Thomas Gransow
 

Athen und die Halbinsel Attika
 

7. Archäologisches Nationalmuseum

7.2. Mykenische Kultur
 

Abb. 1

Mykene - Löwentor


 
(Bruno Balestrini: Mykene. Westtor der Burg. 
In: Keith Branigan u. Michael Vickers: Hellas. Kultur und Zivilisation. München u. Zürich: Artemis 1982. S. 74.)


Text 1

Mykenische Kultur

Der Mykenische Saal ist das Herzstück des Archäologischen Nationalmuseums in Athen. Kostbarkeiten aus zahlreichen Orten der mykenischen Kultur, also der Zeit von 1600 bis 1100 vor Christus, sind hier vereinigt. Die schönsten Stücke stammen aus dem Schatz, den Heinrich Schliemann gemeinsam mit seiner griechischen Frau Sophia im Gräberrund hinter dem Löwentor von Mykene fand. „Diese Schätze allein genügen, ein großes Museum zu füllen, das das wunderbarste der Welt sein und in künftigen Jahrhunderten Tausende von Fremden aus aller Welt anziehen wird“, hatte Schliemann am 16. November 1876 dem griechischen König Georg 1. telegrafiert. Später schrieb er: „Mein fester Glaube an die Tradition veranlaßte mich zu den Ausgrabungen in der Akropolis und führte zur Entdeckung der fünf Gräber mit ihren ungeheuren Schätzen.“

Bei den Grabungen wurden 19 Skelette geborgen, darunter die von Frauen (Grab III) und Kindern. Schliemann fand 701 Goldscheiben, die als Gewandschmuck dienten. Die Frauen trugen Golddiademe, den Männern waren Waffen und Goldmasken, beigegeben. Dazu kamen Becher, Gefäße in Form von Tierköpfen, Siegelringe und anderes Geschmeide: ein Fund von unschätzbarem künstlerischem und historischem Wert. Die Schädel der Toten waren vergangen oder zerfielen bis auf eine Ausnahme, als sie mit der Luft in Berührung kamen. Die Masken aus getriebenem Goldblech aber, die über die Gesichter gelegt worden waren, bewahrten die Züge dieser königlichen Toten. Die Masken waren keineswegs nach einem bestimmten Schema gearbeitet, sondern so unterschiedlich im Ausdruck, daß in ihnen Abbilder von Persönlichkeiten erkennbar sind. [...]

Nicht nur von Homer ließ Schliemann sich in Mykene leiten, sondern zusätzlich von Pausanias, dem griechischen Reiseschriftsteller des 2. Jahrhunderts nach Christus. Pausanias hatte geschrieben, Agamemnon und seine Gefährten seien innerhalb der Mauern bestattet worden. Diese Stelle hatte man immer auf die Stadtmauer bezogen. Schliemann erkannte, daß Pausanias nicht diese, sondern »einzig und allein die Mauer der Zitadelle im Auge hatte«, also die kyklopische Mauer der Burg, als er die Gräber den mykenischen Königen zuschrieb. Ob er wirklich der Ansicht war, es handle sich dabei um Agamemnon, die Trojanerin Kassandra, Eurýmedon und ihre Gefährten, mag offenbleiben. Immerhin lag für ihn der Gedanke an einen Zusammenhang zwischen diesein König und den mykenischen Gräbern nahe. Dieser Gedanke allerdings führte in die Irre. So wie Schliemann in Troja eine sehr viel ältere Siedlungsschicht für das homerische Troja gehalten hatte, so erging es ihm auch hier. Die Wissenschaft hat längst erkannt, daß die Schachtgräber von Mykene um Jahrhunderte früher anzusetzen sind:

Im 16. Jahrhundert vor Christus wurden mykenische Könige und ihre Familien in Schachtgräbern an einem Platz außer- und unterhalb der damaligen kleinen Burg beigesetzt (wie auch etwas weiter entfernt in dem von William Wace entdeckten Gräberrund B). Als die Burg im 13. Jahrhundert vor Christus erweitert wurde – damals entstand das Löwentor -, lagen diese Gräber innerhalb des ummauerten Bereiches. Man ehrte das Andenken der Toten, indem man die Nekropole mit einem doppelten Plattenring umgab und damit aus dem profanen Bereich aussonderte.

