Didaktischer Arbeitkreis Lübeck
 

Kurzbiographien



 
 


 

Sokrates

460 - 399 v. Chr.


Sokrates wird 399 v. Chr. in seiner Heimatstadt Athen angeklagt und vor Gericht gestellt. Sein Prozeß ist einer der berühmtesten der Weltgeschichte geworden. Die Anklage lautet: er verehre die Götter nicht, er sei verantwortlich für den Niedergang des Staates, er verderbe die Jugend. Das "Gericht der 501 Geschworenen" hält ihn für schuldig. Man diskutiert über das Strafmaß: Verbannung oder Tod. Sokrates bittet nicht um Gnade, sondern fordert statt Strafe eine hohe Ehrung für sich: lebenslange staatliche Speisung, wie sie Olympiasiegern oder siegreichen Feldherren gewährt wird, Das Gericht entscheidet auf Tod. Der Verurteilte muß den "Schierlingsbecher" trinken. Vielleicht hätte er noch fliehen können. Aber das will der 70jährige nicht. Gesetzestreue und Wahrhaftigkeit ließen das nicht zu. 

Sokrates, um 460 geboren, der Sohn eines Steinmetzes und einer Hebamme, selbst von Beruf Steinmetz, hatte das Leben eines Philosophen gelebt. Er ging jeden Tag auf die Straßen und Plätze Athens. Der Geschichtsschreiber Xenophon berichtet über ihn: "Er lebte immer in der Öffentlichkeit. Früh ging er in die Wandelhallen und Gymnasien. Wenn sich der Markt füllte, war er dort zu sehen, und die übrige Zeit des Tages war er immer da, wo er voraussichtlich die meisten Menschen antraf." Geld verdiente er nicht; er lebte von der Gastfreundschaft seiner Freunde. Seine Frau Xantippe warf ihm vor, daß er seine Familie vernachlässige. In Darstellungen der Zeit wird er als komischer Kauz geschildert: mit Stupsnase, wulstigen Lippen, Schmierbauch, eine gedrungene Gestalt, ungepflegt, barfuß und mit struppigem Bart. Aber auf die jungen Leute übte er eine starke Anziehungskraft aus.

Die Zeiten waren nicht gut; Athen war durch viele Kriege geschwächt. Die Menschen waren unsicher, Sokrates hatte selbst an drei Feldzügen im "Peleponnesischen Krieg" als Hoplit teilgenommen und bewiesen, daß er kein Feigling war. 406 erhielt er eine leitende Stellung im Staate. Er trat leiden- schaftlich für die Einhaltung der Gesetze ein. Als die Volksversammlung die Todesstrafe für einige siegreiche Feldherren beschloß, die - während eines Sturmes - die Athenischen Seeleute nicht gerettet hatten, bekämpfte er als einziger diesen ungerechten Beschluß. Als kurz darauf die Demokratie gewaltsam beseitigt wurde und eine brutale Diktatur herrschte, bekannte er sich mutig zur Demokratie, gegen die er ansonsten viele Vorbehalte hatte und die ihn dann ja auch zum Tode verurteilte. 

Unerbittlich war dieser Sokrates; er forderte die Menschen auf, sich selbst zu erkennen und ihr Handeln darauf auszurichten, Er hat das nach dem Beruf seiner Mutter "Hebammenkunst" genannt. Fragen waren ihm wichtiger als Antworten: "Ich weiß, daß ich nichts weiß", war sein Leitspruch. Die Menschen sollten selbst nachdenken und ihrer inneren Stimme folgen. Mit dieser unverhüllten Offen- heit und radikalen Ehrlichkeit hat er die Athener "genervt". Man wollte nicht immer sein "schlechtes Gewissen" überprüfen. Daß junge Menschen diese Lehre begierig aufnahmen, daß sie das "Verrottete" am Staat sahen, gefiel den anderen nicht; für sie war Sokrates daher eine "Gefahr". Sokrates gebrauchte für sich das Bild einer "Stechfliege", die das edle Pferd vor Trägheit bewahrt. Die anderen behaupteten, er beschmutze das eigene "Nest".

Den Uneinsichtigen hielt Sokrates in seinem Schlußwort vor Gericht vor, wie wenig ihnen sein Tod nützen werde. "Wenn ihr glaubt, dadurch daß ihr Menschen tötet, könntet ihr verhindern, daß man euch euren verkehrten Lebenswandel vorhält, so denkt ihr falsch. [...] Die beste und einfachste Art ist die, nicht die anderen zu unterdrücken, sondern selbst so gut wie möglich zu werden." Er wollte seinem Gewissen gegenüber radikalen Gehorsam leisten. Man nennt ihn zu Recht den "Vater der Philosophie"", obwohl keine Zeile von ihm überliefert ist. Er wirkt allein durch sein Beispiel und seine Fragen, wie sie von anderen überliefert sind, im Bewußtsein der Menschen weiter.

(Jürgen W. Goette)


 
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