Thomas Gransow
 

Athen und die Halbinsel Attika

5. Die Stätten der attischen Demokratie

5.4. Die Agora von Athen
 
 

Abb. 1

Die Westseite der Agora


(Die Westseite. Ansicht von Südosten. 2. Jahrhundert n. Chr. Modell.
In: Homer A. Thompson: Die Agora von Athen. Kurzer Führer. Athen: ASCS 1985. S.10.)
 
 
 

Text 1

Pausanias: 
Ein Spaziergang über die Agora um 150 n. Chr.

Am Eingang in die Stadt steht ein Gebäude zur Herrichtung der Festzüge, die sie teils jedes Jahr, teils in Zwischenräumen veranstalten, und in der Nähe ein Demetertempel und Standbilder, sie selbst und ihre Tochter. [...] Von den Toren erstrecken sich Hallen zum Kerameikos, und vor ihnen stehen Bronzebilder von Männern und Frauen, die et was Bemerkenswertes geleistet haben. Die eine der Haller enthält Heiligtümer von Göttern und das sogenannte Gymnasion des Hermes. [...] Die Örtlichkeit Kerameikos hat ihren Namen von dem Heros Keramos, der ebenfalls ein Sohn des Dionysos und der Ariadne gewesen sein soll. Zuerst ist da rechter Hand die sogenannte Königshalle, wo der «König» seinen Amtssitz hat, der das so benannte Jahresamt bekleidet. [...] 

Dahinter ist eine Halle gebaut mit Bildern der Zwölf Götter. Auf der gegenüberliegenden Wand ist Theseus gemalt und die Demokratia und der Demos; die Beischrift besagt, dass Theseus in Athen die Demokratie eingeführt habe. Auch sonst ist die Meinung weit verbreitet, dass Theseus dem Volk die Herrschaft übergeben habe und dass die Athener seit seiner Zeit immer demokratisch gelebt hätten, bis Peisistratos auftrat und Tyrann wurde. Es wird ja viel Unwahres erzählt bei der geschichts- unkundigen Menge, die das, was sie von Kindheit an in Chorliedern und Tragödien gehört hat, für wahr hält, und so auch bei Theseus, der doch noch selber König war und dessen Nachkommen auch später nach dem Tode des Menestheus noch bis zur vierten Generation in der Herrschaft blieben. [...]

Auch ein Heiligtum der Göttermutter ist dort errichtet, die Pheidias geschaffen hat, und in der Nähe das Rathaus der Fünfhundert, die ein Jahr lang Ratsherren in Athen sind. [...] Nahe beim Rathaus der Fünfhundert befindet sich die sogenannte Tholos, und dort opfern die Prytanen, und es sind da auch einige nicht große Bildwerke aus Silber. Weiter stehen Standbilder der Heroen, nach denen später die athenischen Phylen ihre Namen erhielten. Wer aber die zehn statt der vier Phylen einrichtete und ihre Namen gegenüber den alten änderte, auch das hat Herodot erzählt. Von den Eponymen, denn so nennen sie sie, ist Hippothoon, Sohn des Poseidon und der Alope, da, der Tochter des Kerkyon, ferner Antiochos, einer der Söhne des Herakles und der Meda, der Tochter des Phylas, als dritter Aias, der Sohn des Telamon, und von den Athenern Leos, der nach einem Orakel seine Töchter dem gemeinsamen Wohl zum Opfer gebracht haben soll. Auch Erechtheus ist unter den Eponymen, der die Eleusinier in einer Schlacht besiegte und ihren Anführer Immarados, Sohn des Eumolpos, tötete. Aigeus ist da und Oineus, der uneheliche Sohn des Pandion, und von den Kindern des Theseus Akamas. Bei Kekrops und Pandion, auch deren Statuen sah ich unter den Eponymen, weiß ich nicht, welchem man diese Ehren erweist. [...] Das sind in Athen die Eponymen der alten Phylen. [...]

Nach den Standbildern der Eponymen stehen Statuen von Göttern, Amphiaraos und Eirene mit dem Ploutosknaben. Hier steht auch Lykurg, der Sohn des Lykophron, in Bronze und Kallias, der, wie die meisten Athener sagen, mit Artaxerxes, dem Sohn des Xerxes, den Frieden für die Griechen abschloss. Auch Demosthenes ist dort, den die Athener zwangen, sich nach Kalaureia, der Insel vor Troizen, zurückzuziehen, später wieder aufnahmen und ein zweites Mal nach der Niederlage bei Lamia verurteilten. [...]

