Fachmethoden Deutsch
 

Bauformen des Erzählens:
Kurzgeschichte und short story


 


Kurzgeschichte

Die Literatur der Moderne erhebt die Schwierigkeiten des Verstehens, die Probleme menschlicher Interaktion immer drängender zu ihrem Thema, und die Gattung der Kurzgeschichte offenbart sich geradezu als das Genre, die Textsorte „gestörter Kommunikation“ schlechthin. Es hat viele Versuche gegeben, die formalen Merkmale der Kurzgeschichte zu definieren, bei der Vielfalt der Erscheinungsformen lassen sich jedoch nur einige Kennzeichen bestimmen. die typisch für die Gattung sind, sie jedoch nicht aus-machen; d. h. alle Kennzeichen sind nicht immer notwendig vorhanden.
 

Kennzeichen

  • Kürze: Eine Kurzgeschichte ist zwar nicht nur, aber eben doch auch eine „kurze Geschichte“, im Vergleich zur Erzählung mit ihren breiter angelegten und locker gefügten Erzählpartien.
  • Punktualisierung: Wichtiger als die äußere Umfangsbegrenzung ist die Tendenz zur erzählten Zeit auf einen kleinen Ausschnitt, eine Momentaufnahme (Bodo Heimann), die Reduktion und Verdichtung des Geschehens und Erlebens auf einen gedrängten Augenblick, eine exemplarische Situation, ein Bild, eine Formel. Haupt-, Neben- und Gegenhandlung fehlen.
  • Simultaneität: Solche Schrumpfung würde das Ende des Erzählens überhaupt bedeuten, wenn nicht „der Reduktion auf den Augenblick die Dehnung dieses Augenblicks entgegenwirkte“ (Bodo Heimann): Wechsel der Erzählperspektive, Einblendungen, innerer Monolog ermöglichen eine Zusammenschau verschiedener Schauplätze und Zeiten, verschiedener Wirklichkeits- und Bewußtseinsebenen, machen den Augenblick vielschichtig und schwebend.
  • Offenheit: Statt eines linearen Handlungsablaufs mit Einleitung und abrundendem Schluß findet man in Kurzgeschichten meist ein nach vorn und hinten unabgeschlossenes Augenblicksgeschehen: Unvermittelt, ohne Vorbereitung und Übergang blendet sich der Erzähler in ein laufendes Geschehen ein, schaltet sich am Schluß ebenso unerwartet wieder aus. ohne es eigentlich zu Ende zu fuhren. Der verblüffende Schluß hinterläßt eine schwebende, nachklingende Dissonanz, stiftet Unruhe, stellt dem Leser Fragen, die ihn zum Mitdenken und Mitwirken auffordern. Nach Lösungen muß er selbst suchen. Der offene Schluß, als Frage verstanden, ist oft der Schlüssel zum Verständnis des Textes.
  • Alltäglichkeit: Stoffreservoir ist zumeist das moderne Alltagsleben, in dem kein „Held“, sondern ein „mittelmäßiger Mensch“, vielleicht auch ein gesellschaftlicher Außenseiter unserer Zeit mit dem grauen, banalen Einerlei seines Daseins oder auch mit bestimmten, die Grundlagen seiner Existenz erschütternden Grenzsituationen konfrontiert wird. Ein entschiedener Wille zur Wahrhaftigkeit bestimmt die Sprache. Sie ist unprätentiös, schlicht (Dialekt, Jargon), kühl (understatement).
  • Mehrdeutigkeit: Freilich kommt es beim Erzählen auch sehr auf die Andeutungen an, auf das, was nicht ausgesprochen wird, was zwischen den Zeilen steht. Im komprimierten Augenblick werden scheinbare Belanglosigkeiten bedeutungsvoll; einzelne Gegenstände, Worte, Gesten erhalten Hinweischarakter auf Hintergründiges, werden mehrdeutig.
(Winfried Ulrich: Die Merkmale einer Kurzgeschichte. In: Ders. (Hrsg.): Deutsche Kurz-geschichten. Stuttgart: Reclam 1973. S. 98f.)
 

Short story

short story (engl. = kurze Geschichte) ist eine anglo-amerikanische Kurzform der Epik, die formal nicht streng festgelegt ist. Sie entstand in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den USA aus den Bedürfnissen des sich ausbreitenden Zeitungs- und Zeitschriftenwesens. Die Autoren hatten den eiligen Leser des Industriezeitalters vor Augen. Der Umfang der „short story“ wurde von dem Journalisten Fechter auf eine Formel gebracht: „Geschichte - einen Haarschnitt lang“. Folglich mußte sich der Autor auf eine entscheidende Situation, ein Ereignis, einen Augenblick konzentrieren und packend schreiben. Dem entsprechen ein geradliniger Handlungsverlauf, oft Beschränkung auf eine Hauptfigur, ein der Realität des Lebens entnommener Inhalt, eine flüssige, auf Effekte abzielende Sprache. Die geschlossene Komposition der Novelle mußte aufgegeben, auf eine Entfaltung in Zeit und Raum verzichtet werden. Insbesondere Edgar A. Poe und später O'Henry, London, Hemingway, Steinbeck und Faulkner entwickelten die „short story“ zur Kunstform, bei der die Situation oder das Ereignis „zur Essenz des Lebens“ (Gero von Wilpert) werden mußten.


 
 
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