Flucht aus Frankfurt:
"Auf dem See"

 Text 1

Johann Wolfgang Goethe

[Ohne Titel]

(1774)

Ich saug‘ an meiner Nabelschnur 
Nun Nahrung aus der Welt. 
Und herrlich rings ist die Natur, 
Die mich am Busen hält. 
Die Welle wieget unsern Kahn 
Im Rudertakt hinauf, 
Und Berge Wolken angetan 
Entgegnen unserm Lauf. 

Aug mein Aug, was sinkst du nieder? 
Goldne Träume, kommt ihr wieder? 
Weg, du Traum, so gold du bist, 
Hier auch Lieb und Leben ist. 
Auf der Welle blinken
Tausend schwebende Stern, 
Liebe Nebel trinken 
Rings die türmende Ferne, 
Morgenwind umflügelt 
Die beschattete Bucht, 
Und im See bespiegelt 
Sich die reifende Frucht. 
 
 

Text 2

Johann Wolfgang Goethe

Auf dem See

(1784 oder 1785)

Und frische Nahrung, neues Blut
Saug ich aus freier Welt;
Wie ist Natur so hold und gut,
Die mich am Busen hält!
Die Welle wieget unsern Kahn
Im Rudertakt hinauf,
Und Berge, wolkig himmelan,
Begegnen unserm Lauf.

Aug, mein Aug, was sinkst du nieder?
Goldne Träume, kommt ihr wieder?
Weg, du Traum! So gold du bist;
Hier auch Lieb und Leben ist.

Auf der Welle blinken
Tausend schwebende Sterne,
Weiche Nebel trinken
Rings die türmende Ferne;
Morgenwind umflügelt
Die beschattete Bucht,
Und im See bespiegelt
Sich die reifende Frucht.

(Text 1 und 2 aus: Johann Wolfgang Goethe: Werke. 6 Bde. Bd. 1: Gedichte. Versepen. Hrsgg. v. Walter Höllerer. Frankfurt a. M.: Insel 1966. S. 56f.)
 
 

Text 3

Hartmut Pätzold

Naturerlebnis, Emanzipation und Gesellschaftsflucht

Der Nachweis ästhetischer Stringenz sagt freilich noch nichts über die Bedeutung, die ein Stück Literatur im geschichtlich-gesellschaftlichen Kontext seiner Zeit besitzt. Wer die mit den Mitteln des Motivvergleichs bisher erreichte, eher als dürftig zu bezeichnende Erläuterung der in Vers 10 benutzten Metapher von den "goldnen Träumen" mit konkretem historischem Sinn aufladen will, muß die engen Bahnen der an allen nicht-fik-tionalen Phänomenen achtlos vorbeigehenden werk- immanenten Kunstbetrachtung verlassen und den Tatbestand ernst nehmen, daß reale Spannungen, welche die damalige Lebenslage Goethes beherrschten, in das vorliegende Gedicht in sublimierter Form Eingang gefunden haben.

Hinter der Ambivalenz der Bildlichkeit, die positiv Erfahrenes lediglich einer irrealen Traumwelt zuordnet, verbirgt sich die leidvoll durchlebte Aporetik der Begegnung eines auf der Basis absoluter ökonomischer Unabhängigkeit nach radikaler Selbstverwirklichung strebenden Schriftstellers kleinbürgerlicher Herkunft mit einem vielseitig gebildeten, von dem Vorstellungen Lavaters beeinflußten Mädchen aus großbürgerlichem Hause, das sich zwar ebenfalls einen Freiraum für individuelle Tätigkeit zu schaffen und zu verteidigen sucht, dabei aber in einem viel stärkeren Maße als Goethe Rücksichten auf die im Zeichen des Merkantilismus ausgebildeten Verhaltensnormen nehmen muß. Insofern gehört die Frankfurter Bankierstochter Lili Schönemann durchaus zu den Vertretern eines "kaufmännischen Bildungdadels" (Beutler), der die im Verhältnis von gesellschaftlich- ökonomischer Alltagspraxis und geistig-literarischem Bewußtseinsprozeß auftretenden Ungleich- zeitigkeiten in zunehmendem Maße schmerzlich empfindet. Mit Goethe tritt indes ein Vertreter jener ungestümen, aus dem Umkreis der akademisch gebildeten, allem bloß "Kaufmännischen" abgeneigten "geistigen Oberschicht" des städtischen Bürgertums stammenden "Sturm und Drang"-Autoren in ihr Leben, die den durch die staatliche Förderung privatwirtschaftlicher Produktionskapazitäten in bescheidenem Umfang verbreiterten Erwerbs- und Freiheitsspielraum der Unternehmer-, Handels- und Handwerksbürger unabhängig von den gegebenen Bedingungen ins Unendliche ausweiten wollen.

