Thomas Gransow
 

Athen und die Halbinsel Attika

5. Die Stätten der attischen Demokratie

5.2. Die attische Deemokratie
 

Abb. 1

Das Institutionengefüge der athenischen Demokratie



 


 
Text 1

Rat und Prytanie

Die der Volksversammlung vorstehenden Prytanen sind ein aus dem Rat (Boulé) hervorgehendes Gremium. Der Rat, der in mancher Hinsicht das Repräsentationssystem der modernen Parlamente ankündigt, umfasste 500 Mitglieder, je 50 aus jeder Phyle. Die 50 Buleuten (Bouleutaí) einer Phyle waren für den zehnten Teil des Jahres, d. h. ungefähr 36 Tage, Prytanen, mit anderen Worten Vorsitzende der Volksversammlung.

Die Buleuten wurden durch das „Bohnenlos“ aus den Bürgern eines Demos bestimmt, die das dreißigste Lebensjahr vollendet haben und sich als Kandidaten anbieten. Das Losverfahren gilt dabei als Kundgabe des Willens der Götter. In einen Krug legte man Täfelchen mit den Namen der Bewerber, in einen anderen gleich viele Bohnen, jedoch solche von schwarzer und solche von weißer Farbe, wobei die Anzahl der weißen der Menge der zu wählenden Buleuten entsprach. Dann zog man gleichzeitig einen Namen und eine Bohne; war die letztere weiß, hatte der Träger des zugleich gezogenen Namens die Wahl gewonnen.

Die Kandidaten waren nicht so zahlreich, wie man vielleicht glauben könnte; denn man hatte ja gegebenenfalls ein ganzes Jahr im Dienste des Staates zu verbringen und konnte nicht umhin, seine Privatangelegenheiten zu vernachlässigen. Die Entschädigung betrug nur 5 Obolen pro Tag, für die Prytanen 1 Drachme, d. h. 6 Obolen, was nicht eben viel ist, wenn man bedenkt, dass ein guter Arbeiter 2 Drachmen täglich verdienen konnte. Ein Gesetz verbot, dass ein Athener mehr als zweimal im Leben Buleut sei. Da man für jedes Jahr 500 Ratsmitglieder brauchte und sich die Zahl der Bürger auf etwa 40000 belief, hatte jeder Athener, der danach verlangte, wie man sieht, gute Aussichten, einmal Mitglied des Rates zu sein.

Nach ihrer Bezeichnung durch das Los mussten sich die zukünftigen Buleuten einer Prüfung, der Dokimasie (Dokimasía) unterziehen, bevor sie - bei günstigem Ergebnis - den Eid leisteten. Ihr Versammlungsort war das Buleuterion (Bouleutérion) auf der Agora [...]. In ihrem Amtsjahr waren sie von der Wehrpflicht befreit und nahmen im Theater Ehrenplätze ein. Die Einberufung zu den Ratssitzungen oblag den Prytanen. Diese residierten in der Tholos, einem ganz in der Nähe des Buleuterions gelegenen Rundbau, der aber vom Prytaneion, jener Art von Gemeindehaus, in dem die Stadt zu Ehren athenischer Bürger oder Fremder, z. B. der Gesandten, Empfänge gab, zu unterscheiden ist. Wenigstens ein Drittel der Prytanen war dauernd anwesend, sogar die Nacht über. Ihr Epistat, der täglich neu ausgelost wurde und sein Amt von einem Sonnenuntergang bis zum nächsten innehatte, war ? freilich nur für eine sehr kurze Frist ? das eigentliche Staatsoberhaupt. Er bewahrte das Staatssiegel und die Schlüssel zu den Tempeln auf, in denen der Staatsschatz lag. In Rat und Volksversammlung führte er den Vorsitz. Er konnte nur ein einziges Mal in dieses Amt berufen werden, so dass von 50 Prytanen wenigstens 36 einmal die Präsidentschaft ausübten (denn es gab in den Jahren mit einem Schaltmonat Prytanien mit mehr als 36 Tagen). Der durchschnittliche Athener konnte sich demnach, da er, wenn er es wünschte, gute Aussichten hatte, in den Rat zu kommen, fast ebenso große Chancen ausrechnen, einen Tag lang Oberhaupt seines Gemeinwesens zu werden.