Damals waren solche Schachtgräber - seit etwa 1510 vor Christus - längst von den Kuppelgräbern abgelöst worden, die sich aus einfachen Anfängen innerhalb von 200 Jahren zur Vollkommenheit entwickelten. Höhepunkt ist das monumentale „Schatzhaus des Atreus“. Dieser Wechsel der Bestattungsform paßt zur griechischen Überlieferung, es habe in Mykene zwei aufeinander folgende Dynastien gegeben. Perseus' Dynastie, die der Perseiden, endete mit Eurysthéus, der als »Arbeitgeber« des Herakles bekannt wurde. Nun folgten Atréus, der Sohn des Pelops, nach dem der Peloponnes seinen Namen hat, und die Atriden: Agamemnon, der Vater von lphigenie, Chrysóthemis, Elektra und Orestes, mit dessen Sohn Tisámenos das Geschlecht dann im 12. Jahrhundert vor Christus endete.

Es ist nicht mehr auszumachen, wieweit die Dynastien der Perseiden und Atriden sich historisch einordnen lassen und wieweit ihr Wechsel mit dem Übergang von den Schacht? zu den Kuppelgräbern in Beziehung zu setzen ist. Sicher ist jedoch: Die Schachtgräber gehören ins 16. Jahrhundert vor Christus - die Goldfunde, in denen man gern den „Schatz des Agamemnon“ hat sehen wollen, sind keineswegs diesem berühmten König zuzuordnen, sondern einer früheren Zeit, einer älteren Dynastie, wie ja auch die seit der Antike landläufigen Bezeichnungen – „Schatzhaus des Atréus“, „Grab der Klytämnéstra“ gänzlich unhistorisch sind, auch der „Nestorbecher“ aus Grab IV nichts mit dem König von Pylos zu tun hat. Schliemann selbst schreibt, er erinnere zwar lebhaft an die Beschreibung, die Homer (Ilias XI, 632 - 635) von Nestors Becher gibt, unterscheide sich jedoch durch Größe, Zahl der Henkel (zwei statt vier) und der auf diesen liegenden Tauben (je eine statt je zwei) deutlich von diesem.

Nach der Entdeckung der Goldschätze aus den Schachtgräbern, die Homers Wort vom „goldreichen Mykene“ bestätigen, standen die Archäologen vor der Frage, woher dieser Reichtum kam und wie die hochentwickelte künstlerische Gestaltung der Schmuckstücke zu erklären sei. Spiridon Marinatos fand eine einleuchtende Erklärung für das, was „nach der materiellen und kulturellen Armut der vorangegangenen mittelhelladischen Zeit [...] ein unerklärliches Wunder scheinen musste“. Er verweist auf Ägypten, das einzige Goldland damaliger Zeit. Mykenische Krieger halfen den Agyptern, die Fremdherrschaft der Hyksos, die 1730 vor Christus begonnen hatte, abzuschütteln. Dies gelang um das Jahr 1580. Ägypten ehrte verdiente Soldaten mit dem „Gold der Tapferkeit“.
Beeindruckt waren die Achäer offensichtlich vom Totenkult der Ägypter. Aus dem Glauben an ein Leben jenseits des Todes erklären sich die Grabbeigaben, die dem Verstorbenen alles für das Leben Notwendige sichern sollten. Auch die Goldmasken haben sie von ägyptischen Begräbnisriten übernommen.

