Thomas Gransow
 

Athen und die Halbinsel Attika

4. 1. Akropolis: Überblick



 
 
 
 
 

(Abb. 1: Ulrike  Muss, Charlotte Schubert: Die Akropolis von Athen.
Graz: ADV 1988. Umschlagseiten vorne.)
 
 

Text 1

Die Burg


Die Akropolis war an ihrem Anfang eine Burg. Noch heute kann man in Mykene und Tyrins diesen Typ „Burg“ sehen. Schon das Orakel in Delphi erkannte 480 im zweiten Anlauf, daß sie als Burg bei dem derzeitigen Stand der Waffen und Belagerungstechnik unbrauchbar sei und empfahl, sich hinter hölzernen Mauern zu verschanzen. Nun nutzt das beste Orakel nichts, wenn es niemand versteht, niemand richtig zu interpretieren weiß. Und so wurden die, die die hölzernen Mauern auf der Akropolis sahen, von den Persern überrannt, während die, die sich mit Themistokles hinter den hölzernen Mauern ihrer Schiffe bei Salamis verbargen, einen glänzenden Sieg errangen. Perikles hatte daraus gelernt und ließ die Akropolis nicht mehr als Festung aufbauen, sondern als Tempelbezirk, den man allerdings nicht ganz offen gestalten wollte, denn ein bißchen mußte die Staatskasse nach innen schon geschützt werden. Immerhin enthielt sie am Anfang des Peloponnesischen Krieges 6000 Talente, das ist der Gegenwert von 15.600 kg Silber: Die Propyläen hatten insofern die Funktion eines Tores. Der Parthenon - und nur ihn und die Propyläen hatte Perikles, der 429 an der Pest starb, vollendet gesehen - war der Tempel der Stadtgöttin Athene, der Athena Polias, und das demonstriert er auch architektonisch, genauso wie es Phidias' Goldelfenbeinstatue tut: Größe, Stärke, Macht, Pracht, Superioritätsgefühl. In der Gegenüberstellung Parthenon Erechtheion spricht man oft von männlichem versus weiblichem Prinzip, was so nicht ganz einfach zu halten ist, denn immerhin war der Parthenon einer Göttin gewidmet, während am Erechtheion ein, zwei Götter (und dieselbe Göttin wie am Parthenon) teilhatten. Der Parthenon muss jedem Menschen in der Antike klar und deutlich gemacht haben, wer oder was Athene, Athen und die Athener sind. Und er tut das mit ganz einfachen Mitteln: Er ist größer als alle anderen Tempel der damaligen griechischen Welt. Nur dieses eine Merkmal hat er mehr, ansonsten schließt er vollkommen stereotyp an bereits vorhandene Tempel in der griechischen Welt an, sei es in Magna Graecia, in Kleinasien oder im Mutterland. Er ist allerdings eine perfekte Ausführung des Prinzips „Tempel“, und insofern gehört ihm zu Recht unsere Bewunderung, denn er bewahrt bei aller Größe die Proportion, die Kunst am Bau ist weitgehend erstklassig, er steht in Idealdistanz zu den Propyläen, und die Aussicht von seinen Stufen auf das Panorama Athens ist atemberaubend. Lediglich das Erechtheion erdrückt er etwas. Das ist ein bißchen unanständig, denn architektonisch und von der Anlage her ist das Erechtheion eine Meisterleistung, die eben nicht stereotyp ist, sondern grazil eine neue Art Tempel darstellt. Aber vielleicht lag das sogar in der Absicht der Planer, denn das Erechtheion ist ein Zwitter. Wie der Name schon sagt, soll es an den mythischen König Erechtheus erinnern, vor allem aber an den Wettstreit zwischen Athene und Poseidon, den diese gewann, indem sie den Athenern den Ölbaum schenkte. Poseidon hatte nur eines von seinen Rossen zu bieten. Sollte jetzt Athene komplett siegen? War die Erinnerung an Erechtheus so gewichen und das Ansehen Poseidons so stark gesunken? Fürchtete man das Meer nicht mehr und empfand sich auch hier als Beherrscher? War das Erechtheion zu Perikles Zeiten tatsächlich noch das eigentliche, traditionelle, sakrale Zentrum der Akropolis? Vielleicht sollte es das auch bleiben, und der Parthenon war mehr als der modernere, weltlichere Mittelpunkt gedacht? Dem Meer zugewandt und nicht dem Land wie das Erechtheion!