In der Nähe der Demosthenesstatue befindet sich ein Heiligtum des Ares. Dort stehen zwei Standbilder der Aphrodite, dasjenige des Ares machte Alkamenes, das der Athena ein Parier namens Lokros. Dort ist auch eine Statue der Enyo, die die Söhne des Praxiteles herstellten. Um den Tempel stehen ein Herakles und Theseus und ein Apollon, der sich das Haar mit einer Binde aufbindet, und an Standbildern ein Kalades, der den Athenern, wie es heißt, Gesetze schrieb, und Pindar, der außer anderem bei den Athenern die Statue erhielt, weil er sie in einem Lied pries. Nicht weit davon stehen Harmodios und Aristogeiton, die Hipparch ermordeten. Den Grund dafür, und wie sie die Tat vollbrachten, haben andere erzählt. Von den Standbildern sind die einen ein Werk des Kritios, die älteren machte Antenor. Nachdem Xerxes, als er Athen nach der Räumung der Stadt durch die Athener genommen hatte, auch diese Standbilder als Beute weggeführt hatte, schickte sie Antiochos später den Athenern zurück.

Vor dem Eingang des Theaters, das sie Odeion nennen, stehen Statuen aigyptischer Könige; sie heißen alle gleichermaßen Ptolemaios, aber jeder hat einen anderen Zunamen. [...] Nach den Aigyptern stehen dort Philippos und Alexandros, der Sohn Philippos', deren Taten zu groß sind, als dass sie in einem anderen Werk so nebenbei erwähnt werden könnten. [...]

Geht man ins Odeion in Athen hinein, so steht da unter anderem ein sehenswerter Dionysos. In der Nähe ist ein Brunnen, den sie Enneakrounos nennen („Neunröhrenbrunnen“), da er so von Peisistratos ausgestattet wurde. Schöpfbrunnen gibt es in der ganzen Stadt, Laufbrunnen aber nur diesen einen. Über dem Brunnen liegen Tempel, einer der Demeter und Kore [...].

Noch etwas weiter ist ein Tempel der Eukleia, auch dieser ein Weihgeschenk aus der Beute der Perser, die bei Marathon an Land gingen. Über diesen Sieg, vermute ich, waren die Athener am meisten stolz. Auch Aischylos, als er sein Lebensende erwartete, erwähnte von allem anderen nichts, obwohl er doch in der Dichtung so berühmt geworden war und an den Seeschlachten von Artemision und Salamis teilgenommen hatte. Er schrieb nur seinen Namen und den seines Vaters und seiner Heimatstadt und dass er als Zeugen seiner Tapferkeit den Hain von Marathon habe und die Perser, die dort gelandet seien. [...]

Über dem Kerameikos und der sogenannten Königsstoa ist ein Tempel des Hephaistos. Und dass ein Standbild der Athena neben ihm steht, wunderte mich nicht, da ich den Mythos über Erichthonios kenne. [...] In der Nähe ist ein Heiligtum der Aphrodite Ourania. [...] Die zu unserer Zeit noch vorhandene Statue ist aus parischem Marmor und ein Werk des Pheidias. [...]