Wenn in Mykene das ägyptische Gold - Marinatos hat die enorme Menge von 15 Kilogramm errechnet - nun zu hochentwikkelten Kunstformen verarbeitet wurde, so setzt dies den Einfluß des minoischen Kreta voraus, auf das zahlreiche Motive der Siegel und Goldarbeiten hinweisen; so die Wiedergaben dreiteiliger minoischer Heiligtümer, die Arthur John Evans einige Jahrzehnte nach Schliemanns Mykene-Grabung in Knossos freilegte [...]. Den kretischen Einfluß erklärt Marinatos damit, daß sich um eben diese Zeit, 1580 vor Christus, freundschaftliche Beziehungen zwischen Mykene und dem Reich des Minos (dessen Flotte wohl die achäischen Krieger nach Ägypten gebracht hatte) entwickelten. Es kam zu Heiraten mit kretischen Prinzessinnen, und diese brachten aus ihrer Heimat die minoische Kultur mit nach Mykene und auch die minoischen Künstler, von denen die einheimischen lernten.

Das Gold war aus Ägypten gekommen, die Kunstfertigkeit von Kreta. Es ist die große Leistung der Mykener, daß sie nicht bloß minoische Vorbilder kopiert, sondern in schöpferischer Auseinander- setzung mit diesen etwas Eigenes entwickelt haben. Die Stücke aus den Schachtgräbern von Mykene, aber auch von anderen Fundorten, führen uns den Glanz dieser Welt vor Augen: die Welt der mykenischen Griechen des zweiten Jahrtausends vor Christus, lange vor der Einwanderung der Dorier - Hellas' heroisches Zeitalter.

(Otto Gärtner: Der Schatz des Agamemnon. In: Merian 36. Jg. (1983) H. 6. Korrigierte Neuaufl. 1988. S. 88 – 93.)
 
 

Text 2

„Die Maske des Agamemnon“ 
(2. Hälfte 16. Jhdt. V. Chr.)

Diese goldene Totenmaske (Nr. 624) ist wohl das bekannteste Fundstück Schliemanns aus den königlichen Bestattungen des Gräberrundes A von Mykene. Sie wurde als Maske des Agamemnon berühmt. Schliemann, der glaubte, die Gräber Agamemnons und seines Gefolges entdeckt zu haben, hat jedoch anscheinend diese Maske nicht dem mythischen Herrscher zugewiesen.

Die Maske wurde aus starkem Goldblech auf einem Holzkern getrieben. Danach wurden die Details mit einem kleinen Werkzeug ausgeführt. Sie zeigt die gebieterischen Züge eines bärtigen Mannes in reifem Alter mit griechischen Charakteristika. Das Gesicht hat einen ovalen Umriss und ist in Höhe der Ohren am breitesten. Die Stirn und die Wangen mit den hohen Backenknochen sind breit und gewölbt. Erhabene Bögen mit schrägen Rillen geben die Brauen wieder. Die lange, gerade und schmale Nase endet unten in einer eckigen Nasenspitze mit den Nasenlöchern. Die großen, mandelförmigen Augen liegen dicht zusammen und haben geschlossene Lider. Der ziemlich große Mund mit seinen schmalen, aufeinandergepressten Lippen drückt Willensstärke aus. Auch die nierenförmigen Ohren sind groß gebildet und sitzen ziemlich weit oben am Kopf. Ihr Umriss ist fast gänzlich aus dem Blech ausgeschnitten und ragt über die Gesichtskonturen hinaus. Ein charakteristisches Merkmal ist auch die Barttracht, der dünne, gepflegte Schnurrbart, der Bartkranz mit seinen kurzen, dichten Strähnen und die kleine „Fliege“ unter dem Mund.