Nichts von solcher Ideologie beim Nike?Tempel. Der Beschluß zu seinem Bau wurde wahrscheinlich anläßlich des Kallias-Friedens 448 gefaßt. Dieser Frieden grenzt persische von griechischen Interessen ab und war eher ein Frieden der Vernunft als der eines Sieges. Von nun ab war der Attische Seebund eigentlich unnötig. Doch Perikles definierte ihn um, weil er die Vorherrschaft Athens wollte. Infolgedessen wurde der Nike-Tempel nicht gebaut. Erst 427 erinnerte man sich wieder an das Versprechen. Es war schon die Zeit des Peloponnesischen Krieges, und Perikles war 429 gestorben. Kam bei den Athenern der Gedanke an Nemesis auf?

Der Platz für den Tempel war durch die großartigen Propyläen Mnesikles' eng geworden. Und so holte der Architekt Kallikrates einen Plan hervor, den er schon einmal verwirklicht hatte: beim Tempel der Artemis Agrotera in Agrai, wahrlich nicht weit von der Akropolis entfernt. 424 wurde der Nike-Tempel mit dem Aufstellen einer Athene-Statue geweiht. Doch zu spät, das Kriegsglück war den Athenern nicht mehr hold. Obwohl man die Nike (als Athene) flügellos darstellte, war sie wohl schon weggeflogen. Die Athener verlieren in Böotien (Delion), Thrakien (Amphipolis), diskreditieren sich moralisch in Melos, erleben in Sizilien ihre Katastrophe und sind mit der Einnahme von Dekeleia am Parnes in der Hand der Spartaner. Die Geschichte hatte ihren Versuch, ein Imperium zu gründen, bestraft. Das Zeichen der perikleischen Akropolis hatte ab jetzt nur noch rein ästhetische, museale Bedeutung. Nur der Nike-Tempel entsprach noch in seiner Schlichtheit dem politischen Stellenwert Athens. 
(Nikos Gargaronis: Kleiner Versuch über den Nike-Tempel auf der Akropolis. In: Paul-Ludwig Völzing (Hrsg.): Arthen. Literarische Spaziergänge. Frankfurt/M.: Insel 2000. S. 113 – 116.)
 
 

Text 2

Die Kultstätte

Heiligtümer als Orte des religiösen Lebens kennen wir heute von Kirchen, Moscheen oder anderen Kulträumen, wo sich Menschen als Gemeinde zum Gebet und zu rituellen Handlungen versammeln. Der Anblick zahlreicher Tempel in griechischen Heiligtümern scheint uns diese vertraute Vorstellung auch für die heidnische Antike zu bestätigen. Wir sehen förmlich den Priester in würdevollem Schritt und feierlichem Gewand vor den Augen der Gläubigen die Tempelstufen hinaufschreiten zu Andacht und Opfer. Doch griechische Tempel waren etwas völlig anderes als unsere heutigen Gotteshäuser. In den Heiligtümern waren sie kaum mehr als ein architektonisches Requisit: Sie bildeten als Bauten keineswegs das entscheidende Merkmal eines Heiligtums, ja sie konnten hier sogar ganz fehlen. So hat es zu Beginn der archaischen Epoche denn auch Bauten dieser Art auf der Akropolis nicht gegeben.

Die archaisch?griechische Religion war weder in Bauwerke eingesperrt noch in das ‚Herzkämmerlein’ des einzelnen Andachtsuchenden. Laut und bunt, sinnlich und ge-meinschaftlich vollzog sich hier die Gottesverehrung. In frühgriechischen Heiligtümern wuchsen Bäume, Sträucher und Blumen. Nicht die zurückgezogene Lektüre heiliger Bücher, sondern Gesänge, Tänze, Festprozessionen und Opfer unter freiem Himmel charakterisieren diese Art der Religionsausübung.

Nicht Bauten kennzeichneten ein Heiligtum, sondern die (meist mittels einer niedrigen Umfassungs- mauer physisch und optisch erzeugte) Ausgrenzung eines bestimmten Areals aus dem profanen Siedlungsleben, die Schaffung eines Platzes, der allein religiösen Handlungen und religiöser Gesetzgebung vorbehalten war. Wie in anderen griechischen Heiligtümern auch, verehrte man auf der Akropolis nicht eine, sondern eine Vielzahl von Gottheiten. Diese verschiedenen Götter wurden nicht nur in Gestalt bildlicher Wiedergaben, also von Statuen oder Reliefs, angebetet, sondern ebenso in naturhaften Erscheinungsformen wie heiligen Steinen, Erdhöhlen oder Bäumen. [...]

