Thomas Gransow
 

Athen und die Halbinsel Attika

4. 4. Akropolis: Nike-Tempel
 

Abb. 1

Der restaurierte Nike-Tempel (1836)


 
(Hans Christian Hansen: Ansicht des freigelegten und restaurierten Nike-Tempels (1836). In: 
Lambert Schneider, Christoph Höcker: Die Akropolis von Athen. 
Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2001. S. 51.)
 

Text 1

Die konservative Wende

Ein Beschluss, das alte Heiligtum der Athena Nike, der Sieg bringenden Athena, neu zu gestalten, fiel wahrscheinlich schon im Jahr 448 v. Chr. [...] Der heute sichtbare, weithin weiß strahlende marmorne Athena Nike-Tempel wurde [...], wie sein Skulpturenschmuck es unabweisbar macht, erst in den zwanziger Jahren des 5. Jahrhunderts v. Chr. erbaut. Dazwischen liegen also zwei Jahrzehnte mit all den religions- und baupolitischen Auseinandersetzungen, die sich um den Bau von Parthenon und Propyläen rankten. Waren die Propyläen ein Projekt, das von der radikaldemokratischen Partei Athens favorisiert wurde, so bildete die Neugestaltung des archaischen Kultbezirks der Athena Nike nun gewissermaßen die Antwort der Konservativen auf dieses Projekt. Mit ihrer Rückwendung zu den ‚alten Werten’ der Adelszeit, zu Tradition und kultisch gebundener Religiosität setzten sie sich deutlich vom demgegenüber eher profanen Trend der vorangegangenen Jahrzehnte ab, in denen mit Parthenon und Propyläen Bauten entstanden waren, die zwar wie Sakralgebäude aussahen, tatsächlich aber keine waren.

Nike-Tempel und Propyläen, diese beiden topographisch so eng miteinander verzahnten und unmittelbar aufeinander abfolgend neu ausgestalteten Komplexe, stehen im größten denkbaren Gegensatz zueinander: die Propyläen gigantisch im Format, in ihrer Fassade dorisch schlicht und außen ohne jede schmückende Ornamentik - der auf seiner exponierten Bastion ebenso weithin sichtbare Nike-Tempel demgegenüber geradezu winzig, mit zierlichen ionischen Säulen ausgestattet und durch seinen umlaufenden filigranen Skulpturenfries und die ebenfalls figurengeschmückte Einfriedung auf dem Rand der Bastion wie ein wahres Schmuckstück wirkend. Jedem, der die Treppen- und Rampenanlage zur Akropolis heraufschritt und dabei beide Bauten zusammen im Blick hatte, muss dieser Gegensatz sogleich ins Auge gefallen sein. In seiner ganzen Konzeption scheint der Nike-Tempel kontrapunktisch auf die Herausforderung des Propyläen?Baues zu reagieren. [...]

[D]er Nike-Tempel selbst ist in seiner Position und Ausrichtung zugleich einerseits auf den Propyläen-Bau bezogen, andererseits in deutlichen Kontrast zu ihm gesetzt. Zum einen wurde das Niveau der Bastion so erhöht, dass der neue Nike-Tempel trotz seiner vom Burgfelsen herausgeschobenen Position auf gleicher Höhe erbaut werden konnte wie die Propyläen-Front; Propyläen-Fußboden und der Boden des Nike-Heiligtums bilden eine Ebene. Auch liegt die Nordwestecke des neuen Nike-Tempels exakt in der Flucht der Marmorstufen des Propyläen-Baues; die Neugestaltung der Nike-Bastion mit ihrer Bebauung und die Propyläen-Anlage bedingen sich also gegenseitig. In seiner eigentlichen Ausrichtung folgt der Nike-Tempel jedoch nicht, wie es an sich durchaus möglich gewesen wäre, dem Südflügel der Propyläen, sondern weist nach Südwesten, auf die damals wie heute gut sichtbare Zyklopenmauer aus mykenischer Zeit hin.

In dieser komplizierten topographischen Verschränkung zeigt sich also, dass Propyläen und Nike-Tempel in ihrem architektonischen Gegensatz widerstreitende Interessen ausdrücken, die zu einem Kompromiss geführt haben, den beide Bauten deutlich an sich tragen. Den im Grundgedanken symmetrischen Plan des Propyläen-Baues hatte die Volksversammlung auf der Seite zum Nike-Heiligtum hin eingeschränkt. Der Südflügel der Propyläen war verkürzt zur Ausführung gekommen, ja er sollte geradezu eine Art Eingangshalle zum NikeBezirk bilden. Nur ein schmaler Treppenzugang führte unmittel-bar vom Akropolis?Aufgang auf die Nike?Bastion. So hatte der Propyläen-Bau Rücksicht auf das Nike-Heiligtum genommen.

Doch auch das Nike-Heiligtum wurde Konzessionen unterworfen: Die Vergrößerung des Plateaus durch die neuen Umfassungsmauern der Bastion brachte zwar einen gewissen Gewinn mit sich, aber durch die dem großen Treppenaufgang zugekehrte Nordflanke bildete es nun auch eine monumentale Ergänzung der Propyläen-Anlage. Zudem war die Grundfläche trotz der neu gezogenen Mauern immer noch äußerst beschränkt, da eine Ausdehnung im Osten durch die Propyläen verhindert wurde. Nur ein winziges, verkürztes Tempelchen ohne Vorhalle ließ sich auf diesem Baugrund noch errichten. Die Athener vollbrachten in dieser Situation etwas gänzlich Neues, das nicht allein den geschilderten Einschränkungen entsprang, sondern eine veränderte, Parthenon und Propyläen geradezu entgegengesetzte künstlerische Konzeption verrät. Entscheidende politische Veränderungen hatten stattgefunden, als man mit dem Bau des Nike-Tempels begann. Sie sind der Schlüssel für das Verständnis der hier sichtbaren neuen Architektur- und Bildsprache.