Insgesamt wurden im Gräberrund A von Mykene fünf goldene Totenmasken gefunden, drei in Schachtgrab IV und zwei in Schachtgrab V. Eine Maske aus Elektron stammt aus dem Schacht grab Gamma das Gräberrundes B. Bemerkenswert ist, dass nur einige Tote in den Gräberrunden Masken trugen, und dass es immer Männer waren. Anscheinend handelte es sich um Herrscher, die auf diese Weise geehrt wurden. Die Löcher, die die meisten Exemplare in der Nähe der Ohren aufweisen, lassen vermuten, dass die Masken am Kopf mit Fäden befestigt waren. Sicher können diese Masken nicht als wirkliche Porträts angesehen werden; nur in sehr allgemeinen Zügen lassen sie die Physiognomie der Toten erkennen. Allerdings geben sie wohl andere Eigenschaften dieser Männer wieder, so ihr Alter und ihren Charakter. Die meisten haben stilisierte und schematisch ausgeführte Merkmale und sind kaum voneinander zu unterscheiden. Die „Agamemnon?Maske“ bildet eine Ausnahme mit ihrer schönen Gesichtsform und den starken, bemerkenswerten Gesichtszügen, die den Eindruck erwecken, als gäben sie das wirkliche Gesicht des Toten wieder. Sie muss das Werk eines bedeutenden mykenischen Meisters sein, der es vermochte, dieser Maske den stolzen und herrischen Ausdruck eines Königs zu geben. Da keine der anderen fünf Masken einen Bart trägt, und nur ein oder zwei einen Schnurrbart haben, ist der volle Bart das „Agamemnon“ ein hervorstechendes Merkmal. Allerdings kommt der Bart auch auf sonstigen Werken aus der Zeit der Schachtgräber vor, zum Beispiel im Gesicht einer anderen Herrschergestalt auf dem bekannten Amethyst-Siegelstein aus dem Schachtgrab Gamma des Gräberrundes B. Jedenfalls sind die Barthaare dieser Maske so ähnlich in der Wiedergabe mit der Mähne des goldenen Löwenkopfrhytons aus dem Schachtgrab IV, dass beide Werke demselben mykenischen Meister zugewiesen worden sind.

In seiner ausführlichen Beschreibung der Maske betont Schliemann ihre rein griechischen Charakteristika und sieht in ihr das wirkliche Porträt des toten Königs, dessen Gesicht sie bedeckte. In dieser Weise verstand er alle Masken, die er staunend aus den Königsgräbern von Mykene ans Licht hob.

(Katie Demakopoulou: Totenmaske. In : Dies. (Hrsg.): Troja, Mykene, Tiryns, Orchomenos. Heinrich Schliemann zum 100. Todestag. [Ausstellungskatalog]. Athen 1990. S. 139f.)
 
 

Text 3

„Kriegervase“ 
(12. Jhdt. V. Chr.)

Die sogenannte Kriegervase (Nr. 1426) ist das bekannteste mykenische Tongefäß des figürlichen Stils. Seine Berühmtheit verdankt es seinem verhältnismäßig guten Erhaltungszustand sowie der lebendigen Darstellung der Krieger und der Vollständigkeit der Szene auf beiden Seiten. Der große Kelchkrater hat einen hohen, halbkugeligkonischen Körper, der sich nach unten stark verjüngt, und einen dicken, waagrecht ausladenden Mündungsrand. Die kunstvollen, geflochtenen Henkel bilden je einen doppelten Bogen mit einem reliefierten Stierkopf unter dem mittleren Ansatz. Von der Gefäßwandung fehlen große Teile, vor allem im unteren Bereich. Die Verzierung ist in schwarzbraunem, stellenweise rotem Firnis auf hellbrauner, polierter Oberfläche ausgeführt. Innen ist der Krater mit Firnis überzogen. Unter den Henkeln sind je zwei Vögel gemalt, die die Stierköpfe rahmen und dem ganzen Dekor Anmut und größere Vielfalt verleihen. Auf beiden Gefäßseiten breiten sich die Hauptdarstellungen in einer großflächigen Bildzone aus, die oben und unten von Firnisstreifen begrenzt ist, einem einfachen direkt unterhalb der Lippe und einem dreifachen etwas unterhalb der Gefäßmitte.