Neben Kultgesängen und Prozessionen bildete die Spende an die Götter das wichtigste Zeichen der Verehrung: Opfer von Nahrungsmitteln an Altären und die Aufstellung von Weihgeschenken unterschiedlicher Art im gesamten Gelände des Heiligtums. Getreide, Opferblut, Wein und Honig sind vergangen, erhalten aber blieb uns aus der Epoche vom 10. bis zum 6. Jahrhundert v. Chr. eine Vielfalt von Weihgaben aus dauerhaftem Material. Als Geschenke für die Götter wurden auf der Akropolis einmal Gebrauchsgegenstände wie Waffen oder Bratspieße und Bratroste deponiert, zum anderen eine Fülle von Dingen, die eigens für eine Aufstellung im Heiligtum gefertigt wurden. So standen in großer Zahl monumentale bronzene Becken mit hohen Beinen, Dreifüße, auf dem Burgberg; sie dienten keinem praktischen Zweck, sondern stellten durch ihren Metallwert und ihre kunstvolle Verarbeitung besonders aufwendige Geschenke an die Götter dar. Hinzu kamen Figuren von Menschen und Göttern, reliefierte und gemalte Bildtäfelchen und vieles andere mehr. Manche der bronzenen und tönernen Tierfiguren, wie beispielsweise Schaf und Schwein, sind wohl als Bilder von Opfertieren zu verstehen. Andere gehörten in besonderer Weise zum Prestige der Oberschicht; so waren etwa Hahn und Hase Liebesgeschenke zwischen homosexuellen Männern und Jünglingen der archaischen Aristokratie. Wieder andere Tiere wurden als speziellen Göttern zugehörig angesehen, so etwa die Eule der Athena. Auch Fragmente von über 50 geweihten steinernen Wasserbecken aus archaischer Zeit fanden sich auf der Akropolis. Häufig wurden Weihgeschenke gut sichtbar auf hohe Pfeiler postiert, deren Inschrift den Stifter und die beschenkte Gottheit namentlich nennen. Solche Objekte haben in ihrer großen Menge das Aussehen frühgriechischer Heiligtümer bestimmt. War ein Platz gänzlich überfüllt, so wurden ältere Weihungen entfernt und innerhalb des Heiligtums ,beerdigt', um neuen Devotionalien Raum zu verschaffen.

Nicht alle Gegenstände eigneten sich für eine Aufstellung unter freiem Himmel, und so errichtete man verschiedene kleinere Holzbauten, in denen Gaben von besonderem Wert oder aus witterungs- anfälligem Material sicher aufbewahrt werden konnten. Die frühesten dieser Bauten waren recht unscheinbare Schuppen, ein einfacher Schutz für die darin verwahrten Gegenstände. Seit dem 7. Jahrhundert v. Chr. aber wurden solche Holzkonstruktionen mit farbenprächtigen Tonverkleidungen und blinkenden Metallapplikationen überreich geschmückt. In ihrem prunkvollen Aussehen wetteiferten sie nun mit der Pracht der Objekte, die sie beherbergten. Aus einfachen Unterstellräumen sind so im Laufe der Zeit wahre architektonische Schmuckstücke geworden, die nun zunehmend selbst den Charakter einer Weihgabe bekamen, d. h. als Geschenke an die Götter aufgefasst wurden. Eine ganze Reihe solcher Schatzhäuser entstand seit etwa 600 v. Chr. auf der Akropolis. [...]

Die Ansammlung der gestifteten Gegenstände auf der Akropolis war ebenso bunt und vielfältig wie die Anlässe, etwas im Heiligtum zu spenden. Weihungen beschränkten sich beileibe nicht auf Objekte aus dauerhaftem Material, wie sie heute die Museen in großer Zahl verwahren. Eine große, wenn nicht sogar die größte Zahl der Stiftungen bestand aus Vergänglichem, dessen einstige Existenz der Archäologe nur mit viel Geschick in Spuren noch nachweisen kann und dessen Vielfalt hauptsächlich auf Grund diverser antiker literarischer Berichte bekannt ist. 

Der Vorgang, bei dem diese vergänglichen Dinge eine Rolle gespielt haben, war das Opfer. [...] Opfer waren nicht allein Schenkungen an eine Gottheit, sondern besaßen dar-über hinaus gesellschaftliche Funktionen. So bestand die geläufigste Form des Opfers, das Speiseopfer, nicht einfach in der Vernichtung von Nahrung; dies geschah vielmehr nur mit einem kleinen, meist ungenießbaren Teil der geschlachteten Opfertiere, während der Rest gemeinsam verzehrt wurde. Opferzeremonien stärkten so das Gemeinschaftsgefühl der an ihnen teilhabenden Personen. Zugleich bildeten sie einen festen Bestandteil der Lebensmittelversorgung ärmerer Bevölkerungsgruppen, die sich nur bei solchen Festen einmal an Fleisch richtig satt essen konnten. Für den wohlhabenden Stifter des Opfers bot der Vorgang einen willkommenen Anlass, das eigene Prestige und gesellschaftliche Gewicht zur Geltung zu bringen. Für die Priesterschaft schließlich bedeutete die von ihr organisierte Fleischverteilung einen Zuwachs an Ansehen und politischer Macht, wählte sie doch die Personen und Personengruppen aus, die an den Zeremonien teilnahmen.