(Robert Flacelière: Griechenland. Leben und Kultur in klassischer Zeit. Hrsgg. v. Edgar Pack. Stuttgart 1977. S. 61ff.)
 
 

Text 2

Die Volksversammlung

Die Volksversammlung trat normalerweise viermal in jeder Prytanie (Amtszeit der Prytanen einer Phyle, also 36 Tage), das heißt vierzigmal im Jahr, zusammen. Ihre Tagesordnung war bis zu einem gewissen Grade gesetzlich geregelt. So musste in der ersten der vier Volksversammlungen eine Abstimmung darüber stattfinden, ob man die Beamten auf ihren Posten belassen oder einen von ihnen absetzen sollte; danach musste man die Getreideversorgung und die Verteidigung des Landes erörtern; danach wurden Verzeichnisse von konfiszierten Gütern und von Erbtöchtern vorgelesen; und schließlich hatte man Gelegenheit, Tadelsanträge gegen Denunzianten einzubringen, Hochverräter anzuklagen oder solche, die dem Volk ihre Versprechungen nicht gehalten hatten, anzuzeigen. Die zweite Versammlung war dem gewidmet, was wir als „private members' business“ bezeichnen würden; hier konnte jeder über jeden Gegenstand von privatem oder öffentlichem Interesse zum Volk sprechen. Die beiden anderen Versammlungen befassten sich mit aktuellen Problemen unter den Rubriken: kultische Angelegenheiten, auswärtige Angelegenheiten und profane Angelegenheiten, wobei drei (durch das Los ausgewählte) Anträge zu jedem Thema - in dieser Reihenfolge - bevorzugt behandelt wurden. Neben den ordentlichen Volksversammlungen gab es außerordentliche Versammlungen. Letztere konnten einberufen werden, um sich mit einem unvorhergesehenen Notstand zu befassen [...]. Sie konnten auch im voraus angesetzt werden, um eine eingehende Diskussion über eine wichtige Frage zu ermöglichen. [...]

Wie stark und wie regelmäßig der Besuch der Volksversammlung war, ist schwer zu sagen. [Die Tatsache, dass] viele Athener als aktive Soldaten dienten, [...] lässt darauf schließen, dass der normale Besuch in Friedenszeiten vielleicht beträchtlich über 5000 lag. Diese Schlussfolgerung wird bestätigt durch den Umstand, dass nicht nur für das Scherbengericht, sondern auch für einige gar nicht aufregende Entscheidungen, zum Beispiel für Verleihungen des Bürgerrechts oder für die Sondererlaubnis, einen Antrag auf Erlass von Schulden an die Staatskasse einzubringen, ein Quorum von 6000 Teilnehmern erforderlich war und dass es keinen Hinweis darauf gibt, dass dieses Quorum jemals nicht zustande kam ? obwohl es vielleicht gerade bei diesen Anlässen geschah, dass die skythische Polizei die Leute buchstäblich in die Volksversammlung schleppte.