Damit ist ein Konflikt vorgezeichnet, der das Liebesverhältnis zwischen Goethe und Lili der heiteren Überschwenglichkeit Sesenheims beraubt. Es entsteht eine unaufhebbare Spannung zwischen der starken Zuneigung des Autors zu Lili, deren Eigenwert als Person er zumindest zeitweilig deutlich erkennt und respektiert, und den gesellschaftlichen Lebensformen, in die er durch diese persönliche Bindung wider seinen Willen hineingezogen wird. Der scheinbar nur private Liebeskummer des jugendlichen Dichters beruht auf einem gesellschaftlichen Widerspruch, der sogar noch dem alten Goethe als selbst "in der Erinnerung beinahe unerträgliche Qual" erscheint. Die Beobachtung, daß Lili "Natur und Gesellschaft aufs sonderbarste vereinigt" (Staiger), muß zumal dann irritieren, wenn diese beiden Bereiche in Übereinstimmung mit der von Rousseau entwickelten antibürgerlichen Modell- vorstellung eines durch gesellschaftliche Konventionen noch nicht entstellten Naturmenschen als die schärfsten aller denkbaren Gegensätze empfunden werden.

Die Lili-Gedichte verraten ebenso wie zahlreiche Briefe aus dem Jahr 1775 die Verwirrung und das Betroffensein des Autors. Nach seiner endgültigen Trennung von der Geliebten spricht Goethe von "den zerstreutesten, verworrensten, ganzesten, vollsten, leersten, kräfftigsten und läppischten drey Vierteljahren die ich in meinem Leben gehabt habe." Das Liebesgedicht "An Belinden" läßt erkennen, in welch starkem Maße die Gestalt Lilis für Goethe zur lebendigen Verkörperung zweier gegensätzlicher Welten geworden ist: selbst der bloße Traum "von vollen goldnen Stunden" (V. 9), der ja auch in der zweiten Strophe von "Auf dem See" den unbedingten Drang "nach einer verwirklichten Naturfreiheit" zunichte macht, entrückt das Bild der Geliebten in eine das lyrische Ich nachhaltig befremdende rokokohafte Lichterwelt. Erst die Schlußstrophe liefert ein in dieser Deutlichkeit kaum erwartetes Bekenntnis zu der offenbar nur unter Vorbehalt angenommenen Liebe:

"Reizender ist mir des Frühlings Blüte 
Nun nicht auf der Flur, 
Wo du Engel bist, ist Lieb' und Güte, 
Wo du bist, Natur." 

In dieser Huldigung wird Lili trotz aller Zweifel gerade zu jener Natur gezwungen, deren entschiedenster Widerpart sie zunächst zu sein scheint. Noch in der Rückschau projiziert der bereits nach Weimar umgesiedelte Goethe seinen eigenen, inzwischen überwundenen Konflikt auf Lili, wenn er in einem undatierten, vermutlich aus dem Jahre 1776 stammenden Brief an Johanna Fahlmer den bemerkenswerten Satz notiert: "Das arme Geschöpf bedaur ich, daß sie unter so einer Race gebohren ist."