Mit dem im 6. Jahrhundert v. Chr. anwachsenden Wohlstand einzelner Sippenverbände in Attika nimmt auch Zahl und Reichtum der Weihgaben auf der Akropolis zu. Das ganze Areal des Burgbergs füllt sich mit Weihgeschenken. Die Stiftung eines solchen Weihgeschenks (griech. anathema = das Aufgestellte) war dabei alles andere als nur ein Zeichen frommer Gottesverehrung; sie bot zugleich eine ideale Möglichkeit für Einzelne oder Personengruppen, ihren Reichtum öffentlich zu dokumentieren. Das Heiligtum, wo sich Menschen aus der Stadt und der weiteren Umgebung zu Festen versammelten, war der herausragende Platz, an dem sichtbare Zeichen von Macht und Reichtum von vielen gesehen werden konnten und wo sie gleichzeitig vor zerstörerischem Zugriff anderer Personen geschützt waren.
(Lambert Schneider, Christoph Höcker: Die Akropolis von Athen. Darmstadt: Wissen-schaftliche Buchgesellschaft 2001. S. 71 - 75.)


 
 
Text 3

Griechische Tempel

Den Göttern wurden herrliche Wohn- und Weihestätten geschaffen, die Tempel. Häßliche Tempel hätten die Götter erzürnt. Wie ein Altar wurden sie auf Hügel- oder Bergkuppen errichtet, weithin sichtbar. Durch ihre herrliche Lage wirkten sie als Krönung der Landschaft. Sie standen meist in einem ummauerten heiligen Bezirk, der durch eine Torhalle, die Propyläen, mit der Außenwelt verbunden war.
Jeder Tempel war einer Gottheit geweiht. Ihr Bild wurde im Innern, Cella genannt, aufgestellt. Zutritt hatte nur der Priester oder die Priesterin mit ihren Dienern. Der Altar für die Weihehandlungen stand vor dem Tempel. Deshalb waren keine großen Innenräume erforderlich. Das Bestreben, gemäß dem delphischen Orakelspruch „Alles mit Maß!“ zu betreiben, hatte nicht nur Bezug auf allgemein menschliche Belange, sondern galt ebenso sehr in der Politik bei der Kolonisation wie in der Baukunst: Es hielt die Griechen davon ab, überdimensionierte Bauwerke zu errichten.

Die Tempel waren ursprünglich aus Holz gebaut und mit Lehmziegeln gedeckt. Diese Holzkonstruktionen haben die späteren Formen beeinflußt (Architrav, Zahnschnitt, Mutuli und Triglyphen). Am ursprünglich aus Holz erbauten Heraion in Olympia gleicht kein Kapitell dem andern, weil im Laufe der Zeit jede faule Säule durch eine steinerne ersetzt worden sein soll. Die Triglyphen sind in Stein übertragene Außenendigungen der hölzernen Dachbalken. Als die Griechen dann zum dauerhaften Steinbau übergingen, waren die Formen bereits so entwickelt und vollendet, wie wir sie heute aus den Ruinen der Blütezeit kennen.

Jeder Tempel ruhte auf dem Krepidoma, einem Fundament mit zwei bis fünf Stufen – „Stufen für mehr als menschliche Schritte“ (Cicerone). Dieser glich nicht nur die Unebenheiten des Terrains aus, sondern stellte in idealer Weise den Übergang von der Natur zur Kultur, vom Boden zum Bauwerk dar. Die Cella war auf zwei Seiten oder ringsherum von einer oder zwei Säulenhallen umgeben.

Der Tempel ist vorwiegend ein Außenbau, das heißt, das Hauptaugenmerk wurde auf sein Äußeres gerichtet. Das hervorragendste Bauglied ist die Säule. Sie trägt das waagrechte Gebälk, den Architrav, auf dem das aus Stein- und Holzbalken konstruierte Satteldach ruhte. Es war mit kleinen Steinplatten oder Tonziegeln gedeckt und mit Stirn- und Eckziegeln (Akroterien) geschmückt. Diese hatten eine Wächter- und Abwehrfunktion. Auf den beiden Schmalseiten des Tempels entstand ein Dreieckgiebel (Tympanon). Darin, als einem Abbild des Götterhimmels, wurden mit Hilfe von Plastiken bedeutende Szenen aus dem Leben der Gottheit dargestellt, der der Tempel geweiht war. Die Darstellung der Götterwelt spornte die griechischen Bildhauer zu Höchstleistungen an.

