Arbeitstechniken
 

Informationsbearbeitung
 
 
 

Texte analysieren

Text und Kommunikation


 
Texte gehören immer in einen größeren Zusammenhang. Sie beziehen sich mit ihrem Inhalt auf einen Ausschnitt der Wirklichkeit. Sie haben einen Verfasser oder Produzenten, der veranlaßt wurde, den Text zu verfertigen. Hinter seinem Text steht eine Absicht, die der Verfasser einem oder mehreren Empfängern oder Rezipienten übermitteln will, die bestimmt, welche Textsorte er für die Übermittlung seines Inhalts wählt, wie er den Text aufbaut, welche sprachlichen - d. h. semantischen, syntak- tischen und poetisch-rhetorischen - Mittel er verwendet. Der Text wird dem Rezipienten durch ein Medium übermittelt und wirkt auf ihn. Diese Einzelelemente und ihr Zusammenspiel können in Modellen veranschaulicht werden. Die folgende Übersicht, aus der verschiedene Analysefragen abgeleitet werden, berücksichtigt vorwiegend Kommunikation mit Hilfe von schriftlich formulierten Texten. Das wird vor allem durch die Termini Textsorte und Medium deutlich. Als Textsorte ist ein Schema anzusehen, nach dem konkrete Texte in einer bestimmten Situation zu einem bestimmten Zweck verfertigt werden können. In einem engen Sinn ist etwa das Protokoll eine Textsorte, in einem weiteren Sinn zählt man alle Werbetexte zu einer Textsorte. Ein nach solch vergebenem Schema verfaßter Text kann wieder als Vorlage für weitere Texte dienen. Unter dem Begriff Medium, lat. "das in der Mitte befindliche", werden die Vermittlungsinstanzen wie Brief, Zeitung, Buch, Radio, Fernsehen usw. zusammengefaßt. 

 

 
 
Leitfragen
A. Fragen zur Produktion

1. Herkunft des Textes:
Wer hat den Text geschrieben? Wo ist er zu finden? In welcher Zeit, zu welchem Anlaß und unter welchen Umständen ist er entstanden oder verbreitet worden?

2. Absicht des Autors:
Welchen Zweck verfolgt der Verfasser? Wird das Ziel ausdrücklich formuliert? Erscheint es nur zwischen den Zeilen? Stimmt die ausdrücklich genannte Intention mit der unausgesprochenen überein?

3. Bestimmung der Textsorte:
Handelt es sich um einen informierenden, einen kommentierenden oder einen appellativen Text? Welche Textsorte innerhalb der genannten Abgrenzungen liegt vor? Welche inhaltlichen, sprachlich- stilistischen und formalen Kennzeichen deuten darauf hin?
 

B. Fragen zum Inhalt

4. Erfassung des Themas:
Welcher Sachverhalt oder welches Problem wird behandelt? Kommt das Thema im Titel oder Untertitel in vollem Umfang zum Ausdruck? An welcher Stelle im Text wird es formuliert? 

5. Untersuchung des Aufbaus:
In welche übergreifenden Abschnitte läßt sich der Text gliedern? Wie wird der Sachverhalt struk- turiert? Wie verläuft die Gedankenfolge? Welche Überschriften eignen sich für die einzelnen Teile? Läßt sich der Aufbau in einer schematischen Skizze verdeutlichen?

6. Beschreibung des Verfahrens:
Gibt der Verfasser Tatsachen wieder, stellt er Thesen auf, oder formuliert er Fragen? Enthält der Text Wertungen? Welche Argumente bringt der Verfasser zur Erhärtung seiner Aussagen? Aus welchen Bereichen stammen seine Beispiele? Wo werden Zitate eingebaut? Geht der Autor deduktiv oder induktiv vor? Ist der Text dialektisch entworfen?
 

C. Fragen zur Form (Sprache und Stil)

7. Semantischer Bereich:
Welchen Wortschatz wählt der Verfasser? - Achten Sie vor allem auf die Verwendung von Fach- und Fremdwörtern, auf das Vorherrschen bestimmter Wortarten und auf die Wahl der Personal- pronomina!

8. Syntaktischer Bereich:

Welcher Satzbau wird bevorzugt? - Achten Sie besonders auf die Häufigkeit von Aussage-, Frage- und Ausrufesätzen und das Vorkommen hypotaktischer und parataktischer Konstruktionen!

9. Rhetorisch-poetischer Bereich:
Welche rhetorischen oder poetischen Mittel verwendet der Autor? - Achten Sie auf rhetorische Figuren bzw. Tropen sowie Vergleiche, Metaphern, Bilder usw.

10. Zusammenfassung:
Wie läßt sich der Stil insgesamt beschreiben? Welche Funktion erfüllen die genannten sprachlichen und stilistischen Mittel im Textganzen? - Achten Sie auf die Sprachschicht, die Verständlichkeit, die Gesamtcharakteristik (Idiolekt).
 