Die Darstellungen beider Seiten haben rein erzählerischen Charakter. Auf der einen Seite sind sechs Krieger abgebildet, die weit ausschreitend nach rechts marschieren. Alle sechs Männer sind gleich gekleidet und bewaffnet. Sie tragen kurze Chitone mit Fransensaum und langen Ärmeln und darüber Brustpanzer. In der verdeckten linken Hand halten sie einen halbkreisförmigen Schild, vor dem sich ihr Rumpf abzeichnet. Ihre Helme sind mit Hörnern und Busch geschmückt. Die Beinschienen reichen bis über die Knie, und an den Füßen tragen sie geflochtene Schuhe. In der Rechten halten sie eine Lanze mit blattförmiger Spitze. Am Lanzenschaft, der die Brust schräg überschneidet, ist oben ein Bündel mit Proviant angebunden. In weißer Farbe sind auf die Helme und kurzen Röcke Punkte gemalt. Anscheinend brechen die Männer zu einem kriegerischen Unternehmen auf.

Am linken Rand neben dem Henkel steht eine Frau den Kriegern zugewendet, die Arme im Abschieds? oder Trauergestus erhoben. Sie ist barfuß und trägt ein langärmeliges Kleid mit zweifarbigem Rock, der bis zu den Knöcheln reicht. Die Köpfe aller Figuren sind im Profil wiedergegeben und die Gesichtsmerkmale. besonders die lange Nase, stark betont.

Die Gegenseite des Gefäßes zeigt fünf weitere, ähnlich gekleidete Krieger. Auch ihre Rüstung ist fast gleich, nur die Proviantbeutel fehlen, und die Helme haben weder Busch noch Hörner, sondern eine Art Stacheln. Diese Krieger sind jedoch ganz deutlich in Angriffsstellung wiedergegeben: ihre Lanzen halten sie wie in der Schlacht erhoben. Die Figuren dieser Seite wurden als feindliche Gruppe gedeutet, gegen die die Krieger der Hauptdarstellung zu Felde ziehen. Es gibt jedoch auch andere Ansichten über die Bedeutung der Szenen auf diesem Gefäß, über das so viel diskutiert wurde. Möglicherweise zeigen beide Seiten dieselben Krieger in verschiedenen Phasen des kriegerischen Geschehens; es ist sogar nicht ausgeschlossen, dass es sich um Wettkämpfe zu Ehren eines bedeutenden Toten handelt. Die ganze Szene hat allerdings mehr kriegerisches als zeremonielles Gepräge.

Mit ihrem monumentalen Charakter verweist die „Kriegervase“ auf die großformatige Malerei der mykenischen Epoche, deren Hauptzeugnisse Fresken mit vielfigurigen Kompositionen sind. Die Darstellung auf dem Krater liefert uns auch Informationen über die Rüstung und Tracht der Krieger in der spätmykenischen Periode und gibt uns eine eindrucksvolle Vorstellung vom Kriegsleben der damaligen erschütterten Zeiten.

(Katie Demakopoulou: Krater mit Kriegern. In : Dies. (Hrsg.): Troja, Mykene, Tiryns, Orchomenos. Heinrich Schliemann zum 100. Todestag. [Ausstellungskatalog]. Athen 1990. S. 147f.)
 
 

Text 4

„Der Schatz des Priamos“ 
(ca. 2 300 v. Chr.)

1. Ohrringpaar
Die Ohrringe (Nr. 4333) bestehen je aus einem einfachen, gebogenen Draht mit hakenförmigem Ende zur Befestigung am Ohr und aus dem Hauptteil in Form eines Halbmondes. Der Hauptteil ist aus sechs massiven Drahtstücken zusammengefügt, die sich zu den Enden hin verjüngen. An der Verbindungs- stelle der Drahtenden sind an jeder Seite drei kleine Kegel angebracht. Zwei Reihen von je fünf gleichen Kegeln zieren die Mitte des Halbmondes an der Außenseite. Diese Ohrringe sind von einzigartiger Bedeutung, nicht nur, weil sie hervorragende und authentische Beispiele der trojanischen Goldschmiedekunst darstellen, sondern auch weil sie Schmidt zufolge aus dem berühmten und heute verlorenen „Schatzfund A“ stammen. Dieser Schatz war von Schliemann in den Resten der „verbrannten Stadt“ (Troja II g) entdeckt und von ihm „Schatz des Priamos“ genannt worden.
 

