Thomas Gransow
 

Athen und die Halbinsel Attika
 

11. Kap Sunion

10.1. Poseidon-Tempel


 
 
 
Text 1
Die Tempelanlagen von Kap Sunion

Kap Sunion, schon von Homer erwähnt („Am attischen Ufer, bei Sunions heiliger Spitze ...“), bildet die südlichste Spitze von Attika: ein steil anfragendes Felsplateau in landschaftlich beherrschender Lage, dem ehemals eine strategische Schlüsselstellung zukam. Sunion kontrollierte den Eingang in den Saronischen Golf und damit den Weg nach Ägina, Salamis, Piräus und Athen. Es überwachte gleichermaßen die Wasserstraßen zu den Kykladen und nach Euböa. Zusammen mit dem weithin sichtbaren Tempel von Ägina und der Athener Akropolis war Kap Sunion Teil eines navigatorischen Dreiecks, das der antiken Schifffahrt zur Orientierung diente. Angesichts einer so exponierten Lage ist es verständlich, dass Kap Sunion schon früh den Göttern geweiht war. Davon zeugen auch die hier gefundenen, überlebensgroßen Kuroi aus Marmor (heute im Athener Nationalmuseum), die zu den ältesten Beispielen attischer Großplastik zählen. Die Tempel selbst gehörten dem Meeresgott Poseidon (auf der Höhe des Felsens) und der Landgöttin Athena, deren Heiligtum etwas nördlicher auf einem flacheren Hügel lag.

Während der Perserkriege (480/479 v. Chr.) teilte Sunion das Schicksal Athens. Wie auf der Akropolis die archaischen Bauten des 6. Jahrhundert v. Chr., so wurde auch hier ein älterer, wohl dem 6. Jahrhundert zugehöriger Tempel von den Persern zerstört, und später, in zeitlicher Parallele Zum Parthenon, der neue Tempel in Marmor errichtet. Entstanden in der Zeit um 440 v. Chr., gehört der Poseidon-Tempel zur Hochblüte klassisch-griechischer Baukunst, verwandt dem Hephaistos-Tempel auf der Athener Agora, mit dem er annähernd die gleichen Abmessungen (13,47 x 31,12 m) und dasselbe Säulenverhältnis (6 x 13) teilt. Man nimmt heute an, dass beide Bauten nach Plänen des Kallikrates errichtet wurden, und die Verwandtschaft in den Maßverhältnissen somit nicht zufällig ist. Aber auch der Nike-Tempel auf der Akropolis (427/426 v. Chr.), mit seinen ionischen Formen, basiert auf Entwürfen des Kallikrates. Damit ergibt sich folgendes Bild:

Kallikrates arbeitet zunächst für Kimon, den politischen Gegenspieler des Perikles, und konzipiert (ab 465 v. Chr.) für diesen den Vorgängerbau des heutigen Parthenon. Nach dem Tode des Kimon (450 v. Chr.) findet ein Wechsel der Baumeister statt. Kallikrates wird durch Iktinos abgelöst, der nun für Perikles den Plan zum heutigen (größeren) Parthenon entwirft, doch werden die schon aufrecht stehenden Säulen des Kallikratesbaues wiederverwendet.

Vom Parthenon-Unternehmen nunmehr ausgeschlossen, errichtet Kallikrates den Hephaistos-Tempel auf der Agora (ca. 448 - 442 v. Chr.), dann den Poseidon-Tempel auf Kap Sunion (ca. 442 - 438 v. Chr.), dann zwei Tempel in Acharnai und Rhamnus und schließlich (nach dem Tode des Perikles) den Nike?Tempel auf der Akropolis (427/426 v. Chr.). ? Baukünstlerisch bedeutet das: Kallikrates beginnt am Parthenon mit den traditionellen dorischen Formen über einem altertümlich langgestreckten Grundriss und endet bei der außerordentlich feinen und zierlichen Architektur aus ionischen Elementen beim Nike-Tempel.

Auf diesem Wege bezeichnet der Poseidon-Tempel von Kap Sunion eine bemerkenswerte Station. Denn schon immer hat man hervorgehoben, dass hier die dorische Säule in einer Schlankheit auftritt, die ihr etwas von ionischer Eleganz verleiht. Dieser Eindruck beruht auf bestimmten Proportionen. Bei einer überdurchschnittlichen Säulenhöhe von 6,10 in beträgt der untere Durchmesser nur 1 m (Säulenhöhe beim Aphaia-Tempel auf Ägina 5,27 m, beim Hephaistos-Tempel auf der Agora knapp 6 m). Die Säulenhöhe beträgt nun nicht mehr das 4,5 bzw. 5fache oder - wie beim Parthenon - das 5,5fache des unteren Durchmessers, sondern mehr als das 6fache.