Reiche, im wesentlichen blaue und rote Bemalung der Bildwerke und Verzierungen unterstützte die Wirkung des ganzen Bauwerkes. Der Tempel stellte eine Harmonie von Proportionen, Formen und Farben dar. Jedem Bau lag ein strenger Kanon (Richtschnur, Baugesetz) zugrunde [...]. Alle wichtigeren Proportionen wurden von Tonstufen abgeleitet, die mit dem Ohr auf ihren Wohlklang geprüft werden konnten. Für Auge und Ohr, für Schauen und Hören gelten verwandte Gesetze; aber das Ohr ermöglicht eine wesentlich feinere Kontrolle der reinen Harmonien, als es das Auge mit den sichtbaren Verhältnissen gestattet. Das Geheimnis des Schönheitssinnes der Griechen beruht auf der sorgfältigen Auswertung dieser unserem heutigen Bewußtsein entschwundenen Gesetzmäßigkeiten. Angesichts griechischer Tempel verlieh Goethe seiner Begeisterung die Worte:

   „Der Säulenschaft, auch die Triglyphe klingt, 
   ich glaube gar, der ganze Tempel singt!“ [...]

Zwei Volksstämme lebten im alten Griechenland nebeneinander, die Dorer und die Ionier. Sie entwickelten fast gleichzeitig ähnliche Bautypen mit verschiedenartiger Formgebung. Die Maßverhältnisse des menschlichen Körpers dienten beiden Völkern bei der Schaffung der Säule als Vorbild. Die Säule ist somit „von Anfang an hohe Würdeform und echtes Symbol eines geistigen Weltverhaltens des gleichen Aufgerichtetseins, das auch den Menschen über das Tier erhebt“ (W. Mrazek). Dieser Ursprung kommt noch besonders zum Ausdruck, wenn an Stelle von Säulen menschliche Körperformen (Hermen, Karyatiden) treten.

Dorische Ordnung

Nach den Berichten des Vitruv, römischer Architekt und Schriftsteller, wählten die Dorer die Proportionen des Mannes zum Ausgangspunkt. Die Länge eines Fußes konnte an der Körperlänge etwa sechsmal abgetragen werden. Dieses Verhältnis wurde bei der Säule angewandt. Die dorische Säule (B) wirkt daher männlich. Sie wächst ohne Fuß (Basis) aus dem Unterbau (A) heraus. Gegen die Mitte zu schwillt der aus mehreren zylindrischen Stücken, Trommeln (2), bestehende Schaft ein wenig an (Entasis) (7) und verjüngt sich nach oben. 16 bis 22 Hohlkehlen, Kannelüren, beleben ihn durch ihr Licht- und Schattenspiel. „Vielleicht hat man die griechischen Säule kanneliert, um ihnen den Ausdruck von Elastizität zu geben und von starken Gliedern eines organisch gewachsenen Materials. Sie zeigten wohl deswegen eine betonte Schwellung am unteren Teil ihres Schaftes, um so etwas wie eine sichtbare Fähigkeit zu elastischer Formveränderung unter Druck anzudeuten“ (R. Neutra).

Den Übergang vom Schaft zum quadratischen Abakus (9) vermittelt der runde Wulst des Echinus (8). Auf dem Abakus lagert das Gebälk mit Architrav (D) und Fries (E); dieser ist gegliedert in Dreischlitze (Triglyphen) (11) und Reliefs (Metopen) (12). Kranzgesims (F) mit Wasserrinne (Sima) (14), Hängeplatte (Geison) (13) und Giebelfeld (G) bilden den Abschluß.

Ionische Ordnung

Die Ionier nahmen die zierliche Frauengestalt als Vorbild für ihre Säule. Der untere Säulendurchmesser kann an der Höhe etwa achtmal abgetragen werden, wodurch die Säule einen anmutigeren, schlankeren Anblick bietet als die dorische. Auch Frauengestalten, Koren oder Karyatiden, wurden an Stelle der Säulen verwendet. [...]