2. Ohrringpaar
[Die Ohrringe] (Nr. 4332) bestehen aus je einem einfachen, gebogenen Draht und einem halbmondförmigen Hauptteil, der aus drei massiven Gliedern mit konvexen Seitenflächen zusammengefügt ist. Diese Glieder sind der Länge nach mit Reihen von mikroskopisch kleinen Kügelchen verziert. Die beiden äußeren Glieder haben je drei Reihen, das innere nur eine an der Kante. An den Enden der Glieder sitzt je ein breiter Ring, der von dünnen Scheiben gerahmt ist, die am Außenrand gezahnt oder mit Granulation verziert sind. Eindrucksvoll ist an diesen Ohrringen die vollendete Bearbeitung des Edelmetalls und vor allem die erstaunliche Granulation, mit der sie verziert sind. Sie stammen höchstwahrscheinlich aus einem der kleineren Schatzfunde, die Schliemann in der „verbrannten Stadt“ (Troja II g) entdeckt hat.
 

3. Halskette
Große Halskette (Nr. 4331) aus ringförmigen Gliedern unterschiedlichen Formats, darunter auch einigen mikroskopisch kleinen. Drei Glieder bestehen aus Silber. Am Mittelteil der Kette hängen 15 längliche zylindrische Glieder mit dichten Reihen von Rillen. Diese Glieder sind aus je sieben mikroskopisch kleinen zylindrischen Teilchen zusammengesetzt [...]. Die Kette stammt höchstwahrscheinlich aus einem der Schätze, die Schliemann in der zweiten Stadt Troja (II g) gefunden hat.

(Dora Konsol: Ohringpaare und Halskette. In : Katie Demakopoulou (Hrsg.): Troja, Mykene, Tiryns, Orchomenos. Heinrich Schliemann zum 100. Todestag. [Ausstellungskatalog]. Athen 1990. S. 149f.)
 
 

Text 5

Stierspringer 
(14. – 13. Jhdt. V. Chr.)

Dieses Freskofragment wurde von Schliemann in der Nähe des sogenannten Bades im Palast [von Tiryns], nicht weit vom Megaron gefunden. Es muss zu einem Fries gehören, der über den Fenstern oder Türen angebracht war. Offensichtlich handelt es sich um die Nachahmung eines entsprechenden Frieses wie dem aus dem Palast von Knossos, der ebenfalls einen blauen Hintergrund und einen ähnlichen Rahmen hat. Was die Technik der Wandmalerei betrifft, wurde zuerst der Stier mit blauer Umrisslinie gezeichnet, und da der Hintergrund die gleiche Farbe hat, konnte der Maler so leicht Korrekturen vornehmen. Nachdem der Stier fertiggestellt war, wurde der Akrobat gemalt, dessen Füße über dem Schwanz des Tieres gezeichnet sind. Stier und Akrobat wurden mit weißer Farbe vollendet, die teilweise abgeblättert ist und unter dem das Blau der Wandmalerei hervorscheint Der Akrobat hat den Stier bei den Hörnern gepackt. Sein Körper ist fast parallel mit dem des Tieres. Dieser ikonographische Typus, der auch auf Kreta Parallelen besitzt, ist alles andere als realistisch. Er hat eher symbolischen Charakter und zeigt, dass der Mensch das wilde Tier bändigt.

Obwohl allgemein anerkannt ist, dass es auch kultische Akrobaten gab, ist dies doch nicht sehr wahrscheinlich. Der Gürtel ist in allen diesen Fällen offenbar ein Kennzeichen des Mannes. Im übrigen ist die Jagd und die Bändigung des Stieres eine rein männliche Tätigkeit. Es muß also die These angezweifelt werden, daß die weiße Farbe immer weib-liches Geschlecht andeutet. Vielleicht symbolisiert sie Lebensalter oder gesellschaftliche Stellung.

(Nano Marinatou: Freskofragment mit Stierspringerszene. In: Katie Demakopoulou (Hrsg.): Troja, Mykene, Tiryns, Orchomenos. Heinrich Schliemann zum 100. Todestag. [Ausstellungskatalog]. Athen 1990. S. 358f.)


 
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