Thomas Gransow
 

Athen und die Halbinsel Attika

4. 3. Akropolis: Parthenon



 
 
 
 
 
 

(Abb. 1: H. W. Williams: Der Parthenon von Westen. Federzeichnung. 1813 – 1818.
In: Frank Bommer: Die Parthenon-Skulpturen. 2. Aufl. Mainz: v. Zabern 1982. S. 6.)
 

Text 1
Niemals verbanden sich so innig Zahl und Musik ...


Es gab Augenblicke, da ich, von Attika zurückkehrend, ahnte, dass dieses Stück Erde in höchstem Maße Menschlichkeit, Vornehmheit und Kraft zu lehren vermag. Nach jeder Wanderung in Attika stieg ich, anfangs unbewusst, auf die Akropolis, um den Parthenon immer und immer wieder zu sehen. Dieser Tempel barg für mich ein Geheimnis; nie hat er sich mir zweimal in gleicher Weise gezeigt. Er veränderte sich unaufhörlich, so schien es mir jedenfalls. Er wurde ein lebendes Wesen, wogte, obwohl er unbeweglich blieb, er spielte mit dem Licht und mit dem Auge des Menschen. Nur als ich ihn zum allererstenmal erblickte, nach so vielen Jahren der Sehnsucht, erschien er mir erstarrt, das Skelett eines uralten, wilden Tieres, und mein Herz hüpfte nicht vor Freude. Das ist mir in meinem ganzen Leben ein unfehlbares Zeichen gewesen. Wenn ich den Aufgang der Sonne betrachte oder ein Gemälde, eine Frau, mich einer Idee hingebe, und mein Herz hüpft vor Freude, dann weiß ich, dass das Glück vor mir steht. Beim allerersten Anblick des Parthenons ist mein Herz jedoch nicht gehüpft. Er erschien mir wie eine Verstandesleistung, aus der Zahl, der Geometrie geboren, ein tadellos in Marmor festgehaltener Syllogismus. Eine große Leistung des Kopfes, die alle Vorzüge besitz, jedoch nicht den kostbarsten und liebsten. die Beteiligung des Herzens.

Der Parthenon erschien mir wie eine gerade Zahl, wie die Zwei und die Vier. Und die gerade Zahl widerstrebt meinem Herzen, ich mag sie nicht. Sie steht viel zu sicher auf ihren Füßen, ist gut gebaut, hat kein Verlangen nach Bewegung, ist konservativ, zufrieden, ohne Unruhe; sie hat alle Probleme gelöst, alle ihre Begierden hat sie verwirklicht, nun ruht sie in sich. Die ungerade Zahl dagegen entspricht dem Rhythmus meines Herzens; sie ist unzufrieden mit der Welt, so wie sie ist; sie will sie verändern, sie ergänzen, sie vorantreiben. Diese Zahl steht nur auf einem Fuß und hebt den anderen, bereit zur Flucht. Wohin will sie? Zur nächsten geraden, um dort einen Augenblick zu verharren, um dann weiterzustürzen. Dem revolutionären Herzen der Jugend, das alles zerstören will, um die Welt zu erneuern, gefiel dieses ruhige, in Marmor gefasste Wort nicht. Wie ein allzu vernünftiger Alter, dessen Rat den Schwung des Herzens gar zu sehr zügeln wollte. Ich wandte dem Parthenon den Rücken und versank im herrlichen Anblick des weiten Meeres. Es war Mittag, die höchste Stunde, ohne Schatten und Lichtspiel ? streng, senkrecht, vollkommen. Ich schaute mir die weiße Stadt in der Mittags-glut an, das heilige, strahlende Meer von Salamis und die nackten, glücklichen Bäume ringsum, die Sonne tranken: Und ich vergaß, in diesen Anblick versunken, den Parthenon hinter mir.

Doch allmählich, nach jeder weiteren Rückkehr vom attischen Olivenhain und vom Meer des Saronikos, enthüllt sich die heimliche Harmonie meinem Geiste, indem sie Schleier auf Schleier von sich warf; und als ich einmal wieder die Akropolis erstieg, erschien mir der Parthenon, als bewege er sich leicht, wie ein still verharrender Chor, und als atme er.