Aus welchen sozialen Schichten sich die Volksversammlung zusammensetzte, ist ebenfalls schwer abzuschätzen. Nach Sokrates setzte sie sich aus Walkern, Schustern, Zimmerleuten, Schmieden, Bauern, Kaufleuten und Händlern zusammen. Dagegen scheinen [...] die Volksversammlungen, vor denen Demosthenes sprach, gewöhnlich vorwiegend aus Männern der Mittel- oder Oberschicht bestanden zu haben, aus Hopliten und solchen, die Kriegssteuer zahlten. Außerordentliche Versammlungen zogen sicher eine größere Zahl von Besuchern aus der arbeitenden Klasse an. [...] 
Für den Weg, auf dem man im Rat und in der Volksversammlung zu Entscheidungen gelangte, [ergibt sich aus den Inschriften, den zuverlässigsten Quellen:] Die offizielle Urkunde teilt nur mit, was wesentlich ist. Die Eingangsformel stellt lediglich fest: „Rat und Volk haben beschlossen“, und sie nennt die Namen der präsidierenden Phyle und ihres Vorstehers (da beide bis zu einem gewissen Grade dafür verantwortlich waren, dass über den Beschluss abgestimmt wurde), den Namen des Sekretärs (der das Protokoll über den Beschluss führte und dafür sorgen musste, dass er richtig in Stein gemeißelt wurde) und den Namen des Antragstellers (der gerichtlich verfolgt werden konnte, wenn er einen gesetzwidrigen Beschluss beantragt hatte); manchmal wird (zur Datierung) noch der Name des Archonten hinzugefügt. Es folgt (in indirekter Rede) der Wortlaut des Beschlusses, wobei gewöhnlich nicht deutlich wird, ob er vom Rat oder in der Volksversammlung so abgefasst wurde. Nur in Ausnahmefällen erfahren wir etwas über diese Dinge, nämlich dann, wenn Zusatzanträge zum Beschluss erhoben wurden. Wenn diese die Form haben: „N.N. schlug vor: nicht wie vom Rat beschlossen, sondern dass ...“, verraten sie, dass der ursprüngliche Antrag im Rat abgefasst und in seinem Namen zur Debatte gestellt wurde. Auf Grund dieses Kriteriums kann man ermitteln, dass einige wichtige Beschlüsse des fünften Jahrhunderts in allen Einzelheiten im Rat abgefasst und vom Volk mit geringfügigen Abänderungen angenommen wurden.

(A. H. M. Jones: Wie funktionierte die athenische Demokratie? In: Fritz Gschnitzer Hrsg.): Zur griechischen Staatskunde. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1969. S. 233ff.) 
 
 

Text 3

Das Selbstverständnis der attischen Demokratie – 
Perikles (431)

Wir leben in einer Staatsform, die die Einrichtungen anderer nicht nachahmt; eher sind wir für etliche ein Vorbild, als dass wir andere uns zum Muster nähmen. Mit Namen wird sie, weil wir uns nicht auf eine Minderheit, sondern auf die Mehrheit im Volke stützen, Volksherrschaft (Demokratie) genannt. Und es genießen auch alle für ihre eigenen Angelegenheiten vor den Gesetzen gleiches Recht; in der öffentlichen Bewertung jedoch fragt man allein nach dem Ansehen, das sich jemand auf irgendeinem Felde erworben hat, und nicht die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Volksteil, sondern allein die persönliche Tüchtigkeit verleiht im öffentlichen Leben einen Vorzug, auch wird bei Armut keiner, der doch dem Volke Gutes zu leisten vermöchte, um der Geringheit seines Standes willen ausgeschlossen. Ein freier Geist herrscht in unserem Staatsleben und wirkt auch im täglichen Leben und Treiben aller gegenseitigen Beargwöhnung entgegen. So nehmen wir es unserem Mitmenschen auch nicht übel, wenn er sich einiges zu seinem Vergnügen leistet, und legen uns keine engherzigen Beschränkungen auf, die zwar kein Schade, aber doch ein unerquicklicher Anblick sind. Und wie wir im persönlichen Umgang unbeschwert miteinander verkehren, so meiden wir im öffentlichen Leben schon aus Pflichtgefühl Verstöße gegen Recht und Sitte, der jeweiligen Führung gehorsam wie auch den Gesetzen und unter ihnen zumal denjenigen, die zum Schutz der Verfolgten gegeben sind, sowie den ungeschriebenen, deren Bruch in aller Augen Schande bringt. Auch für mancherlei Erholung des Geistes von allen Anstrengungen ist bei uns gesorgt, teils durch die Pflege von Kampfspielen und Festen während des ganzen Jahres, teils durch schöne, jedem offenstehende Anlagen, deren täglicher Genus den Missmut bannt. Zudem kommt bei der Größe unserer Stadt aus allen Teilen der Erde alles herein, und ebenso wie unsere heimischen Güter können wir die Erzeugnisse der ganzen Welt im eigenen Hause genießen.

