Thomas Gransow
 

Athen und die Halbinsel Attika
 

7. 1. Archäologisches Nationalmuseum I:
Klassische und hellenistische Skulptur



 
 

(Abb. 1 - 4: Verwundete Amazone. Römische Kopie nach Polyklet. Antikensammlung, Berlin. – 
Venus Colonna. Römische Kopie nach Praxiteles, Aphrodite von Knidos. Gipsabdruck. Universität Göttingen. 
Alle in: Berthold Hinz: Aphrodite. Wien: Hanser 1998. S. 30, 33, 35.)

 
Text 1

Der Kontrapost: männlich - weiblich

Kontrapost besagt nicht nur, dass Stand- und Spielbein unterschieden, sondern dass alle Elemente und Kräfte des Körpers kontrapostisch aufeinander bezogen, zugleich in gegenseitiger Abhängigkeit befangen sind: Kein Motiv exponiert sich, ohne in der anderen Richtung zurückgenommen zu sein, kein Nachgeben auf der einen Seite ohne ein Zulegen auf der anderen. Tragen und Lasten, Hebung und Senkung, Anspannung und Entspannung sind sichtbar unterschieden, bilden ebenso sichtbar einen korrespondierenden Chiasmus und halten sich vollkommen die Waage. So wird der Körper in seiner Gänze zum Hort des Gleichgewichtes der Gegensätze.

Diese schöne Metaphorik im Auge, hat man den Kontrapost jenseits seiner physikalischen Konditionen schon früh als die „wahre Natur“ des Menschen interpretiert, die diesem in Kunstgestalt gegenübertritt. So hören wir aus dem Mund des Sokrates (nach Xenophons Memorabilien) im Gespräch mit dem Bildhauer Kleiton: „Bildest du also nicht das nach, was sich infolge der verschiedenen Stellungen am Körper hebt und senkt, was sich zusammendrückt und auseinanderzieht, was sich anspannt und lockert, und erreichst es so, dass die Körper ähnlicher erscheinen und der wahren Natur mehr entsprechen? So mache ich es, erwiderte jener.“ Wer immer dieser Kleiton gewesen sein mag, Sokrates hat hier die Methode seines Zeitgenossen Polyklet mit Verständnis und - wie stets - mit metaphysischem Hintersinn interpretiert: dass im vollendeten Ausgleich der gegensätzlichen Spannungen des Körpers die Harmonie der Seele bestehe - als die wahre Natur des Menschen. Sichtbar gemacht sei das mit der kontrapostischen Methode, die der nüchterne Plinius ebenso zutreffend wie simpel auf ihren mechanischen Punkt bringt: als „die Erfindung, Statuen auf einem Bein stehen zu lassen“, das sei die künstlerische Eigenart des Polyklet!

Mit einem Seitenblick auf diese Deutung des Kontrapostes als eines ethischen Grundwertes der Griechen muss festgehalten werden, dass Polyklets ingeniöses Konzept am Standbild des nackten Mannes entwickelt und verwirklicht wurde und lange - an die hundert Jahre - ausschließlich an ihm hängen sollte. Wann erstmals die Statue einer Frau vom Kontrapost Besitz ergriff, ist unsicher; mit Einschränkungen ist es bei der Aphrodite vorn Typ Fréjus (sog. Venus genetrix) der Fall, die jedoch bekleidet ist. Unstrittig aber lässt sich kein früheres Beispiel für die Erfüllung aller kontrapostischen Kriterien namhaft machen als wiederum die Knidische Aphrodite.