Es ist Goethe allerdings nicht immer gelungen, der ernsthaften Natur Lilis gerecht zu werden. Oft genug drängt das Erlebnis des verhaßten Milieus die persönliche Eigenart Lilis vollständig in den Hintergrund. Schon in einem am 13. 2. 1775 verfaßten Brief an Auguste Gräfin zu Stolberg zeichnet der Autor von sich selbst das Bild eines Menschen, der seinen Drang nach Selbstverwirklichung gegen die ihn erneut bedrohende Geschäftswelt Leipziger Zuschnitts verteidigen muß: dem "Fassnachts Goethe [...], der in abwechselnder Zerstreuung aus der Gesellschaft, ins Conzert, und von da auf den Ball getrieben wird, und mit allem Interesse des Leichtsinns, einer niedlichen Blondine den Hof macht", stellt der Briefschreiber jenen Goethe gegenüber, "der [...] in sich lebend, strebend und arbeitend, [...], immer gleich eine Stufe höher steigt, weil er [...] seine Gefühle sich zu Fähigkeiten, kämpfend und spielend, entwickeln lassen will."

Der hermetischen Deutung der Liebe folgend, begreift Goethe hier das konzentrative Sich-Sammeln des Herzens aus der Zerstreuung des unverbindlichen Gesellschaftsspiels als eine unverzichtbare Vorbedingung für die liebend-sympathetische Verbindung zu einer ihm gemäßen Seele. Nur wer sich auf seine eigenen Lebenskräfte besinnt, kann Kontakt zu anderen, seine Identitätsfindung fördernde Menschen gewinnen. Umgekehrt läßt mangelndes Verständnis auf gegenseitige Ungemäßheit schließen. So erwächst der Zweifel Goethes an der Aufrichtigkeit seiner Liebe zu Lili und Lilis Liebe zu ihm nicht zuletzt aus der Befürchtung, daß - um in der Sprache der Zeit zu bleiben - ein Originalgenie, "dessen gröste Glückseligkeit" es ist, "mit den besten Menschen seiner Zeit zu leben", nicht empfänglich sein kann für die Seele eines Mädchens, das mit "allerley Leuten" Umgang pflegt.

Diese Vorstellung von gleichsam magischen Sympathisationen gleichgestimmter Seelen verhindert eine durchgängig rationale Deutung des erlebten Zusammenspiels von Lust und Qual im Hinblick auf die ihm zugrundeliegenden sozialen und ideologischen Gegensätze. Daß ihm das aus der Beziehung zu Lili entstandene, von "unbezwinglichem Verlangen" geprägte neue Leben doch zugleich fremd vorkommt, daß er sich von der Geliebten nicht hinreichend erkannt fühlt und trotzdem von Lili beherrscht wird, ist dem Dichter Anlaß genug, zur Erklärung solcher Widersprüche das Gleichnis der Zauberei zu bemühen. In den Lili-Gedichten stoßen wir wiederholt auf Worte wie "Zauber", "Zauberwerk", "Zauberfädchen" oder "Zauberkreis", und auch die in "Auf dem See" benutzte Metapher von den "goldnen Träumen" läßt gleichzeitig etwas von den erfüllten Stunden und dem täuschenden Zauber anklingen, mit dessen Walten Goethe sogar noch auf einem Notizblatt zu "Dichtung und Wahrheit" die Ungereimtheiten seines Verhaltens gegenüber Lili zu rechtfertigen versucht. Im Kontext der literarischen Konstrukte macht sich der aufgestaute Unmut am deutlichsten in dem Gelegenheits- gedicht "Lilis Park" bemerkbar, in dem sich der Dichter mit einem wider Willen gezähmten Bären vergleicht, der sich allerdings immer noch stark genug fühlt, um die verlorengegangene Freiheit zurückzuerobern.

Mit seiner ersten Schweizer Reise unternimmt Goethe einen solchen Ausbruchsversuch aus dem durch eine halb erzwungene Verlobung beinahe schon legalisierten Abhängigkeitsverhältnis zu Lili und ihrem Lebenskreis. Der Aufbruch in die Ferne soll die ungebrochene Kraft zur Verschwisterung mit der freien Natur unter Beweis stellen und zugleich Aufschluß darüber geben, ob der Dichter Lili überhaupt noch entbehren kann. In den Briefen jener Tage ist vom "durchgebrochenen Bären" und von der "entlaufenen Kazze" die Rede, die sich endlich wieder in "freyer Lufft" und "freyer Welt" bewegen kann.