Monatelang dauerte diese Einweihung, vielleicht auch Jahre. Ich erinnere mich nicht genau an den Tag, da ich als vollkommen Eingeweihter vor dem Parthenon stand und mein Herz wie ein Kalb hüpfte. Was war das für ein Zeichen des Triumphes, das sich da vor mir erhob, was für eine Zusammenarbeit des Kopfes und des Herzens, die schönste Frucht menschlichen Ringens! Der Raum ist besiegt worden, die Begriffe groß und klein sind verschwunden. Dieses beengte, zauberhafte Parallelogramm, das der Mensch da geschaffen hatte, bot geräumig dem All Raum und Ruhe. Auch die Zeit war besiegt wor-den. Der schöpferische Augenblick wurde Ewigkeit.

Ich ließ meinen Blick über den warmen, sonnendurchtränkten Marmor gleiten, sich an ihm festsaugen; er berührte, ertastete ihn wie eine Hand, enthüllte seine Geheimnisse. Niemals schaffte flimmerndes Wogen eine so makellose Gerade; niemals verbanden sich so innig Zahl und Musik; ich blickte auf die Säulen, die gerade zu sein schienen. Die eine neigte unmerklich ihre höchste Spitze der anderen zu, auf dass alle gemeinsam mit Zärtlichkeit und Kraft die heiligen Giebel hielten, die man ihnen anvertraut hatte.
(Nikos Kazantzakis: Im Zauber der griechischen Landschaft. Frankfurt a. M.: Ullstein 1996. S. 79 – 81.)
 
 

Text 2
Baugeschichte

Der perikleische Parthenon ist mit Sicherheit nicht der erste Tempel, mit dessen Bau an dieser Stelle begonnen wurde. [...] [Die Baugeschichte dieses] unmittelbare[n] Vorgänger[s] des perikleischen Parthenon [...] ist allerdings von besonderem Interesse; bereits an ihr beginnt sich der Parteienstreit abzuzeichnen. 

Dieser Vorparthenon ist sicher zu recht immer wieder mit dem Namen des Kimon verbunden worden. [...] Der kimonische Parthenon war ein langgestreckter Bau mit einer Ringhalle von 6 x 16 Säulen auf dreistufigem Unterbau. Das Stylobatrechteck besaß eine Länge von 66.94 m und eine Breite von 23.53 m, das Normaljoch betrug 4.41 m, bzw. 4.36 m. Die zweigeteilte Cella bestand aus einem dreischiffigen, nach Osten gerichteten Hauptraum und einem kleineren, fast quadratischen Westraum. Vor den Cellafronten standen je vier prostyle Säulen anstelle der üblichen zwei Säulen in antis. [...]

Wir wissen nicht, wie weit die Arbeiten an dem kimonischen Tempel gediehen waren; wir wissen lediglich, dass sie nicht zum Abschluss kamen und der noch unvollendete Bau nach der Mitte des 5. Jahrhundert durch den perikleischen Neubau ersetzt wurde. Dies geschah ohne ersichtlichen äußeren Anlass. Es stellt sich die Frage, ob allein künstlerische Gesichtspunkte ausschlaggebend für den Entschluss waren, den begonnenen kimonischen Tempel abzutragen, um nach Kimons Tod unter zumindest teilweiser Wiederverwendung der Werkstücke den perikleischen Neubau zu errichten. [...]
Es steht außer Zweifel, dass Teile des kimonischen Baues beim perikleischen Tempel erneut verwendet worden sind. Mit einer solchen Wiederverwendung mussten aber zugleich sowohl für den planenden Architekten als auch für die ausführende Bauhütte beträchtliche Einschränkungen und vermehrte Schwierigkeiten verbunden sein, die vor allem in der Gesetzmäßigkeit der Bauordnung und in den gültigen Proportionsvorstellungen begründet waren. Da bekanntlich die einzelnen Bauglieder in proportionalen Verhältnissen zueinander zu stehen hatten, mussten beim perikleischen Parthenon Vorgaben in Kauf genommen werden. Durch die Wiederverwendung auch nur eines das Proportionsgefüge beeinflussenden Baugliedes entstanden notwendig Zwänge, die den gesamten Bau beeinflussten und somit dem Gestaltungsfreiraum des Architekten gravierende Einschränkungen auferlegten. Fragt man sich, welche zwingenden Gründe überhaupt denkbar seien, die Anlass zu solch hemmender Wiederverwendung waren, so ist dies nur durch die Annahme zu beantworten, dass das vorhandene Material des Vorgängers zu zahlreich war, um es einfach beiseite zu lassen. Perikles hatte sich angesichts seiner Bauprojekte ohnehin gegen den Vorwurf der Geldverschwendung zur Wehr zu setzen. [...]