Die ionische Säule ist auf verschiedene Wulst- und Kehlplatten (3) gestellt, die an hohes Schuhwerk der Frau gemahnen. Die Kannelüren (7) des Schaftes (C) sind durch Stege (8) gegeneinander abgesetzt; sie gleichen den Falten eines Frauengewandes. „Am Kapitell (D) sind rechts und links schneckenförmige Windungen, Voluten (10), angebracht, die vorhängen wie gekräuselte Locken dem Haupthaar.“ Diese oberflächliche Erklärung stammt vom römischen Architekten und Ingenieur Vitruv. In Wirklichkeit dürften all die Ornamente tiefen Symbolgehalt aufweisen, so hier die sich ein? und ausrollenden Voluten den Hinweis auf die Reinkarnation. auf die wiederholten Erdenleben des Menschen.

Die ionische Ordnung zeigt im Gegensatz zur dorischen den dreigeteilten und daher leichter wirkenden Architrav (E), den meist reliefgeschmückten Fries (F) und das Kranzgesims (G) mit dem kräftigen Zahnschnitt (15).

Korinthische Ordnung

Die korinthische Ordnung stellt eine Fortbildung der ionischen dar. Der Unterbau (A) hat drei Stufen (1), wovon die oberste niedriger als die andern und mit einem Profil versehen ist. Der kannelierte Säulenschaft (C) steht auf drei Platten (B), die zwei Wülste (2, 4) und dazwischen eine Hohlkehle (3) bilden. Er besteht aus einem einzigen Steinblock (Monolith), woraus wir auf die entwickeltere Technik der Steinbearbeitung schließen können. Seine Höhe entspricht dem zehn- bis zwölffachen des unteren Durchmessers. Das Kapitell (D) ist von zwei Reihen Akanthtus-(Dis-tel-) blättern (11) umstellt. An den Ecken sprießen vier kräftige Voluten (11) hervor; zwei kleinere steigen gegen die Mitte empor. Eine Palmette (12) ruht auf ihnen. Blätter und Voluten verschleiern die Funktion des Tragens und lassen die drückende Last des Gebälkes wie aufgehoben erscheinen. Die vier Seiten der leichten Deckplatte (13) sind einwärts geschweift und reich profiliert. [...] Auf der Säule ruht der Architrav (E). Er ist wie beim ionischen Stil dreiteilig abgetreppt, wobei durch die Vorkragungen (14) Schatten entstehen. Den Fries (F) schmückt ein fortlaufendes Relief (15). Das mit freistehenden Palmetten (18) geschmückte Kranzgesims (G) bildet die Krönung.
(Walter Ammann: Baustilkunde. Bd. 1. Bern: Benteli 1963. S. 9 – 16.)


 
Text 4

Perikles

Perikles entstammte einer der vornehmen Familien Athens und war durch seine Mutter Agariste, eine Nichte des Kleisthenes, unmittelbar mit dem Hause der Alkmäoniden verbunden, d. h. er konnte sich selbst als Alkmäoniden bezeichnen. Um 495/90 v. Chr. geboren, gehörte er nicht mehr zu jener Generation, die die Perserkriege unmittelbar miterlebt hatte. Im Alter von etwa 30 Jahren begann sein aktives Engagement in der Politik, seit 461 war er der Anführer der Demokraten. Als Feldherr trat er zuerst 457 und 454 in Erscheinung. Die unbestreitbare Position des ersten Mannes in Athen errang er 451/50 und behielt die Macht bis zu seinem Tode durch die Pest im Jahr 429. Kurz zuvor hatte der Ausbruch des Peloponnesischen Krieges zu einer deutlichen Schwächung seiner Vormachtstellung geführt.
 

(Abb. 5: Perikles. Römische Kopie nach einem Original von Kresilas.  
Ca. 430 v. Chr. - Rom, Vatikanische Museen.)


Die innenpolitische Entwicklung Athens war in jener Zeit deutlich von der Rivalität zweier Parteien gekennzeichnet. Entsprechend seiner Herkunft war Perikles zum politischen Gegner des Kimon prädestiniert: Kimon als Anführer der Oligarchen, Perikles als jener der Demokraten. Anklagen, Verbannungen und Prozesse legen von den heftigen Auseinandersetzungen ein beredtes Zeugnis ab. So war denn bereits der Eintritt des jungen Perikles in die Politik von jener Konfrontation geprägt: im Jahre 463 bestellte ihn das Volk zum Ankläger gegen Kimon, der sich den Vorwürfen vorerst jedoch noch erfolgreich zu widersetzen vermochte. In jener Zeit versuchte Perikles gemeinsam mit Ephialtes, dem damaligen Anführer der demokratischen Partei, die Macht des vom Adel beherrschten Areopag einzuschränken. Zwei Jahre später stand er, nach der Ermordung des Ephialtes, an der Spitze seiner Partei. Im gleichen Jahr hatte ein Ostrakismos zur Verbannung des Kimon geführt, dessen Einfluss dadurch jedoch nicht völlig ausgeschaltet werden konnte. Ende der fünfziger Jahre kehr Kimon nach Athen zurück, starb jedoch 451/50 in seiner Heimatstadt. Von diesem Zeitpunkt an beherrschte die Partei der Demokraten und mit ihr vor allen anderen Perikles die Geschicke Athen. Gleichwohl waren immer wieder Versuche der Oligarchen spürbar, die Rückkehr an die Macht vorzubereiten. So trat Thukydides im Jahr 443 als Ankläger gegen Perikles auf, dem die Verschleuderung öffentlicher Gelder vorgeworfen wurde; auch den berühmten Phidiasprozess wird man in diesem Zusammenhang sehen können.