Freie Welt, das ist ein Programmwort für die von Rousseau propagierte und von den Stürmern und Drängern begeistert aufgegriffene Abkehr von zivilisatorischer Enge und für die Hinwendung zur unverstellt wirkenden Lebenskraft der Natur. Die Geniereise, die Goethe mit den Brüdern Stolberg antritt, dient, wie es aus der kritischen Distanz des alt gewordenen Dichters heißt, der Verwirklichung des "Wahn[s], sich aus der häuslichen Beschränkung zu entfernen und in nicht nur fremde, sondern völlig freie Natur einzutreten", die man zur damaligen Zeit vor allem in der Alpenwelt der Schweiz zu finden hoffte. Zahlreiche Briefzeugnisse dokumentieren das Scheitern dieses Experiments. Eine dauerhafte Flucht in schwärmerische Naturbegeisterung erweist sich als unmöglich: "Noch, fühl ich, ist der Hauptzweck meiner Reise verfehlt, und komm ich wieder, ists dem Bären schlimmer als vorher", notiert Goethe am 5. 6. 1775 in einem Brief an Johanna Fahlmer, und nach seiner Rückkehr muß er sich eingestehen: "Vergebens dass ich drey Monate, in freyer Lufft herumfuhr, tausend neue Gegenstände in alle Sinnen sog. [...] [I]ch sizze wieder in Offenbach, so vereinfacht wie ein Kind."

Das Gedicht "Auf dem See" spiegelt mit seinem grundlegenden Wandel in der Naturdarstellung den Versuch, das mächtig herandrängende Traumbild Lilis durch einen Verzicht auf den zwar emanzipatorisch gemeinten, aber doch fiktiv bleibenden Überschwang des arbeitsfreien Einsgefühls mit der Natur zu bannen. Damit wird zweifellos, wie Joachim Dyck vermutet, der "Durchbruch zu einer neuen Bewußtseinsstufe" erzielt. Dieses "neue [...] Selbstverständnis der eigenen Person" läßt sich indes keineswegs in undialektischer Weise mit dem Begriff der "Selbstbestimmung" umreißen; denn hier erfolgt nichts anderes als eine Abkehr von dem aggressiven Ideal prometheischer Schöpferkraft zugunsten der Anerkennung übergeordneter natürlicher Gesetzmäßigkeiten, die nur noch die Hoffnung auf eine spätere Erfüllung des Ersehnten zulassen.

Sieht man das Gedicht in dem lebensgeschichtlichen Zusammenhang, dem es seine Entstehung verdankt, so kann man seine Aussage wohl kaum mit Dyck als Überwindung der "Bestimmbarkeit" (Dyck) durch die Um- und Mitwelt verstehen. Der Gewinn der neuen Ausdrucksweise ist mit einer gravierenden sozialpsychologischen Regression verbunden. Die ästhetisch erfahrene Natur wird als Disziplinierungsmittel erprobt, um eine Beschränkung und Beherrschung der eigenen natürlichen Triebstruktur zu erreichen. Dabei stellt sich heraus, daß die das Gedicht bestimmende Dialektik von ästhetischer Naturzuwendung und Verdrängung der natürlichen Bedürfnisse des Ichs ausschließlich fiktive Züge trägt und der Wirklichkeit nicht standzuhalten vermag. Der im Zeichen eines bewußten sozialen Eskapismus erzwungene Abstand von der Geliebten scheint das "Band", das beide aneinander "zaubert", eher fester als lockerer zu knüpfen. Die "fieberhafte Erneuerung der Liebe zu Lili", von der Goethe in einem Schema zum 18. Buch von "Dichtung und Wahrheit" spricht, zwingt den Dichter auf den Boden jener realen gesellschaftlichen Spannungen zurück, denen er auf seiner Schweizer Reise vergeblich zu entfliehen suchte.

(Hartmut Pätzold: Naturerlebnis, Emanzipation und Gesellschaftsflucht. Versuch einer Interpretation zu dem Gedicht des jungen Goethe ‚Auf dem See‘. In: Norbert Mecklenburg (Hrsg.): Naturlyrik und Gesellschaft. Stuttgart: Klett 1977. S. 56 - 73.)
 


 
 
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