Geht man aus den genannten Gründen davon aus, dass die Arbeiten am kimonischen Parthenon schon beträchtlich weit gediehen waren, als sie eingestellt wurden, dann stellen sich die Ereignisse in einem besonderen Licht dar. Perikles ließ einen halbfertigen Tempel abtragen, um ein neues, sein Projekt an gleicher Stelle zu errichten. 

Gewichtige Gründe müssen bestanden haben, die Perikles zu dem völlig ungewöhnlichen, ja singulären Schritt veranlassten, einen unvollendeten Bau, anstatt ihn zu vollenden, abzutragen und durch einen Neubau zu ersetzen. Soweit uns die Ereignisse jener Zeit bekannt sind, kann als plausible Begründung vor allem die Gegnerschaft, wie sie zwischen den Parteien bestand, genannt werden. Angesichts dieser grundsätzlichen Auseinandersetzungen ist es durchaus verständlich, wenn Perikles als Anführer der radikalen Demokratie und Propagandist einer panhellenischen Idee es nicht zulassen konnte, in dem vornehmsten Bauwerk der Stadt die Erinnerung an Kimon, den Oligarchenfreund und Anhänger griechischer Kleinstaaterei sowie konservativer Religionspolitik, kurz: den ärgsten Gegner, zu bewahren und zu pflegen.

Der Neubau des Perikles [...] ist nicht nur der größte Tempel seiner Art auf dem griechi-schen Festland, nicht nur der erste vollständig in Marmor errichtete Bau und nicht nur der einzige, der in solch verschwenderischer Fülle mit Bildwerken ausgestattet wurde; der Parthenon ist auch der einzige Tempel, von dem wir wissen, dass er der engsten gegenseitigen Anregung von Staatsmann, Künstler und Architekt verdankt wird, und schließlich auch der Tempel, dessen Schöpfer mit den übelsten Verleumdungen verfolgt wurde, ein Tempel, der Neid und Hass hervorrief. Gleichwohl ist er das Werk der größten Künstler seiner Zeit und diente wie kein zweiter Bau dem Ruhme dieser Stadt. Perikles scheint sich dessen bewusst gewesen zu sein, wenn er - wie Plutarch überliefert - überzeugt war, dass die Größe Athens unsterblich mit den großen Bauwerken, d. h. allen voran mit dem Parthenon, verbunden sein werde.

Der Architekt, dem Planung und Ausführung des Parthenon übertragen wurde, sah sich keiner beneidenswerten Aufgabe gegenüber. Das prunkvollste und vollkommenste Bauwerk musste unter denkbar schwierigen Rahmenbedingungen verwirklicht werden. Galt es doch, abgesehen von den Vorgaben, die der Vorgängerbau gesetzt hatte, auch die große Stützterrasse zu berücksichtigen, den großen Fundamentsockel wohl themistokleischer Zeit. Wem die geniale Konzeption des Parthenon wirklich verdankt wird, ist abschließend kaum zu entscheiden. Die Schriftquellen nennen Kallikrates und Iktinos als Architekten, Phidias als denjenigen, der - um einen modernen Begriff zu gebrauchen - die künstlerische Oberleitung innehatte. Und schließlich steht hinter allen dreien der Staatsmann und Auftraggeber Perikles, von dem der Anstoß zur Neuplanung ausging und der sicher Anteil am Vorgang der Planung und Ausführung hatte.

