Fachmethoden Deutsch
 

Bauformen des Erzählens:
Aufbauprinzipien des fiktionalen Erzählens I


Erzählzeit und erzählte Zeit

Erzählende Dichtung gibt wie die dramatische Zeitabläufe wieder. Zuschauer eines Dramas und Leser einer Erzählung sind aber in einer unterschiedlichen Lage. Vorgänge auf der Bühne dauern meistens so lange wie ähnliche Vorgänge in der Realität auch. Sobald aber Vorgänge nicht vorgeführt, sondern erzählt werden, fallen - in unterschiedlichem Grad - die Zeit, die der Leser zur Lektüre braucht (Erzählzeit = Zahl der Druckseiten oder Zeilen, die in einer bestimmten Zeit gelesen werden), und die Zeit, die im Inhalt der Erzählung durchmessen wird („.erzählte Zeit“), auseinander.

Am häufigsten kommen folgende Beziehungen zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit vor:

  • Zeitdeckendes Erzählen: Die zur Lektüre verwendete Zeit entspricht der Zeitabmessung des erzählten Vorgangs. Beispiel: Wiedergabe der direkten Rede. 
  • Zeitdehnendes Erzählen: Die Erzählzeit ist länger als die erzählte Zeit. Beispiel: Darstellung schnell ablaufender Bewußtseinsvorgänge. 
  • Zeitraffendes Erzählen: Große Zeitspannen der erzählten Zeit werden übersprungen, ausgelassen oder gerafft. Die Erzählzeit ist in diesem Fall kürzer als die erzählte Zeit. Beispiel: ein Menschen-  leben, auf einigen Seiten wiedergegeben.
(Uta Wernicke: Literaturerfahrungen. 6. Aufl. Hamburg: Handwerk & Technik 1980. S. 61.)