Während des Peloponnesischen Krieges wurde Kap Sunion zur Festung ausgebaut. Noch heute sieht man die Reste einer Befestigungsmauer mit vorspringenden Türmen, die sich auf halber Höhe um den Hügel herumzieht. In einer Bucht der Westseite hat man in den Felsen gehauene Liegeplätze für zwei Wachtschiffe feststellen können.

Auch der Tempelbezirk war von einer Mauer eingefaßt und besaß ein Propylon als Eingang, einen von Säulen getragenen Torbau, an den sich offenbar nach Osten Säulenhallen anschlossen. Als Baustoff für den Tempel verwandte man einen nicht eisenhaltigen, daher makellos weißen Marmor. Die Vorhalle besaß einen Figurenfries mit Kampfszenen aus der attischen Sage.
 
 

(Abb. 1:  The temple of Poseidon. Axonometric drawing (after Plommer).
In: Mary Salliora-Oikonomakou: Sounion. Athen: Pergamos 2004. S.  30.)

Der Athena-Tempel lag in einem eigenen, seinerseits wieder ummauerten Bezirk, unterhalb des Poseidonfelsens auf einem flacheren Hügel. Eigentümlicherweise hatte der Tempel nur an seiner Ost- und Südseite eine Säulenstellung. Die Basis für das Kultbild der Athena ist noch zu sehen.
Günter Wachtmeier: Athen. Zürich u. München: Artemis 1976. S. 150 – 153.)
 
 

Text 2
Moderner Mythos

Alle beschriebenen Details - so interessant sie für den Archäologen und Bauforscher sind - treten hier gegenüber dem atmosphärischen Gesamteindruck des Platzes jedoch völlig in den Hintergrund. Was die meisten Besucher hier so fasziniert, ist nicht die rekonstruierende Vorstellung vom einstmals intakten Bauwerk, ja nicht einmal die Gestalt der erhaltenen Ruine selbst. Deren weißer Stein ist von Wind und Wetter ausgewaschen, auch haben sich die Säulentrommeln im Laufe der Zeit so gegeneinander verschoben, dass die Schäfte nun abgestuft und unregelmäßig in den Himmel zu wachsen scheinen; selbst die Teilformen der Architektur sind in diesem Zustand nur noch zu erahnen. Wer sich heute eine exakte Vorstellung von der Proportion der Säulen verschaffen will, der muß vielmehr mitteleuropäische Schlösser und Parks aufsuchen, wo sich einige im 18. Jahrhundert aus Sounion geraubte Säulen besser als am ursprünglichen Ort erhalten haben (z. B. in Klein-Glienicke am Rande von Berlin). Nein, es scheint in Sounion die durch nichts beeinträchtigte Verbindung von Kunst und Natur - von klassischer Tempelruine und Landschaft - zu sein, die die Menschen Tag für Tag und Jahr für Jahr in Scharen anzieht und sie trotz Gedränges im Sommer und eines hier stets ausbrechenden wahren Photographierrausches oft in andächtige Stille versetzt: ein Phänomen, das eng mit der geschilderten Erwartungshaltung zusammenhängt.

Ruhig gleitet der Blick von den schneeweiß schimmernden Marmorsäulen des Tempels auf der Klippe über die weite Fläche des ägäischen Meers, aus der sich schemenhaft im Dunst die Inseln Makronisi, Kea und Kythnos herausheben. Man sollte sich die Romantik dieser Sicht nicht nehmen lassen, aber doch wissen, daß dies nur eine - von uns gewählte und zudem ausschließlich moderne - Perspektive ist. Denn erst jahrtausendelange Verfalls? und Umwandlungsprozesse haben in Sounion das Ambiente entstehen lassen, das den Ort heute so berühmt macht. Die antike Wirklichkeit war eine ganz andere, und auch sie ist aus der Landschaft, wie man sie heute vorfindet, noch in Spuren ablesbar. Lenkt man den Blick von Meer und Tempel zurück auf die hinter dem Kap ansteigenden Berge, so gewahrt man bei genauerem Hinsehen eine merkwürdige Zerklüftung des Geländes. Überall sind die Abhänge von der Küstenstraße bis hinauf zum Kamm der Berge aufgewühlt und von Furchen und Schründen durchzogen. Nicht wind- und wetterbedingte Erosion hat die Oberfläche der Laurion-Berge so zerschunden, bereits antike „Industrie“ hat der Landschaft diese Verletzungen zugefügt.
(Lambert Schneider, Christoph Höcker: Griechisches Festland. 3., aktualisierte Aufl. Köln: DuMont 2003. S 164.)
 