Gegenüber dem kimonischen Vorgänger sieht der revidierte Plan vor allem einen breiteren Tempel vor. Die topographische Situation setzte allerdings auch hierbei Grenzen. Nach Süden hin war eine Ausdehnung ohne beträchtlichen Aufwand nicht möglich. Die Begrenzung ist dort durch die Südflanke der Fundamentterrasse gegeben. So wurde denn ein Fundamentstreifen an der Nordflanke hinzugefügt. Die Baunaht ist noch heute deutlich zu erkennen. Gegenüber, an der Südseite, blieb gerade noch Platz, um die unterste Stufe des kimonischen Stylobats, die aus dunklem Kalk stein besteht, mit einer neuen Marmorstufe zu ummanteln.

Die Neuplanung kommt insbesondere dem Kultbildraum zugute. Von diesem Raum aus wird der Plan des Tempels am leichtesten nachvollziehbar. Seine neuartige Konzeption ist oft hervorgehoben worden. Wie es scheint, geht die Leitidee der Planung davon aus, dem großen Goldelfenbeinbild der Athena einen neuen würdigen Raum zu geben, einen Rahmen, der es erlaubt, Standbild und Raum in ein korrespondierendes Gefüge einzubinden.

Damit wird das Kultbild - und dies unterscheidet den Parthenon von sämtlichen älteren Tempeln - zu einem zentralen und konkreten Ausgangspunkt der architektonischen Konzeption: Das neuartige Kultbild, die neue Athena eines neuen Athen beansprucht einen neuartigen Raum. Diesem Anspruch ordnet sich die Architektur unter.

Die aufragende Gestalt der Athena mit der Stütze unter der rechten, vorgereckten Hand und dem angelehnten Schild an ihrer Linken setzt drei Akzente, indem hier gleichsam vertikale Achsen definiert werden, die für die Raumgestaltung bedeutsam sind. Wenngleich nicht zu schematischer Form erstarrt, ist trotzdem nicht zu übersehen, daß die drei mittleren Säulen des Schmalseitenumgangs der inneren Säulenstellung mit diesen drei Vertikalachsen des Kultbildes korrespondieren. Ausgehend von einer solchen Fluchtbeziehung, die wohl kaum zufällig sein kann, entwickelt sich der übrige Raum: Nachdem in Korrespondenz mit dem Kultbild das Jochmaß dieser Säulenstellung angelegt ist, tritt zu beiden Seiten je ein weiteres Joch zwangsläufig hinzu, um die Säulenstellung als Rahmen des Kultbildes zu entwickeln. Die Seitenschiffe schließen sich an. Durch die gegenseitige Beziehung von Kultbild und innerer Säulenstellung wird der vorrangig breite Raum der Cella bestimmt, der die Grunddisposition des gesamten Bauwerks wesentlich beeinflusst. Hinzu kommt, dass an der zweigeteilten Cella des kimonischen Planes sowie an den prostylen Säulen vor den Cellafronten im Prinzip festgehalten wird.

Vor der neuen, wesentlich breiteren Cella genügen jedoch nicht mehr vier prostyle Säu-len, jetzt werden sechs Säulen benötigt. Hieraus folgt die wiederum nahezu zwangsläu-fige achtsäulige Ringhallenfront und im Anschluss daran - entsprechend klassischen Grundrissproportionen - die siebzehnsäulige Ringhallenflanke. Gegenüber dem Vorgänger wird einerseits die Anzahl der Säulen vermehrt und andererseits das Jochmaß verkürzt. Hierdurch entstehen ungewöhnlich enge Ptera. Im Gegensatz zu dem breiten und gedehnten Innenraum erfährt die äußere Gestalt des Tempels - verstärkt durch die übermäßige Eckkontraktion - ihre auffallende Geschlossenheit und extreme Verdichtung.

Zu den nach wie vor ungelösten Fragen, die der Parthenon stellt, gehört die Maßeinheit oder das Fußmaß, das hier verwendet wurde. [...] Man kann vermuten, dass bei diesem Bau das Proportionsgefüge ohnehin von größerer Bedeutung ist als die nach wie vor unbekannte Maßeinheit. Immer wieder ist hervorgehoben worden, dass eine Grundproportion von 4:9 das Bauwerk durchzieht und auch in ihrer Umkehrung vorkommt. [...] Es sei darauf hingewiesen, dass diese Proportion zugleich die Forme 1:2 ( + 1) wiedergibt, die für klassische Tempel gerne in Anspruch genommen wird.

