voneinander abgehoben. So entsteht der Eindruck eines klar gegliederten, übersichtlichen Ganzen, das von einem deutlich festgelegten Anfang zu einem ebenso deutlichen Ende führt.
 
 
 
 

 


 

Offene Form

Die zweite Skizze zeigt Handlungsführung und Komposition der offenen Form des Dramas am Beispiel des häufig verwirklichten zweisträngigen Aufbautyps. Hier setzt die Handlung meist unver- mittelt ein (kein so und nicht anders möglicher Anfang!), und es alternieren in lockerer Folge Szenen verschiedener Handlungsstränge; diese Stränge laufen im Drama parallel, kreuzen sich (beim Zusammentreffen von Personen verschie- dener Stränge), vereinigen und trennen sich. Formale Einheit ist die Szene; die Aktgliederung - soweit vorhanden - hat wenig Gewicht und steht meist nur aus Gründen der Konvention. Offen wie der Anfang kann das Ende sein; daher bleibt der Ausgang der Konflikte meist in der Schwebe.


 

Geschlossene Form

Die dritte Skizze zeigt die typische Konstellation der Personen der geschlossenen Form des Dramas in ihrer Umwelt: der Held (Protagonist) hat einen Gegenspieler (Antagonisten), mir dem er gemeinsam einer höheren Norm untergeordnet ist; so erscheint die Auseinandersetzung als ein bewußtes "Duell" (volker Klotz) auf prinzipiell gemeinsamem Boden mit bewußten Handlungen und Gegenhandlungen (durchgezogene Pfeile). Die umgebende Welt, aber auch der Bereich untergründiger Mächte (Triebe usw.) werden durch das hohe Bewußtsein auf Distanz gehalten.
 
 
 
 

 


 

Offene Form

Die letzte Skizze zeigt, was aus dieser Konstel- lation im Drama der offenen Form wird: der (nur noch im formalen Sinne gegebene) Held hat keinen Gegenspieler, an dessen Stelle als Widerpart ist die gesamte ihn umgebende Welt getreten, die ihn mit Zwängen usw. bedrängt. Dieser Druck wird um so fühlbarer, als keine verpflichtende höhere Norm mehr sichtbar ist. So erscheint die dramatische Figur als Opfer der auf sie einwirkenden Mächte, zu denen auch der Bereich des Untergründigen, Unbewußten gehört, der infolge des geringeren Bewußtseins der Dramenfigur nicht mehr in Distanz gehalten wird. Modernem Weltverständnis ent- spricht es eher, den Menschen in Abhängigkeit von sozialen, politischen und psychischen Zwän- gen zu sehen.
 
 

 


 
Zurück zu:  Dramentexte interpretieren (Übersicht)