Geht man zu der Halle, die man nach ihren Gemälden die „Bunte“ nennt, so befindet sich dort ein bronzener Hermes [...]. Diese Halle enthält als erstes Gemälde, wie die Athener bei Oinoe in der Argolis den Lakedaimoniern gegenüberstehen. Gemalt ist aber nicht, wie der Kampf schon auf seinem Höhepunkt oder bei waghalsigen Taten angelangt ist, sondern erst der Anfang der Schlacht und das Handgemeinwerden. In der Mitte der Wände kämpfen die Athener und Theseus gegen die Amazonen. Nur diesen Frauen haben ihre Niederlagen nicht den schonungslosen Wagemut genommen, da sie trotz der Einnahme von Themiskyra durch Herakles und später des Verlustes ihres gegen Athen geschickten Heeres doch noch gegen Troia zogen und dort mit den Athenern selbst und den gesamten Griechen kämpften. Nach den Amazonen sind die Griechen dargestellt, wie sie Ilion genommen haben und die Könige sich wegen der Untat des Aias gegen Kassandra versammelt haben; und das Gemälde stellt Aias selber dar und gefangene Frauen, darunter Kassandra. Das letzte der Gemälde sind die Marathonkämpfer, von den Boiotern die Plataier und das attische Heer kämpfen mit den Barbaren. Und hier ist dargestellt, wie die Schlacht noch unentschieden auf beiden Seiten ist, im innern Teil des Schlachtgemäldes dann die Barbaren, die fliehen und sich gegenseitig in den Sumpf stoßen. Am äußersten Rande des Bildes sieht man die phoinikischen Schiffe, und wie die Griechen die Barbaren töten, die in diese Schiffe flüchten wollen. Da ist auch der Heros Marathon gemalt, nach dem die Ebene heißt, und Theseus wie einer, der aus der Erde aufsteigt, und Athena und Herakles. Bei den Marathoniern wurde nämlich, wie sie selbst sagen, Herakles zuerst als Gott angesehen. Von den Kämpfenden sind in dem Gemälde vor allem kenntlich Kallimachos, der zum athenischen Polemarchen gewählt war, und Miltiades von den Strategen [...]. Es stehen Bronzestatuen vor der Halle, so Solon, der den Athenern ihre Gesetze geschrieben hat, und etwas weiter Seleukos, welchem unverkennbare Zeichen zuvor sein künftiges Glück andeuteten. [...]

Auf der Agora in Athen steht außer anderen Dingen, die nicht bei allen Menschen bekannt sind, auch ein Altar des Mitleids, dem die Athener als dem Gott, der am meisten für das menschliche Leben und die Wandlungen des Geschicks nützlich sei, allein von den Griechen Ehren erweisen. [...]

Bei dem Gymnasien, das nicht weit von der Agora entfernt steht und nach seinem Erbauer Ptolemaios heißt, [...] ist ein Heiligtum des Theseus mit Gemälden, Athener gegen Amazonen kämpfend. Dieser Krieg ist auch auf dem Schild der Athena dargestellt und an der Basis des Zeus von Olympia. In dem Theseusheiligtum ist auch die Schlacht zwischen Kentauren und Lapithen dargestellt; Theseus hat bereits einen Kentauren getötet, bei den anderen ist der Kampf noch unentschieden. [...] Der heilige Bezirk des Theseus in Athen entstand später als die Landung der Perser bei Marathon, als Kimon, Miltiades' Sohn, die Bewohner von Skyros wegen der Ermordung des Theseus vertrieben und seine Gebeine nach Athen gebracht hatte. [...] 

Das Heiligtum der Dioskouren ist alt, sie selbst erscheinen hier stehend und ihre Söhne auf Pferden sitzend. [...] Über dem Heiligtum der Dioskouren liegt der heilige Bezirk der Aglauros. Der Aglauros und ihren Schwestern Herse und Pandrosos habe Athena, so erzählt man, den Erichthonios in einem Kasten übergeben und ihnen verboten, betreffs des übergebenen Gegenstandes neugierig zu sein. Pandrosos habe gehorcht, die anderen beiden hätten aber den Kasten geöffnet, seien beim Anblick des Erichthonios wahnsinnig geworden und hätten sich von der Akropolis, wo sie am steilsten ist, hinuntergestürzt. An dieser Stelle stiegen auch die Perser hinauf und töteten die Athener, die den Orakelspruch besser zu verstehen glaubten als Themistokles und die Akropolis mit Holz und Verschanzungen befestigt hatten. In der Nähe ist das Prytaneion, in dem die Gesetze Solons aufgezeichnet sind und von Göttern Kultbilder der Eirene und der Hestia [...] stehen. Die Standbilder des Miltiades und Themistokles hat man auf einen Römer und einen Thraker umbenannt.

(Pausanias: Reisen in Griechenland. Hrsgg. v. Felix Eckstein. 3 Bde. Bd.1: Athen. 3., vollst. Ausg. Zürich: Artemis 1986. S. 66 – 101.)
 
 

Abb. 2

Die Agora von Athen im 2. Jahrhundert n. Chr.