Das Parteiengezänk war anfangs sicher in erster Linie mit inneren Angelegenheiten Athens verbunden, wenngleich die Grenzen zwischen Innen? und Außenpolitik bisweilen schwer zu ziehen sind. Dies betrifft insbesondere das Verhältnis Athens zum attisch?delischen Seehund und dessen Mitgliedsstaaten. - In Athen selbst bemüh man sich zu jener Zeit angestrengt um eine fortschreitende Demokratisierung. Schon in den frühen 50er Jahren hatte Perikles ganz auf diese Karte gesetzt. Bereits 457 setzte er durch, dass auch Zeugiten zum Archon gewählt werden konnten. Übereinstimmend mit ein zunehmenden Entmachtung des Areopags wurden zahlreiche Kompetenzen der Volksversammlung und dem Rat der Stadt übertragen. Um auch wenig begüterten Personen Zugang zu Staatsämtern ermöglichen, führte Perikles Diätenzahlungen ein und vermehrte die Zahl der Wahlberechtigten durch Erneuerung der Bürgerlisten. Breiten Schichten brachten die gewaltigen Bauprogramme - und nicht nur jene auf der Athener Akropolis - Wohlstand und gutes Einkommen. Das gleiche galt für die untersten Schichten durch den Unterhalt der großen Flotte.

Die Partei der Gegner wollte demgegenüber die Macht eher auf die Oligarchen beschränken und wandte sich dementsprechend auch mit allem Nachdruck gegen die Verwendung öffentlicher Gelder für die großzügigen Bauprogramme. Hinzu kommt - und dies darf wohl kaum unterschätzt werden - der religiöse Konservatismus, der in krassem Widerspruch zu den aufgeklärten Vorstellungen des Perikles, zumindest seiner engsten Berater, wie etwa Anaxagoras, steht.

Die außenpolitischen Ziele des Perikles waren vorrangig von zwei Grundgedanken bestimmt. Zum einen strebte er konsequent die Sicherung der Grenzen und Einflussgebiete Athens an. Diesem Ziel dienten die Friedensverträge mit Persien und Sparta. Der Kallias-Friede, ein im Jahre 449 v. Chr. mit Persien abgeschlossener Demarkationsvertrag, sollte für Ruhe im Osten des attischen Einflussbereiches sorgen. Zugleich bemühte sich Perikles, die aufkeimenden Spannungen mit Sparta einzudämmen, und schloss im Jahre 446/45 v. Chr. den dreißigjährigen Frieden mit dem größten Konkurrenten auf dem griechischen Festland. Allerdings war diesem Nichteinmischungsabkommen der wenig rühmliche Zusammenbruch der Vormachtstellung Athens in Mittelgriechenland vorausgegangen, so dass die Opposition es sich erlauben konnte, Perikles Feigheit gegenüber Sparta vorzuwerfen. - Und auch der Kallias-Friede führte zu heftigen Auseinandersetzungen in Athen. Insbesondere die im Vertrag bestimmte Rückberufung der attischen Flotte aus dem östlichen Mittelmeer rief Kritik hervor, weil man meinte, dies sei ein zu hoher Preis an Persien. Um dem naheliegenden Vorwurf zu begegnen, er schwäche die ruhmreiche attische Flotte, auf deren Existenz sich der Zusammenhalt des attisch-delischen Seebundes stützte, veranlasste Perikles, dass auch künftig gewaltige Tributzahlungen der Bündnispartner eingetrieben wurden, um die Flotte zu unterhalten und weiter auszubauen. Zugleich konnte er die nach Athen reichlich fließenden Gelder zur Verwirklichung weiterer Aufgaben und Ziele nutzen. Mit großem Geschick verband er somit die innere Entwicklung Athens mit dem ersten seiner außenpolitischen Ziele, der Konsolidierung der Position Athens.