Die überragende Bedeutung des Parthenon wird immer unangreifbar sein. Es bleibt jedoch zu fragen, welche Bedeutung er für seine Er bauer und Bauherren hatte oder doch haben sollte, und ob sich diese Frage präziser bestimmen läßt. Man hat bezweifelt, daß der Parthenon ein Kulttempel gewesen sei. Die Panathenäen wurden zu Ehren der Athena Polias gefeiert, und diese hatte ihr angestammtes Heiligtum im alten Poliastempel, der als Ruine noch neben dem Parthenon stand. Ihr altehrwürdiges Kultbild wurde später im Erechtheion aufbewahrt. Es sind jedoch zahlreiche Hinweise überliefert, [...] die deutlich machen könnten, dass der Parthenon mit bestimmten Funktionen und Interessen verbunden werden sollte. Vor dem Baubeginn war die Gemeinschaftskasse des attisch-delischen Seebundes nach Athen geschafft worden. Perikles nahm sich das Recht, den Parthenon mit Geldern aus dieser Kasse zu finanzieren. Plutarch überliefert, daß im Rahmen des großen Wiederaufbauprogrammes des Perikles vorgesehen war, die attischen Heiligtümer zu erneuern. Im Regelfalle hatte dies aus Mitteln der einzelnen Gemeinden zu geschehen; lediglich die Kosten der Athener Neubauten seien aus der Bundeskasse zu begleichen. Perikles beschritt diesen Finanzierungsweg nicht verdeckt, sondern öffentlich bekundet und programmatisch begründet. Vorrangig aber wird damit insbesondere der Parthenon gemeint sein, weil sich Perikles die rasche Vollendung dieses Bauwerkes besonders angelegen sein ließ. Wenn man hieran die Vermutung knüpfen darf, dass der Parthenon selbst die Aufbewahrungsstätte der Kasse sein sollte, dann bekommt diese Maßnahme einen besonderen Sinn: das Depot der Bundeskasse ist aus ihren eigenen Mitteln zu tragen. Zugleich wird der Parthenon zu einem Prunkmonument des Bundes, das den Führungsanspruch Athens unzweideutig bekundet. Diesem Führungsanspruch mag es auch entsprechen, wenn noch vor dem Abschluss der Arbeiten am Parthenon verfügt wurde, dass zahlreiche weitere Tempelschätze anderer Heiligtümer hierher zu überführen seien und hierfür durch Volksbeschluss im Jahre 436/35 eine zentrale Verwaltungsbehörde eingerichtet wurde.

Der besonderen Bedeutung dieses Tempels mag man die Vorgänge unmittelbar vor Baubeginn zuschreiben. Wenn es richtig ist, dass Perikles mit dem Bau des Parthenon ein wichtiges Stück seiner Vorstellung vom attischen Staat und insbesondere auch von der Rolle Athens realisieren wollte, dann wird verständlich, dass es ganz unerträglich sein musste, gerade dieses Monument mit dem Namen des Kimon verbunden zu wissen. Wenn schon an irgendeinem Platze, dann war es hier notwendig, Kimons Namen und die Erinnerung an ihn zu tilgen. Ebenso verständlich ist aber auch, daß Kimons Nachfolger in der oligarchischen Partei, allen voran Thukydides, den Fortgang der Arbeiten voller Missgunst verfolgten und nach Anlässen suchten, um Anklage gegen Perikles wegen Verschleuderung öffentlicher Gelder zu erheben. Bekanntlich gipfelte die Auseinandersetzung in der Volksversammlung mit dem Ausspruch des Perikles: „Nun, so soll der Aufwand nicht auf Euch, sondern auf mich fallen, und ich werde meinen eigenen Namen auf alle Werke setzen lassen.“ Bei diesem Angebot, das die Androhung nicht übersehen lässt, beschloss das Volk von Athen bereitwillig die weitere Verwendung der öffentlichen Gelder; wäre doch sonst aus dem Führungsanspruch Athens allzu deutlich ein persönlicher Anspruch des Perikles herauszulesen gewesen.

Kein Zweifel, der Parthenon war ein Politikum ersten Ranges.
(Heiner Knell: Perikleische Baukunst. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1979. S. 6 – 17.)
 


 
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