 
Text 2

„Theseion“ (Hephaistos-Tempel)

Der Athena- und Hephaistos-Tempel auf dem westlich angrenzenden Hügel ist von der Agora aus hervorragend sichtbar und bekrönt zugleich den Platz. Der klassische Bau mit 6 x 13 Säulen stammt vermutlich aus dem Jahrzehnt 450/40 v. Chr. Der Athena? und Hephaistos?Tempel ist neben dem Concordia-Tempel von Agrigent auf Sizilien der am besten erhaltene dorische Tempel; sogar Teile der antiken Kassettendecke sind unversehrt geblieben. Im 7. Jahrhundert wurde er zu einer Kirche für den Heiligen Georg umgebaut; die Verlagerung des Eingangs auf die Westseite, der Einbau einer Apsis im Osten und eines Tonnengewölbes über der Cella stammen aus dieser Zeit. Die Nutzung als Kirche während der folgenden Jahrhunderte ist der Grund für den guten Erhaltungszustand des Bauwerks. Wegen der Vollständigkeit seiner Silhouette diente der Bau in der Neuzeit immer wieder als Kulisse für festliche Inszenierungen, so etwa den vom Volk umjubelten Handschlag zwischen dem griechischen Patriarchen und dem in Athen Residenz nehmenden König Otto am 13. Januar 1835.

Der früher fälschlich als „Theseion“ bezeichnete Tempel war der Athena Ergane, d. h. der Handwerksgöttin Athena, und ihrem Halbbruder, dem hinkenden Schmiedegott Hephaistos, gewidmet. So kamen die Ansprüche und das neue Selbstbewusstsein der in diesem Stadtquartier tätigen Handwerker und Gewerbetreibenden zum Ausdruck, die diese Gottheiten als ihre Beschützer und Förderer verehrten. Sie waren im 5. Jahrhundert zur staatstragenden Klasse geworden und sahen in diesem Tempel mit seinem Kult eine Versinnbildlichung ihrer Demokratie.

Der Tempel besteht, von den Fundamenten abgesehen, aus weißem Marmor und war seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. von einer Gartenanlage umgeben, die ihrerseits von einer niedrigen Mauer umschlossen wurde. Zahlreiche kleine quadratische, regelmäßig verteilte Vertiefungen um den Tempel herum sind wohl als Pflanzlöcher für verschiedenste Gewächse zu deuten. Ebenfalls im 3. Jahrhundert v. Chr. wurde die große Freitreppe angelegt, die den zunächst isoliert gelegenen Bau mit der Agora verband. Das Terrain des Agora-Hügels, das den Hephaistos-Tempel umgibt, ist zwar bei den ersten Grabungen in der Mitte des 19. Jahrhundert erheblich verändert worden, dennoch mag die heute ebenfalls bepflanzte Anlage einen ungefähren Eindruck vom antiken Erscheinungsbild geben.
Besonders an seiner zur Agora weisenden „Schauseite“ war der Bau reich mit Skulpturen geschmückt. Plastische Akroterfiguren und filigran gearbeitete Löwenköpfe als Wasserspeier zierten First und Dachränder. Im östlichen Giebelfeld war die Vergöttlichung des Herakles und seine Aufnahme in den Götterolymp dargestellt, und auf den zehn reliefierten Metopen der Ostseite fand der Betrachter in Form von Darstellungen der Herakles-Taten den Grund für diese Belohnung des Heros. Auch die jeweils ersten vier Metopen an den Langseiten des Tempels sind mit Reliefs geschmückt, nun aber mit Taten des Theseus, der athenischen ‚Variante’ des Herakles, und ebenfalls auf Theseus nimmt der die Cella an der Vorder- und Rückseite rahmende Relieffries Bezug. Dort wird der attische Held Theseus ganz familiär zusammen mit den Göttern und zugleich als aktiver Teilnehmer an den großen mythischen Kämpfen gegen die Kentauren und die Giganten präsentiert.

Dieses - ganz im Sinne der damaligen Großmachtideologie der radikalen Demokratie - auf Theseus und Athen fixierte Bildauswahl war der Grund dafür, dass man den Tempel in der Neuzeit lange für einen Theseus-Tempel hielt; die knappe, aber klare Beschrei-bung des Pausanias lässt jedoch keinen Zweifel daran, dass dieser Tempel der Athena und dem Hephaistos geweiht war. Auf einer breiten Basis in der Cella befand sich die erst um 420 v. Chr. geweihte Kultbildgruppe, wahrscheinlich ein Werk des berühmten Bildhauers Alkamenes.

(Lambert Schneider, Christoph Höcker: Griechisches Festland. 3., aktualisierte Aufl. Köln: Dumont 2003. S. 117 – 119.)
 