Dieser Sachverhalt muss wohl höher bewertet werden, als es auf den ersten Blick - und den Blick zurück auf Polyklet, der scheinbar nur nachgeahmt zu werden brauchte - den Anschein hat. Denn der Spätere konnte sich, seine innere Bereitschaft zur Feminisierung des Kontrapostes vorausgesetzt, die immerhin drei Generationen auf sich warten ließ, kaum auf Vorbilder stützen. Skulpturen von Frauen, seien sie bekleidet oder ausnahmsweise halbnackt, waren in der archaischen und klassischen Kunst von dem maskulinen Ideal dominiert, das noch in dem heroischen Weltbild aus der Zeit der Perserkriege wurzelte. Polyklet hatte zwar selbst die Statue einer teilentblößten Frau, eine Amazone geschaffen, welcher nach dem Urteil der besten Künstler ihrer Zeit - Plinius zufolge - der Vorzug vor zwei anderen zeitgenössischen Amazonen gebührte, immerhin Meisterwerken des Phidias und des Kresilas (in dieser Reihenfolge). Aber seine Amazone, wenn man sie denn korrekt identifiziert, ist ebenso wie die seiner Rivalen in ihrer körperlichen Konstitution durchaus männlich geblieben - mit applizierten weiblichen sekundären Geschlechtsmerkmalen. Sind diese beim Blick auf den Rücken der Skulptur verborgen, erscheint diese Amazone überraschend wie in einen zeitgenössischen Athleten verwandelt, der durch einen weiblich getragenen, gegürteten Chiton nur oberflächlich feminisiert ist.
Selbstverständlich ist auch die Amazone Polyklets durch förmlichen Kontrapost nobilitiert, dessen ‚männliche’ Vollkommenheit vor allem Ursache für die Identifizierung des fraglichen Werks mit der nur schriftlich dokumentierten Arbeit dieses Meisters gewesen ist. Wenn wir aber mit Sokrates und späteren Interpreten den Kontrapost als die künstlerische Methode akzeptieren, die zur „wahren Natur“ und Lebensähnlichkeit des Bildhauerwerkes führe, lässt uns - und so dürfte es auch Praxiteles gegangen sein - das Beispiel der polykletischen Amazone im Stich: Denn zur „Natur“ einer Frau, und sei sie auch eine kriegerische Amazone, gehört zuallererst und unverzichtbar ihre weibliche Physis, und für diese hatten Polyklet und seine Zeitgenossen, die sozusagen nur ikonographische Amazonen schufen, offenbar kein näheres Verständnis. Amazonen, die man im Gymnasien und Stadion schließlich nicht sehen und studieren konnte, darf man sich nicht anders als die idealen Wettkampfpartnerinnen der Athleten vorstellen, geformt nach deren Maßstab und ihnen zu Gefallen.

Es konnte für den Schöpfer der Knidia also nicht damit getan sein, das am männlichen Körper entwickelte und erprobte Schema einem weiblichen Sujet überzustülpen, das hatte der Erfinder des Schemas mit dem geschilderten Erfolg vorexerziert. Es ging vielmehr darum, neben der Mechanik des Kontrapostes auch dessen ‚Philosophie’ zu feminisieren, ihn um der besagten „wahren Natur“ willen gewissermaßen psycho-somatisch ins Weibliche zu übersetzen.

Was damit gemeint sein kann, zeigt sich besonders signifikant in der unterschiedlichen Charakteristik der kontrapostischen Statuenbeine: bei Polyklet einerseits und bei Praxiteles andererseits. Die federnd geöffneten Beine [...] der Amazone, die wie im Schwebezustand zwischen beginnender oder verebbender agonaler Bereitschaft verharren, zeugen nicht nur von maskuliner Anatomie, sondern auch von entsprechender Psyche. Der so im Kontrapost gebändigte Agonismus ist mit der Ponderation weiblicher Körper, soweit diese nicht zu Amazonen maskulinisiert sind, sui generis nicht zu vereinbaren. Praxiteles schließt die Oberschenkel seiner Figur bis gegen die Knie, die engste Stelle des Körperumrisses, und gibt den Füßen als Folge davon nur ein schmales Lager, das als Basis der anfragenden Statue an die Vollkommenheit des Kontrapostes - nunmehr als Verkörperung der weiblichen „Natur“ - gesteigerte Ansprüche stellt.

Die auf engerem Grund zu balancierende ‚Masse’ muss sich noch subtiler um die unsichtbare Falllinie des (Gleich-)Gewichtes organisieren, als es je für Polyklets Athlet(inn)en nötig gewesen wäre. Die Extremitäten sind als Potentiale der Aktivität zurückgenommen, so dass der Körper, ausladender als je zuvor, zur ruhenden Mitte der figuralen Komposition geworden ist.
(Berthold Hinz: Aphrodite. Geschichte einer abendländischen Passion. Wien: Hanser 1998. S. 29 – 32.)
 

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