Auch in der Pflege des Kriegswesens unterscheiden wir uns von unseren Feinden, und zwar in folgendem: jedermann hat freien Zutritt zu unserer Stadt, und wir denken nicht daran, es einem durch Ausweisungen zu verwehren, sich bei uns über Dinge zu unterrichten oder sie sich anzuschauen, die, nicht geheimgehalten, vielleicht manchem unserer Feinde nützlich werden könnten. Statt auf die üblichen Vorkehrungen und Schliche verlassen wir uns lieber auf die in uns selber ruhende Entschlossenheit zur Tat. Und mögen in der Erziehung des Kindes die da drüben schon durch anstrengende Übungen von zarter Jugend an mannhaften Geist zu erwerben suchen: wir führen ein Leben ohne Zwang und stellen im Ernstfall doch nicht schlechter unseren Mann. Beweis: nie fallen unsere Gegner einzeln, sondern stets mit ihrer gesamten Bundesmacht in unser Land; wir aber ziehen ganz für uns allein gegen den andern ins Feld und werden selbst in Feindesland meist mühelos mit denen fertig, die doch um Haus und Hof kämpfen müssen. Dabei hat es noch kein Feind bisher mit unserer versammelten Macht zu tun bekommen, weil wir auch noch für unsere Flotte Sorge tragen und zu Lande die Unsrigen nach vielen Punkten hin verschicken müssen. Allein sie mögen irgendwo auf irgendeine Abteilung von uns gestoßen sein und etliche der Unsern aus dem Felde geschlagen haben, so prahlen sie, dass sie unsere gesamte Streitmacht überwältigt hätten, und wurden sie geworfen, so wollen sie unserer ganzen Macht gewichen sein. Nun denn, wenn wir es vorziehen, lieber leichten Herzens statt unter mühseligem Drill und weniger mit einer Tapferkeit nach Vorschrift als einer frei aus dem Leben erwachsenen zu streiten, so haben wir dabei so viel voraus, dass uns künftige Not nicht im voraus plagt, und wenn sie kommt, und doch nicht weniger kühn als die ewig sich Abmühenden findet weshalb unser Volk denn auch hierin Bewunderung verdient, nicht minder aber noch in anderem.

Wir lieben das Schöne in Schlichtheit, lieben Wissen und Bildung, aber frei von Weichlichkeit. Reichtum ist bei uns zum Gebrauch in der rechten Weise, aber nicht zum Geprahl mit Worten da. Armut einzugestehen bringt keinem Schande, sondern nicht tätig aus ihr fortzustreben ist schlimmere Schande. In derselben Männer Hand ruht die Sorge für ihre häuslichen wie auch die öffentlichen Angelegenheiten, und selbst wer völlig seiner Arbeit lebt, dem fehlt es doch nicht an Blick für die politischen Dinge. Bei uns allein nämlich heißt einer, der dem (politischen Leben) gänzlich fernsteht, nicht „ungeschäftig“, sondern „unnütz“, und selber hat unser Volk in den Fragen der Staatsführung mindestens ein Urteil, wo nicht gar fruchtbare eigene Gedanken. Denn wir sehen nicht in einer bedächtigen Vorbesprechung eine Gefahr für die Tat, sondern vielmehr darin, sich nicht vorher in Beratungen zu belehren, ehe man das, was not tut, mit der Tat in Angriff nimmt. Auch dies nämlich zeichnet uns vor anderen aus, dass letzte Kühnheit und klarste Berechnung dessen, was wir unternehmen wollen, sich in uns vereinigt finden, während sonst in der Welt nur Ahnungslosigkeit den Wagemut und Überlegung Unentschlossenheit erzeugt. Stärkste Seelenkraft spricht man mit Recht aber doch denen zu, die vom Fruchtbaren wie vom Angenehmen die genaueste Kenntnis haben und sich deswegen doch keiner Gefahr entziehen.