 

 Text 3

Die Minotaurus-Metope

[Die Metopenreliefs am Hephaisteion] gehören zu den stilistisch frühesten Teilen des Tempels und seiner Ausstattung. Wahrscheinlich sind sie bald nach der Mitte des 5. Jahrhunderts entstanden. Wie für die beiden Friese an der Cella wurde auch für die Metopenreliefs parischer Marmor verwendet. Fast zweieinhalb Jahrtausende blieben sie an ihrem Platz über den Säulen der Ringhalle der Witterung ausgesetzt. Dies erklärt den eher verwaschenen Eindruck, den die Metopenbilder hinterlassen. [...]
Als erstes fällt auf, dass die mit Reliefs ausgestatteten Metopenfelder nur die Ostfront und die beiden ersten Joche der anschließenden Flanken betreffen, während die übrigen Metopen ohne jeden Schmuck blieben. [...] Die Konzentration und Begrenzung des Reliefschmucks auf das Triglyphon der Ostfront und der anschließenden beiden Flankenjoche lässt bereits in der äußeren Gestalt sichtbar werden, welchen Teilen des Tempels das besondere Interesse seiner Erbauer galt. Die mit Reliefs geschmückte Zone des Triglyphons entspricht genau dem Ostpteron, das im Inneren durch den umlaufenden Fries als gesonderter Vorraum angelegt worden war. Insofern verdeutlichen die Metopenbilder die Besonderheit dieser Architektur. [...] Die hervorgehobene Zone besteht aus fünf Frontjochen und beidseits je zwei Flankenjochen, so dass insgesamt 18 Metopenfelder zur Verfügung standen, um sie durch Reliefs von den übrigen Metopen der Ringhalle abzuheben und die Konzeption des architektonischen Entwurfs zusätzlich zu unterstreichen. [...] Während die zehn Metopen der Ostfront Taten des Herakles zeigen, schmücken Taten des Theseus die acht Felder an den Flanken. [...]

Am Hephaisteion verläuft die Reihe der Herakles-Taten ausgehend von der Südostecke von links nach rechts, [die Nord- und Südmetopen zeigen Taten des Theseus.] [...] Es bleibt nicht bei der Präsentation der Taten um ihrer selbst willen. Vor allem die Minotauros-Metope lässt Sinnbezüge anklingen, deren programmatische Absicht unmittelbar ablesbar sein konnte. Theseus ist von links nach rechts angreifend im Ausfallschritt gezeigt. Mit seiner ausgreifenden Linken presst er den Stierkopf des ihn anspringenden Minotauros nach unten, so dass sich dessen Körper nach vorne krümmt. In seiner herabgeführten Rechten hielt Theseus das Schwert, um es kraftvoll ausholend dem Unhold in den Leib zu stoßen. Dass diese Befreiungstat ganz unmittelbar als mythisch überhöhende Präfiguration historischer Ereignisse verstanden werden konnte, die jedermann im Athen jener Zeit gewiß bewußt gewesen sind, ist naheliegend. Verband sich doch mit dem Tyrannenmord vom Ende des 6. Jahrhunderts die Geburtsstunde von Athens Freiheit und der darauf gegründeten Demokratie. Deshalb verwundert es nicht, dass seit jener Zeit die Theseus-Ideologie, nach der es Theseus war, der in mythischer Vorzeit der Stadt die erste Demokratie bescherte, Konjunktur hatte. Die Gestalt des Theseus in der Minotauros-Metope war in besonderer Weise geeignet, auf solchen Sinnbezug an zuspielen: Dies insbesondere dann, wenn die offen kundige Ähnlichkeit der hier präsentierten Theseus Gestalt mit dem Aristogeiton der berühmten Gruppe der Tyrannenmörder, die zu Füßen des Tempels auf der Agora als demonstratives Monument aufgestellt war, nicht für zufällig gehalten wird. Die Angleichung der Gestalt des Theseus an die Gestalt des Aristogeiton konnte die Tat des Theseus zum Sinn? und Vorbild der Gegenwart werden lassen. Sie propagiert zugleich den unbestreitbar heroischen Rang der jüngsten Geschichte, die gegenwärtige Ansprüche Athens in einer jedermann verständlichen Bildsprache unterstreicht.

(Heiner Knell: Mythos und Polis. Bildprogramme griechischer Bauskulptur. Darmstadt: Wissen- schaftliche Buchgesellschaft 1990. S. 128f. u. 131f.)


 
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