 

Text 3
Das griechische Wunder

Ich wanderte umher, um Attika kennenzulernen. In den Bäumen, in den Bergen, in der Einsamkeit suchte ich meine Seele zu finden und zu erkennen, vergeblich; das Herz hüpfte nicht - unbeirrbares Zeichen, das ich nicht das fand, was ich suchte.

Eines Mittags jedoch glaubte ich es gefunden zu haben. Ich war allein in Sunion; brennende Sommersonne; die verwundeten Pinien tropften ihr Harz, die Luft war voller Duft. Eine Zikade setzte sich auf meine Schulter, und eine Zeitlang wanderten wir zusammen. Ich duftete selber wie eine Pinie, ich war zur Pinie geworden. Und plötzlich, aus dem Pinienwald heraustretend, sah ich die weißen Säulen des Poseidon-Tempels und zwischen ihnen, strahlend, dunkelblau, das heilige Meer. Meine Knie wankten, ich blieb stehen. Das ist die Schönheit, dachte ich mir, die flügellose Siegesgöttin, der Gipfel der Freude, höher kann der Mensch nicht gelangen. Das ist Griechenland!
So groß war meine Freude, dass ich für einen Augenblick vermeinte, beim Anblick der Schönheit Griechenlands seien beide Wunden geheilt worden und diese Welt tauge doch etwas, sei sie auch vergänglich. Oder gerade weil sie vergänglich ist. Und dass es falsch sei, im Antlitz des Mädchens bereits die künftige Greisin zu sehen, statt im Antlitz der Greisin den Tau und die Jugend des einstigen Mädchens wiederauferstehen zu lassen.

In der Tat übt die attische Landschaft einen unaussprechlichen, durchdringenden Zauber aus. Hier in Attika scheint alles einem einfachen, bestimmten, harmonischen Rhythmus untergeordnet zu sein. Alles zeigt Grazie und Großzügigkeit. Die trockene, dünne Erde, die reizenden Linien des Hymettos und des Pentelikon, die silberbelaubten Olivenbäume, die schmalen, asketischen Zypressen, das spielerische Aufflackern des Steines in der Sonne und über allem das durchsichtige, wie vergeistigte Licht, das alles durchtränkt und alles entblößt.

Die attische Landschaft zeigt, wie das Vorbild des Menschen sein muss; gut gestaltet, wortkarg, frei von überflüssigem Reichtum, kräftig, doch imstande, diese Stärke zu zügeln und der Phantasie Grenzen zu setzen. Die attische Landschaft erreicht manchmal diese Grenzen, doch sie überschreitet sie nicht, verharrt im freudigen, wohlgesinnten Ernst. Ihr Reiz zerfällt nicht in Romantismen und ihre Stärke nicht in Derbheit. Alles ist wohlabgewogen, wohlbemessen, und die Tugenden werden nicht übertrieben, sie übersteigen nicht das menschliche Maß, machen dort halt, wo ein Weitergehen sie unmenschlich oder göttlich werden lassen müsste. Die attische Landschaft brüstet sich nicht, hält keine prahlerischen Reden, verfällt nicht auf melodramatische Gefühlsduseleien, sagt, was sie zu sagen hat, ruhig mit männlicher Kraft. Sie bringt mit den einfachsten Mitteln das Wesentliche zum Ausdruck.

Doch manchmal legt sich ein Lächeln auf diesen Ernst: Zwei, drei silberästige Ölbäume am kahlen Hang, frische, grüne Pinien, Oleander am Ufer eines weißen Trockenflusses, ein Bündel frischer Levkojen zwischen heißen, blauschwarzen Steinen. Gegensätze stoßen hier aufeinander und vermischen sich, versöhnen sich und schaffen der Harmonie größtes Wunder. Aber wie war das möglich? Wo fand Grazie solchen Ernst, wo Ernst soviel Grazie? Wie kam es, dass Kraft ihre Macht nicht missbrauchte? Das ist wahrhaft das griechische Wunder.
(Nikos Kazantzakis: Im Zauber der griechischen Landschaft. Frankfurt a. M.: Ullstein 1996. S. 77 – 79.)


 

 
 
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