Mit einem Wort also sage ich: unsere Stadt ist im ganzen die hohe Schule Griechenlands; im einzelnen aber will mir scheinen, dass jeder bei uns sich gleichzeitig auf den verschiedensten Gebieten anmutig und mit vollendeter Sicherheit als ganze, auf sich selbst gestellte Persönlichkeit erweist. Dass dies aber nicht nur ein gelegentliches Wortgepränge, sondern der Dinge wahres Abbild sei, dafür gibt die Macht der Stadt, die wir aus diesem Geiste uns errungen haben, selber den Beweis. Sie allein unter den heutigen Städten tritt mit einer Macht, wie die Geschichte sie noch nicht kennt, zur Probe an. Sie allein gibt keinem andringenden Feind Grund zu murren, von was für Menschen er geschlagen wird, und keinem Unterworfenen Anlas zur Beschwerde, dass Unwürdige über ihn gebieten. In gewaltigen Denkmälern und wahrlich nicht unbezeugt haben wir unsere Macht den heutigen wie den kommenden Geschlechtern zur Bewunderung dargetan. Wir brauchen keinen Homer zum Lobredner, noch wer da sonst mit Versen dem Ergötzen des Tages dient und mit seiner Darstellung von den Ereignissen doch dann an der Wahrheit zuschanden wird. Wir haben alles Land und Meer gezwungen, unserem Wagemut Wege zu bereiten, und allerorten, wo wir uns niederließen, setzten wir unvergängliche Male unserer Opfer wie auch unserer Siege.

Das ist die Art der Stadt, für welche diese Männer, entschlossen, sie sich nicht rauben zu lassen, tapfer kämpften und starben und für die auch von den Überlebenden gewiss jedermann gewillt ist, sich zu opfern.

(Thukydides II, 37 – 46)
 
 

Text 4

Kritik an der attischen Demokratie -
Pseudo-Xenophon  (ca. 430 v. Chr.)

Was die Staatsform der Athener anlangt, kann ich es freilich nicht billigen, dass sie gerade für diese Art der Staatsform sich entschieden haben: denn hiermit haben sie sich zugleich dafür entschieden, dass es die Gemeinen besser haben als die Edlen; aus diesem Grunde kann ich das nicht billigen. Dass sie aber, nachdem sie das nun einmal dergestalt beschlossen haben, zweckmäßig ihre Staatsform sich zu wahren und alles andere sich einzurichten wissen, worin sie nach Ansicht der anderen Griechen fehlgreifen, das will ich jetzt beweisen. Zunächst muss ich es aussprechen, dass mit Recht daselbst die Armen und das Volk berechtigt sind, den Vorzug vor den Vornehmen und den Reichen zu haben, und zwar deshalb, weil nur das Volk es ist, das die Schiffe treibt und dadurch der Stadt ihre Machtstellung verschafft [...]. Unter diesen Umständen erscheint es nur gerecht, dass allen bei der jetzt üblichen Losung sowohl wie der Wahl die Ämter offen stehen und dass es jedem von den Bürgern, wer da will, freisteht, öffentlich zu reden. Alle Ämter ferner, die der Gesamtheit des Volkes Segen bringen, wenn sie in guten Händen sind, und Gefahr, wenn in schlechten, die verlangt sich das Volk nicht im mindesten offenzuhalten (weder die Stellen der Marschälle noch die der Reiterobersten glauben sie sich durch den Grundsatz der Losung offenhalten zu sollen); denn sehr wohl versteht es das Volk, dass es größeren Nutzen davon hat, dass es nicht selber diese Ämter verwaltet, sondern die Vermögendsten sie verwalten lässt. Alle Ämter aber, die dazu da sind, Sold zu tragen und Nutzen ins Haus zu bringen, um die bewirbt sich das Volk. [...]

Es gilt aber auch wirklich für jedes Land, dass das bessere Element Gegner der Volksherrschaft ist; denn bei den Besseren ist Zuchtlosigkeit und Ungerechtigkeit am geringsten, gewissenhafter Eifer für das Gute und Edle am größten, beim Volke aber Mangel an Bildung und Selbstzucht am größten und Gemeinheit; denn sowohl die Armut verleitet sie viel eher zur Schlechtigkeit als auch der Mangel an Erziehung und Bildung [...].