D. Fragen zur Rezeption

11. Wahl des Mediums:
Stammt der Text aus einem Buch, einer Zeitschrift, einer Zeitung (Abonnements- oder Boulevard- blatt)? Wurde er ursprünglich optisch oder / und akustisch vermittelt? Handelt es sich um ein Medium der individuellen oder der Massenkommunikation?

12. Wirkung des Textes:
Wendet sich der Autor an den Verstand oder an das Empfinden, an die Einsicht oder das Gewissen? Will er auf die Triebsphäre wirken und unbewußte Wünsche oder Vorstellungen wecken? Soll der Leser / Hörer zum Handeln veranlaßt werden? Stimmt die Wirkung mit der Absicht des Autors überein?

13. Bestimmung des Adressatenkreises:
An weiches Publikum wendet sich der Autor aufgrund von Inhalt, Form und Sprache? Spricht er mehr ein Individuum, eine Gruppe oder ein großes Publikum an? Ist die angesprochene Zielgruppe identisch mit der tatsächlich erreichten?
 

E. Übergeordnete Fragen

14. Einordnung des Textes:
Welchen Stellenwert hat der Text im Publikationszusammenhang, im Werk des Verfassers, in bezug auf eine bestimmte Problematik oder Textsorte? Läßt er sich einer geistigen Strömung oder Epoche zuordnen? Kennen Sie ähnliche oder entgegengesetzte Texte, Standpunkte, Wirkun- gen?

15. Stellungnahme zum Text:
Erfüllt der Text seinen Zweck? Entspricht er den Erwartungen der angesprochenen Leser / Hörer? Wie ist er zu beurteilen nach logischen, ethischen und ästhetischen Gesichtspunkten? Wie lassen sich kontroverse Einstellungen begründen? Kann man das Problem durch ein Für oder Wider entscheiden? Ist eine weitere Differenzierung (Berücksichtigung bestimmter Voraussetzun- gen) notwendig? Wie lautet Ihr persönliches Urteil?

(Hinweis: Nicht alle Fragen lassen sich an jeden Text stellen!)
 
 

Texttypen

In äußerster Verallgemeinerung kann man sagen, daß in einem Kommunikationsvorgang »einer« "dem anderen" etwas über "die Dinge" (Karl Bühler) mitteilt. Er verwendet dazu die "Sprache", indem er einen "Text" formuliert. In Anlehnung an den deutschen Sprachpsychologen und Sprachphilosophen Karl Bühler hat Horst Belke in seinem Buch "Literarische Gebrauchsformen" dazu folgendes Modell skizziert, durch welches das Beziehungsgefüge deutlich gemacht wird.


 

 
 
Nichtfiktionale und fiktionale Texte

Nachrichten und Werbetexte zählen zu den Gebrauchstexten (nichtfiktionalen Texten). Bei ihnen geht es um Sprachhandlungen, in denen wirkliche oder zu verwirklichende Sachverhalte angesprochen werden; die Teilnehmer dieser Handlungen stehen in einem konkreten Handlungszusammenhang; sie agieren und reagieren als Personen mit Erfahrung und Handlungskompetenz.

Fiktionale Texte sind anderer Art. Das lateinische Verb "fingere" - mit den Stammformen "fingo, finxi, fictum" - bedeutet "formen, bilden, gestalten". Es wird vorzüglich verwendet, um die Arbeit des Bildhauers zu charakterisieren. Mit den weiteren Bedeutungen "erdichten, ersinnen; erlügen, erheucheln" gerät das Wort in den Sinnbezirk der Literatur. Wie der Bildhauer formt und gestaltet auch der Autor etwas. Allerdings ist dies - im Gegensatz zu den Gebrauchstexten - "ersonnen", "erdichtet" und, wie manche urteilen, "erlogen".

Die Unterscheidung, die nach der Begriffserklärung so einsichtig erscheint, erweist sich oft als problematisch, wenn man sie auf konkrete Texte anwendet. Völlig verfehlt wäre es, nur fiktionale Texte als Literatur im eigentlichen Sinne anzusehen. Es geht aber auch nicht an, jedem überlieferten Schriftstück das Prädikat literarisch zu geben. So eindeutig und endgültig sind nämlich auch die Klassifikationen fiktional und nichtfiktional nicht. Alte Stadtbeschreibungen, die ursprünglich informativen Wert hatten, wirken auf uns wie Romane aus einer untergegangenen Welt. Umgekehrt zeigen uns Romane aus dem vergangenen Jahrhundert, wie die Menschen damals dachten und lebten. Man kann daraus schließen, daß nicht nur der Autor darüber entscheidet, ob sein Text fiktionalen oder nichtfiktionalen Charakter erhält; der Leser bestimmt mit, ob er ihn als Fiktion oder Nichtfiktion verstehen will.

(Rüdiger Wagner, Theodor Pelster: Colleg Deutsch 1. Arbeitstechniken - Sprachgebrauch - Literatur.
München: bsv 1992. S. 15 - 18 und 20f.)


 
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