Die Gruppe der radikalen Demokraten um Perikles, die hinter der Errichtung von Parthenon und Propyläen stand und die weit über diese Bauvorhaben hinaus offenbar mit Expertenwissen eine gezielte Kulturpolitik betrieb, hatte sich schon in den Jahren vor Beginn des Peloponnesischen Krieges (431 v. Chr.) verschärfter Kritik ausgesetzt gesehen. Literarische Quellen berichten von Prozessen, die gegen Personen aus dem Umkreis des Perikles, darunter auch gegen den Bildhauer Phidias, angestrengt und min-destens zum Teil wohl religiös begründet wurden. Asebie, also mangelnde Religiosität oder Gottesfrevel war der Vorwurf, der nun immer wieder gegen Einzelne erhoben wurde - eine Anklage, die angesichts von Bauten wie den Propyläen und dem Parthenon samt seinem Skulpturenschmuck auch nicht gänzlich aus der Luft gegriffen erscheint. [...] Nach dem Tod des Perikles im Pestjahr 429 v. Chr. eskalierten diese Auseinandersetzungen weiter. Die Traditionalisten auf religiösem Gebiet gewannen immer mehr die Oberhand. Finanziell und ideell gefördert wurden nun die alten Kulte und mit ihnen ent-sprechende Priesterschaften. Beim Nike-Heiligtum konnte man endlich einmal wieder an echte religiöse Traditionen anknüpfen.

So entstand, wohl in den Jahren zwischen 427/26 und 418 v. Chr., auch im funktionalen Gegensatz zu Parthenon und Propyläen hier ein echter kleiner Tempel mit einem Kultbild im Inneren und einem Altar auf dem Vorplatz. Nur eine dem weltlichen Parthenon und den Propyläen entgegengesetzte Architektursprache konnte dies adäquat veranschaulichen. Hatte der monumentale Parthenon vorgetäuscht, ein Tempel zu sein, während seine tatsächliche Bestimmung die eines Schatzhauses war, so sah der Betrachter hier einen Bau, wie er ihn sonst von kleinen Schatzhäusern in anderen Heiligtümern her kannte, der aber ein Tempel war ein wahres ‚understatement’ gegenüber der Größe und Modernität von Parthenon und Propyläen. Auch in seinen einzelnen Formen wie den Profilen der Säulenbasen, den gedrungenen Säulenschäften oder den massigen Voluten der Kapitelle zeigt sich diese Architektur als eher rückwärts gewandt, als bewusst altertümlich gestaltet, zumindest im unmittelbaren Vergleich mit den dicht benachbarten ionischen Säulen im Inneren der Propyläen.
Auch in seinem Bildschmuck wirkt der Nike-Tempel wie eine Antwort auf die Programmatik der Parthenon-Skulpturen. Wie am Parthenon zeigt der vierseitige Fries auf der Ostseite, dem Eingang, eine Götterversammlung, hier aber nicht nur aus den zwölf olympischen Göttern bestehend, sondern um weitere göttliche Gestalten wie die Nereiden oder Leto, die Mutter Apollons und Artemis', erweitert. Die 24 Götterfiguren nehmen die gesamte Ostseite des Frieses ein. Sie sind nicht, wie am Parthenon, unmittelbar neben die Sterblichen gestellt, sondern bleiben unter sich. Anders als am Parthenon bleibt hier die traditionelle Trennung zwischen Göttern und Menschen strikt gewahrt; eine Vermischung zwischen Jenseits und Diesseits, zwischen Urzeit und dem, ‚Hier und Jetzt’ wird konsequent vermieden.

Die drei übrigen Seiten des Relieffrieses sind in ihrer einzelnen Bedeutung bis heute ungeklärt. [...] Nichts deutet darauf hin, dass hier mythische Kämpfe gemeint sind, wie sie der Akropolisbesucher an den Parthenon?Metopen sogleich erkennen konnte. Aber auch jede nähere diesseitige Festlegung der Geschehnisse etwa auf bestimmte Schlachten lässt sich den Bildern nicht entnehmen, sondern konnte allenfalls vom Betrachter assoziiert werden. Die Kombination der Gegenüberstellung Griechen/Griechen und Griechen/Orientalen aber signalisierte mindestens für jeden Athener deutlich genug: Athen weiß sich nicht nur gegenüber Persien, sondern auch gegenüber jedwedem griechischen Gegner militärisch zu behaupten, und hier gab es genügend Anlässe, an die der damalige Betrachter beim Anblick des zierlichen, einstmals bunt bemalten Frieses am Gebälk des Nike-Tempels denken konnte: einmal die berühmten Siege gegen die Perser bei Marathon (490 v. Chr.), Salamis (480 v. Chr.), Plataiai und Mykale (479 v. Chr.), zum anderen auch die Schlachten von Megara (458 v. Chr.) und Oinophytai (457 v. Chr.), die Athen gegen andere griechische Stadtstaaten siegreich ausgefochten hatte.

Eine Indienstnahme des Mythos für gegenwartspolitische Zwecke jedenfalls fehlt hier. Götter bleiben Götter in ihrer heiligen Versammlung, Menschen bleiben Sterbliche in ihren profanen Kämpfen. Was am Parthenon durch die Kunst der Bilder in den Augen der Traditionalisten durcheinander gebracht worden war, wird hier wieder in die ‚rechte Ordnung’ gebracht.

(Lambert Schneider, Christoph Höcker: Die Akropolis von Athen. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2001. S. 166 - 170.)


 
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