Bei den Sklaven hingegen und den Metöken (Fremden) herrscht in Athen größte Zuchtlosigkeit, und man darf daselbst den Knecht weder hauen, noch wird er dir bescheiden ausweichen. [...] Wenn aber einen auch das wundert, dass sie daselbst die Sklaven üppig werden, ja einige sogar auf großem Fuß leben lassen, auch das tun sie [...] mit Absicht. [...] Deshalb also haben wir sogar für die Knechte freie Meinungsäußerung eingeführt in demselben Maße wie für die Freien; und auch für die Schutzbürger in demselben wie für die Staatsbürger, weil der Staat Schutzbürger braucht, sowohl um der Menge der Gewerbe als auch um des Seewesens willen; deshalb also haben wir naturgemäß auch für die Schutzbürger dasselbe Recht der freien Meinungsäußerung eingeführt. [...] Was aber das Volk vereinbart hat, da steht es ihm frei, einem die Schuld zuzuschieben, dem Antragsteller und dem Versammlungsleiter, den übrigen aber, zu erklären, er sei nicht dabei gewesen und es sage ihm nicht zu, ausgenommen höchstens, sie hätten erfahren, es sei in einer Vollversammlung des Volkes vereinbart worden; und wenn es ihm nicht belieben sollte, dass dies Gültigkeit habe, so hat es tausend Vorwände bereit, nicht zu tun, was sie nicht wollen. Und überhaupt, wenn etwas Böses emporwächst aus dem, was das Volk beschlossen hat, so gibt das Volk dem die Schuld, dass wenige Leute ihm zuwidergehandelt und dadurch es zum Schlechten gewandt hätten; wenn aber etwas Vorteilhaftes, so schieben sie die Schuld daran sich selbst zu. [...]

Volksherrschaft aber halte ich für meine Person dem eigentlichen Volk zugute; denn sich selbst wohlzutun ist jedem zugute zu halten; wer aber, ohne zum Volke zu gehören, es vorgezogen hat, in einem demokratischen Gemeinwesen zu wohnen, statt in einem oligarchischen, der hat es darauf abgesehen, im Trüben zu fischen, und hat erkannt, dass es eher in einem demokratischen Gemeinwesen angeht, ganz unentdeckt ein Schurke zu sein, eher als in einem oligarchischen. Auch was die Staatsform der Athener anlangt, kann ich freilich ihre Art nicht billigen; aber nachdem sie nun einmal die demokratische Form beschlossen haben, scheinen sie mir zweckmäßig sich die Demokratie zu wahren mit dem Verfahren, wie ich soeben es dargelegt habe.

Ferner sehe ich einige auch darin die Athener tadeln, dass es bisweilen daselbst dem Rat und dem Volke nicht gelingt, einem, der ein volles Jahr versitzt, Bescheid zu erteilen; und das kommt in Athen vor wegen nichts andern, als wegen der Menge der Geschäfte sind sie nicht imstande, alle mit einem Bescheid zu entlassen. Denn wie sollten sie es auch imstande sein, da sie erstens Feste zu feiern haben so viel, wie keine der Griechenstädte (während deren Dauer aber ist es minder tunlich, selbst von den Staatsangelegenheiten etwas zu erledigen), dann über Privatklagen und Staatsprozesse und Rechenschaftsberichte zu entscheiden so viel, wie nicht einmal alle Menschen zusammengenommen entscheiden, der Rat aber zu beraten viel über den Krieg, viel über Eingang von Geldern, viel über Gesetzgebung, viel über die jeweiligen Gemeindeangelegenheiten, viel auch mit den Bundesgenossen, und die Bundessteuer in Empfang zu nehmen und für Schiffswerften Sorge zu tragen und für Heiligtümer. Ist es da etwa verwunderlich, wenn sie, wo so viele Geschäfte drängen, nicht imstande sind, allen Leuten Bescheid zu erteilen? Es sagen aber einige: wenn einer mit Geld in der Hand sich an Rat oder Volk wendet, wird er seinen Bescheid erhalten. Ich aber kann diesen darin beistimmen, dass um klingenden Bescheid viel in Athen erledigt wird und noch mehr erledigt würde, wenn noch mehr Leute Geld geben wollten; das jedoch weiß ich sicher, dass die Staatsverwaltung nicht allen der Bittsteller Erledigung zu bringen ausreicht, auch nicht wenn ihnen einer noch soviel Gold- und Silbergeld geben wollte.

(Pseudo-Xenophon: Athenaion politeia I, 1 – 13.)


 
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