Der zweite Grundgedanke seiner außenpolitischen Konzeption galt einer Ausweitung der attischen Einflusssphäre, so widersprüchlich dies auch angesichts der zuvor skizzierten Bestrebungen erscheinen mag. Verständlich erscheint es, wenn die Bündnispartner zunehmend enger an Athen gebunden werden sollten. Die Führungsrolle Athens im Seebund war unbestritten. Um sie noch stärker zu festigen, ja vielleicht aus dem Staatenbündnis einen Bundesstaat zu formen, wurden mehrere Schritte vollzogen. Schon im Jahre 454/53 folgte auf Antrag der Samier die Überführung der Bundeskasse von dem gleichsam neutralen Platz des Apollonheiligtums auf Delos in das Machtzentrum des Bundes, nach Athen. Dies geschah nicht ohne plausible Begründung, da Athen sich verpflichtete, die Bundesflotte zu unterhalten und die Partnerstaaten keine Schiffe mehr zu entsenden, sondern nur noch zu zahlen hatten. Folglich sollte die Kasse auch an dem 0rt aufbewahrt werden, von dem aus die Gelder eingetrieben wurden. Es ist klar, dass der Seehund durch diese Maßnahme ebenso geschwächt wurde, wie Athens Position an Einfluss und Macht gewann.

Zugleich wurde den veränderten Verhältnissen und der zunehmend engeren Bindung der Bündnispartner an Athen durch die Erweiterung der Panathenäen Rechnung getragen. Es war dies von jetzt an nicht nur das zentrale Kultfest Athens, sondern das Hauptfest des ganzen Bundes. So wurde mit der Bundeskasse zugleich auch das kultische Zentrum des Seebundes unter die Obhut Athens gestellt, ein sprechendes Beispiel für die Religionspolitik des aufgeklärten Perikles. - Nur am Rande sei vermerkt, dass der Baustopp am großen Apollontempel auf Delos gewiss unmittelbar mit diesen Vorgängen zusammenhängt. Nicht mehr auf diesem Eiland, sondern im wahren Zentrum des Seebundes bedurfte man eines neuen und repräsentativen Kultbaues, für dessen Realisierung die finanzielle Mittel dringend benötigt wurden.

In seinen außenpolitischen Zielen beschränkte sich Perikles nicht auf den Ausbau und die Festigung der athenischen Position im Seebund. Hochfliegende Pläne verfolgte er mit seinen panhellenische Ambitionen, die in einer für das Jahr 448/47 nach Athen einberufenen panhellenischen Konferenz für jeden sichtbare Konturen annahmen. Die wichtigsten Programmpunkte dieser geplanten Tagung hat Plutarch überliefert. Zwar verhinderte Sparta die Verwirklichung dieser Konferenz, doch konnte dies offensichtlich Perikles nicht davon abhalten, seine panhellenischen Vorstellungen weiter zu verfolgen. Am klarsten wird dies am Beispiel des athenischen Engagements im westgriechischen Unteritalien sichtbar, nachdem auf dem Festland keine Chance zur Durchsetzung seiner Ideen mehr gegeben war. Dies belegen die bekannten Ereignisse um die Zerstörung von Sybaris und die Neugründung von Thurioi im Jahre 444. Athen folgte bereitwilligst dem Hilferuf der Stadt, um sich am Neuaufbau zu beteiligen. Dies freilich nicht ohne Zugeständnisse besonderer Art: die neue Stadt sollte eine panhellenische Stadt mit entsprechender Verfassung und Ausgestaltung des politischen Lebens sein; so der Wunsch des Perikles, abgesichert durch günstige Orakel aus Delphi.

Die Überlieferungen zu den Zielen perikleischer Politik lassen zusammenfassend folgende zentrale Programmpunkte deutlich werden: 

  • 1. Konzentration des attisch-delischen Seebundes zu einem auf Athen bezogenen Polisverband oder auch Bundesstaat;
  • 2. Sicherung der Grenzen und Einflussgebiete durch Friedensschlüsse und Demarkationsverträge,
  • 3. Panhellenische Bestrebungen unter der Führung Athens, Athen beansprucht damit die Rolle der ersten Macht in Griechenland;
  • 4. Konsequenter Ausbau der Demokratie in Athen sowie Förderung und Sicherung des aufstrebenden Wohlstandes breiter Bevölkerungsschichten.
Die Realisierung der großen Bauunternehmungen diente dabei nicht zuletzt auch der Durchsetzung dieses skizzierten politischen Programms, wie aus den Schriftquellen unzweideutig hervorgeht.
(Heiner Knell: Perikleische Baukunst. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1979. S. 2 – 6.)

 
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